Faust: Der Tragödie erster und zweiter Teil
Johann Wolfgang von Goethe
English title: Faust
Original text: Project Gutenberg · Project Gutenberg ebooks #2229 and #2230: Faust, Der Tragödie erster und zweiter Teil (German) (Lectio bundled import)
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Faust: Der Tragödie erster Teil
Zueignung
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt. Versuch ich wohl, euch…
Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage, Und manche liebe Schatten steigen auf; Gleich einer alten, halbverklungnen…
Sie hören nicht die folgenden Gesänge, Die Seelen, denen ich die ersten sang; Zerstoben ist das freundliche Gedränge,…
Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich, Es schwebet nun in unbestimmten Tönen…
Vorspiel auf dem Theater
Direktor. Theatherdichter. Lustige Person:
DIREKTOR. Ihr beiden, die ihr mir so oft, In Not und Trübsal, beigestanden, Sagt, was ihr wohl in…
DICHTER. O sprich mir nicht von jener bunten Menge, Bei deren Anblick uns der Geist entflieht. Verhülle mir…
Ach! was in tiefer Brust uns da entsprungen, Was sich die Lippe schüchtern vorgelallt, Mißraten jetzt und jetzt…
LUSTIGE PERSON. Wenn ich nur nichts von Nachwelt hören sollte. Gesetzt, daß ich von Nachwelt reden wollte, Wer…
DIREKTOR. Besonders aber laßt genug geschehn! Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn. Wird vieles vor…
DICHTER. Ihr fühlet nicht, wie schlecht ein solches Handwerk sei! Wie wenig das dem echten Künstler zieme! Der…
DIREKTOR. Ein solcher Vorwurf läßt mich ungekränkt. Ein Mann, der recht zu wirken denkt, Muß auf das beste…
DICHTER. Geh hin und such dir einen andern Knecht! Der Dichter sollte wohl das höchste Recht, Das Menschenrecht,…
LUSTIGE PERSON. So braucht sie denn, die schönen Kräfte Und treibt die dichtrischen Geschäfte Wie man ein Liebesabenteuer…
DICHTER. So gib mir auch die Zeiten wieder, Da ich noch selbst im Werden war, Da sich ein…
LUSTIGE PERSON. Der Jugend, guter Freund, bedarfst du allenfalls, Wenn dich in Schlachten Feinde drängen, Wenn mit Gewalt…
DIREKTOR. Der Worte sind genug gewechselt, Laßt mich auch endlich Taten sehn! Indes ihr Komplimente drechselt, Kann etwas…
Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen Probiert ein jeder, was er mag; Drum schonet mir an diesem Tag…
Prolog im Himmel
Der Herr. Die himmlischen Heerscharen. Nachher Mephistopheles. Die drei Erzengel treten vor.
RAPHAEL. Die Sonne tönt, nach alter Weise, In Brudersphären Wettgesang, Und ihre vorgeschriebne Reise Vollendet sie mit Donnergang.…
GABRIEL. Und schnell und unbegreiflich schnelle Dreht sich umher der Erde Pracht; Es wechselt Paradieseshelle Mit tiefer, schauervoller…
MICHAEL. Und Stürme brausen um die Wette Vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer, und bilden wütend…
ZU DREI. Der Anblick gibt den Engeln Stärke, Da keiner dich ergründen mag, Und alle deine hohen Werke…
MEPHISTOPHELES. Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst Und fragst, wie alles sich bei uns befinde, Und…
DER HERR. Hast du mir weiter nichts zu sagen? Kommst du nur immer anzuklagen? Ist auf der Erde…
MEPHISTOPHELES. Nein Herr! ich find es dort, wie immer, herzlich schlecht. Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,…
DER HERR. Kennst du den Faust?
MEPHISTOPHELES. Den Doktor?
DER HERR. Meinen Knecht!
MEPHISTOPHELES. Fürwahr! er dient Euch auf besondre Weise. Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise. Ihn treibt…
DER HERR. Wenn er mir auch nur verworren dient, So werd ich ihn bald in die Klarheit führen.…
MEPHISTOPHELES. Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren! Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt, Ihn meine Straße…
DER HERR. Solang er auf der Erde lebt, So lange sei dir’s nicht verboten, Es irrt der Mensch…
MEPHISTOPHELES. Da dank ich Euch; denn mit den Toten Hab ich mich niemals gern befangen. Am meisten lieb…
DER HERR. Nun gut, es sei dir überlassen! Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab, Und führ ihn,…
MEPHISTOPHELES. Schon gut! nur dauert es nicht lange. Mir ist für meine Wette gar nicht bange. Wenn ich…
DER HERR. Du darfst auch da nur frei erscheinen; Ich habe deinesgleichen nie gehaßt. Von allen Geistern, die…
MEPHISTOPHELES (allein). Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern, Und hüte mich, mit ihm zu brechen.…
FAUST: Der Tragödie erster Teil
Nacht
In einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer Faust, unruhig auf seinem Sessel am Pulte.
FAUST. Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da…
O sähst du, voller Mondenschein, Zum letztenmal auf meine Pein, Den ich so manche Mitternacht An diesem Pult…
Weh! steck ich in dem Kerker noch? Verfluchtes dumpfes Mauerloch, Wo selbst das liebe Himmelslicht Trüb durch gemalte…
Und fragst du noch, warum dein Herz Sich bang in deinem Busen klemmt? Warum ein unerklärter Schmerz Dir…
Flieh! auf! hinaus ins weite Land! Und dies geheimnisvolle Buch, Von Nostradamus’ eigner Hand, Ist dir es nicht…
Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick Auf einmal mir durch alle meine Sinnen! Ich fühle junges, heil’ges…
Wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem andern wirkt und lebt! Wie Himmelskräfte auf und nieder…
Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur! Wo fass ich dich, unendliche Natur? Euch Brüste, wo? Ihr Quellen…
Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein! Du, Geist der Erde, bist mir näher; Schon fühl ich…
GEIST. Wer ruft mir?
FAUST (abgewendet). Schreckliches Gesicht!
GEIST. Du hast mich mächtig angezogen, An meiner Sphäre lang gesogen, Und nun—
FAUST. Weh! ich ertrag dich nicht!
GEIST. Du flehst, eratmend mich zu schauen, Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn; Mich neigt dein…
FAUST. Soll ich dir, Flammenbildung, weichen? Ich bin’s, bin Faust, bin deinesgleichen!
GEIST. In Lebensfluten, im Tatensturm Wall ich auf und ab, Wehe hin und her! Geburt und Grab, Ein…
FAUST. Der du die weite Welt umschweifst, Geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich dir!
GEIST. Du gleichst dem Geist, den du begreifst, Nicht mir! (verschwindet)
FAUST (zusammenstürzend). Nicht dir? Wem denn? Ich Ebenbild der Gottheit! Und nicht einmal dir! (es klopft)
O Tod! ich kenn’s—das ist mein Famulus— Es wird mein schönstes Glück zunichte! Daß diese Fülle der Gesichte…
WAGNER. Verzeiht! ich hör euch deklamieren; Ihr last gewiß ein griechisch Trauerspiel? In dieser Kunst möcht ich was…
FAUST. Ja, wenn der Pfarrer ein Komödiant ist; Wie das denn wohl zuzeiten kommen mag.
WAGNER. Ach! wenn man so in sein Museum gebannt ist, Und sieht die Welt kaum einen Feiertag, Kaum…
FAUST. Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen, Wenn es nicht aus der Seele dringt Und mit…
WAGNER. Allein der Vortrag macht des Redners Glück; Ich fühl es wohl, noch bin ich weit zurück.
FAUST. Such Er den redlichen Gewinn! Sei Er kein schellenlauter Tor! Es trägt Verstand und rechter Sinn Mit…
WAGNER. Ach Gott! die Kunst ist lang; Und kurz ist unser Leben. Mir wird, bei meinem kritischen Bestreben,…
FAUST. Das Pergament, ist das der heil’ge Bronnen, Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt? Erquickung hast…
WAGNER. Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen, Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen; Zu schauen, wie…
FAUST. O ja, bis an die Sterne weit! Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit Sind uns ein Buch…
WAGNER. Allein die Welt! des Menschen Herz und Geist! Möcht jeglicher doch was davon erkennen.
FAUST. Ja, was man so erkennen heißt! Wer darf das Kind beim Namen nennen? Die wenigen, die was…
WAGNER. Ich hätte gern nur immer fortgewacht, Um so gelehrt mit Euch mich zu besprechen. Doch morgen, als…
FAUST (allein). Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet, Der immerfort an schalem Zeuge klebt, Mit gier’ger…
Darf eine solche Menschenstimme hier, Wo Geisterfülle mich umgab, ertönen? Doch ach! für diesmal dank ich dir, Dem…
Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew’ger Wahrheit, Sein selbst genoß in…
Nicht darf ich dir zu gleichen mich vermessen; Hab ich die Kraft dich anzuziehn besessen, So hatt ich…
Dem Herrlichsten, was auch der Geist empfangen, Drängt immer fremd und fremder Stoff sich an; Wenn wir zum…
Wenn Phantasie sich sonst mit kühnem Flug Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert, So ist ein kleiner Raum ihr…
Den Göttern gleich ich nicht! zu tief ist es gefühlt; Dem Wurme gleich ich, der den Staub durchwühlt,…
Ist es nicht Staub, was diese hohe Wand Aus hundert Fächern mit verenget? Der Trödel, der mit tausendfachem…
Doch warum heftet sich mein Blick auf jene Stelle? Ist jenes Fläschchen dort den Augen ein Magnet? Warum…
Ich grüße dich, du einzige Phiole, Die ich mit Andacht nun herunterhole! In dir verehr ich Menschenwitz und…
Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen, An mich heran! Ich fühle mich bereit, Auf neuer Bahn den Äther…
Nun komm herab, kristallne reine Schale! Hervor aus deinem alten Futterale, An die ich viele Jahre nicht gedacht!…
CHOR DER ENGEL. Christ ist erstanden! Freude dem Sterblichen, Den die verderblichen, Schleichenden, erblichen Mängel umwanden.
FAUST. Welch tiefes Summen, welch heller Ton Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde? Verkündigt ihr dumpfen…
CHOR DER WEIBER. Mit Spezereien Hatten wir ihn gepflegt, Wir seine Treuen Hatten ihn hingelegt; Tücher und Binden…
CHOR DER ENGEL. Christ ist erstanden! Selig der Liebende, Der die betrübende, Heilsam und übende Prüfung bestanden.
FAUST. Was sucht ihr, mächtig und gelind, Ihr Himmelstöne, mich am Staube? Klingt dort umher, wo weiche Menschen…
CHOR DER JÜNGER. Hat der Begrabene Schon sich nach oben, Lebend Erhabene, Herrlich erhoben; Ist er in Werdeluft…
CHOR DER ENGEL. Christ ist erstanden, Aus der Verwesung Schoß. Reißet von Banden Freudig euch los! Tätig ihn…
Vor dem Tor
Spaziergänger aller Art ziehen hinaus.
EINIGE HANDWERKSBURSCHE. Warum denn dort hinaus?
ANDRE. Wir gehn hinaus aufs Jägerhaus.
DIE ERSTEN. Wir aber wollen nach der Mühle wandern.
EIN HANDWERKSBURSCH. Ich rat euch, nach dem Wasserhof zu gehn.
ZWEITER. Der Weg dahin ist gar nicht schön.
DIE ZWEITEN. Was tust denn du?
EIN DRITTER. Ich gehe mit den andern.
VIERTER. Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr Die schönsten Mädchen und das beste Bier, Und Händel…
FÜNFTER. Du überlustiger Gesell, Juckt dich zum drittenmal das Fell? Ich mag nicht hin, mir graut es vor…
DIENSTMÄDCHEN. Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zurück.
ANDRE. Wir finden ihn gewiß bei jenen Pappeln stehen.
ERSTE. Das ist für mich kein großes Glück; Er wird an deiner Seite gehen, Mit dir nur tanzt…
ANDRE. Heut ist er sicher nicht allein, Der Krauskopf, sagt er, würde bei ihm sein.
SCHÜLER. Blitz, wie die wackern Dirnen schreiten! Herr Bruder, komm! wir müssen sie begleiten. Ein starkes Bier, ein…
BÜRGERMÄDCHEN. Da sieh mir nur die schönen Knaben! Es ist wahrhaftig eine Schmach. Gesellschaft könnten sie die allerbeste…
ERSTER. Herr Bruder, nein! Ich bin nicht gern geniert. Geschwind! daß wir das Wildbret nicht verlieren. Die Hand,…
BÜRGER. Nein, er gefällt mir nicht, der neue Burgemeister! Nun, da er’s ist, wird er nur täglich dreister.…
BETTLER (singt). Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen, So wohlgeputzt und backenrot, Belieb es euch, mich anzuschauen, Und…
ANDRER BÜRGER. Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,…
DRITTER BÜRGER. Herr Nachbar, ja! so laß ich’s auch geschehn. Sie mögen sich die Köpfe spalten, Mag alles…
BÜRGERMÄDCHEN. Agathe, fort! ich nehme mich in acht, Mit solchen Hexen öffentlich zu gehen; Sie ließ mich zwar…
SOLDATEN. Burgen mit hohen Mauern und Zinnen, Mädchen mit stolzen Höhnenden Sinnen Möcht ich gewinnen! Kühn ist das…
Und die Trompete Lassen wir werben, Wie zu der Freude, So zum Verderben. Das ist ein Stürmen! Das…
Faust und Wagner.
FAUST. Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglück;…
WAGNER. Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren Ist ehrenvoll und ist Gewinn; Doch würd ich nicht allein mich…
Bauern unter der Linde. Tanz und Gesang.
Der Schäfer putzte sich zum Tanz, Mit bunter Jacke, Band und Kranz, Schmuck war er angezogen. Schon um…
Er drückte hastig sich heran, Da stieß er an ein Mädchen an Mit seinem Ellenbogen; Die frische Dirne…
Doch hurtig in dem Kreise ging’s, Sie tanzten rechts, sie tanzten links, Und alle Röcke flogen. Sie wurden…
Und tu mir doch nicht so vertraut! Wie mancher hat nicht seine Braut Belogen und betrogen! Er schmeichelte…
ALTER BAUER. Herr Doktor, das ist schön von Euch, Daß Ihr uns heute nicht verschmäht, Und unter dieses…
FAUST. Ich nehme den Erquickungstrank Erwidr’ euch allen Heil und Dank. (Das Volk sammelt sich im Kreis umher.)
ALTER BAUER. Fürwahr, es ist sehr wohl getan, Daß Ihr am frohen Tag erscheint; Habt Ihr es vormals…
ALLE. Gesundheit dem bewährten Mann, Daß er noch lange helfen kann!
FAUST. Vor jenem droben steht gebückt, Der helfen lehrt und Hülfe schickt. (Er geht mit Wagnern weiter.)
WAGNER. Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann, Bei der Verehrung dieser Menge haben! O glücklich, wer…
FAUST. Nur wenig Schritte noch hinauf zu jenem Stein, Hier wollen wir von unsrer Wandrung rasten. Hier saß…
WAGNER. Wie könnt Ihr Euch darum betrüben! Tut nicht ein braver Mann genug, Die Kunst, die man ihm…
FAUST. O glücklich, wer noch hoffen kann, Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen! Was man nicht weiß, das…
WAGNER. Ich hatte selbst oft grillenhafte Stunden, Doch solchen Trieb hab ich noch nie empfunden. Man sieht sich…
FAUST. Du bist dir nur des einen Triebs bewußt, O lerne nie den andern kennen! Zwei Seelen wohnen,…
WAGNER. Berufe nicht die wohlbekannte Schar, Die strömend sich im Dunstkreis überbreitet, Dem Menschen tausendfältige Gefahr, Von allen…
FAUST. Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen?
WAGNER. Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir.
FAUST. Betracht ihn recht! für was hältst du das Tier?
WAGNER. Für einen Pudel, der auf seine Weise Sich auf der Spur des Herren plagt.
FAUST. Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise Er um uns her und immer näher jagt? Und irr ich…
WAGNER. Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel; Es mag bei Euch wohl Augentäuschung sein.
FAUST. Mir scheint es, daß er magisch leise Schlingen Zu künft’gem Band um unsre Füße zieht.
WAGNER. Ich seh ihn ungewiß und furchtsam uns umspringen, Weil er, statt seines Herrn, zwei Unbekannte sieht.
FAUST. Der Kreis wird eng, schon ist er nah!
WAGNER. Du siehst! ein Hund, und kein Gespenst ist da. Er knurrt und zweifelt, legt sich auf den…
FAUST. Geselle dich zu uns! Komm hier!
WAGNER. Es ist ein pudelnärrisch Tier. Du stehest still, er wartet auf; Du sprichst ihn an, er strebt…
FAUST. Du hast wohl recht; ich finde nicht die Spur Von einem Geist, und alles ist Dressur.
WAGNER. Dem Hunde, wenn er gut gezogen, Wird selbst ein weiser Mann gewogen. Ja, deine Gunst verdient er…
Studierzimmer
Faust mit dem Pudel hereintretend.
FAUST. Verlassen hab ich Feld und Auen, Die eine tiefe Nacht bedeckt, Mit ahnungsvollem, heil’gem Grauen In uns…
Sei ruhig, Pudel! Renne nicht hin und wieder! An der Schwelle was schnoperst du hier? Lege dich hinter…
Ach wenn in unsrer engen Zelle Die Lampe freundlich wieder brennt, Dann wird’s in unserm Busen helle, Im…
Knurre nicht, Pudel! Zu den heiligen Tönen, Die jetzt meine ganze Seel umfassen, Will der tierische Laut nicht…
Aber ach! schon fühl ich, bei dem besten Willen, Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen. Aber warum…
Geschrieben steht: “Im Anfang war das Wort!” Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann…
Soll ich mit dir das Zimmer teilen, Pudel, so laß das Heulen, So laß das Bellen! Solch einen…
FAUST. Erst zu begegnen dem Tiere, Brauch ich den Spruch der Viere: Salamander soll glühen, Undene sich winden,…
Wer sie nicht kennte Die Elemente, Ihre Kraft Und Eigenschaft, Wäre kein Meister Über die Geister.
Verschwind in Flammen, Salamander! Rauschend fließe zusammen, Undene! Leucht in Meteoren-Schöne, Sylphe! Bring häusliche Hülfe, Incubus! Incubus! Tritt…
Keines der Viere Steckt in dem Tiere. Es liegt ganz ruhig und grinst mich an; Ich hab ihm…
Bist du, Geselle Ein Flüchtling der Hölle? So sieh dies Zeichen Dem sie sich beugen, Die schwarzen Scharen!
Schon schwillt es auf mit borstigen Haaren.
Verworfnes Wesen! Kannst du ihn lesen? Den nie Entsproßnen, Unausgesprochnen, Durch alle Himmel Gegoßnen, Freventlich Durchstochnen?
Hinter den Ofen gebannt, Schwillt es wie ein Elefant Den ganzen Raum füllt es an, Es will zum…
MEPHISTOPHELES. Wozu der Lärm? was steht dem Herrn zu Diensten?
FAUST. Das also war des Pudels Kern! Ein fahrender Skolast? Der Kasus macht mich lachen.
MEPHISTOPHELES. Ich salutiere den gelehrten Herrn! Ihr habt mich weidlich schwitzen machen.
FAUST. Wie nennst du dich?
MEPHISTOPHELES. Die Frage scheint mir klein Für einen, der das Wort so sehr verachtet, Der, weit entfernt von…
FAUST. Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen Gewöhnlich aus dem Namen lesen, Wo es sich allzu…
MEPHISTOPHELES. Ein Teil von jener Kraft, Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
FAUST. Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?
MEPHISTOPHELES. Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, Ist wert,…
FAUST. Du nennst dich einen Teil, und stehst doch ganz vor mir?
MEPHISTOPHELES. Bescheidne Wahrheit sprech ich dir. Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt Gewöhnlich für ein Ganzes hält,…
FAUST. Nun kenn ich deine würd’gen Pflichten! Du kannst im Großen nichts vernichten Und fängst es nun im…
MEPHISTOPHELES. Und freilich ist nicht viel damit getan. Was sich dem Nichts entgegenstellt, Das Etwas, diese plumpe Welt…
FAUST. So setzest du der ewig regen, Der heilsam schaffenden Gewalt Die kalte Teufelsfaust entgegen, Die sich vergebens…
MEPHISTOPHELES. Wir wollen wirklich uns besinnen, Die nächsten Male mehr davon! Dürft ich wohl diesmal mich entfernen?
FAUST. Ich sehe nicht, warum du fragst. Ich habe jetzt dich kennen lernen Besuche nun mich, wie du…
MEPHISTOPHELES. Gesteh ich’s nur! daß ich hinausspaziere, Verbietet mir ein kleines Hindernis, Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle—
FAUST. Das Pentagramma macht dir Pein? Ei sage mir, du Sohn der Hölle, Wenn das dich bannt, wie…
MEPHISTOPHELES. Beschaut es recht! es ist nicht gut gezogen. Der eine Winkel, der nach außen zu, Ist, wie…
FAUST. Das hat der Zufall gut getroffen! Und mein Gefangner wärst denn du? Das ist von ungefähr gelungen!
MEPHISTOPHELES. Der Pudel merkte nichts, als er hereingesprungen, Die Sache sieht jetzt anders aus. Der Teufel kann nicht…
FAUST. Doch warum gehst du nicht durchs Fenster?
MEPHISTOPHELES. ’s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster. Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus. Das erste…
FAUST. Die Hölle selbst hat ihre Rechte? Das find ich gut, da ließe sich ein Pakt, Und sicher…
MEPHISTOPHELES. Was man verspricht, das sollst du rein genießen, Dir wird davon nichts abgezwackt. Doch das ist nicht…
FAUST. So bleibe doch noch einen Augenblick, Um mir erst gute Mär zu sagen.
MEPHISTOPHELES. Jetzt laß mich los! ich komme bald zurück; Dann magst du nach Belieben fragen.
FAUST. Ich habe dir nicht nachgestellt, Bist du doch selbst ins Garn gegangen. Den Teufel halte, wer ihn…
MEPHISTOPHELES. Wenn dir’s beliebt, so bin ich auch bereit, Dir zur Gesellschaft hier zu bleiben; Doch mit Bedingnis,…
FAUST. Ich seh es gern, das steht dir frei; Nur daß die Kunst gefällig sei!
MEPHISTOPHELES. Du wirst, mein Freund, für deine Sinnen In dieser Stunde mehr gewinnen Als in des Jahres Einerlei.…
GEISTER. Schwindet, ihr dunkeln Wölbungen droben! Reizender schaue Freundlich der blaue Äther herein! Wären die dunkeln Wolken zerronnen!…
MEPHISTOPHELES. Er schläft! So recht, ihr luft’gen zarten Jungen! Ihr habt ihn treulich eingesungen! Für dies Konzert bin…
Der Herr der Ratten und der Mäuse, Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse Befiehlt dir, dich hervor zu wagen…
FAUST (erwachend). Bin ich denn abermals betrogen? Verschwindet so der geisterreiche Drang Daß mir ein Traum den Teufel…
Studierzimmer
Faust. Mephistopheles.
FAUST. Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen?
MEPHISTOPHELES. Ich bin’s.
FAUST. Herein!
MEPHISTOPHELES. Du mußt es dreimal sagen.
FAUST. Herein denn!
MEPHISTOPHELES. So gefällst du mir. Wir werden, hoff ich, uns vertragen; Denn dir die Grillen zu verjagen, Bin…
FAUST. In jedem Kleide werd ich wohl die Pein Des engen Erdelebens fühlen. Ich bin zu alt, um…
MEPHISTOPHELES. Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast.
FAUST. O selig der, dem er im Siegesglanze Die blut’gen Lorbeern um die Schläfe windet, Den er, nach…
MEPHISTOPHELES. Und doch hat jemand einen braunen Saft, In jener Nacht, nicht ausgetrunken.
FAUST. Das Spionieren, scheint’s, ist deine Lust.
MEPHISTOPHELES. Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewußt.
FAUST. Wenn aus dem schrecklichen Gewühle Ein süß bekannter Ton mich zog, Den Rest von kindlichem Gefühle Mit…
GEISTERCHOR (unsichtbar). Weh! weh! Du hast sie zerstört Die schöne Welt, Mit mächtiger Faust; Sie stürzt, sie zerfällt!…
MEPHISTOPHELES. Dies sind die Kleinen Von den Meinen. Höre, wie zu Lust und Taten Altklug sie raten! In…
Hör auf, mit deinem Gram zu spielen, Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt; Die schlechteste Gesellschaft…
FAUST. Und was soll ich dagegen dir erfüllen?
MEPHISTOPHELES. Dazu hast du noch eine lange Frist.
FAUST. Nein, nein! der Teufel ist ein Egoist Und tut nicht leicht um Gottes willen, Was einem andern…
MEPHISTOPHELES. Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden, Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn; Wenn…
FAUST. Das Drüben kann mich wenig kümmern; Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern, Die andre mag darnach…
MEPHISTOPHELES. In diesem Sinne kannst du’s wagen. Verbinde dich; du sollst, in diesen Tagen, Mit Freuden meine Künste…
FAUST. Was willst du armer Teufel geben? Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben, Von deinesgleichen je…
MEPHISTOPHELES. Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht, Mit solchen Schätzen kann ich dienen. Doch, guter Freund, die Zeit…
FAUST. Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen, So sei es gleich um mich getan! Kannst…
MEPHISTOPHELES. Topp!
