Ihr wollt von mir eine Abhandlung über die ästhetische Erziehung des Menschen. Allein ich kann nicht anders, als euch statt einer Abhandlung einen Brief schreiben; denn das Thema, welches ihr mir auftragtet, ist an und für sich eigentlich ein Brief-Thema. Die ästhetische Bildung eines Menschen ist etwas persönliches, ein Verhältnis, das sich nicht so gut in systematischen Sätzen, als im Tone eines individuellen Gesprächs aussprechen läßt. Ich will also das, was ich über diesen Gegenstand zu sagen weiß, in eine Folge von Briefen bringen; und da der erste Brief immer wie eine Vorrede des ganzen Verfassers und als einejenige Stelle gesehen wird, wo er dem Leser sein Wesen und seine Absicht darlegt, so mögt ihr diesen ersten Brief für eine Einführung in die folgerichtigen Briefe ansehen.
Der Zweck, den ich mit diesen Briefen verfolge, ist nicht, euch eine neue ästhetische Lehre zu bieten, nicht, euch eine Systematik der schönen Künste, noch weniger eine Theorie der Dichtkunst, sondern den innern Zweck und Wert der ästhetischen Bildung darzulegen, und zwar so viel dies aufzugreifen und zu bestimmen, als es einsichtige Menschen befremden oder leiten kann. Ich will untersuchen, ob die ästhetische Bildung für das moralische Leben einen wirklichen Ersatz habe, oder ob sie nur ein angenehmer Zierat desselben sei; ob sie ein selbständiger Bildungszweck sey, oder nur ein Mittel zu andern Zielen; ob sie die sittliche Handlungsfähigkeit erhöhe oder nur dessen Schein erzeuge.
Wenn wir also von der ästhetischen Erziehung des Menschen sprechen, so meinen wir nicht blos jene specielle Bildung, welche durch die schönen Künste den Geschmack und die Urtheile des Menschen bessert; sondern wir meinen eine allgemeine Erziehung, welche durch Schönheit die Menschheit eines Individuums vollendet. Die Frage will wissen, ob diese Vollendung eine bloße Verzierung sei, oder ob sie eine wirkliche Vervollkommnung des Charakters und der Freiheit bringe.
Ich gebe offen zu, daß wir in der Rede von Erziehung oft zweierley verwandter Begriffe bei einander sehen: der eine ist die Bestrafung und Züchtigung des Willens, durch welche man den Trieb zur Ordnung zwingt; der andre ist die Entwickelung und Ausbildung der Kräfte zur selbstständigen Thätigkeit. In der Sittlichkeit ist der erstere nicht genug, und der zuletzt erst macht den vollständigen Menschen. Es ist daher die Frage, ob die ästhetische Bildung zur Entwickelung, d. h. zur Freiheit, dazu beitrage, oder ob sie nur die Ordnung des äußern Benehmens, des Schickens und der Form erhalten helfe.
Alles, was Bildung heißt, strebt auf Vereinheitlichung des Menschen: aber es giebt zwei Arten von Einigung; die eine, welche das Leben durch Gesetze, und die Vernunft durch Begriffe herstellt, die andere, welche das Leben durch schöne Formen, und die Einbildungskraft durch Anschauungen vereint. Die erstere giebt uns die Pflicht, die letztere die Würde; die Pflicht macht uns rechtschaffen, die Würde macht uns liebenswürdig. Ich möchte nun untersuchen, ob die ästhetische Erziehung, die an der Würde arbeitet, jene Pflicht in uns kräftige, oder ob sie sie schwäche.
Wenn die ästhetische Bildung bloß ein Zierat der äußern Lebensart wäre, wenn sie nur die Edeln der Erscheinung ohne innere Haltung hervorbrächte, so hätte sie keinen sittlichen Werth: denn das sittliche Wesen besteht nicht im Schmucke des Verhaltens, sondern in dem Gehorchen des freien Willens gegen das Gesetz. Allein wenn durch die ästhetische Anschauung die Kräfte des Menschen in eine harmonische Bewegung geraten, wenn die sinnliche Triebkraft gezähmt, die Vernunft belebt, und das Gefühl zur Ordnung gebracht wird, so sieht es aus, als ob gerade durch jene scheinbare Bloßheit der Schönheit die innere Würkung der Tugend möglich werde.
Ich muß deshalb erst dargethan haben, was in dem Begriffe der Schönheit selbst liege, und wie die ästhetische Anschauung überhaupt den Menschen verändern könne. Die Schönheit ist das gute Verhältniß des Zwecks in seiner Erscheinung ohne Begriff; d. h. sie gibt uns das Gefühl, daß etwas zu einem Zweck angelegt sei, und zwar ohne daß wir uns denselben vernünftig erklären können. In jener Unmittelbarkeit liegt ihr Zauber: sie vereinigt in der Seele die sinnliche und die vernünftige Natur; und jene Vereinigung ist eben derjenige Zustand, welchen wir ästhetische Freiheit nennen.
Die ästhetische Freiheit ist diejenige Vermittlung, worin die sinnliche Triebkraft nur so viel geltend ist, als sie die Form der Vernunft verträgt, und die Vernunft nur so viel geltend ist, als sie die Lebendigkeit des Gefühls nicht zerstört. In diesem Mittelpunkte haben beide ihre Rechte und mäßigen sich gegenseitig. Der Mensch fühlt sich selbst als frei, weil weder die sinnliche Natur ihn ganz bestimmt, noch die bloße Vernunft ihn bloß regiert; er hat die Harmonie beider als sein eigenes Werk, und darin liegt die Erziehung zur innern Autonomie.
So viel, um die Grundbegriffe zu bestimmen. Im folgenden will ich untersuchen, wie diese ästhetische Freiheit die sittliche Befähigung des Menschen begründet und fördert; und ich werde dazu die Bedingungen, Mittel und Wirkungen der ästhetischen Erziehung aus einander setzen. Doch genug für den ersten Brief; in dem nächsten will ich sogleich auf die Seele des Tragischen und die Erhabenheit der ästhetischen Anschauung eingehen, um von da aus weiter zur moralischen Bedeutung zu schließen.