Der Tod in Venedig. Erzählung. Erster Teil. (Kapitel 1)

Thomas Mann

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Es war, soweit man sagen kann, zu Beginn des Sommers, da der alte Aschenbach — er hieß Aschenbach; er war ohne Titel, ohne Akademie, ohne Auszeichnung — in einem Zustand erschienener, etwas verwüsteter, häufig beschwerter und mitunter durch die Arbeit überwältigter Ruhe nach München zurückkehrte; er war von einer Kur in Karlsbad zurückgekommen, die er für notwendig gehalten, und man sah ihm auf den ersten Blick an, daß die Erholung ihm gutgetan hatte. Er war ein Mann von fünfundfünfzig Jahren, von strenger, fast asketischer Haltung, in der äußern Erscheinung streng wie in dem Leben. Sein Haar war sehr kurz, und seit langer Zeit mit einem Hauch von Silber durchsetzt; seine Stirn war glatt und kühn, die Augen es gingen mit einer scharfen, doch nüchternen Feinheit umher. Er war in München geboren, hatte an den Universitäten gelehrt und vielfach geschrieben; er war nicht reich, aber gut situiert; die Ordnung seines Lebens war streng, und er wußte, daß seine Arbeit, wenn nötig, mit fast rigoroser Selbstzucht ertragen werde.

In den ersten Tagen nach seiner Rückkehr lebte er, wie gewöhnlich, in einer sehr genauen und geregelten Weise. Er ging zu derselben Stunde aus und ein, er aß die Mahlzeiten zu gleicher Zeit, er empfing selten, und nur Berufliches, er schrieb in dem kleinen Arbeitszimmer, das man ihm im dritten Stock eines Hauses in der Vorstadt zur Verfügung gestellt hatte, wo die Luft etwas klarer war als im Innern der Stadt. Man hätte nicht gedacht, daß das Leben an ihm Lärm und Leidenschaft hätte aufnehmen können; die Welt, in der er sich bewegte, war eine Welt der Arbeit, der Muse und der gepflegten, aber beschränkten Zerstreuungen.

Eines Tages, es war ein heißer, drückender Abend, als München noch die letzte Glut des Tages empfing, geschah es, daß Aschenbach ein Gefühl verspürte, wie er es lange nicht gekannt hatte: eine unerklärliche Unruhe zog ihn aus dem Hause in die Straße. Er nahm seinen Spazierstock, den er immer bei sich trug, und ging hinaus. Die Straßen waren voll Menschen, aber es war nicht das Gewühl des Marktes oder das Treiben des Geschäfts, sondern ein langsamer, schwüler Strom, der aus allen Kleidern und Gesichtern die Wärme des Tages noch nicht vertrieben hatte. Aschenbach lief, ohne es zu wollen, in dasjenige Viertel der Stadt, das am nähesten an den großen Park grenzte, der rings um den königlichen Hof lag.

Er setzte sich auf eine Bank unter Lindenbäumen und beobachtete mit einer Art teilnehmender Ruhe die Personen, die vorübergingen. Da sah er auf einmal einen jungen Mann, vielleicht in den ersten Jahren der Reife, von so auffallender Anmut und Schönheit, daß Aschenbach, der solche Erscheinungen nicht mit leichter Erregung sah, einen Augenblick erschrak. Der Fremde war schlank, von edler Haltung, die Kleidung schlicht und doch von feinem Geschmack; das Antlitz war jugendlich, die Züge fein geschnitten, die Nase wohlgebildet, und ein leichter, unentschiedener Ausdruck um den Mund stellte ihn von den übrigen Passanten wie durch ein unsichtbares Zeichen ab.

Aschenbach folgte ihm mit den Blicken. Der Mann setzte sich, nicht weit von ihm, an den Rand eines Brunnens und las in einem Buch. Das Gesicht des Lesenden verlor dabei nicht die eigentümliche Spannung, die seine Züge festhielt; es schien, als ob die Gegenwart in ihm nicht vollständigen Anteil fände. Aschenbach, der sein Leben hindurch oft das Verhalten anderer studiert hatte, fühlte mit einer Art stoischer Neugier, daß hier ein Typus erschien, der ihn fesselte: ein Jüngling, in dem sich eine Art von Schönheit und kühler Distanz verband.

Die Stunde, die Aschenbach dort verfloss, war eine jener Stunden, in denen das Bewußtsein von sich selbst so klar wird, daß es fast schmerzhaft ist. Er getraute sich kaum, sein Gefühl zu deuten; er schämte sich einer Regung, die ihm ungewöhnlich und vielleicht ungebührlich erschien. Und doch, als der junge Mann endlich aufstand und langsam die Promenade fortsetzte, erhob Aschenbach sich ohne es zu wollen und folgte ihm mit einem langsamen Schritt. Es war eine Verlegenheit bei beiden, die sie nicht teilten; der Fremde blieb seinem eigenen Wege getreu, der Alte nahm die Rolle des Beobachters wieder an.

So begann eine merkwürdige Folge von Zufällen, die das Leben Aschenbachs in den nächsten Tagen und Wochen gewaltig verändern sollte. Es war, als hätte die Erscheinung dieses jungen Mannes ein zartes, aber unauslöschliches Band zwischen ihm und dem Schicksal gezogen. Aschenbach kehrte jener Tage öfter in den Park zurück, und fand des öfteren den gleichen Spaziergänger; jedesmal, wenn er ihn erblickte, wurde das Gefühl, das er nie zuvor gekannt, lebendiger und quälender. Es war nicht bloß eine sinnliche Erregung; es war eine Neigung des Geistes, die sich mit dem Reiz der äußern Schönheit verband und ihn in eine Sphäre seltsamer, kaum erkannter Sehnsucht versetzte.