FAUST. Und Schlag auf Schlag! Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst…
MEPHISTOPHELES. Bedenk es wohl, wir werden’s nicht vergessen.
FAUST. Dazu hast du ein volles Recht; Ich habe mich nicht freventlich vermessen. Wie ich beharre, bin ich…
MEPHISTOPHELES. Ich werde heute gleich, beim Doktorschmaus, Als Diener meine Pflicht erfüllen. Nur eins!—Um Lebens oder Sterbens willen…
FAUST. Auch was Geschriebnes forderst du Pedant? Hast du noch keinen Mann, nicht Manneswort gekannt? Ist’s nicht genug,…
MEPHISTOPHELES. Wie magst du deine Rednerei Nur gleich so hitzig übertreiben? Ist doch ein jedes Blättchen gut. Du…
FAUST. Wenn dies dir völlig Gnüge tut, So mag es bei der Fratze bleiben.
MEPHISTOPHELES. Blut ist ein ganz besondrer Saft.
FAUST. Nur keine Furcht, daß ich dies Bündnis breche! Das Streben meiner ganzen Kraft Ist grade das, was…
MEPHISTOPHELES. Euch ist kein Maß und Ziel gesetzt. Beliebt’s Euch, überall zu naschen, Im Fliehen etwas zu erhaschen,…
FAUST. Du hörest ja, von Freud’ ist nicht die Rede. Dem Taumel weih ich mich, dem schmerzlichsten Genuß,…
MEPHISTOPHELES. O glaube mir, der manche tausend Jahre An dieser harten Speise kaut Daß von der Wiege bis…
FAUST. Allein ich will!
MEPHISTOPHELES. Das läßt sich hören! Doch nur vor einem ist mir bang. Die Zeit ist kurz, die Kunst…
FAUST. Was bin ich denn, wenn es nicht möglich ist, Der Menschheit Krone zu erringen, Nach der sich…
MEPHISTOPHELES. Du bist am Ende—was du bist. Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, Setz deinen Fuß auf…
FAUST. Ich fühl’s, vergebens hab ich alle Schätze Des Menschengeists auf mich herbeigerafft, Und wenn ich mich am…
MEPHISTOPHELES. Mein guter Herr, Ihr seht die Sachen, Wie man die Sachen eben sieht; Wir müssen das gescheiter…
FAUST. Wie fangen wir das an?
MEPHISTOPHELES. Wir gehen eben fort. Was ist das für ein Marterort? Was heißt das für ein Leben führen,…
FAUST. Mir ist’s nicht möglich, ihn zu sehn.
MEPHISTOPHELES. Der arme Knabe wartet lange, Der darf nicht ungetröstet gehn. Komm, gib mir deinen Rock und Mütze;…
MEPHISTOPHELES (in Fausts langem Kleide). Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, Des Menschen allerhöchste Kraft, Laß nur in Blend-…
SCHÜLER. Ich bin allhier erst kurze Zeit, Und komme voll Ergebenheit, Einen Mann zu sprechen und zu kennen,…
MEPHISTOPHELES. Eure Höflichkeit erfreut mich sehr! Ihr seht einen Mann wie andre mehr. Habt Ihr Euch sonst schon…
SCHÜLER. Ich bitt Euch, nehmt Euch meiner an! Ich komme mit allem guten Mut, Leidlichem Geld und frischem…
MEPHISTOPHELES. Da seid Ihr eben recht am Ort.
SCHÜLER. Aufrichtig, möchte schon wieder fort. In diesen Mauern, diesen Hallen Will es mir keineswegs gefallen. Es ist…
MEPHISTOPHELES. Das kommt nur auf Gewohnheit an. So nimmt ein Kind der Mutter Brust Nicht gleich im Anfang…
SCHÜLER. An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen; Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?
MEPHISTOPHELES. Erklärt Euch, eh Ihr weiter geht, Was wählt Ihr für eine Fakultät?
SCHÜLER. Ich wünschte recht gelehrt zu werden, Und möchte gern, was auf der Erden Und in dem Himmel…
MEPHISTOPHELES. Da seid Ihr auf der rechten Spur; Doch müßt Ihr Euch nicht zerstreuen lassen.
SCHÜLER. Ich bin dabei mit Seel und Leib; Doch freilich würde mir behagen Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib…
MEPHISTOPHELES. Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen, Doch Ordnung lehrt Euch Zeit gewinnen. Mein teurer…
SCHÜLER. Kann Euch nicht eben ganz verstehen.
MEPHISTOPHELES. Das wird nächstens schon besser gehen, Wenn Ihr lernt alles reduzieren Und gehörig klassifizieren.
SCHÜLER. Mir wird von alledem so dumm, Als ging, mir ein Mühlrad im Kopf herum.
MEPHISTOPHELES. Nachher, vor allen andern Sachen, Müßt Ihr Euch an die Metaphysik machen! Da seht, daß Ihr tiefsinnig…
SCHÜLER. Das sollt Ihr mir nicht zweimal sagen! Ich denke mir, wie viel es nützt; Denn, was man…
MEPHISTOPHELES. Doch wählt mir eine Fakultät!
SCHÜLER. Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.
MEPHISTOPHELES. Ich kann es Euch so sehr nicht übel nehmen, Ich weiß, wie es um diese Lehre steht.…
SCHÜLER. Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt. O glücklich der, den Ihr belehrt! Fast möcht ich nun Theologie…
MEPHISTOPHELES. Ich wünschte nicht, Euch irre zu führen. Was diese Wissenschaft betrifft, Es ist so schwer, den falschen…
SCHÜLER. Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein.
MEPHISTOPHELES. Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen Denn eben wo Begriffe fehlen, Da stellt…
SCHÜLER. Verzeiht, ich halt’ Euch auf mit vielen Fragen, Allein ich muß Euch noch bemühn. Wollt Ihr mir…
MEPHISTOPHELES (für sich). Ich bin des trocknen Tons nun satt, Muß wieder recht den Teufel spielen. (Laut.) Der…
SCHÜLER. Das sieht schon besser aus! Man sieht doch, wo und wie.
MEPHISTOPHELES. Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, Und grün des Lebens goldner Baum.
SCHÜLER. Ich schwör Euch zu, mir ist’s als wie ein Traum. Dürft ich Euch wohl ein andermal beschweren,…
MEPHISTOPHELES. Was ich vermag, soll gern geschehn.
SCHÜLER. Ich kann unmöglich wieder gehn, Ich muß Euch noch mein Stammbuch überreichen, Gönn Eure Gunst mir dieses…
MEPHISTOPHELES. Sehr wohl. (Er schreibt und gibt’s.)
SCHÜLER (liest). Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum. (Macht’s ehrerbietig zu und empfiehlt sich.)
MEPHISTOPHELES. Folg nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange, Dir wird gewiß einmal bei deiner Gottähnlichkeit…
FAUST. Wohin soll es nun gehn?
MEPHISTOPHELES. Wohin es dir gefällt. Wir sehn die kleine, dann die große Welt. Mit welcher Freude, welchem Nutzen…
FAUST. Allein bei meinem langen Bart Fehlt mir die leichte Lebensart. Es wird mir der Versuch nicht glücken;…
MEPHISTOPHELES. Mein guter Freund, das wird sich alles geben; Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.
FAUST. Wie kommen wir denn aus dem Haus? Wo hast du Pferde, Knecht und Wagen?
MEPHISTOPHELES. Wir breiten nur den Mantel aus, Der soll uns durch die Lüfte tragen. Du nimmst bei diesem…
Auerbachs Keller in Leipzig
Zeche lustiger Gesellen.
FROSCH. Will keiner trinken? keiner lachen? Ich will euch lehren Gesichter machen! Ihr seid ja heut wie nasses…
BRANDER. Das liegt an dir; du bringst ja nichts herbei, Nicht eine Dummheit, keine Sauerei.
FROSCH (giesst ihm ein Glas Wein über den Kopf). Da hast du beides!
BRANDER. Doppelt Schwein!
FROSCH. Ihr wollt es ja, man soll es sein!
SIEBEL. Zur Tür hinaus, er sich entzweit! Mit offner Brust singt Runda, sauft und schreit! Auf! Holla! Ho!
ALTMAYER. Weh mir, ich bin verloren! Baumwolle her! der Kerl sprengt mir die Ohren.
SIEBEL. Wenn das Gewölbe widerschallt, Fühlt man erst recht des Basses Grundgewalt.
FROSCH. So recht, hinaus mit dem, der etwas übel nimmt! A! tara lara da!
ALTMAYER. A! tara lara da!
FROSCH. Die Kehlen sind gestimmt. (Singt.) Das liebe Heil’ge Röm’sche Reich, Wie hält’s nur noch zusammen?
BRANDER. Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied! Ein leidig Lied! Dankt Gott mit jedem Morgen, Daß ihr…
FROSCH (singt). Schwing dich auf, Frau Nachtigall, Grüß mir mein Liebchen zehentausendmal.
SIEBEL. Dem Liebchen keinen Gruß! ich will davon nichts hören!
FROSCH. Dem Liebchen Gruß und Kuß! du wirst mir’s nicht verwehren!
(Singt.) Riegel auf! in stiller Nacht. Riegel auf! der Liebste wacht. Riegel zu! des Morgens früh.
SIEBEL. Ja, singe, singe nur und lob und rühme sie! Ich will zu meiner Zeit schon lachen. Sie…
BRANDER (auf den Tisch schlagend). Paßt auf! paßt auf! Gehorchet mir! Ihr Herrn, gesteht, ich weiß zu leben…
CHORUS (jauchzend). Als hätte sie Lieb im Leibe.
BRANDER. Sie fuhr herum, sie fuhr heraus, Und soff aus allen Pfützen, Zernagt’, zerkratzt, das ganze Haus, Wollte…
CHORUS. Als hätt es Lieb im Leibe.
BRANDER. Sie kam vor Angst am hellen Tag Der Küche zugelaufen, Fiel an den Herd und zuckt, und…
CHORUS. Als hätte sie Lieb im Leibe.
SIEBEL. Wie sich die platten Bursche freuen! Es ist mir eine rechte Kunst, Den armen Ratten Gift zu…
BRANDER. Sie stehn wohl sehr in deiner Gunst?
ALTMAYER. Der Schmerbauch mit der kahlen Platte! Das Unglück macht ihn zahm und mild; Er sieht in der…
MEPHISTOPHELES. Ich muß dich nun vor allen Dingen In lustige Gesellschaft bringen, Damit du siehst, wie leicht sich’s…
BRANDER. Die kommen eben von der Reise, Man sieht’s an ihrer wunderlichen Weise; Sie sind nicht eine Stunde…
FROSCH. Wahrhaftig, du hast recht! Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris, und bildet seine…
SIEBEL. Für was siehst du die Fremden an?
FROSCH. Laß mich nur gehn! Bei einem vollen Glase Zieh ich, wie einen Kinderzahn, Den Burschen leicht die…
BRANDER. Marktschreier sind’s gewiß, ich wette!
ALTMAYER. Vielleicht.
FROSCH. Gib acht, ich schraube sie!
MEPHISTOPHELES (zu Faust). Den Teufel spürt das Völkchen nie, Und wenn er sie beim Kragen hätte.
FAUST. Seid uns gegrüßt, ihr Herrn!
SIEBEL. Viel Dank zum Gegengruß. (Leise, Mephistopheles von der Seite ansehend.) Was hinkt der Kerl auf einem Fuß?
MEPHISTOPHELES. Ist es erlaubt, uns auch zu euch zu setzen? Statt eines guten Trunks, den man nicht haben…
ALTMAYER. Ihr scheint ein sehr verwöhnter Mann.
FROSCH. Ihr seid wohl spät von Rippach aufgebrochen? Habt ihr mit Herren Hans noch erst zu Nacht gespeist?
MEPHISTOPHELES. Heut sind wir ihn vorbeigereist! Wir haben ihn das letztemal gesprochen. Von seinen Vettern wußt er viel…
ALTMAYER (leise). Da hast du’s! der versteht’s!
SIEBEL. Ein pfiffiger Patron!
FROSCH. Nun, warte nur, ich krieg ihn schon!
MEPHISTOPHELES. Wenn ich nicht irrte, hörten wir Geübte Stimmen Chorus singen? Gewiß, Gesang muß trefflich hier Von dieser…
FROSCH. Seid Ihr wohl gar ein Virtuos?
MEPHISTOPHELES. O nein! die Kraft ist schwach, allein die Lust ist groß.
ALTMAYER. Gebt uns ein Lied!
MEPHISTOPHELES. Wenn ihr begehrt, die Menge.
SIEBEL. Nur auch ein nagelneues Stück!
MEPHISTOPHELES. Wir kommen erst aus Spanien zurück, Dem schönen Land des Weins und der Gesänge. (Singt). Es war…
FROSCH. Horcht! Einen Floh! Habt ihr das wohl gefaßt? Ein Floh ist mir ein saubrer Gast.
MEPHISTOPHELES (singt). Es war einmal ein König Der hatt einen großen Floh, Den liebt’ er gar nicht wenig,…
BRANDER. Vergeßt nur nicht, dem Schneider einzuschärfen, Daß er mir aufs genauste mißt, Und daß, so lieb sein…
MEPHISTOPHELES. In Sammet und in Seide War er nun angetan Hatte Bänder auf dem Kleide, Hatt auch ein…
Und Herrn und Fraun am Hofe, Die waren sehr geplagt, Die Königin und die Zofe Gestochen und genagt,…
CHORUS (jauchzend). Wir knicken und ersticken Doch gleich, wenn einer sticht.
FROSCH. Bravo! Bravo! Das war schön!
SIEBEL. So soll es jedem Floh ergehn!
BRANDER. Spitzt die Finger und packt sie fein!
ALTMAYER. Es lebe die Freiheit! Es lebe der Wein!
MEPHISTOPHELES. Ich tränke gern ein Glas, die Freiheit hoch zu ehren, Wenn eure Weine nur ein bißchen besser…
SIEBEL. Wir mögen das nicht wieder hören!
MEPHISTOPHELES. Ich fürchte nur, der Wirt beschweret sich; Sonst gäb ich diesen werten Gästen Aus unserm Keller was…
SIEBEL. Nur immer her! ich nehm’s auf mich.
FROSCH. Schafft Ihr ein gutes Glas, so wollen wir Euch loben. Nur gebt nicht gar zu kleine Proben…
ALTMAYER (leise). Sie sind vom Rheine, wie ich spüre.
MEPHISTOPHELES. Schafft einen Bohrer an!
BRANDER. Was soll mit dem geschehn? Ihr habt doch nicht die Fässer vor der Türe?
ALTMAYER. Dahinten hat der Wirt ein Körbchen Werkzeug stehn.
MEPHISTOPHELES (nimmt den Bohrer. Zu Frosch). Nun sagt, was wünschet Ihr zu schmecken?
FROSCH. Wie meint Ihr das? Habt Ihr so mancherlei?
MEPHISTOPHELES. Ich stell es einem jeden frei.
ALTMAYER (zu Frosch). Aha! du fängst schon an, die Lippen abzulecken.
FROSCH. Gut! wenn ich wählen soll, so will ich Rheinwein haben. Das Vaterland verleiht die allerbesten Gaben.
MEPHISTOPHELES (indem er an dem Platz, wo Frosch sitzt, ein Loch in den Tischrand bohrt). Verschafft ein wenig…
ALTMAYER. Ach, das sind Taschenspielersachen.
MEPHISTOPHELES (zu Brander). Und Ihr?
BRANDER. Ich will Champagner Wein Und recht moussierend soll er sein! (Mephistopheles bohrt; einer hat indessen die Wachspfropfen…
SIEBEL (indem sich Mephistopheles seinem Platze nähert). Ich muß gestehn, den sauern mag ich nicht, Gebt mir ein…
MEPHISTOPHELES (bohrt). Euch soll sogleich Tokayer fließen.
ALTMAYER. Nein, Herren, seht mir ins Gesicht! Ich seh es ein, ihr habt uns nur zum besten.
MEPHISTOPHELES. Ei! Ei! Mit solchen edlen Gästen Wär es ein bißchen viel gewagt. Geschwind! Nur grad heraus gesagt!…
ALTMAYER. Mit jedem! Nur nicht lang gefragt. (Nachdem die Löcher alle gebohrt und verstopft sind.)
MEPHISTOPHELES (mit seltsamen Gebärden). Trauben trägt der Weinstock! Hörner der Ziegenbock; Der Wein ist saftig, Holz die Reben,…
ALLE (indem sie die Pfropfen ziehen und jedem der verlangte Wein ins Glas läuft). O schöner Brunnen, der…
MEPHISTOPHELES. Nur hütet euch, daß ihr mir nichts vergießt! (Sie trinken wiederholt.)
ALLE (singen). Uns ist ganz kannibalisch wohl, Als wie fünfhundert Säuen!
MEPHISTOPHELES. Das Volk ist frei, seht an, wie wohl’s ihm geht!
FAUST. Ich hätte Lust, nun abzufahren.
MEPHISTOPHELES. Gib nur erst acht, die Bestialität Wird sich gar herrlich offenbaren.
SIEBEL (trinkt unvorsichtig, der Wein fließt auf die Erde und wird zur Flamme). Helft! Feuer! helft! Die Hölle…
MEPHISTOPHELES (die Flamme besprechend). Sei ruhig, freundlich Element! (Zu den Gesellen.) Für diesmal war es nur ein Tropfen…
SIEBEL. Was soll das sein? Wart! Ihr bezahlt es teuer! Es scheinet, daß Ihr uns nicht kennt.
FROSCH. Laß Er uns das zum zweiten Male bleiben!
ALTMAYER. Ich dächt, wir hießen ihn ganz sachte seitwärts gehn.
SIEBEL. Was, Herr? Er will sich unterstehn, Und hier sein Hokuspokus treiben?
MEPHISTOPHELES. Still, altes Weinfaß!
SIEBEL. Besenstiel! Du willst uns gar noch grob begegnen?
BRANDER. Wart nur, es sollen Schläge regnen!
ALTMAYER (zieht einen Pfropf aus dem Tisch, es springt ihm Feuer entgegen): Ich brenne! ich brenne!
SIEBEL. Zauberei! Stoßt zu! der Kerl ist vogelfrei! (Sie ziehen die Messer und gehn auf Mephistopheles los.)
MEPHISTOPHELES (mit ernsthafter Gebärde). Falsch Gebild und Wort Verändern Sinn und Ort! Seid hier und dort! (Sie stehn…
ALTMAYER. Wo bin ich? Welches schöne Land!
FROSCH. Weinberge! Seh ich recht?
SIEBEL. Und Trauben gleich zur Hand!
BRANDER. Hier unter diesem grünen Laube, Seht, welch ein Stock! Seht, welche Traube! (Er faßt Siebeln bei der…
MEPHISTOPHELES (wie oben). Irrtum, laß los der Augen Band! Und merkt euch, wie der Teufel spaße! (Er verschwindet…
SIEBEL. Was gibt’s?
ALTMAYER. Wie?
FROSCH. War das deine Nase?
BRANDER (zu Siebel). Und deine hab ich in der Hand!
ALTMAYER. Es war ein Schlag, der ging durch alle Glieder! Schafft einen Stuhl, ich sinke nieder!
FROSCH. Nein, sagt mir nur, was ist geschehn?
FROSCH. Wo ist der Kerl? Wenn ich ihn spüre, Er soll mir nicht lebendig gehn!
ALTMAYER. Ich hab ihn selbst hinaus zur Kellertüre— Auf einem Fasse reiten sehn— Es liegt mir bleischwer in…
SIEBEL. Betrug war alles, Lug und Schein.
FROSCH. Mir deuchte doch, als tränk ich Wein.
BRANDER. Aber wie war es mit den Trauben?
ALTMAYER. Nun sag mir eins, man soll kein Wunder glauben!
Hexenküche
Auf einem niedrigen Herd steht ein großer Kessel über dem Feuer. In dem Dampfe, der davon in die…
Faust. Mephistopheles.
FAUST. Mir widersteht das tolle Zauberwesen! Versprichst du mir, ich soll genesen In diesem Wust von Raserei? Verlang…
MEPHISTOPHELES. Mein Freund, nun sprichst du wieder klug! Dich zu verjüngen, gibt’s auch ein natürlich Mittel; Allein es…
FAUST. Ich will es wissen.
MEPHISTOPHELES. Gut! Ein Mittel, ohne Geld Und Arzt und Zauberei zu haben. Begib dich gleich hinaus aufs Feld,…
FAUST. Das bin ich nicht gewöhnt, ich kann mich nicht bequemen, Den Spaten in die Hand zu nehmen.…
MEPHISTOPHELES. So muß denn doch die Hexe dran.
FAUST. Warum denn just das alte Weib! Kannst du den Trank nicht selber brauen?
MEPHISTOPHELES. Das wär ein schöner Zeitvertreib! Ich wollt indes wohl tausend Brücken bauen. Nicht Kunst und Wissenschaft allein,…
DIE TIERE. Beim Schmause, Aus dem Haus Zum Schornstein hinaus!
MEPHISTOPHELES. Wie lange pflegt sie wohl zu schwärmen?
DIE TIERE. So lange wir uns die Pfoten wärmen.
MEPHISTOPHELES. (zu Faust). Wie findest du die zarten Tiere?
FAUST. So abgeschmackt, als ich nur jemand sah!
MEPHISTOPHELES. Nein, ein Discours wie dieser da Ist grade der, den ich am liebsten führe! (zu den Tieren.)…
DIE TIERE. Wir kochen breite Bettelsuppen.
MEPHISTOPHELES. Da habt ihr ein groß Publikum.
DER KATER (macht sich herbei und schmeichelt dem Mephistopheles). O würfle nur gleich, Und mache mich reich, Und…
MEPHISTOPHELES. Wie glücklich würde sich der Affe schätzen, Könnt er nur auch ins Lotto setzen! (Indessen haben die…
DER KATER. Das ist die Welt; Sie steigt und fällt Und rollt beständig; Sie klingt wie Glas; Wie…
MEPHISTOPHELES. Was soll das Sieb?
DER KATER (holt es herunter). Wärst du ein Dieb, Wollt ich dich gleich erkennen. (Er lauft zur Kätzin…
MEPHISTOPHELES (sich dem Feuer nähernd). Und dieser Topf?
KATER UND KÄTZIN. Der alberne Tropf! Er kennt nicht den Topf, Er kennt nicht den Kessel!
MEPHISTOPHELES. Unhöfliches Tier!
DER KATER. Den Wedel nimm hier, Und setz dich in Sessel! (Er nötigt den Mephistopheles zu sitzen.)
FAUST (welcher diese Zeit über vor einem Spiegel gestanden, sich ihm bald genähert, bald sich von ihm entfernt…
MEPHISTOPHELES. Natürlich, wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt, Und selbst am Ende Bravo sagt, Da muß…
Hier sitz ich wie der König auf dem Throne, Den Zepter halt ich hier, es fehlt nur noch…
DIE TIERE (welche bisher allerlei wunderliche Bewegungen durcheinander gemacht haben, bringen dem Mephistopheles eine Krone mit großem Geschrei).…
Nun ist es geschehn! Wir reden und sehn, Wir hören und reimen.
FAUST (gegen den Spiegel). Weh mir! ich werde schier verrückt.
MEPHISTOPHELES (auf die Tiere deutend). Nun fängt mir an fast selbst der Kopf zu schwanken.
DIE TIERE. Und wenn es uns glückt, Und wenn es sich schickt, So sind es Gedanken!
FAUST (wie oben). Mein Busen fängt mir an zu brennen! Entfernen wir uns nur geschwind!
MEPHISTOPHELES (in obiger Stellung). Nun, wenigstens muß man bekennen, Daß es aufrichtige Poeten sind. (Der Kessel, welchen die…
DIE HEXE. Au! Au! Au! Au! Verdammtes Tier! verfluchte Sau! Versäumst den Kessel, versengst die Frau! Verfluchtes Tier!…
MEPHISTOPHELES (welcher den Wedel, den er in der Hand hält, umkehrt und unter die Gläser und Töpfe schlägt).…
DIE HEXE. O Herr, verzeiht den rohen Gruß! Seh ich doch keinen Pferdefuß. Wo sind denn Eure beiden…
MEPHISTOPHELES. Für diesmal kommst du so davon; Denn freilich ist es eine Weile schon, Daß wir uns nicht…
DIE HEXE (tanzend). Sinn und Verstand verlier ich schier, Seh ich den Junker Satan wieder hier!
MEPHISTOPHELES. Den Namen, Weib, verbitt ich mir!
DIE HEXE. Warum? Was hat er Euch getan?
MEPHISTOPHELES. Er ist schon lang ins Fabelbuch geschrieben; Allein die Menschen sind nichts besser dran, Den Bösen sind…
DIE HEXE (lacht unmäßig). Ha! Ha! Das ist in Eurer Art! Ihr seid ein Schelm, wie Ihr nur…
MEPHISTOPHELES (zu Faust). Mein Freund, das lerne wohl verstehn! Dies ist die Art, mit Hexen umzugehn.
DIE HEXE. Nun sagt, ihr Herren, was ihr schafft.
