Die Aussicht, die ich dem Leser öffnen will, ist kurz: ich will zeigen, daß die Bildende Kunst und die Dichtkunst verschiedene Mittel und verschiedene Zwecke haben, und daß jene die Zeitlichkeit, diese die Räumlichkeit dem Vorwurfe unterwirft; ich will zeigen, wie aus diesem Grunde die Bestimmungen, welche die eine Kunst der anderen zu machen scheint, durchaus unzulässig sind, und wie dies Verkennen ihren Streit nur entzündet hat.
Wenn man die Sache wohl bedenkt, so ist der Streit von solcher Art, daß beide Theile in einer gewissen Beziehung Recht haben, nur daß sie nicht über denselben Fall reden. Die Maler hassen alles, was in die Länge geht; die Dichter lieben die Folge der Dinge. Die ersteren wollen Gegenwart, die letzteren Dauer. Aus diesem Gegensatze entspringen die Klagen der Maler über die Dichtkunst, und die Klagen der Dichter über die Malerei.
Wer das Wesen der Nachahmung in beiden Künsten untersuchen will, muß zuerst den Gegenstand derselben recht bestimmen. Die Dichtkunst ist die Nachahmung lebender Wesen in Handlungen und Reden; die Malerei aber ist die Nachahmung sichtbarer Gestalten. Daß sie aber verschieden sind, folgt schon daraus, daß der eine Sinn zum Verständnis des einen, und der andere zum Verständnis des andern nöthig ist. Der Dichter macht uns Menschen sichtbar durch die Darstellung ihrer Handlungen, der Maler macht sie uns sichtbar durch die Darstellung ihrer Gestalten.
Die Zeit ist das Gebiet der Dichtung, der Raum das Gebiet der Malerei. Die Handlung vollzieht sich in der Zeit, die Haltung besteht im Raume. Alles, was zu einer Handlung gehört, ist zeitlich; alles, was zu einer Haltung gehört, ist räumlich. Es liegt nahe, daß jede Kunst nach dem Gebiete ihrer Mittel urteilen müsse: der Dichter nach dem Zeitlichen, der Maler nach dem Räumlichen.
Aus diesem Grunde sind diejenigen Einwürfe, welche die Maler gegen die Dichter machen, oft ungerecht und unbegreiflich. Man verlangt von der Dichtung, was sie nicht geben kann — nämlich Ruhe des Anblicks und Klarheit der Umrisse — und man klagt über die Dichtung, daß sie in gemeinschaftlicher Darstellung zuviel in die Länge gehe. Umgekehrt verlangt man von der Malerei, was sie nicht geben kann — nämlich Entfaltung einer Handlung und Entwicklung eines Charakters in der Zeit — und man tadelt sie, daß sie nicht fortschreite.
Denn die Mittel beider Künste sind verschiedene: der eine ermöglicht durch die Worte eine Reihe von Handlungen und eine Folge von Ursachen und Wirkungen; der andere zeigt zugleich das Ganze in einem Gesicht. Ein Gemälde muß Alles auf einmal sagen; ein Epos kann die Sache ausschmücken, die Zeit ausdehnen und die Bewegung verfolgen. Daher müssen auch die Regeln, nach denen jede der Künste gerichtet ist, verschieden sein.
Wenn man diesen Unterschied zugesteht, so fällt der größte Theil der bisherigen Kritik von selbst weg; die sogenannten Verletzungen der Regeln durch die Dichter entbehren des Grundes, wenn man zugesteht, daß der Dichter nicht zu dem Ende arbeitet, zu welchem der Maler sein Werk gestaltet. Es ist nicht Aufgabe des Dichters, die Reinheit der Linien zu bewahren; es ist nicht Aufgabe des Malers, die Reihenfolge der Handlungen zu schildern.
Ich will nun diese Wahrheit an Beispielen beleuchten, und beweisen, wie besonders sich die Natur der Darstellung und die Wahl der Mittel in beiden Künsten auswirken. Das Vorbild, welches ich mir gewählt habe, ist die alte Bildschaft des Laokoon, die demmaligen Kunstkennern vorgenommen worden, und welche zuletzt von Winckelmann und seinen Nachfolgern benützt worden ist, um gegen die moderne Dichtung einige scharfe Urteile zu führen.
Man hat versucht, in dem Laokoon die Unmöglichkeit einer zusammenhängenden Handlung zu entdecken, und hat daraus den Beweis gezogen, daß die Kunst, welchejenige Natur nachahme, den Dichtern überlegen sei. Ich werde zeigen, daß die Klagen der Maler gegen die Dichtung an diesem Beispiel fehlgehen, weil die Laokoon-Gruppe ein rein räumliches Kunstwerk ist und nicht ein Stück der Zeit darstellt; daher lassen sich daraus keine Schlüsse über die Größern und Kleinern beider Künste ziehen.
Die Betrachtung der Statue lehrt, daß die Qual der Menschen, so furchtbar sie ist, in einer Blickwendung sichtbar zu machen, etwas ist, was die Malerei und Plastik allein leisten können; aber daß die Entwicklung der Gründe und Ursachen jener Qual und der Fortgang der Handlung etwas ist, was nur die Zeitkünste, besonders die Dichtkunst, in voller Weise leisten können. Aus diesen Gründen liegt die Verschiedenheit der Zwecke klar vor uns.