Es war spät am Abend, als K. über den breiten, tiefen Schnee den Weg hinaufkam, der zu dem Ort führt, auf dessen Karte in großen Buchstaben ›Das Schloß‹ stand. Auf dem Hofe, der ihn den ganzen Weg begleitet hatte, waren nur die dunklen Ställe zu sehen und weiter die weite Fläche, die vom Schein eines kleinen Lichts auf der Höhe nur schwach beleuchtet wurde. K. hielt kurz im Tore, das durch den Wind klapperte, um das Gepäck, das ihm geholfen worden war zu tragen, zu ordnen; er war allein gekommen, ohne vorher irgend etwas gesagt zu haben.
Im Wirtshause, zu dem er sich wandte, war viel Licht und Lärm, denn man saß beim Abendessen. Er trat in das Zimmer, in dem die Tische am vollsten waren, und alle Blicke richteten sich auf ihn; es war leicht zu sehen, dass er ein Fremder war. Ein Knecht, der gerade aufstand, riet ihm, die Nacht in der Wache zu verbringen; aber K. wollte nicht, er wollte ein Zimmer haben und, so bald es möglich wäre, mit dem Schlosse sprechen.
Der Wirt zeigte, dass er von seiner Art her geneigt sei, K. aufzunehmen; die Frau, die im Hintergrunde stand, sprach wenig, aber treffend und deutlich. Sie sagte, man müsse dem Schlosse das Ereignis melden, wenn jemand komme, der dort arbeiten wolle. K. erkannte, daß dies notwendig sei und fragte, wie man melden müsse; er erhielt zur Antwort, man solle zum Schlosse gehen und dort sagen, daß K. darum ersuche, das Schloß zu sehen. Als er genauer nachfragte, bemerkte man, daß er ein besonderer Mensch sei, und daraufhin wurde ihm das Zimmer gezeigt.
Das Zimmer war groß, aber ungemütlich, und als er sein Gepäck auspackte, wurde ihm klar, daß die Nacht lang werden würde. Er setzte sich an das Fenster, das über den Hof blickte, und dachte an das, weshalb er gekommen war: an die Arbeit, die ihm das Schloß zugedacht hatte. Er hatte genötigt und gebeten, ehe er kam, ohne zu wissen, ob die Bitte gehört werden würde; jetzt, wo er im Ort war, erschien ihm das ganze Verfahren noch unklarer und verwickelter.
Am anderen Morgen, ehe er frühstückte, ging er in den Gastraum, um den Pachter zu sehen, der vielleicht etwas über die Art der Aufnahme wisse. Der Pachter las jedoch in einem Buche und blickte kaum auf; er war ein großer, korpulenter Mann, dessen Gesicht eine eigentümliche Ruhe und zugleich eine Festigkeit des Urteils verriet. Er sagte, man müsse zuerst eine Genehmigung vom Schlosse haben, dann könne man weitersehen. K. fragte, wie man die Genehmigung erlange; der Pachter zuckte mit den Achseln und sagte, das wisse man nicht, das sei Sache des Schlosses.
In diesen ersten Tagen begegnete K. verschiedenen Leuten des Ortes: Beamten, Knechten, Händlern. Alle sprachen in einem Ton, der gleichgültig und doch voll von Andeutungen war; sie schienen alle in dem Bewußtsein zu leben, daß das Schloß über allem stehe und daß jede Angelegenheit, wie unbedeutend sie sein möge, dort ihren Ursprung habe. Manche sagten offen, man könne ja versuchen, beim Schlosse vorzusprechen, aber sie baten dabei, man möchte nicht zu viel erwarten.
K. machte mehrere vergebliche Versuche, einen Mann vom Schlosse zu sehen; er erhielt Bescheide, er wurde auf morgen vertröstet, er traf Beamte, die ihm schriftliche Vermerke gaben, die ihm aber kaum halfen. Es war, als ob das Schloß eine eigne, undurchdringliche Schicht von Bürokratie um sich gelegt hätte, die jede Annäherung erschwerte. K. blieb geduldig und sarkastisch zugleich; er dachte, es müsse doch eine Möglichkeit geben, sich zu verständigen.
Schließlich warf man ihm vor, er würde sich in den Angelegenheiten des Ortes aufdrängen; er selbst fühlte sich aber nur als ein Mann, der eine ihm gestellte Arbeit ausführen wolle. In einem Gespräch mit einem Beamten hörte er, daß man in dem Orte alles Mögliche zwar wolle, aber nicht alles sei möglich, und dies in einem Ton, der zeigte, daß man das Unvermögen als eine natürliche Tatsache hinnahm. K. merkte, daß er gegen eine tief verwurzelte Haltung ankämpfte.
Die Menschen im Ort waren jedoch nicht einheitlich; es gab solche, die ihm freundlich begegneten, ihm Ratschläge und kleinen Beistand gaben, und solche, die ihm offen feindlich gesinnt waren. Ein Mädchen, das als Frauengestalt im Hause arbeitete, zeigte besondere Aufmerksamkeit; sie sprach mit K. und half ihm, die Schwierigkeiten, die sich ihm stellten, zu ordnen. Zugleich aber blieb sie unsicher, und ihr Blick war oft von einer scheuen Neugier erfüllt.
So ging die Zeit hin, Tage mit Gesprächen und Verzögerungen, und K. begann nach und nach zu begreifen, daß die wirkliche Macht des Schlosses sich nicht bloß in dem Besitz eines großen Gebäudes zeigte, sondern in dem, was es in den Köpfen der Menschen tat: es erzeugte eine Art von Achtung und Furcht, die alles Leben im Orte bestimmte. K. fühlte sich hin- und hergerissen zwischen dem Drang, die Aufgabe zu erfüllen, und dem Bewußtsein, daß es viel Gewöhnliches und Banales gab, das erst überwunden werden müsse, ehe man zum Schlosse selbst vordringen könne.