Als das Licht der Welt auf Siddharthas Stirne fiel, war sein Stamm schon lange und weit berühmt durch seine Weisen und heilige Lehre. Mehrere Gurus hatten ihn gelehrt, und die alten Schriften seines Volkes kannten ihn als einen vornehmen und gesegneten Knaben. Siddhartha war der Sohn eines reichen Brahmanen; er wuchs in Wohlstand und heiligem Ansehen auf, geachtet von den Alten, geliebt von den Jungen und bewundert von den Männern des Dorfes wegen seiner ernsten, schönen Art, der klaren, durchdringenden Augen und seines würdevollen Benehmens.
Seit seiner frühesten Kindheit beschäftigte ihn eine geheimnisvolle Sehnsucht, eine nicht zu stillende innere Frage. Er besaß ein seltsames Selbstbewußtsein, das ihn noch als Kind von andern unterschied; er fühlte sich nicht allein, vielmehr stets inmitten eines inneren Lebens, das größer war als die äußeren Spekulationen und Spiele der Knaben. Oft ging er hinaus an den Fluß und setzte sich mit geschlossenen Augen und wirrem Sinn zwischen die dort wachsenden hohen Bäume, um über das Leben und die Dinge zu denken, die er nicht zu denken verstand.
Die Priester und Gelehrten des Dorfes sahen in ihm bald einen künftigen Lehrer, einen Mann, der das heilige Wissen vervollkommnen und die Lehre seiner Väter erhalten werde. Seine Mutter und sein Vater waren stolz auf ihn; sie drückten ihm oft und heftig die Hand, und wenn die Nachbarsleute kamen, um den Knaben zu sehen, so lobten sie seine Haltung, seinen Ernst, seine Geduld beim Erlernen der Veden und Mantren.
Doch niemand konnte ihm jene tiefe Unruhe nehmen, die in ihm wohnte. Er vergaß nicht, daß da eine andere Stimme in ihm sprach, eine Stimme, die nach etwas ganz anderem frage als nach den Mantren und Opferhandlungen. Er fühlte, daß das Leben mehr sei als die genauen Worte und Formeln, die die Weisen kannten; es war ihm, als ob es eine Erfahrung gäbe, die jenen Worten vorausging und sie erfüllte, wie eine Sonne, die das Wort erst lebendig machte.
An seiner Seite wuchs Govinda, der Sohn eines Brahmanenfreundes, sein gleichaltriger Freund und Gefährte. Govinda war wie ein Schatten bei Siddhartha, ihm treu ergeben, bewundernd und fragend zugleich. Die beiden Knaben spielten zusammen, lernten zusammen die heiligen Schriften und legten einander die Hand auf die Stirn, wenn sie Gebete sprachen. Govinda sah zu Siddhartha empor und nannte ihn seinen Führer; Siddhartha fühlte eine Freude an diesem Vertrauen, mehr aber noch die schwerere Verantwortung, die ihm daraus erwuchs.
Als die Zeit kam, da sie ihre heiligen Lehrer aufsuchen sollten, um die künftigen Bräuche und Lehren zu empfangen, ging Siddhartha zuerst und hörte die gelehrten Vorträge, nahm an den Opferhandlungen teil, sprach die alten Verse mit richtiger Betonung und erlernte die Rituale mit Fleiß. Die Lehrer segneten ihn; sie spürten, daß in ihm etwas Besonderes lebte. Aber je mehr er lernte, desto tiefer wuchs in ihm die Frage: Sind das die Dinge, die das Leben erfüllen? Sind Rezitation und Vorschrift genug, um die Seele zufrieden zu stellen?
In stillen Stunden brachte Siddhartha seine Zweifel vor seinen Lehrer und bat um Rat. Die Lehrmeister antworteten mit Geduld und Autorität; sie erklärten die Bedeutung der Worte und die Pflicht des Brahmanen, und sie sagten von der Reinheit des Opferdienstes. Doch ihre Antworten trugen nicht zur Beruhigung seines Herzens bei; oft verließ er sie und ging allein in den Wald, wo er Stunden und Tage im Denken zubrachte.
So wuchs in Siddhartha eine Unruhe, die ihn nicht schlafen ließ. Sein Inneres sprach zu ihm von einer Notwendigkeit, die nicht gelehrt, sondern erlebt sein müsse; so oft er an den Fluß ging, sah er dort sogleich das Geheimnis der Bewegung und des Wandels, und die Wasser schienen ihm ein Bild des Lebens zu geben, das immer vorüberfließt und doch stets dasselbe bleibt. Er wußte nicht, wie er jenen Zustand, jene innere Klarheit, erreichen könne; nur eins war ihm klar: daß die Worte der Alten ihn nicht führten.
In dieser Zeit erschien ihm oft die Gestalt des Buddha in seinen Gedanken; nicht als eine äußere Erscheinung, sondern als ein Bild von vollkommenem Frieden und Klarheit. Von Freunden und Fremden hörte er von dem weisen Gotama, von seiner Lehre und seinen Anhängern. Immer näher zog ihn dieses Bild, und mehr und mehr wünschte er, den Mann zu sehen, dessen Wort so viele Herzen beruhigt hatte. Es wuchs die Sehnsucht, den Weg selbst zu erproben, nicht nur die Lehre der Väter nachzusprechen.
So reifte in Siddhartha heimlich der Entschluß, seinen vertrauten Kreis zu verlassen. Er wollte nicht länger ein Gelehrter nach Vorschrift sein, noch wollte er das Leben eines einfachen Brahmanens fortführen, um der Form willen allein. Ganz leise gab er seine Entschlüsse dem Freunde Govinda kund, und dieser, der ihm immer gefolgt war, willigte ein, ihm zu folgen. zusammengesetzt Liebe und Treue banden die beiden Jünglinge zusammen, als sie sich voneinander verabschiedeten, und die Dorfbewohner sahen sie gehen mit erstaunten Augen und gemischten Gefühlen.