MEPHISTOPHELES. Ein gutes Glas von dem bekannten Saft! Doch muß ich Euch ums ältste bitten; Die Jahre doppeln…
DIE HEXE. Gar gern! Hier hab ich eine Flasche, Aus der ich selbst zuweilen nasche, Die auch nicht…
MEPHISTOPHELES. Es ist ein guter Freund, dem es gedeihen soll; Ich gönn ihm gern das Beste deiner Küche.…
FAUST (zu Mephistopheles). Nein, sage mir, was soll das werden? Das tolle Zeug, die rasenden Gebärden, Der abgeschmackteste…
MEPHISTOPHELES. Ei Possen! Das ist nur zum Lachen; Sei nur nicht ein so strenger Mann! Sie muß als…
DIE HEXE (mit großer Emphase fängt an, aus dem Buche zu deklamieren). Du mußt verstehn! Aus Eins mach…
FAUST. Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber.
MEPHISTOPHELES. Das ist noch lange nicht vorüber, Ich kenn es wohl, so klingt das ganze Buch; Ich habe…
DIE HEXE (fährt fort). Die hohe Kraft Der Wissenschaft, Der ganzen Welt verborgen! Und wer nicht denkt, Dem…
FAUST. Was sagt sie uns für Unsinn vor? Es wird mir gleich der Kopf zerbrechen. Mich dünkt, ich…
MEPHISTOPHELES. Genug, genug, o treffliche Sibylle! Gib deinen Trank herbei, und fülle Die Schale rasch bis an den…
Nur frisch hinunter! Immer zu! Es wird dir gleich das Herz erfreuen. Bist mit dem Teufel du und…
Nun frisch hinaus! Du darfst nicht ruhn.
DIE HEXE. Mög Euch das Schlückchen wohl behagen!
MEPHISTOPHELES (zur Hexe). Und kann ich dir was zu Gefallen tun, So darfst du mir’s nur auf Walpurgis…
DIE HEXE. Hier ist ein Lied! wenn Ihr’s zuweilen singt, So werdet Ihr besondre Wirkung spüren.
MEPHISTOPHELES (zu Faust). Komm nur geschwind und laß dich führen; Du mußt notwendig transpirieren, Damit die Kraft durch…
FAUST. Laß mich nur schnell noch in den Spiegel schauen! Das Frauenbild war gar zu schön!
MEPHISTOPHELES. Nein! Nein! Du sollst das Muster aller Frauen Nun bald leibhaftig vor dir sehn. (Leise.)
Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, Bald Helenen in jedem Weibe.
Straße (I)
Faust. Margarete vorübergehend.
FAUST. Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?
MARGARETE. Bin weder Fräulein, weder schön, Kann ungeleitet nach Hause gehn. (Sie macht sich los und ab.)
FAUST. Beim Himmel, dieses Kind ist schön! So etwas hab ich nie gesehn. Sie ist so sitt- und…
FAUST. Hör, du mußt mir die Dirne schaffen!
MEPHISTOPHELES. Nun, welche?
FAUST. Sie ging just vorbei.
MEPHISTOPHELES. Da die? Sie kam von ihrem Pfaffen, Der sprach sie aller Sünden frei Ich schlich mich hart…
FAUST. Ist über vierzehn Jahr doch alt.
MEPHISTOPHELES. Du sprichst ja wie Hans Liederlich, Der begehrt jede liebe Blum für sich, Und dünkelt ihm, es…
FAUST. Mein Herr Magister Lobesan, Laß Er mich mit dem Gesetz in Frieden! Und das sag ich Ihm…
MEPHISTOPHELES. Bedenkt, was gehn und stehen mag! Ich brauche wenigstens vierzehn Tag, Nur die Gelegenheit auszuspüren.
FAUST. Hätt ich nur sieben Stunden Ruh, Brauchte den Teufel nicht dazu So ein Geschöpfchen zu verführen.
MEPHISTOPHELES. Ihr sprecht schon fast wie ein Franzos; Doch bitt ich, laßt’s Euch nicht verdrießen. Was hilft’s, nur…
FAUST. Hab Appetit auch ohne das.
MEPHISTOPHELES. Jetzt ohne Schimpf und ohne Spaß. Ich sag Euch, mit dem schönen Kind Geht’s ein für allemal…
FAUST. Schaff mir etwas vom Engelsschatz! Führ mich an ihren Ruheplatz! Schaff mir ein Halstuch von ihrer Brust,…
MEPHISTOPHELES. Damit Ihr seht, daß ich Eurer Pein Will förderlich und dienstlich sein’ Wollen wir keinen Augenblick verlieren,…
FAUST. Und soll sie sehn? sie haben?
MEPHISTOPHELES. Nein! Sie wird bei einer Nachbarin sein. Indessen könnt Ihr ganz allein An aller Hoffnung künft’ger Freuden…
FAUST. Können wir hin?
MEPHISTOPHELES. Es ist noch zu früh. FAUST. Sorg du mir für ein Geschenk für sie! (Ab.)
MEPHISTOPHELES. Gleich schenken? Das ist brav! Da wird er reüssieren! Ich kenne manchen schönen Platz Und manchen altvergrabnen…
Abend.
Ein kleines reinliches Zimmer
MARGARETE (ihre Zöpfe flechtend und aufbindend.) Ich gäb was drum, wenn ich nur wüßt, Wer heut der Herr…
MEPHISTOPHELES. Herein, ganz leise, nur herein!
FAUST (nach einigem Stillschweigen). Ich bitte dich, laß mich allein!
MEPHISTOPHELES (herumspürend). Nicht jedes Mädchen hält so rein. (Ab.)
FAUST (rings aufschauend). Willkommen, süßer Dämmerschein, Der du dies Heiligtum durchwebst! Ergreif mein Herz, du süße Liebespein, Die…
O nimm mich auf, der du die Vorwelt schon Bei Freud und Schmerz im offnen Arm empfangen! Wie…
Was faßt mich für ein Wonnegraus! Hier möcht ich volle Stunden säumen. Natur, hier bildetest in leichten Träumen…
Und du! Was hat dich hergeführt? Wie innig fühl ich mich gerührt! Was willst du hier? Was wird…
Umgibt mich hier ein Zauberduft? Mich drang’s, so grade zu genießen, Und fühle mich in Liebestraum zerfließen! Sind…
Und träte sie den Augenblick herein, Wie würdest du für deinen Frevel büßen! Der große Hans, ach wie…
MEPHISTOPHELES (kommt). Geschwind! ich seh sie unten kommen.
FAUST. Fort! Fort! Ich kehre nimmermehr!
MEPHISTOPHELES. Hier ist ein Kästchen leidlich schwer, Ich hab’s wo anders hergenommen. Stellt’s hier nur immer in den…
FAUST. Ich weiß nicht, soll ich?
MEPHISTOPHELES. Fragt Ihr viel? Meint Ihr vielleicht den Schatz zu wahren? Dann rat ich Eurer Lüsternheit, Die liebe…
MARGARETE (mit einer Lampe.) Es ist so schwül, so dumpfig hie (sie macht das Fenster auf) Und ist…
Es war ein König in Thule Gar treu bis an das Grab, Dem sterbend seine Buhle Einen goldnen…
Es ging ihm nichts darüber, Er leert ihn jeden Schmaus; Die Augen gingen ihm über, Sooft er trank…
Und als er kam zu sterben, Zählt er seine Städt im Reich, Gönnt alles seinem Erben, Den Becher…
Er saß beim Königsmahle, Die Ritter um ihn her, Auf hohem Vätersaale, Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher, Trank letzte Lebensglut Und warf den heiligen Becher Hinunter in die Flut.
Er sah ihn stürzen, trinken Und sinken tief ins Meer, Die Augen täten ihm sinken, Trank nie einen…
(Sie eröffnet den Schrein, ihre Kleider einzuräumen, und erblickt das Schmuckkästchen.)
Wie kommt das schöne Kästchen hier herein? Ich schloß doch ganz gewiß den Schrein. Es ist doch wunderbar!…
(Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.)
Wenn nur die Ohrring meine wären! Man sieht doch gleich ganz anders drein. Was hilft euch Schönheit, junges…
Spaziergang
Faust in Gedanken auf und ab gehend. Zu ihm Mephistopheles.
MEPHISTOPHELES. Bei aller verschmähten Liebe! Beim höllischen Elemente! Ich wollt, ich wüßte was Ärgers, daß ich’s fluchen könnte!
FAUST. Was hast? was kneipt dich denn so sehr? So kein Gesicht sah ich in meinem Leben!
MEPHISTOPHELES. Ich möcht mich gleich dem Teufel übergeben, Wenn ich nur selbst kein Teufel wär!
FAUST. Hat sich dir was im Kopf verschoben? Dich kleidet’s wie ein Rasender zu toben!
MEPHISTOPHELES. Denkt nur, den Schmuck, für Gretchen angeschafft, Den hat ein Pfaff hinweggerafft! Die Mutter kriegt das Ding…
FAUST. Das ist ein allgemeiner Brauch, Ein Jud und König kann es auch.
MEPHISTOPHELES. Strich drauf ein Spange, Kett und Ring’, Als wären’s eben Pfifferling’, Dankt’ nicht weniger und nicht mehr,…
FAUST. Und Gretchen?
MEPHISTOPHELES. Sitzt nun unruhvoll, Weiß weder, was sie will noch soll, Denkt ans Geschmeide Tag und Nacht, Noch…
FAUST. Des Liebchens Kummer tut mir leid. Schaff du ihr gleich ein neu Geschmeid! Am ersten war ja…
MEPHISTOPHELES. O ja, dem Herrn ist alles Kinderspiel!
FAUST. Und mach, und richt’s nach meinem Sinn, Häng dich an ihre Nachbarin! Sei, Teufel, doch nur nicht…
MEPHISTOPHELES. Ja, gnäd’ger Herr, von Herzen gerne. (Faust ab.)
So ein verliebter Tor verpufft Euch Sonne, Mond und alle Sterne Zum Zeitvertreib dem Liebchen in die Luft.…
Der Nachbarin Haus
Marthe allein.
Gott verzeih’s meinem lieben Mann, Er hat an mir nicht wohl getan! Geht da stracks in die Welt…
(Margarete kommt.)
MARGARETE. Frau Marthe!
MARTHE. Gretelchen, was soll’s?
MARGARETE. Fast sinken mir die Kniee nieder! Da find ich so ein Kästchen wieder In meinem Schrein, von…
MARTHE. Das muß Sie nicht der Mutter sagen; Tät’s wieder gleich zur Beichte tragen.
MARGARETE. Ach seh Sie nur! ach schau Sie nur!
MARTHE (putzt sie auf). O du glücksel’ge Kreatur!
MARGARETE. Darf mich, leider, nicht auf der Gassen Noch in der Kirche mit sehen lassen.
MARTHE. Komm du nur oft zu mir herüber, Und leg den Schmuck hier heimlich an; Spazier ein Stündchen…
MARGARETE. Wer konnte nur die beiden Kästchen bringen? Es geht nicht zu mit rechten Dingen! (Es klopft.)
Ach Gott! mag das meine Mutter sein?
MARTHE (durchs Vorhängel guckend). Es ist ein fremder Herr—Herein!
(Mephistopheles tritt auf.)
MEPHISTOPHELES. Bin so frei, grad hereinzutreten, Muß bei den Frauen Verzeihn erbeten. (Tritt ehrerbietig vor Margareten zurück.)
Wollte nach Frau Marthe Schwerdtlein fragen!
MARTHE. Ich bin’s, was hat der Herr zu sagen?
MEPHISTOPHELES (leise zu ihr). Ich kenne Sie jetzt, mir ist das genug; Sie hat da gar vornehmen Besuch.…
MARTHE (lacht). Denk, Kind, um alles in der Welt! Der Herr dich für ein Fräulein hält.
MARGARETE. Ich bin ein armes junges Blut; Ach Gott! der Herr ist gar zu gut. Schmuck und Geschmeide…
MEPHISTOPHELES. Ach, es ist nicht der Schmuck allein; Sie hat ein Wesen, einen Blick so scharf! Wie freut…
MARTHE. Was bringt Er denn? Verlange sehr—
MEPHISTOPHELES. Ich wollt, ich hätt eine frohere Mär! Ich hoffe, Sie läßt mich’s drum nicht büßen. Ihr Mann…
MARTHE. Ist tot? das treue Herz! O weh! Mein Mann ist tot! Ach ich vergeh!
MARGARETE. Ach! liebe Frau, verzweifelt nicht!
MEPHISTOPHELES. So hört die traurige Geschicht!
MARGARETE. Ich möchte drum mein’ Tag’ nicht lieben, Würde mich Verlust zu Tode betrüben.
MEPHISTOPHELES. Freud muß Leid, Leid muß Freude haben.
MARTHE. Erzählt mir seines Lebens Schluß!
MEPHISTOPHELES. Er liegt in Padua begraben Beim heiligen Antonius An einer wohlgeweihten Stätte Zum ewig kühlen Ruhebette.
MARTHE. Habt Ihr sonst nichts an mich zu bringen?
MEPHISTOPHELES. Ja, eine Bitte, groß und schwer. Laß Sie doch ja für ihn dreihundert Messen singen! Im übrigen…
MARTHE. Was! nicht ein Schaustück? kein Geschmeid? Was jeder Handwerksbursch im Grund des Säckels spart, Zum Angedenken aufbewahrt,…
MEPHISTOPHELES. Madam, es tut mir herzlich leid; Allein er hat sein Geld wahrhaftig nicht verzettelt. Auch er bereute…
MARGARETE. Ach! daß die Menschen so unglücklich sind! Gewiß, ich will für ihn manch Requiem noch beten.
MEPHISTOPHELES. Ihr wäret wert, gleich in die Eh zu treten. Ihr seid ein liebenswürdig Kind.
MARGARETE. Ach nein, das geht jetzt noch nicht an.
MEPHISTOPHELES. Ist’s nicht ein Mann, sei’s derweil ein Galan. ’s ist eine der größten Himmelsgaben, So ein lieb…
MARGARETE. Das ist des Landes nicht der Brauch.
MEPHISTOPHELES. Brauch oder nicht! Es gibt sich auch.
MARTHE. Erzählt mir doch!
MEPHISTOPHELES. Ich stand an seinem Sterbebette, Es war was besser als von Mist, Von halbgefaultem Stroh; allein er…
MARTHE (weinend). Der gute Mann! ich hab ihm längst vergeben.
MEPHISTOPHELES. “Allein, weiß Gott! sie war mehr schuld als ich.”
MARTHE. Das lügt er! Was! am Rand des Grabs zu lügen!
MEPHISTOPHELES. Er fabelte gewiß in letzten Zügen, Wenn ich nur halb ein Kenner bin. “Ich hatte”, sprach er,…
MARTHE. Hat er so aller Treu, so aller Lieb vergessen, Der Plackerei bei Tag und Nacht!
MEPHISTOPHELES. Nicht doch, er hat Euch herzlich dran gedacht. Er sprach: “Als ich nun weg von Malta ging…
MARTHE. Ei wie? Ei wo? Hat er’s vielleicht vergraben?
MEPHISTOPHELES. Wer weiß, wo nun es die vier Winde haben. Ein schönes Fräulein nahm sich seiner an, Als…
MARTHE. Der Schelm! der Dieb an seinen Kindern! Auch alles Elend, alle Not Konnt nicht sein schändlich Leben…
MEPHISTOPHELES. Ja seht! dafür ist er nun tot. Wär ich nun jetzt an Eurem Platze, Betraurt ich ihn…
MARTHE. Ach Gott! wie doch mein erster war, Find ich nicht leicht auf dieser Welt den andern! Es…
MEPHISTOPHELES. Nun, nun, so konnt es gehn und stehen, Wenn er Euch ungefähr so viel Von seiner Seite…
MARTHE. O es beliebt dem Herrn zu scherzen!
MEPHISTOPHELES (für sich). Nun mach ich mich beizeiten fort! Die hielte wohl den Teufel selbst beim Wort. (Zu…
MARGARETE. Was meint der Herr damit?
MEPHISTOPHELES (für sich). Du guts, unschuldigs Kind! (Laut.) Lebt wohl, ihr Frau’n!
MARGARETE. Lebt wohl!
MARTHE. O sagt mir doch geschwind! Ich möchte gern ein Zeugnis haben, Wo, wie und wann mein Schatz…
MEPHISTOPHELES. Ja, gute Frau, durch zweier Zeugen Mund Wird allerwegs die Wahrheit kund; Habe noch gar einen feinen…
MARTHE. O tut das ja!
MEPHISTOPHELES. Und hier die Jungfrau ist auch da? Ein braver Knab! ist viel gereist, Fräuleins alle Höflichkeit erweist.
MARGARETE. Müßte vor dem Herren schamrot werden.
MEPHISTOPHELES. Vor keinem Könige der Erden.
MARTHE. Da hinterm Haus in meinem Garten Wollen wir der Herren heut abend warten.
Straße (II)
Faust. Mephistopheles.
FAUST. Wie ist’s? Will’s fördern? Will’s bald gehn?
MEPHISTOPHELES. Ah bravo! Find ich Euch in Feuer? In kurzer Zeit ist Gretchen Euer. Heut abend sollt Ihr…
FAUST. So recht!
MEPHISTOPHELES. Doch wird auch was von uns begehrt.
FAUST. Ein Dienst ist wohl des andern wert.
MEPHISTOPHELES. Wir legen nur ein gültig Zeugnis nieder, Daß ihres Ehherrn ausgereckte Glieder In Padua an heil’ger Stätte…
FAUST. Sehr klug! Wir werden erst die Reise machen müssen!
MEPHISTOPHELES. Sancta Simplicitas! darum ist’s nicht zu tun; Bezeugt nur, ohne viel zu wissen.
FAUST. Wenn Er nichts Bessers hat, so ist der Plan zerrissen.
MEPHISTOPHELES. O heil’ger Mann! Da wärt Ihr’s nun! Ist es das erstemal in eurem Leben, Daß Ihr falsch…
FAUST. Du bist und bleibst ein Lügner, ein Sophiste.
MEPHISTOPHELES. Ja, wenn man’s nicht ein bißchen tiefer wüßte. Denn morgen wirst, in allen Ehren, Das arme Gretchen…
FAUST. Und zwar von Herzen.
MEPHISTOPHELES. Gut und schön! Dann wird von ewiger Treu und Liebe, von einzig überallmächt’gem Triebe— Wird das auch…
FAUST. Laß das! Es wird!—Wenn ich empfinde, Für das Gefühl, für das Gewühl Nach Namen suche, keinen finde,…
MEPHISTOPHELES. Ich hab doch recht!
FAUST. Hör! merk dir dies— Ich bitte dich, und schone meine Lunge— Wer recht behalten will und hat…
Garten
Margarete an Faustens Arm, Marthe mit Mephistopheles auf und ab spazierend.
MARGARETE. Ich fühl es wohl, daß mich der Herr nur schont, Herab sich läßt, mich zu beschämen. Ein…
FAUST. Ein Blick von dir, ein Wort mehr unterhält Als alle Weisheit dieser Welt. (Er küßt ihre Hand.)
MARGARETE. Inkommodiert Euch nicht! Wie könnt Ihr sie nur küssen? Sie ist so garstig, ist so rauh! Was…
MARTHE. Und Ihr, mein Herr, Ihr reist so immer fort?
MEPHISTOPHELES. Ach, daß Gewerb und Pflicht uns dazu treiben! Mit wieviel Schmerz verläßt man manchen Ort Und darf…
MARTHE. In raschen Jahren geht’s wohl an So um und um frei durch die Welt zu streifen; Doch…
MEPHISTOPHELES. Mit Grausen seh ich das von weiten.
MARTHE. Drum, werter Herr, beratet Euch in Zeiten. (Gehn vorüber.)
MARGARETE. Ja, aus den Augen, aus dem Sinn! Die Höflichkeit ist Euch geläufig; Allein Ihr habt der Freunde…
FAUST. O Beste! glaube, was man so verständig nennt, Ist oft mehr Eitelkeit und Kurzsinn.
MARGARETE. Wie?
FAUST. Ach, daß die Einfalt, daß die Unschuld nie Sich selbst und ihren heil’gen Wert erkennt! Daß Demut,…
MARGARETE. Denkt Ihr an mich ein Augenblickchen nur, Ich werde Zeit genug an Euch zu denken haben.
FAUST. Ihr seid wohl viel allein?
MARGARETE. Ja, unsre Wirtschaft ist nur klein, Und doch will sie versehen sein. Wir haben keine Magd; muß…
FAUST. Ein Engel, wenn dir’s glich.
MARGARETE. Ich zog es auf, und herzlich liebt es mich. Es war nach meines Vaters Tod geboren. Die…
FAUST. Du hast gewiß das reinste Glück empfunden.
MARGARETE. Doch auch gewiß gar manche schwere Stunden. Des Kleinen Wiege stand zu Nacht An meinem Bett; es…
MARTHE. Die armen Weiber sind doch übel dran. Ein Hagestolz ist schwerlich zu bekehren.
MEPHISTOPHELES. Es käme nur auf Euresgleichen an, Mich eines Bessern zu belehren.
MARTHE. Sagt grad, mein Herr, habt Ihr noch nichts gefunden? Hat sich das Herz nicht irgendwo gebunden?
MEPHISTOPHELES. Das Sprichwort sagt: Ein eigner Herd, Ein braves Weib sind Gold und Perlen wert.
MARTHE. Ich meine: ob Ihr niemals Lust bekommen?
MEPHISTOPHELES. Man hat mich überall recht höflich aufgenommen.
MARTHE. Ich wollte sagen: ward’s nie Ernst in Eurem Herzen?
MEPHISTOPHELES. Mit Frauen soll man sich nie unterstehn zu scherzen.
MARTHE. Ach, Ihr versteht mich nicht!
MEPHISTOPHELES. Das tut mir herzlich leid! Doch ich versteh’—daß Ihr sehr gütig seid. (Gehn vorüber.)
FAUST. Du kanntest mich, o kleiner Engel, wieder, Gleich als ich in den Garten kam?
MARGARETE. Saht Ihr es nicht, ich schlug die Augen nieder.
FAUST. Und du verzeihst die Freiheit, die ich nahm? Was sich die Frechheit unterfangen, Als du jüngst aus…
MARGARETE. Ich war bestürzt, mir war das nie geschehn; Es konnte niemand von mir Übels sagen. Ach, dacht…
FAUST. Süß Liebchen!
MARGARETE. Laßt einmal! (Sie pflückt eine Sternblume und zupft die Blätter ab, eins nach dem andern.)
FAUST. Was soll das? Einen Strauß?
MARGARETE. Nein, es soll nur ein Spiel.
FAUST. Wie?
MARGARETE. Geht! Ihr lacht mich aus. (Sie rupft und murmelt.)
FAUST. Was murmelst du?
MARGARETE (halblaut). Er liebt mich—liebt mich nicht. FAUST. Du holdes Himmelsangesicht!
MARGARETE (fährt fort). Liebt mich—nicht—liebt mich—nicht— (Das letzte Blatt ausrupfend, mit holder Freude.) Er liebt mich!
FAUST. Ja, mein Kind! Laß dieses Blumenwort Dir Götterausspruch sein. Er liebt dich! Verstehst du, was das heißt?…
MARGARETE. Mich überläuft’s!
FAUST. O schaudre nicht! Laß diesen Blick, Laß diesen Händedruck dir sagen Was unaussprechlich ist. Sich hinzugeben ganz…
MARTHE (kommend). Die Nacht bricht an.
MEPHISTOPHELES. Ja, und wir wollen fort.
MARTHE. Ich bät Euch, länger hier zu bleiben, Allein es ist ein gar zu böser Ort. Es ist,…
MEPHISTOPHELES. Ist den Gang dort aufgeflogen. Mutwill’ge Sommervögel!
MARTHE. Er scheint ihr gewogen.
MEPHISTOPHELES. Und sie ihm auch. Das ist der Lauf der Welt.
Ein Gartenhäuschen
Margarete springt herein, steckt sich hinter die Tür, hält die Fingerspitze an die Lippen und guckt durch die…
MARGARETE. Er kommt!
FAUST (kommt). Ach, Schelm, so neckst du mich! Treff ich dich! (Er küßt sie.)
MARGARETE (ihn fassend und den Kuß zurückgebend). Bester Mann! von Herzen lieb ich dich! (Mephistopheles klopft an.)
FAUST (stampfend). Wer da?
MEPHISTOPHELES. Gut Freund!
FAUST. Ein Tier!
MEPHISTOPHELES. Es ist wohl Zeit zu scheiden.
MARTHE (kommt). Ja, es ist spät, mein Herr.
FAUST. Darf ich Euch nicht geleiten?
MARGARETE. Die Mutter würde mich—Lebt wohl!
FAUST. Muß ich denn gehn? Lebt wohl!
MARTHE. Ade!
MARGARETE. Auf baldig Wiedersehn! (Faust und Mephistopheles ab.)
MARGARETE. Du lieber Gott! was so ein Mann Nicht alles, alles denken kann! Beschämt nur steh ich vor…
Wald und Höhle
Faust allein.
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst Dein Angesicht…
O daß dem Menschen nichts Vollkommnes wird, Empfind ich nun. Du gabst zu dieser Wonne, Die mich den…
MEPHISTOPHELES. Habt Ihr nun bald das Leben gnug geführt? Wie kann’s Euch in die Länge freuen? Es ist…
FAUST. Ich wollt, du hättest mehr zu tun, Als mich am guten Tag zu plagen.
