VORHANG. Der Marktplatz vor einem Feldlager. In der Mitte ein eiserner Karren, auf dem allerlei Kriegsgerät und Handelsware liegt: Fahnen, Uniformen, Hüte, Peitschen, Stricke, Hosen, Decken, Messer, Besteck, Kessel, Zellengefäß, Leichentuch. Am Rande Feldbette, auf denen Soldaten schlafen. Auf dem Karren sitzt MUTTER COURAGE, eine stattliche Frau mit rauher Stimme, rauhem Humor und verschmitztem Blick, in einen Mantel gehüllt. Sie schlägt eine nach der andern ihrer Warenangeboten auf und ruft:
MUTTER COURAGE (rufend): Herzen, Leute, Herzen! Kauft Herzen! Rote, weiße, zerrissene Herzen! So frisch! Frischer geht's nimmer! Wer hat nicht gern ein Herz? Liebesherzen für Soldaten! Für Offiziere prächtig! Für Feldprediger nur weiß! Hab' auch Herzen für Frauen, die Männer daheim lassen. Hab' Herzen mit und ohne Nähen. Futter für den Leib, Futter für die Seele! Kommt herbei! Kommt und seht!
EIN JUNGER SOLDAT tritt heran, steckt die Hand in die Tasche, blickt auf die Ware und spricht:
DER SOLDAT: Was kostet das Beste am Wagen?
MUTTER COURAGE: Komm, setz' dich her und trink 'nen Schluck Schnaps. Das Beste ist gar nicht zu verkaufen. Das ist Muttersinn. Den muss man sich verdienen.
DER SOLDAT (lacht): Muttersinn? Ich habe mehr Muttersinn gebrauchen müssen, als mir lieb ist. Hab' meine Mutter gesehn, wie sie ein Loch in 'nen Sack stopfte und das Loch war 'n Loch in 'm Herzen.
MUTTER COURAGE (mit rauhem Lachen): Ei, Soldatenherz! Das zählt höchstens für'n Taler. Du willst was Anständiges? Schau hier: Messer, das einem nicht in den Rücken sticht; Zelt, das nicht im Sturm fliegt; Decken, die nicht nach drei Nächten kraus werden. Kauf was Anständiges und halt dich am Leben, Mensch!
EIN KAPLAN naht im Gebetsschritt, trägt Bibel und Kruzifix; hinter ihm Offiziere, eine Marketenderin und ein Trommler. Die Offiziere sprechen leise, doch sichtbar über die Lage des Krieges; der Kaplan flüstert Gebete. Mutter Courage ruft ihnen zu:
MUTTER COURAGE: Für Euch hab' ich auch was, Herr Kaplan. Heilige Löffel, damit Ihr das Brot des Herrn mit Andacht brechen könnt. Gekreuzigte Taschentücher, fein gestickt. Für Offiziere: Ordenflusen, die nicht an der Uniform hängen bleiben. Kommt, vergesst den Krieg nicht, vergesst nicht zu kaufen.
DER KAPLAN (steht still, schaut streng): Frau, verkaufst du auch Tugend?
MUTTER COURAGE (schulterzuckend): Ach Herr Kaplan, Tugend ist so ein leichtes Zeug — geht immer zu Bruch. Aber ich hab' Moral, wenn sie bezahlt ist.
EINE KURZE STILLE. Plötzlich näherte Geschrei; Boten kommen und flüstern durcheinander, es wird bekanntgegeben, daß das Feldlager abmarschbereit sei. Die Soldaten springen auf, Mann an Mann sammeln sie ihre Habe; Offiziere pfeifen scharf. Mutter Courage bindet hastig einen Lederriemen um den Wagen, schwingt ihn auf den Boden und versucht, die Waren festzuzurren.
MUTTER COURAGE (während sie arbeitet): Wo's hingeht? Ach, immer vorwärts, immer weiter. Krieg ist gut fürs Geschäft, er macht die Leute käuflich. Habt ihr je gesehen, daß einer am Krieg verdient und nicht am Ende selber bezahlt? Na, heut nicht, heut zähl' ich erst die Groschen.
DER DROHN (ein Trommler) schlägt Parole; die Truppen setzen sich in Bewegung. Mutter Courage steigt auf ihren Karren, hält die Zügel in der Faust und ruft:
MUTTER COURAGE: Auf! Auf! Haltet eure Zeit! Wer zu spät kauft, der zahlt doppelt! Und was ihr liebt, vergesst nicht — ich hab''s auch! Hütet eure Herzen, Herrschaften!