Am Abend tönen die Glocken von allen Türmen, und die blauen Berge durchdießen drobend den Himmel. In blutigen Schwärmen singen die Lerchen, und das Land ist voll Verwesung; die Winde hüllen das Tal in weiße Nebel, und aus dem Hain tönt es wie das Klagen ferner Wasser. Die Reiter sinken nieder; blutige Hände rühren die Mähnen der Pferde, und aus zerrissenen Mänteln quillt der Geruch nach Erde und nach altem Ruß. Es läuten die Glocken von den Türmen, und die Dörfer schlafen wie von Staub bedeckt.
Unter den schwarzen Kiefern liegt die Schlacht; verglühte Fahnen wanken, und der Himmel ist schwer von Rauch. Es fallen die Männer wie Ähren im Winter, und keine Stimme ruft mehr: Brüder, tretet näher! Nur das Klingen der Rüstungen klingt nach, und der Regen wäscht die rostigen Schwerter. Die Frauen suchen am Wege nach dem Haupt ihrer Geliebten; ihr Haar ist zerzaust, und sie tragen weiße Tücher vor die Augen. Die Hunde heulen an den verwüsteten Toren, und in den Häusern brennen noch Öllampen, die niemand mehr löschen kann.
Über die Ebenen gleitet der Nebel, und die Sterne sind verschwommen wie alte Narben. Ein Kind sitzt auf dem Hügel und zählt die toten Reiter; seine Hände sind rot, und es lacht ohne Laut. Es sinkt nieder am Grabe eines Pferdes und schläft ein, und die Kälte umarmt es wie eine Mutter.
In den Schluchten weht der Atem der Gefallenen; es duftet nach Heu und nach verbranntem Brot. Die Nacht ist mit Blut geschrieben, und Vögel, die nicht mehr singen, legen sich auf die Brust der Erde. Die Glocken läuten noch einmal, als wollten sie die Namen aller rufen, doch nur der Wind antwortet.
Verfall Vom Staub her steigt die Stadt, eine leise Stimme wankt durch die engen Gassen; die Fenster sind wie Augen, aus denen Tränen tropfen. Die Fassaden sind bleich, und die Dächer sinken wie alte Schiffe; Ranken überwuchern die Schwellen, und Verlorenes liegt auf den Treppen.
Die Plätze sind leer, nur ein paar verlorene Kinder spielen zwischen Ruinen; ihre Stimmen klingen hohl wie vergessene Glocken. In den Häusern sitzen alte Leute und nähen Träume zusammen, die zerrissen vom Wind vorüberwehen. Aus den Brunnen steigen Schatten und trinken das stille Wasser der Erinnerung.
Auf dem Marktplatz liegt ein Spiegel, trübe von Staub; darin sieht die Stadt ihr eigenes Gesicht, das blass und rissig ist. Eine Katze schleicht über das Pflaster, ihre Pfoten zeichnen dunkle Linien wie Wörter, die man nicht mehr liest. Die Uhren sind stehengeblieben; die Zeit zerfällt wie Brot in den Händen der Hungrigen.
Ein Mann geht durch die Gassen mit einem Bündel von Briefen; seine Augen sind fremd, und er sucht eine Haustür, die seinen Namen trägt. Doch alle Türen sind geschlossen, und nur der Wind lässt sie sachte klappern. Er setzt sich nieder auf die Stufen und legt die Briefe auf seinen Schoß; sie sind leer wie seine Gedanken.
In den Höfen wachsen Blumen, doch sie sind bleich und duften wie alte Trauer. Kinder halten Spiegel an die Brust und sehen nicht hinein; ihre Finger zittern, und sie malen Kreise in den Staub. Die Stadt atmet aus, ein letztes Mal, und die Dächer brechen zusammen wie geschlossene Hände.