MEPHISTOPHELES. Nun, nun! ich laß dich gerne ruhn, Du darfst mir’s nicht im Ernste sagen. An dir Gesellen,…
FAUST. Das ist so just der rechte Ton! Er will noch Dank, daß er mich ennuyiert.
MEPHISTOPHELES. Wie hättst du, armer Erdensohn Dein Leben ohne mich geführt? Vom Kribskrabs der Imagination Hab ich dich…
FAUST. Verstehst du, was für neue Lebenskraft Mir dieser Wandel in der Öde schafft? Ja, würdest du es…
MEPHISTOPHELES. Ein überirdisches Vergnügen. In Nacht und Tau auf den Gebirgen liegen Und Erd und Himmel wonniglich umfassen,…
FAUST. Pfui über dich!
MEPHISTOPHELES. Das will Euch nicht behagen; Ihr habt das Recht, gesittet pfui zu sagen. Man darf das nicht…
FAUST. Schlange! Schlange!
MEPHISTOPHELES (für sich). Gelt! daß ich dich fange!
FAUST. Verruchter! hebe dich von hinnen, Und nenne nicht das schöne Weib! Bring die Begier zu ihrem süßen…
MEPHISTOPHELES. Was soll es denn? Sie meint, du seist entflohn, Und halb und halb bist du es schon.
FAUST. Ich bin ihr nah, und wär ich noch so fern, Ich kann sie nie vergessen, nie verlieren…
MEPHISTOPHELES. Gar wohl, mein Freund! Ich hab Euch oft beneidet Ums Zwillingspaar, das unter Rosen weidet.
FAUST. Entfliehe, Kuppler!
MEPHISTOPHELES. Schön! Ihr schimpft, und ich muß lachen. Der Gott, der Bub’ und Mädchen schuf, Erkannte gleich den…
FAUST. Was ist die Himmelsfreud in ihren Armen? Laß mich an ihrer Brust erwarmen! Fühl ich nicht immer…
MEPHISTOPHELES. Wie’s wieder siedet, wieder glüht! Geh ein und tröste sie, du Tor! Wo so ein Köpfchen keinen…
Gretchens Stube
Gretchen (am Spinnrad, allein).
GRETCHEN. Meine Ruh ist hin, Mein Herz ist schwer; Ich finde sie nimmer und nimmermehr.
Wo ich ihn nicht hab, Ist mir das Grab, Die ganze Welt Ist mir vergällt.
Mein armer Kopf Ist mir verrückt, Meiner armer Sinn Ist mir zerstückt.
Meine Ruh ist hin, Mein Herz ist schwer, Ich finde sie nimmer und nimmermehr.
Nach ihm nur schau ich Zum Fenster hinaus, Nach ihm nur geh ich Aus dem Haus.
Sein hoher Gang, Sein edle Gestalt, Seines Mundes Lächeln, Seiner Augen Gewalt,
Und seiner Rede Zauberfluß, Sein Händedruck, Und ach! sein Kuß!
Meine Ruh ist hin, Mein Herz ist schwer, Ich finde sie nimmer und nimmermehr.
Mein Busen drängt Sich nach ihm hin, Ach dürft ich fassen Und halten ihn,
Und küssen ihn, So wie ich wollt, An seinen Küssen Vergehen sollt!
Marthens Garten
Margarete. Faust.
MARGARETE. Versprich mir, Heinrich!
FAUST. Was ich kann!
MARGARETE. Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, Allein ich glaub,…
FAUST. Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut; Für meine Lieben ließ’ ich Leib und…
MARGARETE. Das ist nicht recht, man muß dran glauben.
FAUST. Muß man?
MARGARETE. Ach! wenn ich etwas auf dich konnte! Du ehrst auch nicht die heil’gen Sakramente.
FAUST. Ich ehre sie.
MARGARETE. Doch ohne Verlangen. Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen. Glaubst du an Gott?
FAUST. Mein Liebchen, wer darf sagen: Ich glaub an Gott? Magst Priester oder Weise fragen, Und ihre Antwort…
MARGARETE. So glaubst du nicht?
FAUST. Mißhör mich nicht, du holdes Angesicht! Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen. “Ich glaub ihn!”? Wer…
MARGARETE. Das ist alles recht schön und gut; Ungefähr sagt das der Pfarrer auch, Nur mit ein bißchen…
FAUST. Es sagen’s allerorten Alle Herzen unter dem himmlischen Tage, Jedes in seiner Sprache; Warum nicht ich in…
MARGARETE. Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen, Steht aber doch immer schief darum; Denn du hast kein…
FAUST. Liebs Kind!
MARGARETE. Es tut mir lange schon weh, Daß ich dich in der Gesellschaft seh.
FAUST. Wieso?
MARGARETE. Der Mensch, den du da bei dir hast, Ist mir in tiefer innrer Seele verhaßt; Es hat…
FAUST. Liebe Puppe, fürcht ihn nicht!
MARGARETE. Seine Gegenwart bewegt mir das Blut. Ich bin sonst allen Menschen gut; Aber wie ich mich sehne,…
FAUST. Es muß auch solche Käuze geben.
MARGARETE. Wollte nicht mit seinesgleichen leben! Kommt er einmal zur Tür herein, Sieht er immer so spöttisch drein…
FAUST. Du ahnungsvoller Engel du!
MARGARETE. Das übermannt mich so sehr, Daß, wo er nur mag zu uns treten, Mein ich sogar, ich…
FAUST. Du hast nun die Antipathie!
MARGARETE. Ich muß nun fort.
FAUST. Ach kann ich nie Ein Stündchen ruhig dir am Busen hängen Und Brust an Brust und Seel…
MARGARETE. Ach wenn ich nur alleine schlief! Ich ließ dir gern heut nacht den Riegel offen; Doch meine…
FAUST. Du Engel, das hat keine Not. Hier ist ein Fläschchen, drei Tropfen nur In ihren Trank umhüllen…
MARGARETE. Was tu ich nicht um deinetwillen? Es wird ihr hoffentlich nicht schaden!
FAUST. Würd ich sonst, Liebchen, dir es raten?
MARGARETE. Seh ich dich, bester Mann, nur an, Weiß nicht, was mich nach deinem Willen treibt, Ich habe…
(Mephistopheles tritt auf.)
MEPHISTOPHELES. Der Grasaff! ist er weg?
FAUST. Hast wieder spioniert?
MEPHISTOPHELES. Ich hab’s ausführlich wohl vernommen, Herr Doktor wurden da katechisiert; Hoff, es soll Ihnen wohl bekommen. Die…
FAUST. Du Ungeheuer siehst nicht ein, Wie diese treue liebe Seele Von ihrem Glauben voll, Der ganz allein…
MEPHISTOPHELES. Du übersinnlicher sinnlicher Freier, Ein Mägdelein nasführet dich.
FAUST. Du Spottgeburt von Dreck und Feuer!
MEPHISTOPHELES. Und die Physiognomie versteht sie meisterlich. In meiner Gegenwart wird’s ihr, sie weiß nicht wie, Mein Mäskchen…
FAUST. Was geht dich’s an?
MEPHISTOPHELES. Hab ich doch meine Freude dran!
Am Brunnen
Gretchen und Lieschen mit Krügen.
LIESCHEN. Hast nichts von Bärbelchen gehört?
GRETCHEN. Kein Wort. Ich komm gar wenig unter Leute.
LIESCHEN. Gewiß, Sibylle sagt’ mir’s heute. Die hat sich endlich auch betört. Das ist das Vornehmtun!
GRETCHEN. Wieso?
LIESCHEN. Es stinkt! Sie füttert zwei, wenn sie nun ißt und trinkt.
GRETCHEN. Ach!
LIESCHEN. So ist’s ihr endlich recht ergangen. Wie lange hat sie an dem Kerl gehangen! Das war ein…
GRETCHEN. Das arme Ding!
LIESCHEN. Bedauerst sie noch gar! Wenn unsereins am Spinnen war, Uns nachts die Mutter nicht hinunterließ, Stand sie…
GRETCHEN. Er nimmt sie gewiß zu seiner Frau.
LIESCHEN. Er wär ein Narr! Ein flinker Jung Hat anderwärts noch Luft genung. Er ist auch fort.
GRETCHEN. Das ist nicht schön!
LIESCHEN. Kriegt sie ihn, soll’s ihr übel gehn, Das Kränzel reißen die Buben ihr, Und Häckerling streuen wir…
GRETCHEN: (nach Hause gehend). Wie konnt ich sonst so tapfer schmälen, Wenn tät ein armes Mägdlein fehlen! Wie…
Zwinger
In der Mauerhöhle ein Andachtsbild der Mater dolorosa, Blumenkruge davor. Gretchen steckt frische Blumen in die Kruge.
Ach neige, Du Schmerzenreiche, Dein Antlitz gnädig meiner Not!
Das Schwert im Herzen, Mit tausend Schmerzen Blickst auf zu deines Sohnes Tod.
Zum Vater blickst du, Und Seufzer schickst du Hinauf um sein’ und deine Not.
Wer fühlet, Wie wühlet Der Schmerz mir im Gebein? Was mein armes Herz hier banget, Was es zittert,…
Wohin ich immer gehe Wie weh, wie weh, wie wehe Wird mir im Busen hier! Ich bin, ach!…
Die Scherben vor meinem Fenster Betaut ich mit Tränen, ach! Als ich am frühen Morgen Dir diese Blumen…
Schien hell in meine Kammer Die Sonne früh herauf, Saß ich in allem Jammer In meinem Bett schon…
Hilf! rette mich von Schmach und Tod! Ach neige, Du Schmerzenreiche, Dein Antlitz gnädig meiner Not!
Nacht. Straße vor Gretchens Türe
Valentin, Soldat, Gretchens Bruder.
Wenn ich so saß bei einem Gelag, Wo mancher sich berühmen mag, Und die Gesellen mir den Flor…
Was kommt heran? Was schleicht herbei? Irr ich nicht, es sind ihrer zwei. Ist er’s, gleich pack ich…
Faust. Mephistopheles.
FAUST. Wie von dem Fenster dort der Sakristei Aufwärts der Schein des Ew’gen Lämpchens flämmert Und schwach und…
MEPHISTOPHELES. Und mir ist’s wie dem Kätzlein schmächtig, Das an den Feuerleitern schleicht, Sich leis dann um die…
FAUST. Rückt wohl der Schatz indessen in die Höh, Den ich dort hinten flimmern seh?
MEPHISTOPHELES. Du kannst die Freude bald erleben, Das Kesselchen herauszuheben. Ich schielte neulich so hinein, Sind herrliche Löwentaler…
FAUST. Nicht ein Geschmeide, nicht ein Ring, Meine liebe Buhle damit zu zieren?
MEPHISTOPHELES. Ich sah dabei wohl so ein Ding, Als wie eine Art von Perlenschnüren.
FAUST. So ist es recht! Mir tut es weh, Wenn ich ohne Geschenke zu ihr geh.
MEPHISTOPHELES. Es sollt Euch eben nicht verdrießen, Umsonst auch etwas zu genießen. Jetzt, da der Himmel voller Sterne…
Nehmt euch in acht! Ist es vollbracht, Dann gute Nacht’ Ihr armen, armen Dinger! Habt ihr euch lieb,…
VALENTIN (tritt vor). Wen lockst du hier? beim Element! Vermaledeiter Rattenfänger! Zum Teufel erst das Instrument! Zum Teufel…
MEPHISTOPHELES. Die Zither ist entzwei! an der ist nichts zu halten.
VALENTIN. Nun soll es an ein Schädelspalten!
MEPHISTOPHELES (zu Faust). Herr Doktor, nicht gewichen! Frisch! Hart an mich an, wie ich Euch führe. Heraus mit…
VALENTIN. Pariere den!
MEPHISTOPHELES. Warum denn nicht?
VALENTIN. Auch den!
MEPHISTOPHELES. Gewiß!
VALENTIN. Ich glaub, der Teufel ficht! Was ist denn das? Schon wird die Hand mir lahm.
MEPHISTOPHELES (zu Faust). Stoß zu!
VALENTIN (fällt). O weh!
MEPHISTOPHELES. Nun ist der Lümmel zahm! Nun aber fort! Wir müssen gleich verschwinden; Denn schon entsteht ein mörderlich…
MARTHE (am Fenster). Heraus! Heraus!
GRETCHEN (am Fenster). Herbei ein Licht!
MARTHE (wie oben). Man schilt und rauft, man schreit und ficht.
VOLK. Da liegt schon einer tot!
MARTHE (heraustretend). Die Mörder, sind sie denn entflohn?
GRETCHEN (heraustretend). Wer liegt hier?
VOLK. Deiner Mutter Sohn.
GRETCHEN. Allmächtiger! welche Not!
VALENTIN. Ich sterbe! das ist bald gesagt Und balder noch getan. Was steht ihr Weiber, heult und klagt?…
GRETCHEN. Mein Bruder! Gott! Was soll mir das?
VALENTIN. Laß unsern Herrgott aus dem Spaß! Geschehn ist leider nun geschehn Und wie es gehn kann, so…
Wenn erst die Schande wird geboren, Wird sie heimlich zur Welt gebracht, Und man zieht den Schleier der…
Ich seh wahrhaftig schon die Zeit, Daß alle brave Bürgersleut, Wie von einer angesteckten Leichen, Von dir, du…
MARTHE. Befehlt Eure Seele Gott zu Gnaden! Wollt Ihr noch Lästrung auf Euch laden?
VALENTIN. Könnt ich dir nur an den dürren Leib, Du schändlich kupplerisches Weib! Da hofft ich aller meiner…
GRETCHEN. Mein Bruder! Welche Höllenpein!
VALENTIN. Ich sage, laß die Tränen sein! Da du dich sprachst der Ehre los, Gabst mir den schwersten…
Dom
Amt, Orgel und Gesang. Gretchen unter vielem Volke. Böser Geist hinter Gretchen.
BÖSER GEIST. Wie anders, Gretchen, war dir’s, Als du noch voll Unschuld Hier zum Altar tratst Aus dem…
GRETCHEN. Weh! Weh! Wär ich der Gedanken los, Die mir herüber und hinüber gehen Wider mich!
CHOR. Dies irae, dies illa Solvet saeclum in favilla. (Orgelton.)
BÖSER GEIST. Grimm faßt dich! Die Posaune tönt! Die Gräber beben! Und dein Herz, Aus Aschenruh Zu Flammenqualen…
GRETCHEN. Wär ich hier weg! Mir ist, als ob die Orgel mir Den Atem versetzte, Gesang mein Herz…
CHOR. Judex ergo cum sedebit, Quidquid latet adparebit, Nil inultum remanebit.
GRETCHEN. Mir wird so eng! Die Mauernpfeiler Befangen mich! Das Gewölbe Drängt mich!—Luft!
BÖSER GEIST. Verbirg dich! Sünd und Schande Bleibt nicht verborgen. Luft? Licht? Weh dir!
CHOR. Quid sum miser tunc dicturus? Quem patronum rogaturus? Cum vix justus sit securus.
BÖSER GEIST. Ihr Antlitz wenden Verklärte von dir ab. Die Hände dir zu reichen, Schauert’s den Reinen. Weh!
CHOR. Quid sum miser tunc dicturus? GRETCHEN. Nachbarin! Euer Fläschchen! (Sie fällt in Ohnmacht.)
Walpurgisnacht
Harzgebirg Gegend von Schierke und Elend
Faust. Mephistopheles.
MEPHISTOPHELES. Verlangst du nicht nach einem Besenstiele? Ich wünschte mir den allerderbsten Bock. Auf diesem Weg sind wir…
FAUST. Solang ich mich noch frisch auf meinen Beinen fühle, Genügt mir dieser Knotenstock. Was hilft’s, daß man…
MEPHISTOPHELES. Fürwahr, ich spüre nichts davon! Mir ist es winterlich im Leibe, Ich wünschte Schnee und Frost auf…
IRRLICHT. Aus Ehrfurcht, hoff ich, soll es mir gelingen, Mein leichtes Naturell zu zwingen; Nur zickzack geht gewöhnlich…
MEPHISTOPHELES. Ei! Ei! Er denkt’s den Menschen nachzuahmen. Geh Er nur grad, in ’s Teufels Namen! Sonst blas…
IRRLICHT. Ich merke wohl, Ihr seid der Herr vom Haus, Und will mich gern nach Euch bequemen. Allein…
Durch die Steine, durch den Rasen Eilet Bach und Bächlein nieder. Hör ich Rauschen? hör ich Lieder? Hör…
“Uhu! Schuhu!” tönt es näher, Kauz und Kiebitz und der Häher, Sind sie alle wach geblieben? Sind das…
Aber sag mir, ob wir stehen Oder ob wir weitergehen? Alles, alles scheint zu drehen, Fels und Bäume,…
FAUST. Wie seltsam glimmert durch die Gründe Ein morgenrötlich trüber Schein! Und selbst bis in die tiefen Schlünde…
MEPHISTOPHELES. Erleuchtet nicht zu diesem Feste Herr Mammon prächtig den Palast? Ein Glück, daß du’s gesehen hast, Ich…
FAUST. Wie rast die Windsbraut durch die Luft! Mit welchen Schlägen trifft sie meinen Nacken!
MEPHISTOPHELES. Du mußt des Felsens alte Rippen packen Sonst stürzt sie dich hinab in dieser Schlünde Gruft. Ein…
HEXEN (im Chor). Die Hexen zu dem Brocken ziehn, Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün. Dort…
STIMME. Die alte Baubo kommt allein, Sie reitet auf einem Mutterschwein.
CHOR. So Ehre denn, wem Ehre gebührt! Frau Baubo vor! und angeführt! Ein tüchtig Schwein und Mutter drauf,…
STIMME. Welchen Weg kommst du her?
STIMME. Übern Ilsenstein! Da guckt ich der Eule ins Nest hinein, Die macht ein Paar Augen!
STIMME. O fahre zur Hölle! Was reitst du so schnelle!
STIMME. Mich hat sie geschunden, Da sieh nur die Wunden!
HEXEN, CHOR. Der Weg ist breit, der Weg ist lang, Was ist das für ein toller Drang? Die…
HEXENMEISTER, HALBER CHOR. Wir schleichen wie die Schneck im Haus, Die Weiber alle sind voraus. Denn, geht es…
ANDERE HÄLFTE. Wir nehmen das nicht so genau, Mit tausend Schritten macht’s die Frau; Doch wie sie sich…
STIMME (oben). Kommt mit, kommt mit, vom Felsensee!
STIMMEN (von unten). Wir möchten gerne mit in die Höh. Wir waschen, und blank sind wir ganz und…
BEIDE CHÖRE. Es schweigt der Wind, es flieht der Stern, Der trübe Mond verbirgt sich gern. Im Sausen…
STIMME (von unten). Halte! Haltet
STIMME (oben). Wer ruft da aus der Felsenspalte?
STIMME (von unten). Nehmt mich mit! Nehmt mich mit! Ich steige schon dreihundert Jahr, Und kann den Gipfel…
BEIDE CHÖRE. Es trägt der Besen, trägt der Stock Die Gabel trägt, es trägt der Bock Wer heute…
HALBHEXE (unten). Ich tripple nach, so lange Zeit; Wie sind die andern schon so weit! Ich hab zu…
CHOR DER HEXEN. Die Salbe gibt den Hexen Mut, Ein Lumpen ist zum Segel gut Ein gutes Schiff…
BEIDE CHÖRE. Und wenn wir um den Gipfel ziehn, So streichet an dem Boden hin Und deckt die…
MEPHISTOPHELES. Das drängt und stößt, das ruscht und klappert! Das zischt und quirlt, das zieht und plappert! Das…
FAUST (in der Ferne). Hier!
MEPHISTOPHELES. Was! dort schon hingerissen? Da werd ich Hausrecht brauchen müssen. Platz! Junker Voland kommt. Platz! süßer Pöbel,…
FAUST. Du Geist des Widerspruchs! Nur zu! du magst mich führen. Ich denke doch, das war recht klug…
MEPHISTOPHELES. Da sieh nur, welche bunten Flammen! Es ist ein muntrer Klub beisammen. Im Kleinen ist man nicht…
FAUST. Doch droben möcht ich lieber sein! Schon seh ich Glut und Wirbelrauch. Dort strömt die Menge zu…
MEPHISTOPHELES. Doch manches Rätsel knüpft sich auch. Laß du die große Welt nur sausen, Wir wollen hier im…
FAUST. Willst du dich nun, um uns hier einzuführen, Als Zaubrer oder Teufel produzieren?
MEPHISTOPHELES. Zwar bin ich sehr gewohnt, inkognito zu gehn, Doch läßt am Galatag man seinen Orden sehn. Ein…
GENERAL. Wer mag auf Nationen trauen! Man habe noch so viel für sie getan; Denn bei dem Volk…
MINISTER. Jetzt ist man von dem Rechten allzu weit, Ich lobe mir die guten Alten; Denn freilich, da…
PARVENÜ. Wir waren wahrlich auch nicht dumm Und taten oft, was wir nicht sollten; Doch jetzo kehrt sich…
AUTOR. Wer mag wohl überhaupt jetzt eine Schrift Von mäßig klugem Inhalt lesen! Und was das liebe junge…
MEPHISTOPHELES (der auf einmal sehr alt erscheint). Zum Jüngsten Tag fühl ich das Volk gereift, Da ich zum…
TRÖDELHEXE. Ihr Herren, geht nicht so vorbei! Laßt die Gelegenheit nicht fahren! Aufmerksam blickt nach meinen Waren, Es…
MEPHISTOPHELES. Frau Muhme! Sie versteht mir schlecht die Zeiten. Getan, geschehn! Geschehn, getan! Verleg Sie sich auf Neuigkeiten!…
FAUST. Daß ich mich nur nicht selbst vergesse! Heiß ich mir das doch eine Messe!
MEPHISTOPHELES. Der ganze Strudel strebt nach oben; Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben.
FAUST. Wer ist denn das?
MEPHISTOPHELES. Betrachte sie genau! Lilith ist das.
FAUST. Wer?
MEPHISTOPHELES. Adams erste Frau. Nimm dich in acht vor ihren schönen Haaren, Vor diesem Schmuck, mit dem sie…
FAUST. Da sitzen zwei, die Alte mit der Jungen; Die haben schon was Rechts gesprungen!
MEPHISTOPHELES. Das hat nun heute keine Ruh. Es geht zum neuen Tanz, nun komm! wir greifen zu.
FAUST (mit der Jungen tanzend). Einst hatt ich einen schönen Traum Da sah ich einen Apfelbaum, Zwei schöne…
DIE SCHÖNE. Der Äpfelchen begehrt ihr sehr, Und schon vom Paradiese her. Von Freuden fühl ich mich bewegt,…
MEPHISTOPHELES (mit der Alten). Einst hatt ich einen wüsten Traum Da sah ich einen gespaltnen Baum, Der hatt…
DIE ALTE. Ich biete meinen besten Gruß Dem Ritter mit dem Pferdefuß! Halt Er einen rechten Pfropf bereit,…
PROKTOPHANTASMIST. Verfluchtes Volk! was untersteht ihr euch? Hat man euch lange nicht bewiesen. Ein Geist steht nie auf…
DIE SCHÖNE (tanzend). Was will denn der auf unserm Ball?
FAUST (tanzend). Ei! der ist eben überall. Was andre tanzen, muß er schätzen. Kann er nicht jeden Schritt…
PROKTOPHANTASMIST. Ihr seid noch immer da! nein, das ist unerhört. Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt! Das Teufelspack,…
DIE SCHÖNE. So hört doch auf, uns hier zu ennuyieren!
PROKTOPHANTASMIST. Ich sag’s euch Geistern ins Gesicht. Den Geistesdespotismus leid ich nicht; Mein Geist kann ihn nicht exerzieren.…
MEPHISTOPHELES. Er wird sich gleich in eine Pfütze setzen, Das ist die Art, wie er sich soulagiert, Und…
FAUST. Ach! mitten im Gesange sprang Ein rotes Mäuschen ihr aus dem Munde.
MEPHISTOPHELES. Das ist was Rechts! das nimmt man nicht genau; Genug, die Maus war doch nicht grau. Wer…
FAUST. Dann sah ich—
MEPHISTOPHELES. Was?
FAUST. Mephisto, siehst du dort Ein blasses, schönes Kind allein und ferne stehen? Sie schiebt sich langsam nur…
MEPHISTOPHELES. Laß das nur stehn! dabei wird’s niemand wohl. Es ist ein Zauberbild, ist leblos, ein Idol. Ihm…
FAUST. Fürwahr, es sind die Augen einer Toten, Die eine liebende Hand nicht schloß. Das ist die Brust,…
MEPHISTOPHELES. Das ist die Zauberei, du leicht verführter Tor! Denn jedem kommt sie wie sein Liebchen vor.
FAUST. Welch eine Wonne! welch ein Leiden! Ich kann von diesem Blick nicht scheiden. Wie sonderbar muß diesen…
MEPHISTOPHELES. Ganz recht! ich seh es ebenfalls. Sie kann das Haupt auch unterm Arme tragen, Denn Perseus hat’s…
SERVIBILIS. Gleich fängt man wieder an. Ein neues Stück, das letzte Stück von sieben. So viel zu geben…
MEPHISTOPHELES. Wenn ich euch auf dem Blocksberg finde, Das find ich gut; denn da gehört ihr hin.
