Zwei Dinge sind zu dir gekommen, um bei dir zu wohnen; der eine kam sangbar über die Grenzen, der andre kam stumm und war ein Traum. Du aber, Sohn des Höllenfürsten, hast beides angenommen und führst sie umher wie zwei Damen, die dir folgen. Der eine macht dich leicht in den Händen, verspielt, und seine Stimme gleicht dem Quellensingen; der andre zieht dich steiler hinab und lehret dich die Gesten der Nacht. So nimm denn beide: denn wo du jetzt stehst, ist das Gesicht der Welt, und du allein kannst ihm das erste Wort versprechen.
Wie sie da stehen, die verlebten Gestalten, in denen jetzt deine Lieder wohnen, so standen sie auch einst, und nur, weil sie in dir sind, sind sie dir neu. Du weißt, wie die Dinge sind, und weißt es, ohne sie zu kennen; du gehst durch sie wie durch ein vieles Zimmer, das sich still erneuert, wenn ein anderer den Schlüssel dreht. Die Stadt, der Wald, der Stern, sie haben nicht ein einziges Alter; du läufst in ihren Atem, und er ist immer der gleiche: das Leben atmet dich.
Rede nicht, geh nicht, warte nicht — denn deine Stimme ist ein Reif, der oft das Beste deckt; rede weniger, aber wäge das Bild: wie es dich nahm, wie es dich wandte, bis du es ganz gefangen hast. Und wisse: was du nennst, heißt nicht sofort; die Dinge brauchen Zeit. Wirf deine Hand nicht schon in die Schale, wenn du noch nichts gekostet hast; laß, was sich regt, im Innern ruhn und wachse, ruhe, wachse wieder.
Du aber, der du vor der Musik stehst, die du gebarst, nimm ihren Anfang als dein Haus. Denn niemand ist von heute die Stimme, die vor Jahren in der Erde lag; und doch erschallt sie, wenn du sie suchst, wie ein Weg, den man neu betritt. Laß jede Phrase reifen, wie man Früchte reifen läßt: sie wird fallen zu der Zeit, wo sie zu Fall bereit ist. Und vergiss nicht, daß du nur ein Spiegel bist, kein Herr; du gibst zurück, was du empfängst: darum schreibe dich nicht selbst in deine Lieder.
Über Nacht ist alles anders geworden: der Himmel hat eine neue Grenze, und die Bäume haben sich umgekleidet. Es ist, als ob die Häuser fortgingen, um uns allein zu lassen, und wir stehen da, du und ich, und schauen uns an, als wollten wir prüfen, ob wir wieder erkennen, was wir einst gewesen sind. Die alte Nähe hat sich entfernt, und etwas Fremdes trat hervor, das uns zuwinkt. So sei bereit, Fremdes zu grüßen: denn alles, was jetzt kommt, ist neu.
Sieh, wie die Kinder laufen, und schau auf ihre Hände: sie tragen Samen, und sie wissen nicht, was sie säen. Du aber kennst die Saat und kennst den Boden; hilf ihnen, daß ihre Kleine nicht verloren geht; setz dein Lied an den Rand der Saat, daß es fällt wie Regen. Und wenn die Nächte kommen mit ihrer langen Schwere, so stell dein Licht hinein, damit die Kinder nicht in ihren Träumen fremd werden.
Nicht Weinen, das versiegelt wird, noch bittere Klage soll dich lehren; sondern fühl' die Ruhe, die aus dem Sinken wächst. Denk' an die Dinge, die du liebst, und laß sie gehen: sie werden kommen, wenn sie reif sind. Die Gestirne selbst lösen sich und finden einander wieder; sei du ihr Zeuge und vergeß nicht, was das Ende sprengt.
Sprich mir von den Gärten, die du kennst, von den Blumen, die du pflanztest, und von den Steinen, die du trugst; erzähl' mir, wie die Zeit dich lehrte, zu tragen. Denn alles, was du sagst, ist ein Schritt auf dem Pfad, und jeder Schritt macht uns bewusst, daß wir gehen. So rede klar, aber kurz; laß die Worte singen, und sie werden dir folgen wie treue Hunde.
Du, der du das Tier im Menschen weckst und milderst mit Gesang, achte auf die Stille, die du hinterläßt. Denn in ihr sitzt das Bild, das nicht vergeht: eine Frau, die den Mantel faltet, ein Mann, der die Tür verschließt. Die Einfachheit ist ein heller Gott; ihm näherst du dich nicht mit Prunk, sondern mit Händen, die arbeiten.
Wenn du den Tod besingst, so nenne ihn nicht tot; gib ihm einen Namen, den er noch nicht hat, und er wird sich verwandeln. Denn der Tod ist nur ein Tor, durch das vieles geht und vieles wiederkehrt; diejenigen, die durchschritten, sind nicht verschwunden, sie leben als Stimme weiter. Du aber mußt singen, bis du sie wieder riechst, die vertraute Luft, die aus der Stille steigt.
Und wenn das Tier der Zeit an deiner Tür kratzt, so öffne ihm kaum einen Spalt; laß es riechen an deinem Haar und an deiner Stimme, dann geht es weiter. Verlier dich nicht in Hast und Ungeduld; die Welt belohnt Langsame. Wer eilt, vergißt, was er suchte, und bleibt alleine mit der Ferne.
Glaube an die Dinge, die du nicht siehst, und handle, als ob sie schon da wären. Denn der Glaube ist eine Hand, die das Unsichtbare nimmt und formt; ohne ihn bliebe alles nur ein Traum. Du aber, der du formst, sei fest und weich zugleich: die Treue muß dich halten, und die Liebe muß dich dehnen.
Atme tief die Morgenluft und glaube, daß in jedem Atemzug ein Bild wohnt, das nur du retten kannst. Die Welt ist voll von Gängen, die nach dir riechen; folge ihnen, aber nicht mit Eile, sondern mit dem ruhigen Tritt eines, der ein Haus betreten will. So wirst du finden, was du nicht kanntest, und lieben, was du einst verloren.
Nun, da die Lieder leiser werden und die Schritte seltener, erinnere dich: jedes Ende ist ein Anfang, und was du in die Welt legtest, wächst in ihr weiter. Du hast Orpheus gesungen, und Orpheus hat dich genommen; geh nun, und sei, was du gesungen hast, damit andere wieder singen können.