Vorlesungen über die Ästhetik: Einführung (Das Kunstschöne)

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Original language · as published

Die Kunst ist ein Bedürfnis des Geistes, insofern dieser Bedürfnis hat, sich in sinnlicher Gestalt auszudrücken. Aber das Bedürfnis der Kunst unterscheidet sich von dem blos sinnlichen Bedürfnis dadurch, daß es einen innern, geistigen Gegenstand hat, den der sinnliche Ausdruck darstellt. Der Kunstgegenstand ist daher nicht blos ein sinnlicher Gegenstand, sondern ein sinnlicher Ausdruck des Geistes; sie ist Bewußtsein, das sich selbst darstellt in sinnlicher Gestalt.

Das Schöne in der Kunst beruht darauf, daß der geistige Inhalt und die sinnliche Form in sich notwendigerweise zusammenfallen; der Geist hat sich nicht blos äußerlich der Sinnlichkeit gefügt, sondern er hat in der sinnlichen Gestalt seine eignen Bestimmungen als solche erkannt. Daher ist das Kunstschöne das sinnlich-sinnende, d. h. die sinnliche Wahrheit des Geistes.

Wenn wir die Kunst näher näher betrachten, so finden wir, daß sie sich in verschiedenen Formen entwickelt hat: in der symbolischen, der klassischen und der romantischen Kunst. Jede dieser Formen entspricht einer bestimmten Weise, in welcher der geistige Inhalt und die sinnliche Form zueinander stehen. In der symbolischen Kunst ist die sinnliche Form noch unzureichend für den geistigen Inhalt; in der klassischen Kunst sind Form und Inhalt im Gleichgewicht; in der romantischen Kunst tritt der geistige Inhalt in seine freie, innige Gestalt zurück und übersteigt die sinnliche Form.

Die Aufgabe einer ästhetischen Wissenschaft ist es, die Bestimmungen des Kunstschönen, die Formen seiner Entwickelung und die einzelnen Gattungen der Kunst nach ihrem innern Gesetz zu untersuchen. Diese Wissenschaft muß daher die Kunst nicht nach äußerlichen, historischen Zufälligkeiten beurteilen, sondern nach dem Maßstabe der innern Entwicklung des Geistes, wie sie sich in der sinnlichen Gestalt ausspricht.

Bei dieser Untersuchung ist es nötig, zwischen dem Kunstschönen schlechthin und dem einzelnen Kunstwerk zu unterscheiden. Das Kunstschöne schlechthin ist die allgemeine Bestimmung, deren verschiedene Bestätigungen und Gestaltungen in den einzelnen Werken vorkommen. Jedes Kunstwerk hat seinen besondern Eigenwert, aber dieser läßt sich nur verstehen, wenn man ihn auf die allgemeine Idee des Kunstschönen bezieht.

Die ästhetische Reflexion muß ferner die Beziehung der Kunst zu Religion und Wissenschaft betrachten. Die Religion drückt den geistigen Inhalt in unmittelbarer Vorstellung und Glauben aus, die Wissenschaft in Begriff und Reflexion; die Kunst dagegen vermittelt das Geistige in sinnlicher Bildlichkeit. Daher hat die Kunst eine eigne Stellung mitten zwischen Religion und Wissenschaft, vermittelnd und doch verschieden von beiden.

Schließlich ist zu beachten, daß das Schöne in der Kunst nicht identisch ist mit dem Rührenden oder mit dem Erhabenen. Das Rührende setzt ein Gefühl des Teilnehmens voraus, das Erhabene ein Gefühl der Erschütterung. Das Schöne dagegen ist die Formvervollkommnung, in welcher der geistige Inhalt sich selbst als sogenannter vollendet darstellt; es ist Einheit des Bestimmten und des Allgemeineren in anschaulicher Gestalt.