Walpurgisnachtstraum
oder Oberons und Titanias goldne Hochzeit Intermezzo
THEATERMEISTER. Heute ruhen wir einmal, Miedings wackre Söhne. Alter Berg und feuchtes Tal, Das ist die ganze Szene!
HEROLD. Daß die Hochzeit golden sei, Solln funfzig Jahr sein vorüber; Aber ist der Streit vorbei, Das golden…
OBERON. Seid ihr Geister, wo ich bin, So zeigt’s in diesen Stunden; König und die Königin, Sie sind…
PUCK. Kommt der Puck und dreht sich quer Und schleift den Fuß im Reihen; Hundert kommen hinterher, Sich…
ARIEL. Ariel bewegt den Sang In himmlisch reinen Tönen; Viele Fratzen lockt sein Klang, Doch lockt er auch…
OBERON. Gatten, die sich vertragen wollen, Lernen’s von uns beiden! Wenn sich zweie lieben sollen, Braucht man sie…
TITANIA. Schmollt der Mann und grillt die Frau, So faßt sie nur behende, Führt mir nach dem Mittag…
ORCHESTER TUTTI (Fortissimo). Fliegenschnauz und Mückennas Mit ihren Anverwandten, Frosch im Laub und Grill im Gras, Das sind…
SOLO. Seht, da kommt der Dudelsack! Es ist die Seifenblase. Hört den Schneckeschnickeschnack Durch seine stumpfe Nase
GEIST, DER SICH ERST BILDET. Spinnenfuß und Krötenbauch Und Flügelchen dem Wichtchen! Zwar ein Tierchen gibt es nicht,…
EIN PÄRCHEN. Kleiner Schritt und hoher Sprung Durch Honigtau und Düfte Zwar du trippelst mir genung, Doch geht’s…
NEUGIERIGER REISENDER. Ist das nicht Maskeradenspott? Soll ich den Augen trauen, Oberon, den schönen Gott, Auch heute hier…
ORTHODOX. Keine Klauen, keinen Schwanz! Doch bleibt es außer Zweifel. So wie die Götter Griechenlands, So ist auch…
NORDISCHER KÜNSTLER. Was ich ergreife, das ist heut Fürwahr nur skizzenweise; Doch ich bereite mich beizeit Zur italien’schen…
PURIST. Ach! mein Unglück führt mich her. Wie wird nicht hier geludert! Und von dem ganzen Hexenheer Sind…
JUNGE HEXE Der Puder ist so wie der Rock Für alt’ und graue Weibchen, Drum sitz ich nackt…
MATRONE. Wir haben zu viel Lebensart Um hier mit euch zu maulen! Doch hoff ich, sollt ihr jung…
KAPELLMEISTER. Fliegenschnauz und Mückennas Umschwärmt mir nicht die Nackte! Frosch im Laub und Grill im Gras, So bleibt…
WINDFAHNE (nach der einen Seite). Gesellschaft, wie man wünschen kann. Wahrhaftig lauter Bräute! Und Junggesellen, Mann für Mann,…
WINDFAHNE (nach der andern Seite). Und tut sich nicht der Boden auf, Sie alle zu verschlingen, So will…
XENIEN. Als Insekten sind wir da, Mit kleinen scharfen Scheren, Satan, unsern Herrn Papa, Nach Würden zu verehren.
HENNINGS. Seht, wie sie in gedrängter Schar Naiv zusammen scherzen! Am Ende sagen sie noch gar, Sie hätten…
MUSAGET. Ich mag in diesem Hexenheer Mich gar zu gern verlieren; Denn freilich diese wüßt ich eh’r Als…
CI-DEVANT GENIUS DER ZEIT. Mit rechten Leuten wird man was. Komm, fasse meinen Zipfel! Der Blocksberg, wie der…
NEUGIERIGER REISENDER. Sagt, wie heißt der steife Mann? Er geht mit stolzen Schritten. Er schnopert, was er schnopern…
KRANICH. In dem klaren mag ich gern Und auch im trüben fischen; Darum seht ihr den frommen Herrn…
WELTKIND. Ja, für die Frommen, glaubet mir, Ist alles ein Vehikel, Sie bilden auf dem Blocksberg hier Gar…
TÄNZER. Da kommt ja wohl ein neues Chor? Ich höre ferne Trommeln. “Nur ungestört! es sind im Rohr…
TANZMEISTER. Wie jeder doch die Beine lupft! Sich, wie er kann, herauszieht! Der Krumme springt, der Plumpe hupft…
FIEDLER. Das haßt sich schwer, das Lumpenpack, Und gäb sich gern das Restchen; Es eint sie hier der…
DOGMATIKER. Ich lasse mich nicht irre schrein, Nicht durch Kritik noch Zweifel. Der Teufel muß doch etwas sein;…
IDEALIST. Die Phantasie in meinem Sinn Ist diesmal gar zu herrisch. Fürwahr, wenn ich das alles bin, So…
REALIST. Das Wesen ist mir recht zur Qual Und muß mich baß verdrießen; Ich stehe hier zum erstenmal…
SUPERNATURALIST. Mit viel Vergnügen bin ich da Und freue mich mit diesen; Denn von den Teufeln kann ich…
SKEPTIKER. Sie gehn den Flämmchen auf der Spur Und glaubn sich nah dem Schatze. Auf Teufel reimt der…
KAPELLMEISTER. Frosch im Laub und Grill im Gras, Verfluchte Dilettanten! Fliegenschnauz und Mückennas, Ihr seid doch Musikanten!
DIE GEWANDTEN. Sanssouci, so heißt das Heer Von lustigen Geschöpfen; Auf den Füßen geht’s nicht mehr, Drum gehn…
DIE UNBEHILFLICHEN. Sonst haben wir manchen Bissen erschranzt, Nun aber Gott befohlen! Unsere Schuhe sind durchgetanzt, Wir laufen…
IRRLICHTER. Von dem Sumpfe kommen wir, Woraus wir erst entstanden; Doch sind wir gleich im Reihen hier Die…
STERNSCHNUPPE. Aus der Höhe schoß ich her Im Stern- und Feuerscheine, Liege nun im Grase quer; Wer hilft…
DIE MASSIVEN. Platz und Platz! und ringsherum! So gehn die Gräschen nieder. Geister kommen, Geister auch, Sie haben…
PUCK. Tretet nicht so mastig auf Wie Elefantenkälber, Und der plumpst’ an diesem Tag Sei Puck, der derbe,…
ARIEL. Gab die liebende Natur, Gab der Geist euch Flügel, Folget meiner leichten Spur, Auf zum Rosenhügel!
ORCHESTER (Pianissimo). Wolkenzug und Nebelflor Erhellen sich von oben. Luft im Laub und Wind im Rohr, Und alles…
Trüber Tag. Feld
Faust. Mephistopheles.
FAUST. Im Elend! Verzweifelnd! Erbärmlich auf der Erde lange verirrt und nun gefangen! Als Missetäterin Im Kerker zu…
MEPHISTOPHELES. Sie ist die erste nicht.
FAUST. Hund! abscheuliches Untier!—Wandle ihn, du unendlicher Geist! wandle den Wurm wieder in seine Hundsgestalt, wie er sich…
MEPHISTOPHELES. Nun sind wir schon wieder an der Grenze unsres Witzes, da, wo euch Menschen der Sinn überschnappt.…
FAUST. Fletsche deine gefräßigen Zähne mir nicht so entgegen! Mir ekelt’s!—Großer, herrlicher Geist, der du mir zu erscheinen…
MEPHISTOPHELES. Endigst du?
FAUST. Rette sie! oder weh dir! Den gräßlichsten Fluch über dich auf Jahrtausende!
MEPHISTOPHELES. Ich kann die Bande des Rächers nicht lösen, seine Riegel nicht öffnen.—“Rette sie!”—Wer war’s, der sie ins…
FAUST. Bringe mich hin! Sie soll frei sein!
MEPHISTOPHELES. Und die Gefahr, der du dich aussetzest? Wisse, noch liegt auf der Stadt Blutschuld von deiner Hand.…
FAUST. Noch das von dir? Mord und Tod einer Welt über dich Ungeheuer! Führe mich hin, sag ich,…
MEPHISTOPHELES. Ich führe dich, und was ich tun kann, höre! Habe ich alle Macht im Himmel und auf…
FAUST. Auf und davon!
Nacht, offen Feld
Faust, Mephistopheles, auf schwarzen Pferden daherbrausend.
FAUST. Was weben die dort um den Rabenstein?
MEPHISTOPHELES. Weiß nicht, was sie kochen und schaffen.
FAUST. Schweben auf, schweben ab, neigen sich, beugen sich.
MEPHISTOPHELES. Eine Hexenzunft.
FAUST. Sie streuen und weihen.
MEPHISTOPHELES. Vorbei! Vorbei!
Kerker
Faust mit einem Bund Schlüssel und einer Lampe, vor einem eisernen Türchen.
Mich faßt ein längst entwohnter Schauer, Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an Hier wohnt sie hinter dieser…
MARGARETE (sich auf dem Lager verbergend). Weh! Weh! Sie kommen. Bittrer Tod!
FAUST (leise). Still! Still! ich komme, dich zu befreien.
MARGARETE (sich vor ihn hinwälzend). Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.
FAUST. Du wirst die Wächter aus dem Schlafe schreien! (Er faßt die Ketten, sie aufzuschließen.)
MARGARETE (auf den Knien). Wer hat dir Henker diese Macht Über mich gegeben! Du holst mich schon um…
FAUST. Werd ich den Jammer überstehen!
MARGARETE. Ich bin nun ganz in deiner Macht. Laß mich nur erst das Kind noch tränken. Ich herzt…
FAUST (wirft sich nieder). Ein Liebender liegt dir zu Füßen, Die Jammerknechtschaft aufzuschließen.
MARGARETE (wirft sich zu ihm). O laß uns knien, die Heil’gen anzurufen! Sieh! unter diesen Stufen, Unter der…
FAUST (laut). Gretchen! Gretchen!
MARGARETE (aufmerksam). Das war des Freundes Stimme! (Sie springt auf. Die Ketten fallen ab.) Wo ist er? ich…
FAUST. Ich bin’s!
MARGARETE. Du bist’s! O sag es noch einmal! (Ihn fassend.) Er ist’s! Er ist’s! Wohin ist alle Qual?…
FAUST (fortstrebend). Komm mit! Komm mit!
MARGARETE. O weile Weil’ ich doch so gern, wo du weilest. (Liebkosend.)
FAUST. Eile! Wenn du nicht eilest Werden wir’s teuer büßen müssen.
MARGARETE. Wie? du kannst nicht mehr küssen? Mein Freund, so kurz von mir entfernt Und hast’s Küssen verlernt?…
FAUST. Komm! Folge mir! Liebchen, fasse Mut! Ich herze dich mit tausendfacher Glut Nur folge mir! Ich bitte…
MARGARETE (zu ihm gewendet). Und bist du’s denn? Und bist du’s auch gewiß?
FAUST. Ich bin’s! Komm mit!
MARGARETE. Du machst die Fesseln los, Nimmst wieder mich in deinen Schoß. Wie kommt es, daß du dich…
FAUST. Komm! komm! schon weicht die tiefe Nacht.
MARGARETE. Meine Mutter hab ich umgebracht, Mein Kind hab ich ertränkt. War es nicht dir und mir geschenkt?…
MARGARETE. Nein, du mußt übrigbleiben! Ich will dir die Gräber beschreiben, Für die mußt du sorgen Gleich morgen;…
FAUST. Fühlst du, daß ich es bin, so komm!
MARGARETE. Dahinaus?
FAUST. Ins Freie.
MARGARETE. Ist das Grab drauß, Lauert der Tod, so komm! Von hier ins ewige Ruhebett Und weiter keinen…
FAUST. Du kannst! So wolle nur! Die Tür steht offen!
MARGARETE. Ich darf nicht fort; für mich ist nichts zu hoffen. Was hilft es, fliehn? Sie lauern doch…
FAUST. Ich bleibe bei dir
MARGARETE. Geschwind! Geschwind! Rette dein armes Kind! Fort! immer den Weg Am Bach hinauf, Über den Steg, In…
FAUST. Besinne dich doch! Nur einen Schritt, so bist du frei!
MARGARETE. Wären wir nur den Berg vorbei! Da sitzt meine Mutter auf einem Stein, Es faßt mich kalt…
FAUST. Hilft hier kein Flehen, hilft kein Sagen, So wag ich’s, dich hinwegzutragen.
MARGARETE. Laß mich! Nein, ich leide keine Gewalt! Fasse mich nicht so mörderisch an! Sonst hab ich dir…
FAUST. Der Tag graut! Liebchen! Liebchen!
MARGARETE. Tag! Ja, es wird Tag! der letzte Tag dringt herein; Mein Hochzeittag sollt es sein! Sag niemand,…
FAUST. O wär ich nie geboren!
MEPHISTOPHELES (erscheint draußen). Auf! oder ihr seid verloren. Unnützes Zagen! Zaudern und Plaudern! Mein Pferde schaudern, Der Morgen…
MARGARETE. Was steigt aus dem Boden herauf? Der! der! Schick ihn fort! Was will der an dem heiligen…
FAUST. Du sollst leben!
MARGARETE. Gericht Gottes! dir hab ich mich übergeben!
MEPHISTOPHELES (zu Faust). Komm! komm! Ich lasse dich mit ihr im Stich.
MARGARETE. Dein bin ich, Vater! Rette mich! Ihr Engel! Ihr heiligen Scharen, Lagert euch umher, mich zu bewahren!…
MEPHISTOPHELES. Sie ist gerichtet!
STIMME (von oben). Ist gerettet!
MEPHISTOPHELES (zu Faust). Her zu mir! (Verschwindet mit Faust.)
STIMME (von innen, verhallend). Heinrich! Heinrich!
Faust: Der Tragödie zweiter Teil
1. Akt--Anmutige Gegend
Faust auf blumigen Rasen gebettet, ermüdet, unruhig, schlafsuchend.
Dämmerung.
Geister-Kreis schwebend bewegt, anmutige kleine Gestalten.
ARIEL.
Gesang von Aolsharfen begleitet.
Wenn der Blüten Frühlingsregen Über alle schwebend sinkt, Wenn der Felder grüner Segen Allen Erdgebornen blinkt, Kleiner Elfen…
Die ihr dies Haupt umschwebt im luft'gen Kreise, Erzeigt euch hier nach edler Elfen Weise: Besänftiget des Herzens…
CHOR
einzeln, zu zweien und vielen, abwechselnd und gesammelt.
Wenn sich lau die Lüfte füllen Um den grünumschränkten Plan, Süße Düfte, Nebelhüllen Senkt die Dämmerung heran, Lispelt…
Nacht ist schon hereingesunken, Schließt sich heilig Stern an Stern; Große Lichter, kleine Funken Glitzern nah und glänzen…
Schon verloschen sind die Stunden, Hingeschwunden Schmerz und Glück; Fühl' es vor! Du wirst gesunden; Traue neuem Tagesblick!…
Wunsch um Wünsche zu erlangen Schaue nach dem Glänze dort! Leise bist du nur umfangen; Schlaf ist Schale:…
Ungeheures Getöse verkündet das Herannahen der Sonne.
ARIEL.
Horchet! horcht dem Sturm der Hören! Tönend wird für Geistesohren Schon der neue Tag geboren. Felsentore knarren rasselnd,…
FAUST.
Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig, Ätherische Dämmerung milde zu begrüßen. Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig…
Hinaufgeschaut!--Der Berge Gipfelriesen Verkünden schon die feierlichste Stunde; Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen, Das später sich…
So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen, Erfüllungspforten findet flügeloffen; Nun…
So bleibe denn die Sonne mir im Rücken! Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend, Ihn schau' ich an mit…
KAISERLICHE PFALZ
SAAL DES THRONES
Staatsrat in Erwartung des Kaisers. Trompeten.
Hofgesinde aller Art, prächtig gekleidet, tritt vor. Der Kaiser gelangt auf den Thron, zu seiner Rechten der Astrolog.
KAISER.
Ich grüße die Getreuen, Lieben, Versammelt aus der Näh und Weite.-- Den Weisen seh' ich mir zur Seite,…
JUNKER.
Gleich hinter deiner Mantelschleppe Stürzt' er zusammen auf der Treppe, Man trug hinweg das Fettgewicht; Tot oder trunken,…
ZWEITER JUNKER.
Sogleich mit wunderbarer Schnelle Drängt sich ein andrer an die Stelle. Gar köstlich ist er aufgeputzt, Doch fratzenhaft,…
MEPHISTOPHELES: am Throne kniend. Was ist verwünscht und stets willkommen? Was ist ersehnt und stets verjagt? Was immerfort…
KAISER: Für diesmal spare deine Worte! Hier sind die Rätsel nicht am Orte, Das ist die Sache dieser…
GEMURMEL DER MENGE: Ein neuer Narr--Zu neuer Pein-- Wo kommt er her?--Wie kam er ein?-- Der alte fiel--Der…
KAISER: Und also, ihr Getreuen, Lieben, Willkommen aus der Näh' und Ferne! Ihr sammelt euch mit günstigem Sterne,…
KANZLER: Die höchste Tugend, wie ein Heiligenschein, Umgibt des Kaisers Haupt; nur er allein Vermag sie gültig auszuüben:…
HEERMEISTER: Wie tobt's in diesen wilden Tagen! Ein jeder schlägt und wird erschlagen, Und fürs Kommando bleibt man…
SCHATZMEISTER: Wer wird auf Bundsgenossen pochen! Subsidien, die man uns versprochen, Wie Röhrenwasser bleiben aus. Auch, Herr, in…
MARSCHALK: Welch Unheil muß auch ich erfahren! Wir wollen alle Tage sparen Und brauchen alle Tage mehr, Und…
KAISER: Sag, weißt du Narr nicht auch noch eine Not?
MEPHISTOPHELES: Ich? Keineswegs. Den Glanz umher zu schauen, Dich und die Deinen!--Mangelte Vertrauen, Wo Majestät unweigerlich gebeut, Bereite…
GEMURMEL: Das ist ein Schalk--Der's wohl versteht-- Er lügt sich ein--So lang' es geht-- Ich weiß schon--Was dahinter…
MEPHISTOPHELES: Wo fehlt's nicht irgendwo auf dieser Welt? Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld. Vom…
KANZLER: Natur und Geist--so spricht man nicht zu Christen. Deshalb verbrennt man Atheisten, Weil solche Reden höchst gefährlich…
MEPHISTOPHELES: Daran erkenn' ich den gelehrten Herrn! Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern, Was ihr nicht faßt,…
KAISER: Dadurch sind unsre Mängel nicht erledigt, Was willst du jetzt mit deiner Fastenpredigt? Ich habe satt das…
MEPHISTOPHELES: Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr; Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer;…
SCHATZMEISTER: Für einen Narren spricht er gar nicht schlecht, Das ist fürwahr des alten Kaisers Recht.
KANZLER: Der Satan legt euch goldgewirkte Schlingen: Es geht nicht zu mit frommen rechten Dingen.
MARSCHALK: Schafft' er uns nur zu Hof willkommne Gaben, Ich wollte gern ein bißchen Unrecht haben.
HEERMEISTER: Der Narr ist klug, verspricht, was jedem frommt; Fragt der Soldat doch nicht, woher es kommt.
MEPHISTOPHELES: Und glaubt ihr euch vielleicht durch mich betrogen, Hier steht ein Mann! da, fragt den Astrologen! In…
GEMURMEL: Zwei Schelme sind's--Verstehn sich schon-- Narr und Phantast--So nah dem Thron-- Ein mattgesungen--Alt Gedicht-- Der Tor bläst…
ASTROLOG: Die Sonne selbst, sie ist ein lautres Gold, Merkur, der Bote, dient um Gunst und Sold, Frau…
KAISER: Ich höre doppelt, was er spricht, Und dennoch überzeugt's mich nicht.
GEMURMEL: Was soll uns das?--Gedroschner Spaß-- Kalenderei--Chymisterei-- Das hört' ich oft--Und falsch gehofft-- Und kommt er auch--So ist's…
MEPHISTOPHELES: Da stehen sie umher und staunen, Vertrauen nicht dem hohen Fund, Der eine faselt von Alraunen, Der…
GEMURMEL: Mir liegt's im Fuß wie Bleigewicht-- Mir krampft's im Arme--Das ist Gicht-- Mir krabbelt's an der großen…
KAISER: Nur eilig! du entschlüpfst nicht wieder, Erprobe deine Lügenschäume Und zeig uns gleich die edlen Räume. Ich…
MEPHISTOPHELES: Den Weg dahin wüßt' allenfalls zu finden-- Doch kann ich nicht genug verkünden, Was überall besitzlos harrend…
KAISER: Die lass' ich dir! Was will das Düstre frommen? Hat etwas Wert, es muß zu Tage kommen.…
MEPHISTOPHELES: Nimm Hack' und Spaten, grabe selber, Die Bauernarbeit macht dich groß, Und eine Herde goldner Kälber, Sie…
KAISER: Nur gleich, nur gleich! Wie lange soll es währen!
ASTROLOG: Herr, mäßige solch dringendes Begehren, Laß erst vorbei das bunte Freudenspiel; Zerstreutes Wesen führt uns nicht zum…
KAISER: So sei die Zeit in Fröhlichkeit vertan! Und ganz erwünscht kommt Aschermittwoch an. Indessen feiern wir, auf…
MEPHISTOPHELES: Wie sich Verdienst und Glück verketten, Das fällt den Toren niemals ein; Wenn sie den Stein der…
Weitläufiger Saal mit Nebengemächern
HEROLD: Denkt nicht, ihr seid in deutschen Grenzen Von Teufels-, Narren- und Totentänzen; Ein heitres Fest erwartet euch.…
GÄRTNERINNEN: Euren Beifall zu gewinnen, Schmückten wir uns diese Nacht, Junge Florentinerinnen Folgten deutschen Hofes Pracht; Tragen wir…
HEROLD: Laßt die reichen Körbe sehen, Die ihr auf den Häupten traget, Die sich bunt am Arme blähen,…
GÄRTNERINNEN: Feilschet nun am heitern Orte, Doch kein Markten finde statt! Und mit sinnig kurzem Worte Wisse jeder,…
OLIVENZWEIG MIT FRUCHTEN: Keinen Blumenflor beneid' ich, Allen Widerstreit vermeid' ich; Mir ist's gegen die Natur: Bin ich…
ÄHRENKRANZ: Ceres' Gaben, euch zu putzen, Werden hold und lieblich stehn: Das Erwünschteste dem Nutzen Sei als eure…
PHANTASIEKRANZ: Bunte Blumen, Malven ähnlich, Aus dem Moos ein Wunderflor! Der Natur ist's nicht gewöhnlich, Doch die Mode…
PHANTASIESTRAUSS: Meinen Namen euch zu sagen, Würde Theophrast nicht wagen; Und doch hoff' ich, wo nicht allen, Aber…
ROSENKNOSPEN: Mögen bunte Phantasieen Für des Tages Mode blühen, Wunderseltsam sein gestaltet, Wie Natur sich nie entfaltet; Grüne…
GÄRTNER: Blumen sehet ruhig sprießen, Reizend euer Haupt umzieren; Früchte wollen nicht verführen, Kostend mag man sie genießen.…
MUTTER: Mädchen, als du kamst ans Licht, Schmückt' ich dich im Häubchen; Warst so lieblich von Gesicht Und…
HOLZHAUER: Nur Platz! nur Blöße! Wir brauchen Räume, Wir fällen Bäume, Die krachen, schlagen; Und wenn wir tragen,…
PULCINELLE: Ihr seid die Toren, Gebückt geboren. Wir sind die Klugen, Die nie was trugen; Denn unsre Kappen,…
PARASITEN: Ihr wackern Träger Und eure Schwäger, Die Kohlenbrenner, Sind unsre Männer. Denn alles Bücken, Bejahndes Nicken, Gewundne…
TRUNKNER: Sei mir heute nichts zuwider! Fühle mich so frank und frei; Frische Lust und heitre Lieder, Holt'…
CHOR: Jeder Bruder trinke, trinke! Toastet frisch ein Tinke, Tinke! Sitzet fest auf Bank und Span! Unterm Tisch…
SATIRIKER: Wißt ihr, was mich Poeten Erst recht erfreuen sollte? Dürft' ich singen und reden, Was niemand hören…
AGLAIA: Anmut bringen wir ins Leben; Leget Anmut in das Geben.
HEGEMONE: Leget Anmut ins Empfangen, Lieblich ist's, den Wunsch erlangen.
EUPHRASYNE: Und in stiller Tage Schranken Höchst anmutig sei das Danken.
