Selbstbildnis

Gottfried Benn

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Ich habe keine Heimat mehr; ich habe nur noch ein Gesicht.

Dieses Gesicht hat Falten und ein schwarzes Haar; es sieht oft in den Spiegel und ist stolz, oft ängstlich.

Wenn ich in der Straße gehe, erkennen mich die Menschen nicht; sie glauben, ich sei ein Fremder, und ich gestehe, daß ich es bin.

Früher träumte ich von großen Dingen; jetzt sammle ich verlorene Briefe und lese alte Zeitungen.

Manchmal, wenn der Abend kommt, lege ich meine Hände in die Taschen und denke an die Kindheit.

Die Kindheit ist ein Haus, dessen Fenster offenstanden; Licht fiel hinein, und wir wussten nicht, daß es Licht war.

Heute weiß ich, daß alles vergeht; auch die Trauer vergeht, und die Freude vergeht, und ich lerne, sie beide zu halten wie zwei Vögel in der Hand.

So habe ich mich selbst gefunden: nicht als ein Bild im Rahmen, sondern als ein Atem zwischen zwei Atemzügen.