Buddenbrooks. Verfall einer Familie

Thomas Mann

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An der Mündung des Flusses, der die Stadt durchläuft, wo er in die unendlichen, von der Tide hin- und hergeworfenen Wasser der Nordsee fällt, stand das Haus der Buddenbrooks, ein stattliches, hoher gotischer Giebel-Dach tragendes Kaufmannshaus mit barocken Auf- und Ausbau. Es war am Marktplatz gelegen, nahe bei dem alten, schlanken Rathause, und hatte die Vorderseite nach Süden, so daß die Fenster der Wohnzimmer hell und freundlich auf den Markt hinunterblickten, an dem des Morgens die Bauern ihre Krämerwaren feilboten.

In diesem Hause lebte die Familie Buddenbrook, deren Stamm so alt war, wie die Stadt, und deren Ahnen bis in die ältesten Kaufleuteinschriften des Gemeindearchivs zurückverfolgt werden konnten. Sie gehörten zur bürgerlichen Oberschicht, waren Söhne ehrlicher Kaufleute, die mit Fleiß und Geschick ihren Besitz vermehrt hatten. Das Haus war über Generationen im Besitz der Familie geblieben; die Namen der Väter leuchteten auf den Urkunden und Holztäfelchen, und an Feiertagen hing die Ahnengalerie mit den ernsten, auf goldgrund gesetzten Gesichtern der Vorfahren in der Stube.

Die Familie war reich; aber reich in der Weise, wie man damals Reichtum in der Stadt maß: durch Besitz von Waren, Investitionen in Fracht und Handel, durch Rechte und Pflichten, die mit dem Bürgertum verbunden waren. Das Leben in dem Hause war geregelt und ernst, das Zusammenwirken der Familienglieder durch Sitte und Geschmack bestimmt. Der Vater, Johann Buddenbrook, war der Zeitpunkt seines Lebens herangereift ein Mann von solidem Verstande und nüchternem Sinn für die Geschäfte, ein angesehener Kaufmann, dessen Wort Geltung hatte.

Seine Frau, die frühere Antoinette, Tochter eines angesehenen Lübecker Notars, trug im Hause die volle Verantwortung für die Einrichtung und die Erhaltung der guten Sitten. Sie war hübsch in einer manierlichen, gepflegten Art, und ihr ganzes Wesen war auf Würde und Ordnung aufgebaut. Die Kinder wuchsen unter dieser Umgebung auf: zuerst der älteste Sohn, der für die Fortführung des Geschäfts bestimmt war, dann die Tochter und zuletzt die jüngeren Söhne, jeder in seinem besonderen Standpunkt als Glied der Kaufmannsfamilie erzogen.

Das Haus selbst war reich ausgestattet, nicht im Überfluss von Luxus, sondern im besonnenen Geschmack des wohlhabenden Bürgertums: Mahagonimöbel, polierte Gesimse, gediegene Teppiche und Vorhänge, ein Esszimmer, das die Familie an festlichen Tagen in Glanz setzte, und Zimmer, in denen Gäste empfangen wurden, deren Anstand und Haltung wesentlich für das öffentliche Ansehen waren. Bücherregale, Karten von Handelsrouten und Schatzkammern von Rechnungsbüchern kennzeichneten das Leben eines Kaufmanns.

Der Alltag war vom Rhythmus des Geschäfts und von der Gesellschaft der Stadt durchdrungen. Morgens gingen die Männer zum Kontor, wo Papier, Bleistift und Rechenschieber das Werkzeug des Tages waren; Abends saß man beisammen, besprach Rechnungen, empfing Kunden oder ließ sich von Freunden Besuch abstatten. Die Politik des Handels, die Ehre eines ehrbaren Geschäftsmannes und das stetige Bemühen, den Besitz zu mehren, bestimmten den Gang des Lebens.

Doch trotz allem Äußern von Ordnung und Ruhe lag im Hause eine Empfindung von Vergänglichkeit, ein Bewußtsein, daß die Zeit nicht stillstand. Die Jugend, mit ihren Hoffnungen und Schwächen, die veränderten Geschmacksrichtungen und die Forderungen der kommenden Generationen, brachten Brüche in die bisher so einheitliche Familienstruktur. Man spürte, wie das, was die Vorfahren aufgebaut hatten, von neuer Zeit geprüft und manchmal in Frage gestellt wurde.