ATROPOS: Mich, die älteste, zum Spinnen Hat man diesmal eingeladen; Viel zu denken, viel zu sinnen Gibt's beim…
KLOTHO: Wißt, in diesen letzten Tagen Ward die Schere mir vertraut; Denn man war von dem Betragen Unsrer…
LACHESIS: Mir, die ich allein verständig, Blieb das Ordnen zugeteilt; Meine Weife, stets lebendig, Hat noch nie sich…
HEROLD: Die jetzo kommen, werdet ihr nicht kennen, Wärt ihr noch so gelehrt in alten Schriften; Sie anzusehn,…
ALEKTO: Was hilft es euch? ihr werdet uns vertrauen, Denn wir sind hübsch und jung und Schmeichelkätzchen; Hat…
MEGÄRA: Das ist nur Spaß! denn, sind sie erst verbunden, Ich nehm' es auf und weiß; in allen…
TISIPHONE: Gift und Dolch statt böser Zungen Misch' ich, schärf' ich dem Verräter; Liebst du andre, früher, später…
HEROLD: Belieb' es euch, zur Seite wegzuweichen, Denn was jetzt kommt, ist nicht von euresgleichen. Ihr seht, wie…
FURCHT: Dunstige Fackeln, Lampen, Lichter Dämmern durchs verworrne Fest; Zwischen diese Truggesichter Bannt mich, ach! die Kette fest.…
HOFFNUNG: Seid gegrüßt, ihr lieben Schwestern! Habt ihr euch schon heut' und gestern In Vermummungen gefallen, Weiß ich…
KLUGHEIT: Zwei der größten Menschenfeinde, Furcht und Hoffnung, angekettet, Halt' ich ab von der Gemeinde; Platz gemacht! ihr…
ZOILO-THERSITES: Hu! Hu! da komm' ich eben recht, Ich schelt' euch allzusammen schlecht! Doch was ich mir zum…
HEROLD: So treffe dich, du Lumpenhund, Des frommen Stabes Meisterstreich! Da krümm und winde dich sogleich!-- Wie sich…
GEMURMEL: Frisch! dahinten tanzt man schon-- Nein! Ich wollt', ich wär' davon-- Fühlst du, wie uns das umflicht,…
HEROLD: Seit mir sind bei Maskeraden Heroldspflichten aufgeladen, Wach' ich ernstlich an der Pforte, Daß euch hier am…
KNABE WAGENLENKER: Halt! Rosse, hemmet eure Flügel, Fühlet den gewohnten Zügel, Meistert euch, wie ich euch meistre, Rauschet…
HEROLD: Wüßte nicht, dich zu benennen; Eher könnt' ich dich beschreiben.
KNABE LENKER: So probier's! +
HEROLD: Man muß gestehn: Erstlich bist du jung und schön. Halbwüchsiger Knabe bist du; doch die Frauen, Sie…
KNABE LENKER: Das läßt sich hören! fahre fort, Erfinde dir des Rätsels heitres Wort.
HEROLD: Der Augen schwarzer Blitz, die Nacht der Locken, Erheitert von juwelnem Band! Und welch ein zierliches Gewand…
KNABE LENKER: Und dieser, der als Prachtgebilde Hier auf dem Wagenthrone prangt?
HEROLD: Er scheint ein König reich und milde, Wohl dem, der seine Gunst erlangt! Er hat nichts weiter…
KNABE LENKER: Hiebei darfst du nicht stehen bleiben, Du mußt ihn recht genau beschreiben.
HEROLD: Das Würdige beschreibt sich nicht. Doch das gesunde Mondgesicht, Ein voller Mund, erblühte Wangen, Die unterm Schmuck…
KNABE LENKER: Plutus, des Reichtums Gott genannt! Derselbe kommt in Prunk daher, Der hohe Kaiser wünscht ihn sehr.
HEROLD: Sag von dir selber auch das Was und Wie!
KNABE LENKER: Bin die Verschwendung, bin die Poesie; Bin der Poet, der sich vollendet, Wenn er sein eigenst…
HEROLD: Das Prahlen steht dir gar zu schön, Doch laß uns deine Künste sehn.
KNABE LENKER: Hier seht mich nur ein Schnippchen schlagen, Schon glänzt's und glitzert's um den Wagen. Da springt…
HEROLD: Wie greift und hascht die liebe Menge! Fast kommt der Geber ins Gedränge. Kleinode schnippt er wie…
KNABE LENKER: Zwar Masken, merk' ich, weißt du zu verkünden, Allein der Schale Wesen zu ergründen, Sind Herolds…
PLUTUS: Wenn's nötig ist, daß ich dir Zeugnis leiste, So sag' ich gern: Bist Geist von meinem Geiste.…
KNABE LENKER: Die größten Gaben meiner Hand, Seht! hab' ich rings umher gesandt. Auf dem und jenem Kopfe…
WEIBERGEKLATSCH: Da droben auf dem Viergespann Das ist gewiß ein Scharlatan; Gekauzt da hintendrauf Hanswurst, Doch abgezehrt von…
DER ABGEMAGERTE: Vom Leibe mir, ekles Weibsgeschlecht! Ich weiß, dir komm' ich niemals recht.-- Wie noch die Frau…
HAUPTWEIB: Mit Drachen mag der Drache geizen; Ist's doch am Ende Lug und Trug! Er kommt, die Männer…
WEIBER IN MASSE: Der Strohmann! Reich ihm eine Schlappe! Was will das Marterholz uns dräun? Wir sollen seine…
HEROLD: Bei meinem Stabe! Ruh gehalten!-- Doch braucht es meiner Hülfe kaum; Seht, wie die grimmen Ungestalten, Bewegt…
HEROLD: Er tritt herab, wie königlich! Er winkt, die Drachen rühren sich, Die Kiste haben sie vom Wagen…
PLUTUS: Nun bist du los der allzulästigen Schwere, Bist frei und frank, nun frisch zu deiner Sphäre! Hier…
KNABE LENKER: So acht' ich mich als werten Abgesandten, So lieb' ich dich als nächsten Anverwandten. Wo du…
PLUTUS: Nun ist es Zeit, die Schätze zu entfesseln! Die Schlösser treff' ich mit des Herolds Rute. Es…
WECHSELGESCHREI DER MENGE: Seht hier, o hin! wie's reichlich quillt, Die Kiste bis zum Rande füllt.-- Gefäße, goldne,…
HEROLD: Was soll's, ihr Toren? soll mir das? Es ist ja nur ein Maskenspaß. Heut abend wird nicht…
PLUTUS: Dein Stab ist wohl dazu bereit, Verleih ihn mir auf kurze Zeit.-- Ich tauch' ihn rasch in…
GESCHREI UND GEDRÄNG: O weh! Es ist um uns getan.-- Entfliehe, wer entfliehen kann!-- Zurück, zurück, du Hintermann!--…
PLUTUS: Schon ist der Kreis zurückgedrängt, Und niemand, glaub' ich, ist versengt. Die Menge weicht, Sie ist verscheucht.--…
HEROLD: Du hast ein herrlich Werk vollbracht, Wie dank' ich deiner klugen Macht!
PLUTUS: Noch braucht es, edler Freund, Geduld: Es droht noch mancherlei Tumult.
GEIZ: So kann man doch, wenn es beliebt, Vergnüglich diesen Kreis beschauen; Denn immerfort sind vornenan die Frauen,…
HEROLD: Was fängt der an, der magre Tor! Hat so ein Hungermann Humor? Er knetet alles Gold zu…
PLUTUS: Er ahnet nicht, was uns von außen droht; Laß ihn die Narrenteidung treiben! Ihm wird kein Raum…
GETÜMMEL UND GESANG: Das wilde Heer, es kommt zumal Von Bergeshöh' und Waldestal, Unwiderstehlich schreitet's an: Sie feiren…
PLUTUS: Ich kenn' euch wohl und euren großen Pan! Zusammen habt ihr kühnen Schritt getan. Ich weiß recht…
WILDGESANG: Geputztes Volk du, Flitterschau! Sie kommen roh, sie kommen rauh, In hohem Sprung, in raschem Lauf, Sie…
FAUNEN: Die Faunenschar Im lustigen Tanz, Den Eichenkranz Im krausen Haar, Ein feines zugespitztes Ohr Dringt an dem…
SATYR: Der Satyr hüpft nun hinterdrein Mit Ziegenfuß und dürrem Bein, Ihm sollen sie mager und sehnig sein,…
GNOMEN: Da trippelt ein die kleine Schar, Sie hält nicht gern sich Paar und Paar; Im moosigen Kleid…
RIESEN: Die wilden Männer sind s' genannt, Am Harzgebirge wohlbekannt; Natürlich nackt in aller Kraft, Sie kommen sämtlich…
NYMPHEN IM CHOR: Auch kommt er an!-- Das All der Welt Wird vorgestellt Im großen Pan. Ihr Heitersten,…
DEPUTATION DER GNOMEN: Wenn das glänzend reiche Gute Fadenweis durch Klüfte streicht, Nur der klugen Wünschelrute Seine Labyrinthe…
PLUTUS: Wir müssen uns im hohen Sinne fassen Und, was geschieht, getrost geschehen lassen, Du bist ja sonst…
HEROLD: Die Zwerge führen den großen Pan Zur Feuerquelle sacht heran; Sie siedet auf vom tiefsten Schlund, Dann…
PLUTUS: Schrecken ist genug verbreitet, Hilfe sei nun eingeleitet!-- Schlage, heil'gen Stabs Gewalt, Daß der Boden bebt und…
Lustgarten
FAUST: Verzeihst du, Herr, das Flammengaukelspiel?
KAISER: Ich wünsche mir dergleichen Scherze viel.-- Auf einmal sah ich mich in glühnder Sphäre, Es schien mir…
MEPHISTOPHELES: Das bist du, Herr! weil jedes Element Die Majestät als unbedingt erkennt. Gehorsam Feuer hast du nun…
KAISER: Die luft'gen Räume, die erlass' ich dir: Noch früh genug besteigt man jenen Thron.
MEPHISTOPHELES: Und, höchster Herr! die Erde hast du schon.
KAISER: Welch gut Geschick hat dich hieher gebracht, Unmittelbar aus Tausend Einer Nacht? Gleichst du an Fruchtbarkeit Scheherazaden,…
MARSCHALK: Durchlauchtigster, ich dacht' in meinem Leben Vom schönsten Glück Verkündung nicht zu geben Als diese, die mich…
HEERMEISTER: Abschläglich ist der Sold entrichtet, Das ganze Heer aufs neu' verpflichtet, Der Landsknecht fühlt sich frisches Blut,…
KAISER: Wie atmet eure Brust erweitert! Das faltige Gesicht erheitert! Wie eilig tretet ihr heran!
SCHATZMEISTER: Befrage diese, die das Werk getan.
FAUST: Dem Kanzler ziemt's, die Sache vorzutragen.
KANZLER: Beglückt genug in meinen alten Tagen.-- So hört und schaut das schicksalschwere Blatt, Das alles Weh in…
KAISER: Ich ahne Frevel, ungeheuren Trug! Wer fälschte hier des Kaisers Namenszug? Ist solch Verbrechen ungestraft geblieben?
SCHATZMEISTER: Erinnre dich! hast selbst es unterschrieben; Erst heute nacht. Du standst als großer Pan, Der Kanzler sprach…
KAISER: Und meinen Leuten gilt's für gutes Gold? Dem Heer, dem Hofe gnügt's zu vollem Sold? So sehr…
MARSCHALK: Unmöglich wär's, die Flüchtigen einzufassen; Mit Blitzeswink zerstreute sich's im Lauf. Die Wechslerbänke stehen sperrig auf: Man…
MEPHISTOPHELES: Wer die Terrassen einsam abspaziert, Gewahrt die Schönste, herrlich aufgeziert, Ein Aug' verdeckt vom stolzen Pfauenwedel, Sie…
FAUST: Das übermaß der Schätze, das, erstarrt, In deinen Landen tief im Boden harrt, Liegt ungenutzt. Der weiteste…
MEPHISTOPHELES: Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt, Ist so bequem, man weiß doch, was man hat;…
KAISER: Das hohe Wohl verdankt euch unser Reich; Wo möglich sei der Lohn dem Dienste gleich. Vertraut sei…
SCHATZMEISTER: Soll zwischen uns kein fernster Zwist sich regen, Ich liebe mir den Zaubrer zum Kollegen.
KAISER: Beschenk' ich nun bei Hofe Mann für Mann, Gesteh' er mir, wozu er's brauchen kann.
PAGE: Ich lebe lustig, heiter, guter Dinge.
EIN ANDRER: Ich schaffe gleich dem Liebchen Kett' und Ringe.
KÄMMERER: Von nun an trink' ich doppelt beßre Flasche.
EIN ANDRER: Die Würfel jucken mich schon in der Tasche.
BANNERHERR: Mein Schloß und Feld, ich mach' es schuldenfrei.
EIN ANDRER: Es ist ein Schatz, den leg' ich Schätzen bei.
KAISER: Ich hoffte Lust und Mut zu neuen Taten; Doch wer euch kennt, der wird euch leicht erraten.…
NARR: Ihr spendet Gnaden, gönnt auch mir davon!
KAISER: Und lebst du wieder, du vertrinkst sie schon.
NARR: Die Zauberblätter! ich versteh's nicht recht.
KAISER: Das glaub' ich wohl, denn du gebrauchst sie schlecht.
NARR: Da fallen andere; weiß nicht, was ich tu'.
KAISER: Nimm sie nur hin, sie fielen dir ja zu.
NARR: Fünftausend Kronen wären mir zu Handen!
MEPHISTOPHELES: Zweibeiniger Schlauch, bist wieder auferstanden?
NARR: Geschieht mir oft, doch nicht so gut als jetzt.
MEPHISTOPHELES: Du freust dich so, daß dich's in Schweiß versetzt.
NARR: Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?
MEPHISTOPHELES: Du hast dafür, was Schlund und Bauch begehrt.
NARR: Und kaufen kann ich Acker, Haus und Vieh?
MEPHISTOPHELES: Versteht sich! Biete nur, das fehlt dir nie.
NARR: Und Schloß, mit Wald und Jagd und Fischbach? +
MEPHISTOPHELES: Traun! Ich möchte dich gestrengen Herrn wohl schaun!
NARR: Heut abend wieg' ich mich im Grundbesitz!--
MEPHISTOPHELES: Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz!
Finstere Galerie
MEPHISTOPHELES: Was ziehst du mich in diese düstern Gänge? Ist nicht da drinnen Lust genug, Im dichten, bunten…
FAUST: Sag mir das nicht, du hast's in alten Tagen Längst an den Sohlen abgetragen; Doch jetzt dein…
MEPHISTOPHELES: Unsinnig war's, leichtsinnig zu versprechen.
FAUST: Du hast, Geselle, nicht bedacht, Wohin uns deine Künste führen; Erst haben wir ihn reich gemacht, Nun…
MEPHISTOPHELES: Du wähnst, es füge sich sogleich; Hier stehen wir vor steilern Stufen, Greifst in ein fremdestes Bereich,…
FAUST: Da haben wir den alten Leierton! Bei dir gerät man stets ins Ungewisse. Der Vater bist du…
MEPHISTOPHELES: Das Heidenvolk geht mich nichts an, Es haust in seiner eignen Hölle; Doch gibt's ein Mittel. +
FAUST: Sprich, und ohne Säumnis!
MEPHISTOPHELES: Ungern entdeck' ich höheres Geheimnis. Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit, Um sie kein Ort, noch weniger eine…
FAUST: Mütter! +
MEPHISTOPHELES: Schaudert's dich?
FAUST: Die Mütter! Mütter!--'s klingt so wunderlich!
MEPHISTOPHELES: Das ist es auch. Göttinnen, ungekannt Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt. Nach ihrer Wohnung magst…
FAUST: Wohin der Weg? +
MEPHISTOPHELES: Kein Weg! Ins Unbetretene, Nicht zu Betretende; ein Weg ans Unerbetene, Nicht zu Erbittende. Bist du bereit?--…
FAUST: Du spartest, dächt' ich, solche Sprüche; Hier wittert's nach der Hexenküche, Nach einer längst vergangnen Zeit. Mußt'…
MEPHISTOPHELES: Und hättest du den Ozean durchschwommen, Das Grenzenlose dort geschaut, So sähst du dort doch Well' auf…
FAUST: Du sprichst als erster aller Mystagogen, Die treue Neophyten je betrogen; Nur umgekehrt. Du sendest mich ins…
MEPHISTOPHELES: Ich rühme dich, eh' du dich von mir trennst, Und sehe wohl, daß du den Teufel kennst;…
FAUST: Das kleine Ding!
MEPHISTOPHELES: Erst faß ihn an und schätz ihn nicht gering.
FAUST: Er wächst in meiner Hand! er leuchtet, blitzt!
MEPHISTOPHELES: Merkst du nun bald, was man an ihm besitzt? Der Schlüssel wird die rechte Stelle wittern, Folg…
FAUST: Den Müttern! Trifft's mich immer wie ein Schlag! Was ist das Wort, das ich nicht hören mag?
MEPHISTOPHELES: Bist du beschränkt, daß neues Wort dich stört? Willst du nur hören, was du schon gehört? Dich…
FAUST: Doch im Erstarren such' ich nicht mein Heil, Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil; Wie auch…
MEPHISTOPHELES: Versinke denn! Ich könnt' auch sagen: steige! 's ist einerlei. Entfliehe dem Entstandnen In der Gebilde losgebundne…
FAUST: Wohl! fest ihn fassend fühl' ich neue Stärke, Die Brust erweitert, hin zum großen Werke.
MEPHISTOPHELES: Ein glühnder Dreifuß tut dir endlich kund, Du seist im tiefsten, allertiefsten Grund. Bei seinem Schein wirst…
MEPHISTOPHELES: So ist's recht! Er schließt sich an, er folgt als treuer Knecht; Gelassen steigst du, dich erhebt…
FAUST: Und nun was jetzt? +
MEPHISTOPHELES: Dein Wesen strebe nieder; Versinke stampfend, stampfend steigst du wieder.
MEPHISTOPHELES: Wenn ihm der Schlüssel nur zum besten frommt! Neugierig bin ich, ob er wiederkommt.
Hell erleuchtete Säle
KÄMMERER: Ihr seid uns noch die Geisterszene schuldig; Macht Euch daran! der Herr ist ungeduldig.
MARSCHALK: Soeben fragt der Gnädigste darnach; Ihr! zaudert nicht der Majestät zur Schmach.
MEPHISTOPHELES: Ist mein Kumpan doch deshalb weggegangen; Er weiß schon, wie es anzufangen, Und laboriert verschlossen still, Muß…
MARSCHALK: Was ihr für Künste braucht, ist einerlei: Der Kaiser will, daß alles fertig sei.
BLONDINE: Ein Wort, mein Herr! Ihr seht ein klar Gesicht, Jedoch so ist's im leidigen Sommer nicht! Da…
MEPHISTOPHELES: Schade! so ein leuchtend Schätzchen Im Mai getupft wie eure Pantherkätzchen. Nehmt Froschlaich, Krötenzungen, kohobiert, Im vollsten…
BRAUNE: Die Menge drängt heran, Euch zu umschranzen. Ich bitt' um Mittel! Ein erfrorner Fuß Verhindert mich am…
MEPHISTOPHELES: Erlaubet einen Tritt von meinem Fuß.
BRAUNE: Nun, das geschieht wohl unter Liebesleuten.
MEPHISTOPHELES: Mein Fußtritt, Kind! hat Größres zu bedeuten. Zu Gleichem Gleiches, was auch einer litt; Fuß heilet Fuß,…
BRAUNE: Weh! Weh! das brennt! das war ein harter Tritt, + Wie Pferdehuf.
MEPHISTOPHELES: Die Heilung nehmt Ihr mit. Du kannst nunmehr den Tanz nach Lust verüben, Bei Tafel schwelgend füßle…
DAME: Laßt mich hindurch! Zu groß sind meine Schmerzen, Sie wühlen siedend mir im tiefsten Herzen; Bis gestern…
MEPHISTOPHELES: Bedenklich ist es, aber höre mich. An ihn heran mußt du dich leise drüchen; Nimm diese Kohle,…
DAME: Ist doch kein Gift? +
MEPHISTOPHELES: Respekt, wo sich's gebührt! Weit müßtet Ihr nach solcher Kohle laufen; Sie kommt von einem Scheiterhaufen, Den…
PAGE: Ich bin verliebt, man hält mich nicht für voll.
MEPHISTOPHELES: Ich weiß nicht mehr, wohin ich hören soll. Müßt Euer Glück nicht auf die Jüngste setzen. Die…
Rittersaal
HEROLD: Mein alt Geschäft, das Schauspiel anzukünden, Verkümmert mir der Geister heimlich Walten; Vergebens wagt man, aus verständigen…
ASTROLOG: Beginne gleich das Drama seinen Lauf, Der Herr befiehlt's, ihr Wände tut euch auf! Nichts hindert mehr,…
MEPHISTOPHELES: Von hier aus hoff' ich allgemeine Gunst, Einbläsereien sind des Teufels Redekunst. Du kennst den Takt, in…
ASTROLOG: Durch Wunderkraft erscheint allhier zur Schau, Massiv genug, ein alter Tempelbau. Dem Atlas gleich, der einst den…
ARCHITEKT: Das wär' antik! Ich wüßt' es nicht zu preisen, Es sollte plump und überlästig heißen. Roh nennt…
ASTROLOG: Empfangt mit Ehrfurcht sterngegönnte Stunden; Durch magisch Wort sei die Vernunft gebunden; Dagegen weit heran bewege frei…
ASTROLOG: Im Priesterkleid, bekränzt, ein Wundermann, Der nun vollbringt, was er getrost begann. Ein Dreifuß steigt mit ihm…
FAUST: In eurem Namen, Mütter, die ihr thront Im Grenzenlosen, ewig einsam wohnt, Und doch gesellig. Euer Haupt…
ASTROLOG: Der glühnde Schlüssel rührt die Schale kaum, Ein dunstiger Nebel deckt sogleich den Raum; Er schleicht sich…
DAME: O! welch ein Glanz aufblühender Jugendkraft!
ZWEITE: Wie eine Pfirsche frisch und voller Saft!
DRITTE: Die fein gezognen, süß geschwollnen Lippen!
VIERTE: Du möchtest wohl an solchem Becher nippen?
FÜNFTE: Er ist gar hübsch, wenn auch nicht eben fein.
SECHSTE: Ein bißchen könnt' er doch gewandter sein.
RITTER: Den Schäferknecht glaub' ich allhier zu spüren, Vom Prinzen nichts und nichts von Hofmanieren.
ANDRER: Eh nun! halb nackt ist wohl der Junge schön, Doch müßten wir ihn erst im Harnisch sehn!
DAME: Er setzt sich nieder, weichlich, angenehm.
ritter Auf seinem Schoße wär' Euch wohl bequem?
ANDRE: Er lehnt den Arm so zierlich übers Haupt.
KÄMMERER: Die Flegelei! Das find' ich unerlaubt!
DAME: Ihr Herren wißt an allem was zu mäkeln.
DERSELBE: In Kaisers Gegenwart sich hinzuräkeln!
DAME: Er stellt's nur vor! Er glaubt sich ganz allein.
DERSELBE: Das Schauspiel selbst, hier sollt' es höflich sein.
DAME: Sanft hat der Schlaf den Holden übernommen.
DERSELBE: Er schnarcht nun gleich; natürlich ist's, vollkommen!
JUNGE DAME: Zum Weihrauchsdampf was duftet so gemischt, Das mir das Herz zum innigsten erfrischt?
ÄLTERE: Fürwahr! Es dringt ein Hauch tief ins Gemüte, Er kommt von ihm! +
ÄLTESTE: Es ist des Wachstums Blüte, Im Jüngling als Ambrosia bereitet Und atmosphärisch ringsumher verbreitet.
MEPHISTOPHELES: Das wär' sie denn! Vor dieser hätt' ich Ruh'; Hübsch ist sie wohl, doch sagt sie mir…
ASTROLOG: Für mich ist diesmal weiter nichts zu tun, Als Ehrenmann gesteh', bekenn' ich's nun. Die Schöne kommt,…
FAUST: Hab' ich noch Augen? Zeigt sich tief im Sinn Der Schönheit Quelle reichlichstens ergossen? Mein Schreckensgang bringt…
MEPHISTOPHELES: So faßt Euch doch und fallt nicht aus der Rolle!
ÄLTERE DAME: Groß, wohlgestaltet, nur der Kopf zu klein.
JÜNGERE: Seht nur den Fuß! Wie könnt' er plumper sein!
DIPLOMAT: Fürstinnen hab' ich dieser Art gesehn, Mich deucht, sie ist vom Kopf zum Fuße schön.
HOFMANN: Sie nähert sich dem Schläfer listig mild.
DAME: Wie häßlich neben jugendreinem Bild!
POET: Von ihrer Schönheit ist er angestrahlt.
DAME: Endymion und Luna! wie gemalt!
DERSELBE: Ganz recht! Die Göttin scheint herabzusinken, Sie neigt sich über, seinen Hauch zu trinken; Beneidenswert!--Ein Kuß!--Das Maß…
DUENNA: Vor allen Leuten! Das ist doch zu toll!
FAUST: Furchtbare Gunst dem Knaben!--+
MEPHISTOPHELES: Ruhig! still! Laß das Gespenst doch machen was es will.
HOFMANN: Sie schleicht sich weg, leichtfüßig; er erwacht.
DAME: Sie sieht sich um! Das hab' ich wohl gedacht.
HOFMANN: Er staunt! Ein Wunder ist's, was ihm geschieht.
DAME: Ihr ist kein Wunder, was sie vor sich sieht.
HOFMANN: Mit Anstand kehrt sie sich zu ihm herum.
DAME: Ich merke schon, sie nimmt ihn in die Lehre; In solchem Fall sind alle Männer dumm, Er…
RITTER: Laßt mir sie gelten! Majestätisch fein!--
DAME: Die Buhlerin! Das nenn' ich doch gemein!
PAGE: Ich möchte wohl an seiner Stelle sein!
HOFMANN: Wer würde nicht in solchem Netz gefangen?
