Eine gewisse Abart von mühsamer Nüchternheit versetzt sich bei Personen, die veranlagt sind, zu einem scharfen, fast selbstquälerischen Bewußtsein, in die Vorstellung, daß das Leben einen gewissen Grad von Zufälligkeit, von Unordnung, von chaotischer Zerrissenheit und damit auch einen gelegentlichen Grad von Unansehnlichkeit nie ganz ausschließen könne, — während dagegen der Mann des durchgängig und streng Disziplinierten, des streng Gebildeten und von einer gewissen sittlichen Askese, sich einbildet, daß das Leben an sich, bei einer ihrer Würdigung angemessenen Haltung, eine beständige, wenn auch mancherlei Abstufungen zeigende Eleganz haben müsse. Dem letzteren Typus von Menschen kommt ein besonderes Gefühl zu, das sich mit Recht als Würde bezeichnen läßt; sie verlangen, so oft sie können, den äußeren Grundton ihres Tuns in einer Art ernstlich, ebenhältig-harmonischer Haltung zu bewahren, und sie setzen ein paar Disziplinen und eine strenge Sitte voraus, die ihr Leben bis in seine geringsten Züge einheitlich erscheinen lassen.
Wie es die Angewohnheit des Mannes ist, der sich ernstlich zu bilden und sein Leben in Ordnung zu halten wünscht, nahm auch Gustav von Aschenbach, der Held der vorliegenden Beobachtung, einen Weg in der Stadt, der seine Gewohnheit war. Er war ein Mann von sechzig Jahren ungefähr, ohne bemerkliche körperliche Gebrechen, aber von eherern, gestählten Zügen; sein Gesicht war ein wenig blässe, die Stirn hoch gewölbt, die Augen haderten mit einer gewissen Strenge, allerdings nicht mit Schärfe. Sein Aussehen kündigte, wie es oft bei solchen Leuten der Fall ist, eine Art moralischer Eintönigkeit an, eine Entschlossenheit zur Selbstbeherrschung und zur Reinlichkeit der Gewohnheit.
Er hatte, was man schwerlich als Leidenschaft bezeichnen konnte, eine tiefe und ereignislose Neigung zur Disziplin. Dieser Hang äußerte sich nicht nur im Äußeren — in korrekt gepflegter Kleidung und einem regelmäßigen Tagesablauf — sondern auch in seiner geistigen Haltung; er las bedacht, dachte klar und sparsam, und alles in ihm suchte, so gut es ging, die Mitte zu halten. Seine Aufmerksamkeit war eine wohl geordnete Aufmerksamkeit, die das Leben in Kategorien gliederte, die ihm etwas wie Ruhe gewährten.
Nun traf es sich aber einmal, daß dieser Mann, in den letzten Jahren seines Schaffens ruhiger und strenger geworden, von einer ungewöhnlichen, wenn auch sehr unscheinbaren Veranlagung befallen wurde: einer Art Unruhe, die seinen ganzen Willen zu zerteilen drohte. Die bisherigen Jahre hatten eine konsequente Regelmäßigkeit gebracht; er hielt seine Gewohnheiten, die Arbeit, die Spaziergänge, die Mahlzeiten, ja die Stunden des Denkens, in strenger Abfolge. Plötzlich aber bemerkt er, daß eine kleine Neigung zu Lockerung und vielleicht sogar zur Schwäche anfing, sich in ihm zu regen.
Es begann mit einer Reiseidee, und zwar mit einer Reise, die ohne die geringste äußere Veranlassung entstand. Kein körperliches Leiden, kein künstlerischer Zwang, kein familiärer Anlaß trieb ihn, sondern bloß eine innere Stimme, die etwas Unbestimmtes, ein Bedürfnis nach Veränderung und nach Entfernung, verlangte. Es war, als ob die Seele ihm zurief: "Geh!" — und Gustav, der gewöhnlich den inneren Stimmen nicht so leicht gehorchte, fühlte doch eine eigentümliche Lust, diesem Befehl nachzugeben.
Er bereitet also, ohne äußere Nötigung, seine Sachen, nicht mit Hast, sondern mit jener bedächtigen, überlegten Langsamkeit, die ihm eigen war. Kein Gepäck war überflüssig; nichts Unnützes ward mitgenommen; jede Falte, jedes Kleidungsstück entsprach einem Zweck. So verläßt er die Stadt, nicht hin und nicht fort, sondern wie ein Mann, der sich in die Absicht setzt, eine Prüfung zu bestehen und vielleicht sich selbst zu begegnen. Die Reise selbst blieb anfangs ohne dramatische Erscheinung: sie war ein Fortgang in einer ruhigen Folge von Tagen, deren jede in sich abgeschlossen blieb.
Er gelangte nach Venedig in einer Zeit, die noch die letzten Nachwirkungen des Sommers in sich trug. Die Stadt erschien ihm wie eine gewagte, aber immer noch keusche Kulisse; sie roch nach altem Stein, nach Salzwasser und nach einem leisern, als gewöhnlich, Verfall. Die Gassen zeigten den alten Glanz nicht mehr so sehr wie früher; aber gerade die leisern Töne dieser Stadt, ihr mildes Verblassen, hörte er mit zärtlicher Aufmerksamkeit. Er wohnte in einem vornehmen Gasthof, dessen Saal und Zimmer die sorgfältige Pracht einer wohlgeordneten Welt ausstrahlten.
Sein Aufenthalt, so nahm man an, sollte, wenn es recht überlegt war, eine ruhige Episode seines Alters sein: ein Aufenthalt zur Erholung, zu einem Sammeln der Kräfte, zur Wiederherstellung eines gewissen inneren Gleichgewichts. Doch die Stadt, die mit ihren Lichtern, mit ihrem Wasser und mit einer fast unmerklichen Erotik der Verlassenheit zu spielen versteht, fing an, in ihn einzugehen. Es war kein Sturm, keine Leidenschaft, sondern etwas feineres: eine Aufmerksamkeit, die sich in eine Verehrung verwandelte, gleich einer Ahnung von etwas Vollkommenerem in der Erscheinung eines Menschen, den er entdeckte.
Es war auf einem jener Spaziergänge, bei denen die Menschen nicht mehr als Schatten auf dem Stein sind, daß Gustav von Aschenbach den Knaben sah, der, wie ein Bild, auf der Terrasse eines Cafés saß. Man konnte nicht sagen, daß der Knabe auffiel durch äußere Roheit oder durch ein stolzes Gehabe; nein, es war vielmehr eine stille körperliche Schönheit, eine reine Linienführung des Körpers und des Gesichts, die den Alten, der gewohnt war, Schönheiten in der Kunst zu erkennen, mit einer Art ängstlicher Bewunderung erfüllte. Diese Erscheinung, die nur ein Augenblick zu dauern schien, hinterließ in ihm eine Regung, die das harmonische Gleichmaß seiner bisherigen Tage zu stören anfing.