DAME: Das Kleinod ist durch manche Hand gegangen, Auch die Verguldung ziemlich abgebraucht.
ANDRE: Vom zehnten Jahr an hat sie nichts getaugt.
RITTER: Gelegentlich nimmt jeder sich das Beste; Ich hielte mich an diese schönen Reste.
GELAHRTER: Ich seh' sie deutlich, doch gesteh' ich frei: Zu zweiflen ist, ob sie die rechte sei. Die…
ASTROLOG: Nicht Knabe mehr! Ein kühner Heldenmann, Umfaßt er sie, die kaum sich wehren kann. Gestärkten Arms hebt…
FAUST: Verwegner Tor! Du wagst! Du hörst nicht! halt! das ist zu viel!
EMPHISTOPHELES: Machst du's doch selbst, das Fratzengeisterspiel!
ASTROLOG: Nur noch ein Wort! Nach allem, was geschah, Nenn' ich das Stück den Raub der Helena.
FAUST: Was Raub! Bin ich für nichts an dieser Stelle! Ist dieser Schlüssel nicht in meiner Hand! Er…
ASTROLOG: Was tust du, Fauste! Fauste!--Mit Gewalt Faßt er sie an, schon trübt sich die Gestalt. Den Schlüssel…
MEPHISTOPHELES: Da habt ihr's nun! mit Narren sich beladen, Das kommt zuletzt dem Teufel selbst zu Schaden.
2. Akt--Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer
MEPHISTOPHELES: Hier lieg, Unseliger! verführt Zu schwergelöstem Liebesbande! Wen Helena paralysiert, Der kommt so leicht nicht zu Verstande.…
CHOR DER INSEKTEN: Willkommen! willkommen, Du alter Patron! Wir schweben und summen Und kennen dich schon. Nur einzeln…
MEPHISTOPHELES: Wie überraschend mich die junge Schöpfung freut! Man säe nur, man erntet mit der Zeit. Ich schüttle…
FAMULUS: Welch ein Tönen! welch ein Schauer! Treppe schwankt, es bebt die Mauer; Durch der Fenster buntes Zittern…
MEPHISTOPHELES: Heran, mein Freund!--Ihr heißet Nikodemus.
FAMULUS: Hochwürdiger Herr! so ist mein Nam'--Oremus.
MEPHISTOPHELES: Das lassen wir! +
FAMULUS: Wie froh, daß Ihr mich kennt!
MEPHISTOPHELES: Ich weiß es wohl, bejahrt und noch Student, Bemooster Herr! Auch ein gelehrter Mann Studiert so fort,…
FAMULUS: Verzeiht, hochwürdiger Herr! wenn ich Euch sage, Wenn ich zu widersprechen wage: Von allem dem ist nicht…
MEPHISTOPHELES: Wo hat der Mann sich hingetan? Führt mich zu ihm, bringt ihn heran!
FAMULUS: Ach! sein Verbot ist gar zu scharf, Ich weiß nicht, ob ich's wagen darf. Monatelang, des großen…
MEPHISTOPHELES: Sollt' er den Zutritt mir verneinen? Ich bin der Mann, das Glück ihm zu beschleunen. Kaum hab'…
BACCALAUREUS: Tor und Türe find' ich offen! Nun, da läßt sich endlich hoffen, Daß nicht, wie bisher, im…
MEPHISTOPHELES: Mich freut, daß ich Euch hergeläutet. Ich schätzt' Euch damals nicht gering; Die Raupe schon, die Chrysalide…
BACCALAUREUS: Mein alter Herr! Wir sind am alten Orte; Bedenkt jedoch erneuter Zeiten Lauf Und sparet doppelsinnige Worte;…
MEPHISTOPHELES: Wenn man der Jugend reine Wahrheit sagt, Die gelben Schnäbeln keineswegs behagt, Sie aber hinterdrein nach Jahren…
BACCALAUREUS: Ein Schelm vielleicht!--denn welcher Lehrer spricht Die Wahrheit uns direkt ins Angesicht? Ein jeder weiß zu mehren…
MEPHISTOPHELES: Zum Lernen gibt es freilich eine Zeit; Zum Lehren seid Ihr, merk' ich, selbst bereit. Seit manchen…
BACCALAUREUS: Erfahrungswesen! Schaum und Dust! Und mit dem Geist nicht ebenbürtig. Gesteht! was man von je gewußt, Es…
MEPHISTOPHELES: Mich deucht es längst. Ich war ein Tor, Nun komm' ich mir recht schal und albern vor.
BACC: Das freut mich sehr! Da hör' ich doch Verstand; Der erste Greis, den ich vernünftig fand!
MEPHISTOPHELES: Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze, Und schauerliche Kohlen trug ich fort.
BACCALAUREUS: Gesteht nur, Euer Schädel, Eure Glatze Ist nicht mehr wert als jene hohlen dort?
MEPHISTOPHELES: Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?
BACCALAUREUS: Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.
MEPHISTOPHELES: Hier oben wird mir Licht und Luft benommen; Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?
BACCALAUREUS: Anmaßlich find' ich, daß zur schlechtsten Frist Man etwas sein will, wo man nichts mehr ist. Des…
MEPHISTOPHELES: Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.
BACC: Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel sein.
MEPHISTOPHELES: Der Teufel stellt dir nächstens doch ein Bein.
BACCALAUREUS: Dies ist der Jugend edelster Beruf! Die Welt, sie war nicht, eh' ich sie erschuf; Die Sonne…
MEPHISTOPHELES: Original, fahr hin in deiner Pracht!-- Wie würde dich die Einsicht kränken: Wer kann was Dummes, wer…
Laboratorium
WAGNER: Die Glocke tönt, die fürchterliche, Durchschauert die berußten Mauern. Nicht länger kann das Ungewisse Der ernstesten Erwartung…
MEPHISTOPHELES: Willkommen! es ist gut gemeint.
WAGNER: Willkommen zu dem Stern der Stunde! Doch haltet Wort und Atem fest im Munde, Ein herrlich Werk…
MEPHISTOPHELES: Was gibt es denn? +
WAGNER: Es wird ein Mensch gemacht.
MEPHISTOPHELES: Ein Mensch? Und welch verliebtes Paar Habt ihr ins Rauchloch eingeschlossen?
WAGNER: Behüte Gott! wie sonst das Zeugen Mode war, Erklären wir für eitel Possen. Der zarte Punkt, aus…
MEPHISTOPHELES: Wer lange lebt, hat viel erfahren, [Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn. Ich habe…
WAGNER: Es steigt, es blitzt, es häuft sich an, Im Augenblick ist es getan. Ein großer Vorsatz scheint…
HOMUNCULUS: Nun Väterchen! wie steht's? es war kein Scherz. Komm, drücke mich recht zärtlich an dein Herz! Doch…
WAGNER: Nur noch ein Wort! Bisher mußt' ich mich schämen, Denn alt und jung bestürmt mich mit Problemen.…
MEPHISTOPHELES: Halt ein! ich wollte lieber fragen: Warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen? Du kommst, mein…
HOMUNCULUS: Was gibt's zu tun? +
MEPHISTOPHELES: Hier zeige deine Gabe!
WAGNER: Fürwahr, du bist ein allerliebster Knabe!
HOMUNCULUS: Bedeutend!--+ Schön umgeben!--Klar Gewässer Im dichten Haine! Fraun, die sich entkleiden, Die allerliebsten!--Das wird immer besser. Doch…
MEPHISTOPHELES: Was du nicht alles zu erzählen hast! So klein du bist, so groß bist du Phantast. Ich…
HOMUNCULUS: Das glaub' ich. Du aus Norden, Im Nebelalter jung geworden, Im Wust von Rittertum und Pfäfferei, Wo…
MEPHISTOPHELES: Der Ausweg soll mich freuen.
HOMUNCULUS: Befiehl den Krieger in die Schlacht, Das Mädchen führe du zum Reihen, So ist gleich alles abgemacht.…
MEPHISTOPHELES: Dergleichen hab' ich nie vernommen.
HOMUNCULUS: Wie wollt' es auch zu euren Ohren kommen? Romantische Gespenster kennt ihr nur allein; Ein echt Gespenst,…
MEPHISTOPHELES: Wohin denn aber soll die Fahrt sich regen? Mich widern schon antikische Kollegen.
HOMUNCULUS: Nordwestlich, Satan, ist dein Lustrevier, Südöstlich diesmal aber segeln wir-- An großer Fläche fließt Peneios frei, Umbuscht,…
MEPHISTOPHELES: O weh! hinweg! und laßt mir jene Streite Von Tyrannei und Sklaverei beiseite. Mich langeweilt's; denn kaum…
HOMUNCULUS: Den Menschen laß ihr widerspenstig Wesen, Ein jeder muß sich wehren, wie er kann, Vom Knaben auf,…
MEPHISTOPHELES: Manch Brockenstückchen wäre durchzuproben, Doch Heidenriegel find' ich vorgeschoben. Das Griechenvolk, es taugte nie recht viel! Doch…
HOMUNCULUS: Du bist ja sonst nicht blöde; Und wenn ich von thessalischen Hexen rede, So denk' ich, hab'…
MEPHISTOPHELES: Thessalische Hexen! Wohl! das sind Personen, Nach denen hab' ich lang' gefragt. Mit ihnen Nacht für Nacht…
HOMUNCULUS: Den Mantel her, Und um den Ritter umgeschlagen! Der Lappen wird euch, wie bisher, Den einen mit…
WAGNER: Und ich? +
HOMUNCULUS: Eh nun, Du bleibst zu Hause, Wichtigstes zu tun. Entfalte du die alten Pergamente, Nach Vorschrift sammle…
WAGNER: Leb wohl! Das drückt das Herz mir nieder. Ich fürchte schon, ich seh' dich niemals wieder.
MEPHISTOPHELES: Nun zum Peneios frisch hinab! Herr Vetter ist nicht zu verachten. Am Ende hängen wir doch ab…
Klassische Walpurgisnacht. Pharsalische Felder
ERICHTHO: Zum Schauderfeste dieser Nacht, wie öfter schon, Tret' ich einher, Erichtho, ich, die düstere; Nicht so abscheulich,…
HOMUNCULUS: Schwebe noch einmal die Runde über Flamm- und Schaudergrauen; Ist es doch in Tal und Grunde Gar…
MEPHISTOPHELES: Seh' ich, wie durchs alte Fenster In des Nordens Wust und Graus, Ganz abscheuliche Gespenster, Bin ich…
HOMUNCULUS: Sieh! da schreitet eine Lange Weiten Schrittes vor uns hin.
MEPHISTOPHELES: Ist es doch, als wär' ihr bange; Sah uns durch die Lüfte ziehn.
HOMUNCULUS: Laß sie schreiten! setz ihn nieder, Deinen Ritter, und sogleich Kehret ihm das Leben wieder, Denn er…
FAUST: Wo ist sie?--+
HOMUNCULUS: Wüßten's nicht zu sagen, Doch hier wahrscheinlich zu erfragen. In Eile magst du, eh' es tagt, Von…
MEPHISTOPHELES: Auch ich bin hier an meinem Teil; Doch wüßt' ich Besseres nicht zu unserm Heil, Als: jeder…
HOMUNCULUS: So soll es blitzen, soll es klingen. Nun frisch zu neuen Wunderdingen!
FAUST: Wo ist sie?--Frage jetzt nicht weiter nach... Wär's nicht die Scholle, die sie trug, Die Welle nicht,…
Am oberen Peneios
MEPHISTOPHELES: Und wie ich diese Feuerchen durchschweife, So find' ich mich doch ganz und gar entfremdet, Fast alles…
GREIF: Nicht Greisen! Greifen!--Niemand hört es gern, Daß man ihn Greis nennt. Jedem Worte klingt Der Ursprung nach,…
MEPHISTOPHELES: Und doch, nicht abzuschweifen, Gefäallt das Grei im Ehrentitel Greifen.
GREIF: Natürlich! Die Verwandtschaft ist erprobt, Zwar oft gescholten, mehr jedoch gelobt; Man greife nun nach Mädchen, Kronen,…
AMEISEN: Ihr sprecht von Gold, wir hatten viel gesammelt, In Fels- und Höhlen heimlich eingerammelt; Das Arimaspen-Volk hat's…
GREIFE: Wir wollen sie schon zum Geständnis bringen.
ARIMASPEN: Nur nicht zur freien Jubelnacht. Bis morgen ist's alles durchgebracht, Es wird uns diesmal wohl gelingen.
MEPHISTOPHELES: Wie leicht und gern ich mich hierher gewöhne, Denn ich verstehe Mann für Mann.
SPHINX: Wir hauchen unsre Geistertöne, Und ihr verkörpert sie alsdann. Jetzt nenne dich, bis wir dich weiter kennen.
MEPHISTOPHELES: Mit vielen Namen glaubt man mich zu nennen-- Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel, Schlachtfeldern…
SPINX: Wie kam man drauf? +
MEPHISTOPHELES: Ich weiß es selbst nicht wie.
SPINX: Mag sein! Hast du von Sternen einige Kunde? Was sagst du zu der gegenwärt'gen Stunde?
MEPHISTOPHELES: Stern schießt nach Stern, beschnittner Mond scheint helle, Und mir ist wohl an dieser trauten Stelle, Ich…
SPINX: Sprich nur dich selbst aus, wird schon Rätsel sein. Versuch einmal, dich innigst aufzulösen: "Dem frommen Manne…
ERSTER GREIF: Den mag ich nicht! +
ZWEITER GREIF: Was will uns der?
BEIDE: Der Garstige gehöret nicht hierher!
MEPHISTOPHELES: Du glaubst vielleicht, des Gastes Nägel krauen Nicht auch so gut wie deine scharfen Klauen? Versuch's einmal!…
SPINX: Du magst nur immer bleiben, Wird dich's doch selbst aus unsrer Mitte treiben; In deinem Lande tust…
MEPHISTOPHELES: Du bist recht appetitlich oben anzuschauen, Doch unten hin die Bestie macht mir Grauen.
SPINX: Du Falscher kommst zu deiner bittern Buße, Denn unsre Tatzen sind gesund; Dir mit verschrumpftem Pferdefuße Behagt…
MEPHISTOPHELES: Wer sind die Vögel, in den ästen Des Pappelstromes hingewiegt?
SPINX: Gewahrt euch nur! Die Allerbesten Hat solch ein Singsang schon besiegt.
SIRENEN: Ach was wollt ihr euch verwöhnen In dem Häßlich-Wunderbaren! Horcht, wir kommen hier zu Scharen Und in…
SPINXE: Nötigt sie, herabzusteigen! Sie verbergen in den Zweigen Ihre garstigen Habichtskrallen, Euch verderblich anzufallen, Wenn ihr euer…
SIRENEN: Weg das Hassen! weg das Neiden! Sammeln wir die klarsten Freuden, Unterm Himmel ausgestreut! Auf dem Wasser,…
MEPHISTOPHELES: Das sind die saubern Neuigkeiten, Wo aus der Kehle, von den Saiten Ein Ton sich um den…
SPINXE: Sprich nicht vom Herzen! das ist eitel; Ein lederner verschrumpfter Beutel, Das paßt dir eher zu Gesicht.
FAUST: Wie wunderbar! das Anschaun tut mir Gnüge, Im Widerwärtigen große, tüchtige Züge. Ich ahne schon ein günstiges…
MEPHISTOPHELES: Sonst hättest du dergleichen weggeflucht, Doch jetzo scheint es dir zu frommen; Denn wo man die Geliebte…
FAUST: Ihr Frauenbilder müßt mir Rede stehn: Hat eins der Euren Helena gesehn?
SPHINXE: Wir reichen nicht hinauf zu ihren Tagen, Die letztesten hat Herkules erschlagen. Von Chiron könntest du's erfragen;…
SIRENEN: Sollte dir's doch auch nicht fehlen!... Wie Ulyß bei uns verweilte, Schmähend nicht vorübereilte, Wußt' er vieles…
SPHINX: Laß dich, Elder, nicht betrügen. Statt daß Ulyß sich binden ließ, Laß unsern guten Rat dich binden;…
MEPHISTOPHELES: Was krächzt vorbei mit Flügelschlag? So schnell, daß man's nicht sehen mag, Und immer eins dem andern…
SPHINX: Dem Sturm des Winterwinds vergleichbar, Alcides' Pfeilen kaum erreichbar; Es sind die raschen Stymphaliden, Und wohlgemeint ihr…
MEPHISTOPHELES: Noch andres Zeug zischt zwischen drein.
SPHINX: Vor diesen sei Euch ja nicht bange! Es sind die Köpfe der lernäischen Schlange, Vom Rumpf getrennt,…
MEPHISTOPHELES: Ihr bleibt doch hier? daß ich euch wiederfinde.
SPHINXE: Ja! Mische dich zum luftigen Gesinde. Wir, von ägypten her, sind längst gewohnt, Daß unsereins in tausend…
Am untern Peneios
PENEIOS: Rege dich, du Schilfgeflüster! Hauche leise, Rohregeschwister, Säuselt, leichte Weidensträuche, Lispelt, Pappelzitterzweige, Unterbrochnen Träumen zu!... Weckt mich…
FAUST: Hör' ich recht, so muß ich glauben: Hinter den verschränkten Lauben Dieser Zweige, dieser Stauden Tönt ein…
NYMPHEN: Am besten geschäh' dir, Du legtest dich nieder, Erholtest im Kühlen Ermüdete Glieder, Genössest der immer Dich…
FAUST: Ich wache ja! O laßt sie walten, Die unvergleichlichen Gestalten, Wie sie dorthin mein Auge schickt. So…
NYMPHEN: Leget, Schwestern, euer Ohr An des Ufers grüne Stufe; Hör' ich recht, so kommt mir's vor Als…
FAUST: Ist mir doch, als dröhnt' die Erde, Schallend unter eiligem Pferde. Dorthin mein Blick! Ein günstiges Geschick,…
CHIRON: Was gibt's? Was ist's? +
FAUST: Bezähme deinen Schritt!
CHIRON: Ich raste nicht. +
FAUST: So bitte! nimm mich mit!
CHIRON: Sitz auf! so kann ich nach Belieben fragen: Wohin des Wegs? Du stehst am Ufer hier, Ich…
FAUST: Wohin du willst. Für ewig dank' ich's dir... Der große Mann, der edle Pädagog, Der, sich zum…
CHIRON: Das lassen wir an seinem Ort! Selbst Pallas kommt als Mentor nicht zu Ehren; Am Ende treiben…
FAUST: Den Arzt, der jede Pflanze nennt, Die Wurzeln bis ins tiefste kennt, Dem Kranken Heil, dem Wunden…
CHIRON: Ward neben mir ein Held verletzt, Da wußt' ich Hülf' und Rat zu schaffen; Doch ließ ich…
FAUST: Du bist der wahre große Mann, Der Lobeswort nicht hören kann. Er sucht bescheiden auszuweichen Und tut,…
CHIRON: Du scheinest mir geschickt zu heucheln, Dem Fürsten wie dem Volk zu schmeicheln.
FAUST: So wirst du mir denn doch gestehn: Du hast die Größten deiner Zeit gesehn, Dem Edelsten in…
CHIRON: Im hehren Argonautenkreise War jeder brav nach seiner eignen Weise, Und nach der Kraft, die ihn beseelte,…
FAUST: Von Herkules willst nichts erwähnen?
CHIRON: O weh! errege nicht mein Sehnen... Ich hatte Phöbus nie gesehn, Noch Ares, Hermes, wie sie heißen;…
FAUST: So sehr auch Bildner auf ihn pochen, So herrlich kam er nie zur Schau. Vom schönsten Mann…
CHIRON: Was!... Frauenschönheit will nichts heißen, Ist gar zu oft ein starres Bild; Nur solch ein Wesen kann…
FAUST: Du trugst sie? +
CHIRON: Ja, auf diesem Rücken.
FAUST: Bin ich nicht schon verwirrt genug? Und solch ein Sitz muß mich beglücken!
CHIRON: Sie faßte so mich in das Haar, Wie du es tust. +
FAUST: O ganz und gar Verlier' ich mich! Erzähle, wie? Sie ist mein einziges Begehren! Woher, wohin, ach,…
CHIRON: Die Frage läßt sich leicht gewähren. Die Dioskuren hatten jener Zeit Das Schwesterchen aus Räuberfaust befreit. Doch…
FAUST: Erst zehen Jahr!... +
CHIRON: Ich seh', die Philologen, Sie haben dich so wie sich selbst betrogen. Ganz eigen ist's mit mythologischer…
FAUST: So sei auch sie durch keine Zeit gebunden! Hat doch Achill auf Pherä sie gefunden, Selbst außer…
CHIRON: Mein fremder Mann! als Mensch bist du entzückt; Doch unter Geistern scheinst du wohl verrückt. Nun trifft…
FAUST: Geheilt will ich nicht sein, mein Sinn ist mächtig; Da wär' ich ja wie andre niederträchtig.
CHIRON: Versäume nicht das Heil der edlen Quelle! Geschwind herab! Wir sind zur Stelle.
FAUST: Sag an! Wohin hast du, in grauser Nacht, Durch Kiesgewässer mich ans Land gebracht?
CHIRON: Hier trotzten Rom und Griechenland im Streite, Peneios rechts, links den Olymp zur Seite, Das größte Reich,…
MANTO: Von Pferdes Hufe Erklingt die heilige Stufe, Halbgötter treten heran.
CHIRON: Ganz recht! Nur die Augen aufgetan!
MANTO: Willkommen! ich seh', du bleibst nicht aus.
CHIRON: Steht dir doch auch dein Tempelhaus!
MANTO: Streiftst du noch immer unermüdet?
CHIRON: Wohnst du doch immer still umfriedet, Indes zu kreisen mich erfreut.
MANTO: Ich harre, mich umkreist die Zeit. Und dieser? +
CHIRON: Die verrufene Nacht Hat strudelnd ihn hierher gebracht. Helenen, mit verrückten Sinnen, Helenen will er sich gewinnen…
MANTO: Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt.
MANTO: Tritt ein, Verwegner, sollst dich freuen! Der dunkle Gang führt zu Persephoneien. In des Olympus hohlem Fuß…
Am obern Peneios
SIRENEN: Stürzt euch in Peneios' Flut! Plätschernd ziemt es da zu schwimmen, Lied um Lieder anzustimmen, Dem unseligen…
SIRENEN: Schäumend kehrt die Welle wieder, Fließt nicht mehr im Bett darnieder; Grund erbebt, das Wasser staucht, Kies…
SEISMOS: Einmal noch mit Kraft geschoben, Mit den Schultern brav gehoben! So gelangen wir nach oben, Wo uns…
SPHINXE: Welch ein widerwärtig Zittern, Häßlich grausenhaftes Wittern! Welch ein Schwanken, welches Beben, Schaukelnd Hin- und Widerstreben! Welch…
SEISMOS: Das hab' ich ganz allein vermittelt, Man wird mir's endlich zugestehn; Und hätt' ich nicht geschüttelt und…
SPHINXE: Uralt, müßte man gestehen, Sei das hier Emporgebürgte, Hätten wir nicht selbst gesehen, Wie sich's aus dem…
GREIFE: Gold in Blättchen, Gold in Flittern Durch die Ritzen seh ich zittern. Laßt euch solchen Schatz nicht…
CHOR DER AMEISEN: Wie ihn die Riesigen Emporgehoben, Ihr Zappelfüßigen, Geschwind nach oben! Behendest aus und ein! In…
GREIFE: Herein! Herein! Nur Gold zu Hauf! Wir legen unsre Klauen drauf; Sind Riegel von der besten Art,…
PYGMÄEN: Haben wirklich Platz genommen, Wissen nicht, wie es geschah. Fraget nicht, woher wir kommen, Denn wir sind…
DAKTYLE: Hat sie in einer Nacht Die Kleinen hervorgebracht, Sie wird die Kleinsten erzeugen; Finden auch ihresgleichen.
PYGMÄEN-ÄLTESTE: Eilet, bequemen Sitz einzunehmen! Eilig zum Werke! Schnelle für Stärke! Noch ist es Friede; Baut euch die…
GENERALISSIMUS: Mit Pfeil und Bogen Frisch ausgezogen! An jenem Weiher Schießt mir die Reiher, Unzählig nistende, Hochmütig brüstende,…
IMSEN UND DAKTYLE: Wer wird uns retten! Wir schaffen 's Eisen, Sie schmieden Ketten. Uns loszureißen, Ist noch…
DIE KRANICHE DES IBYKUS: Mordgeschrei und Sterbeklagen! ängstlich Flügelflatterschlagen! Welch ein ächzen, welch Gestöhn Dringt herauf zu unsern…
MEPHISTOPHELES: Die nordischen Hexen wußt' ich wohl zu meistern, Mir wird's nicht just mit diesen fremden Geistern. Der…
LAMIEN: Geschwind, geschwinder! Und immer weiter! Dann wieder zaudernd, Geschwätzig plaudernd. Es ist so heiter, Den alten Sünder…
MEPHISTOPHELES: Verflucht Geschick! Betrogne Mannsen! Von Adam her verführte Hansen! Alt wird man wohl, wer aber klug? Warst…
LAMIEN: Halt! er besinnt sich, zaudert, steht; Entgegnet ihm, daß er euch nicht entgeht!
MEPHISTOPHELES: Nur zu! und laß dich ins Gewebe Der Zweifelei nicht törig ein; Denn wenn es keine Hexen…
LAMIEN: Kreisen wir um diesen Helden! Liebe wird in seinem Herzen Sich gewiß für eine melden.
MEPHISTOPHELES: Zwar bei ungewissem Schimmer Scheint ihr hübsche Frauenzimmer, Und so möcht' ich euch nicht schelten.
EMPUSE: Auch nicht mich! als eine solche Laßt mich ein in eure Folge.
LAMIEN: Die ist in unserm Kreis zuviel, Verdirbt doch immer unser Spiel.
EMPUSE: Begrüßt von Mühmichen Empuse, Der Trauten mit dem Eselsfuße! Du hast nur einen Pferdefuß, Und doch, Herr…
MEPHISTOPHELES: Hier dacht' ich lauter Unbekannte Und finde leider Nahverwandte; Es ist ein altes Buch zu blättern: Vom…
EMPUSE: Entschieden weiß ich gleich zu handeln, In vieles könnt' ich mich verwandeln; Doch Euch zu Ehren hab'…
MEPHISTOPHELES: Ich merk', es hat bei diesen Leuten Verwandtschaft Großes zu bedeuten; Doch mag sich, was auch will,…
LAMIEN: Daß diese Garstige, sie verscheucht, Was irgend schön und lieblich deucht; Was irgend schön und lieblich wär'--…
MEPHISTOPHELES: Auch diese Mühmchen zart und schmächtig, Sie sind mir allesamt verdächtig; Und hinter solcher Wänglein Rosen Fürcht'…
LAMIEN: Versuch es doch! sind unsrer viele. Greif zu! Und hast du Glück im Spiele, Erhasche dir das…
MEPHISTOPHELES: Die Schönste hab' ich mir erlesen... O weh mir! welch ein dürrer Besen! Und diese?... Schmähliches Gesicht!
LAMIEN: Verdienst du's besser? dünkt es nicht.
MEPHISTOPHELES: Die Kleine möcht' ich mir verpfänden... Lacerte schlüpft mir aus den Händen! Und schlangenhaft der glatte Zopf.…
LAMIEN: Fahrt auseinander, schwankt und schwebet Blitzartig, schwarzen Flugs umgebet Den eingedrungnen Hexensohn! Unsichre, schauderhafte Kreise! Schweigsamen Fittichs,…
MEPHISTOPHELES: Viel klüger, scheint es, bin ich nicht geworden; Absurd ist's hier, absurd im Norden, Gespenster hier wie…
OREAS: Herauf hier! Mein Gebirg ist alt, Steht in ursprünglicher Gestalt. Verehre schroffe Felsensteige, Des Pindus letztgedehnte Zweige!…
MEPHISTOPHELES: Sei Ehre dir, ehrwürdiges Haupt, Von hoher Eichenkraft umlaubt! Der allerklarste Mondenschein Dringt nicht zur Finsternis herein.--…
HOMUNCULUS: Ich schwebe so von Stell' zu Stelle Und möchte gern im besten Sinn entstehn, Voll Ungeduld, mein…
MEPHISTOPHELES: Das tu auf deine eigne Hand. Denn wo Gespenster Platz genommen, Ist auch der Philosoph willkommen. Damit…
HOMUNCULUS: Ein guter Rat ist auch nicht zu verschmähn.
MEPHISTOPHELES: So fahre hin! Wir wollen's weiter sehn.
ANAXAGORAS: Dein starrer Sinn will sich nicht beugen; Bedarf es Weitres, dich zu überzeugen?
THALES: Die Welle beugt sich jedem Winde gern, Doch hält sie sich vom schroffen Felsen fern.
ANAXAGORAS: Durch Feuerdunst ist dieser Fels zu Handen.
THALES: Im Feuchten ist Lebendiges erstanden.
HOMUNCULUS: Laßt mich an eurer Seite gehn. Mir selbst gelüstet's, zu entstehn!
ANAXAGORAS: Hast du, o Thales, je in einer Nacht Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?
THALES: Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen. Sie bildet regelnd…
ANAXAGORAS: Hier aber war's! Plutonisch grimmig Feuer, äolischer Dünste Knallkraft, ungeheuer, Durchbrach des flachen Bodens alte Kruste, Daß…
THALES: Was wird dadurch nun weiter fortgesetzt? Er ist auch da, und das ist gut zuletzt. Mit solchem…
ANAXAGORAS: Schnell quillt der Berg von Myrmidonen, Die Felsenspalten zu bewohnen; Pygmäen, Imsen, Däumerlinge Und andre tätig kleine…
HOMUNCULUS: Was sagt mein Thales? +
THALES: Will's nicht raten; Mit Kleinen tut man kleine Taten, Mit Großen wird der Kleine groß. Sieh hin!…
ANAXAGORAS: Konnt' ich bisher die Unterirdischen loben, So wend' ich mich in diesem Fall nach oben... Du! droben…
THALES: Was dieser Mann nicht alles hört' und sah! Ich weiß nicht recht, wie uns geschah, Auch hab'…
HOMUNCULUS: Schaut hin nach der Pygmäen Sitz! Der Berg war rund, jetzt ist er spitz. Ich spürt' ein…
THALES: Sei ruhig! Es war nur gedacht. Sie fahre hin, die garstige Brut! Daß du nicht König warst,…
MEPHISTOPHELES: Da muß ich mich durch steile Felsentreppen, Durch alter Eichen starre Wurzeln schleppen! Auf meinem Harz der…
DRYAS: In deinem Lande sei einheimisch klug, Im fremden bist du nicht gewandt genug. Du solltest nicht den…
MEPHISTOPHELES: Man denkt an das, was man verließ; Was man gewohnt war, bleibt ein Paradies. Doch sagt: was…
DRYAS: Die Phorkyaden! Wage dich zum Ort Und sprich sie sie an, wenn dich nicht schauert.
MEPHISTOPHELES: Warum denn nicht!--Ich sehe was, und staune! So stolz ich bin, muß ich mir selbst gestehn: Dergleichen…
PHORKYAS: Gebt mir das Auge, Schwestern, daß es frage, Wer sich so nah an unsre Tempel wage.
MEPHISTOPHELES: Verehrteste! Erlaubt mir, euch zu nahen Und euren Segen dreifach zu empfahen. Ich trete vor, zwar noch…
PHORKYADEN: Er scheint Verstand zu haben, dieser Geist.
MEPHISTOPHELES: Nur wundert's mich, daß euch kein Dichter preist. Und sagt: wie kam's, wie konnte das geschehn? Im…
PHORKYADEN: Versenkt in Einsamkeit und stillste Nacht, Hat unser Drei noch nie daran gedacht!
MEPHISTOPHELES: Wie sollt' es auch? da ihr, der Welt entrückt, Hier niemand seht und niemand euch erblickt. Da…
PHORKYADEN: Schweige still und gib uns kein Gelüsten! Was hülf' es uns, und wenn wir's besser wüßten? In…
MEPHISTOPHELES: In solchem Fall hat es nicht viel zu sagen, Man kann sich selbst auch andern übertragen. Euch…
EINE: Wie dünkt's euch? ging' es an?
DIE ANDERN: Versuchen wir's!--doch ohne Aug' und Zahn.
MEPHISTOPHELES: Nun habt ihr grad das Beste weggenommen; Wie würde da das strengste Bild vollkommen!
EINE: Drück du ein Auge zu, 's ist leicht geschehn, Laß alsofort den einen Raffzahn sehn, Und im…
MEPHISTOPHELES: Viel Ehr'! Es sei! +
PHORKYADEN: Es sei! +
MEPHISTOPHELES: Da steh' ich schon, Des Chaos vielgeliebter Sohn!
PHORKYADEN: Des Chaos Töchter sind wir unbestritten.
MEPHISTOPHELES: Man schilt mich nun, o Schmach, Hermaphroditen.
PHORKYADEN: Im neuen Drei der Schwestern welche Schöne! Wir haben zwei der Augen, zwei der Zähne.
MEPHISTOPHELES: Vor aller Augen muß ich mich verstecken, Im Höllenpfuhl die Teufel zu erschrecken.
Felsbuchten des ägäischen Meers
SIRENEN: Haben sonst bei nächtigem Grauen Dich thessalische Zauberfrauen Frevelhaft herabgezogen, Blicke ruhig von dem Bogen Deiner Nacht…
NEREIDEN UND TRITONEN: Tönet laut in schärfern Tönen, Die das breite Meer durchdröhnen, Volk der Tiefe ruft fortan!…
SIRENEN: Wissen's wohl, in Meeresfrische Glatt behagen sich die Fische, Schwanken Lebens ohne Leid; Doch, ihr festlich regen…
NEREIDEN UND TRITONEN: Ehe wir hieher gekommen, Haben wir's zu Sinn genommen; Schwestern, Bur*der, jetzt geschwind! Heut bedarf's…
SIRENEN: Fort sind sie im Nu! Nach Samothrace grade zu, Verschwunden mit günstigem Wind. Was denken sie zu…
THALES: Ich führte dich zum alten Nereus gern; Zwar sind wir nicht von seiner Höhle fern, Doch hat…
HOMUNCULUS: Probieren wir's und klopfen an! Nicht gleich wird's Glas und Flamme kosten.
NEREUS: Sind's Menschenstimmen, die mein Ohr vernimmt? Wie es mir gleich im tiefsten Herzen grimmt! Gebilde, strebsam, Götter…
THALES: Und doch, o Greis des Meers, vertraut man dir; Du bist der Weise, treib uns nicht von…
NEREUS: Was Rat! Hat Rat bei Menschen je gegolten? Ein kluges Wort erstarrt im harten Ohr. So oft…
THALES: Dem weisen Mann gibt solch Betragen Qual; Der gute doch versucht es noch einmal. Ein Quentchen Danks…
NEREUS: Verderbt mir nicht den seltensten Humor! Ganz andres steht mir heute noch bevor: Die Töchter hab' ich…
THALES: Wir haben nichts durch siesen Schritt gewonnen, Trifft man auch Proteus, gleich ist er zerronnen; Und steht…
SIRENEN: Was sehen wir von weiten Das Wellenreich durchgleiten? Als wie nach Windes Regel Anzögen weiße Segel, So…
NEREIDEN UND TRITONEN: Was wir auf Händen tragen, Soll allen euch behagen. Chelonens Riesenschilde Entglänzt ein streng Gebilde:…
SIRENEN: Klein von Gestalt, Groß von Gewalt, Der Scheiternden Retter, Uralt verehrte Götter.
NEREIDEN UND TRITONEN: Wir bringen die Kabiren, Ein friedlich Fest zu führen; Denn wo sie heilig walten, Neptun…
SIRENEN: Wir stehen euch nach; Wenn ein Schiff zerbrach, Unwiderstehbar an Kraft Schützt ihr die Mannschaft.
NEREIDEN UND TRITONEN: Drei haben wir mitgenommen, Der vierte wollte nicht kommen; Er sagte, er sei der Rechte,…
SIRENEN: Ein Gott den andern Gott Macht wohl zu Spott. Ehrt ihr alle Gnaden, Fürchtet jeden Schaden.
NEREIDEN UND TRITONEN: Sind eigentlich ihrer sieben.
SIRENEN: Wo sind die drei geblieben?
NEREIDEN UND TRITONEN: Wir wüßten's nicht zu sagen, Sind im Olymp zu erfragen; Dort west auch wohl der…
SIRENEN: Wir sind gewohnt, Wo es auch thront, In Sonn' und Mond Hinzubeten; es lohnt.
NEREIDEN UND TRITONEN: Wie unser Ruhm zum höchsten prangt, Dieses Fest anzuführen!
SIRENEN: Die Helden des Altertums Ermangeln des Ruhms, Wo und wie er auch prangt, Wenn sie das goldne…
HOMUNCULUS: Die Ungestalten seh' ich an Als irden-schlechte Töpfe, Nun stoßen sich die Weisen dran Und brechen harte…
THALES: Das ist es ja, was man begehrt: Der rost macht erst die Münze wert.
PROTEUS: So etwas freut mich alten Fabler! Je wunderlicher, desto respektabler.
THALES: Wo bist du, Proteus? +
PROTEUS: Hier! und hier!
THALES: Den alten Scherz verzeih' ich dir; Doch einem Freund nicht eitle Worte! Ich weiß, du sprichst vom…
PROTEUS: Leb' wohl! +
THALES: Er ist ganz nah. Nun leuchte frisch! Er ist neugierig wie ein Fisch; Und wo er auch…
HOMUNCULUS: Ergieß'ich gleich des Lichtes Menge, Bescheiden doch, daß ich das Glas nicht sprenge.
PROTEUS: Was leuchtet so anmutig schön?
THALES: Gut! Wenn du Lust hast, kannst du's näher sehn. Die kleine Mühe laß dich nicht verdrießen Und…
PROTEUS: Weltweise Kniffe sind dir noch bewußt.
THALES: Gestalt zu wechseln, bleibt noch deine Lust.
PROTEUS: Ein leuchtend Zwerglein! Niemals noch gesehn!
THALES: Es fragt um Rat und möchte gern entstehn. Er ist, wie ich von ihm vernommen, Gar wundersam…
PROTEUS: Du bist ein wahrer Jungfernsohn, Eh' du sein solltest, bist du schon!
THALES: Auch scheint es mir von andrer Seite kritisch: Er ist, mich dünkt, hermaphroditisch.
PROTEUS: Da muß es desto eher glücken; So wie er anlangt, wird sich's schicken. Doch gilt es hier…
HOMUNCULUS: Hier weht gar eine weiche Luft, Es grunelt so, und mir behagt der Duft!
PROTEUS: Das glaub' ich, allerliebster Junge! Und weiter hin wird's viel behäglicher, Auf dieser schmalen Strandeszunge Der Dunstkreis…
THALES: Ich gehe mit.
HOMUNCULUS: Dreifach merkwürd'ger Geisterschritt!
CHOR: Wir haben den Dreizack Neptunen geschmiedet, Womit er die regesten Wellen begütet. Entfaltet der Donnrer die Wolken,…
SIRENEN: Euch, dem Helios Geweihten, Heitern Tags Gebenedeiten, Gruß zur Stunde, die bewegt Lunas Hochverehrung regt!
TELCHINEN: Allieblichste Göttin am Bogen da droben! Du hörst mit Entzücken den Bruder beloben. Der seligen Rhodus verleihst…
PROTEUS: Laß du sie singen, laß sie prahlen! Der Sonne heiligen Lebestrahlen Sind tote Werke nur ein Spaß.…
PROTEUS-DELPHIN: Schon ist's getan! Da soll es dir zum schönsten glücken: Ich nehme dich auf meinen Rücken, Vermähle…
THALES: Gib nach dem löblichen Verlangen, Von vorn die Schöpfung anzufangen! Zu raschem Wirken sei bereit! Da regst…
PROTEUS: Komm geistig mit in feuchte Weite, Da lebst du gleich in Läng' und Breite, Beliebig regest du…
THALES: Nachdem es kommt; 's ist auch wohl fein, Ein wackrer Mann zu seiner Zeit zu sein.
PROTEUS: So einer wohl von deinem Schlag! Das hält noch eine Weile nach; Denn unter bleichen Geisterscharen Seh'…
SIRENEN: Welch ein Ring von Wölkchen ründet Um den Mond so reichen Kreis? Tauben sind es, liebentzündet, Fittiche,…
NEREUS: Nennte wohl ein nächtiger Wanderer Diesen Mondhof Lufterscheinung; Doch wir Geister sind ganz anderer Und der einzig…
THALES: Auch ich halte das fürs Beste, Was dem wackern Mann gefällt, Wenn im stillen, warmen Neste Sich…
PSYLLEN UND MARSEN: In Cyperns rauhen Höhlegrüften, Vom Meergott nicht verschüttet, Vom Seismos nicht zerrüttet, Umweht von ewigen…
SIRENEN: Leicht bewegt, in mäßiger Eile, Um den Wagen, Kreis um Kreis, Bald verschlungen Zeil' an Zeile, Schlangenartig…
DORIDEN: Leih uns, Luna, Licht und Schatten, Klarheit diesem Jugendflor! Denn wir zeigen liebe Gatten Unserm Vater bittend…
NEREUS: Hoch ist der Doppelgewinn zu schätzen: Barmherzig sein, und sich zugleich ergetzen.
DORIDEN: Lobst du, Vater, unser Walten, Gönnst uns wohlerworbene Lust, Laß uns fest, unsterblich halten Sie an ewiger…
NEREUS: Mögt euch des schönen Fanges freuen, Den Jüngling bildet euch als Mann; Allein ich könnte nicht verleihen,…
DORIDEN: Ihr, holde Knaben, seid uns wert, Doch müssen wir traurig scheiden; Wir haben ewige Treue begehrt, Die…
DIE JÜNGLINGE: Wenn ihr uns nur so ferner labt, Uns wackre Schifferknaben; Wir haben's nie so gut gehabt…
NEREUS: Du bist es, mein Liebchen! +
GALATEE: O Vater! das Glück! Delphine, verweilet! mich fesselt der Blick.
NEREUS: Vorüber schon, sie ziehen vorüber In kreisenden Schwunges Bewegung; Was kümmert sie die innre herzliche Regung! Ach,…
THALES: Heil! Heil! aufs neue! Wie ich mich blühend freue, Vom Schönen, Wahren durchdrungen... Alles ist aus dem…
ECHO: Du bist's, dem das frischeste Leben entquellt.
NEREUS: Sie kehren schwankend fern zurück, Bringen nicht mehr Blick zu Blick; In gedehnten Kettenkreisen, Sich festgemäß zu…
HOMUNCULUS: In dieser holden Feuchte Was ich auch hier beleuchte, Ist alles reizend schön.
PROTEUS: In dieser Lebensfeuchte Erglänzt erst deine Leuchte Mit herrlichem Getön.
NEREUS: Welch neues Geheimnis in Mitte der Scharen Will unseren Augen sich offengebaren? Was flammt um die Muschel,…
THALES: Homunculus ist es, von Proteus verführt... Es sind die Symptome des herrischen Sehnens, Mir ahnet das ächzen…
SIRENEN: Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen, Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen? So leuchtet's und schwanket und…
ALL-ALLE: Heil den mildgewogenen Lüften! Heil geheimnisreichen Grüften! Hochgefeiert seid allhier, Element' ihr alle vier!
3. Akt--Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta
HELENA: Bewundert viel und viel gescholten, Helena, Vom Strande komm' ich, wo wir erst gelandet sind, Noch immer…
CHOR: Verschmähe nicht, o herrliche Frau, Des höchsten Gutes Ehrenbesitz! Denn das größte Glück ist dir einzig beschert,…
HELENA: Genug! mit meinem Gatten bin ich hergeschifft Und nun von ihm zu seiner Stadt voraugesandt; Doch welchen…
CHOR: Erquicke nun am herrlichen Schatz, Dem stets vermehrten, Augen und Brust! Denn der Kette Zier, der Krone…
HELENA: Sodann erfolgte des Herren ferneres Herrscherwort: "Wenn du nun alles nach der Ordnung durchgesehn, Dann nimm so…
CHOR: Was geschehen werde, sinnst du nicht aus; Königin, schreite dahin Guten Muts! Gutes und Böses kommt Unerwartet…
HELENA: Sei's wie es sei! Was auch bevorsteht, mir geziemt, Hinaufzusteigen ungesäumt in das Königshaus, Das, lang' entbehrt…
CHOR: Werfet, o Schwestern, ihr Traurig gefangenen, Alle Schmerzen ins Weite; Teilet der Herrin Glück, Teilet Helenens Glück,…
PANTHALIS: Verlasset nun des Gesanges freudumgebnen Pfad Und wendet nach der Türe Flügeln euren Blick! Was seh' ich,…
HELENA: Der Tochter Zeus' geziemet nicht gemeine Furcht, Und flüchtig-leise Schreckenshand berührt sie nicht; Doch das Entsetzen, das,…
CHORFÜHRERIN: Entdecke deinen Dienerinnen, edle Frau, Die dir verehrend beistehn, was begegnet ist.
HELENA: Was ich gesehen, sollt ihr selbst mit Augen sehn, Wenn ihr Gebilde nicht die alte Nacht sogleich…
CHOR: Vieles erlebt' ich, obgleich die Locke Jugendlich wallet mir um die Schläfe! Schreckliches hab' ich vieles gesehen,…
PHORKYAS: Alt ist das Wort, doch bleibet hoch und wahr der Sinn, Daß Scham und Schönheit nie zusammen,…
HELENA: Wer gegenwarts der Frau die Dienerinnen schilt, Der Gebietrin Hausrecht tastet er vermessen an; Denn ihr gebührt…
PHORKYAS: Den Hausgenossen drohen bleibt ein großes Recht, Das gottbeglückten Herrschers hohe Gattin sich Durch langer Jahre weise…
CHORFÜHRERIN: Wie häßlich neben Schönheit zeigt sich Häßlichkeit.
PHORKYAS: Wie unverständig neben Klugheit Unverstand.
CHORETIDE 1: Von Vater Erebus melde, melde von Mutter Nacht.
PHORKYAS: So sprich von Scylla, leiblich dir Geschwisterkind.
CHORETIDE 2: An deinem Stammbaum steigt manch Ungeheur empor.
PHORKYAS: Zum Orkus hin! da suche deine Sippschaft auf.
CHORETIDE 3: Die dorten wohnen, sind dir alle viel zu jung.
PHORKYAS: Tiresias, den Alten, gehe buhlend an.
CHORETIDE 4: Orions Amme war dir Ur-Urenkelin.
PHORKYAS: Harpyen, wähn' ich, fütterten dich im Unflat auf.
CHORETIDE 5: Mit was ernährst du so gepflegte Magerkeit?
PHORKYAS: Mit Blute nicht, wonach du allzulüstern bist.
CHORETIDE 6: Begierig du auf Leichen, ekle Leiche selbst!
PHORKYAS: Vampyren-Zähne glänzen dir im frechen Maul.
CHORFÜHRERIN: Das deine stopf' ich, wenn ich sage, wer du seist.
PHORKYAS: So nenne dich zuerst; das Rätsel hebt sich auf.
HELENA: Nicht zürnend, aber traurend schreit' ich zwischen euch, Verbietend solchen Wechselstreites Ungestüm! Denn Schädlicheres begegnet nichts dem…
PHORKYAS: Wer langer Jahre mannigfaltigen Glücks gedenkt, Ihm scheint zuletzt die höchste Göttergunst ein Traum. Du aber, hochbegünstigt…
HELENA: Entführte mich, ein zehenjährig schlankes Reh, Und mich umschloß Aphidnus' Burg in Attika.
PHORKYAS: Durch Kastor und durch Pollux aber bald befreit, Umworben standst du ausgesuchter Heldenschar.
HELENA: Doch stille Gunst vor allen, wie ich gern gesteh', Gewann Patroklus, er, des Peliden Ebenbild.
PHORKYAS: Doch Vaterwille traute dich an Menelas, Den kühnen Seedurchstreicher, Hausbewahrer auch.
HELENA: Die Tochter gab er, gab des Reichs Bestellung ihm. Aus ehlichem Beisein sproßte dann Hermione.
PHORKYAS: Doch als er fern sich Kretas Erbe kühn erstritt, Dir Einsamen da erschien ein allzuschöner Gast.
HELENA: Warum gedenkst du jener halben Witwenschaft, Und welch Verderben gräßlich mir daraus erwuchs?
PHORKYAS: Auch jene Fahrt, mir freigebornen Kreterin Gefangenschaft erschuf sie, lange Sklaverei.
HELENA: Als Schaffnerin bestellt' er dich sogleich hieher, Vertrauend vieles, Burg und kühn erworbnen Schatz.
PHORKYAS: Die du verließest, Ilios' umtürmter Stadt Und unerschöpften Liebesfreuden zugewandt.
HELENA: Gedenke nicht der Freuden! allzuherben Leids Unendlichkeit ergoß sich über Brust und Haupt.
PHORKYAS: Doch sagt man, du erschienst ein doppelhaft Gebild, In Ilios gesehen und in ägypten auch.
HELENA: Verwirre wüsten Sinnes Aberwitz nicht gar. Selbst jetzo, welche denn ich sei, ich weiß es nicht.
PHORKYAS: Dann sagen sie: aus hohlem Schattenreich herauf Gesellte sich inbrünstig noch Achill zu dir! Dich früher liebend…
HELENA: Ich als Idol, ihm dem Idol verband ich mich. Es war ein Traum, so sagen ja die…
CHOR: Schweige, schweige! Mißblickende, Mißredende du! Aus so gräßlichen einzahnigen Lippen, was enthaucht wohl Solchem furchtbaren Greuelschlund! Denn…
PHORKYAS: Tritt hervor aus flüchtigen Wolken, hohe Sonne dieses Tags, Die verschleiert schon entzückte, blendend nun im Glanze…
HELENA: Tret' ich schwankend aus der öde, die im Schwindel mich umgab, Pflegt' ich gern der Ruhe wieder,…
PHORKYAS: Stehst du nun in deiner Großheit, deiner Schöne vor uns da, Sagt dein Blick, daß du befiehlest;…
HELENA: Eures Haders frech Versäumnis auszugleichen, seid bereit; Eilt, ein Opfer zu bestellen, wie der König mir gebot.
PHORKYAS: Alles ist bereit im Hause, Schale, Dreifuß, scharfes Beil, Zum Besprengen, zum Beräuchern; das zu Opfernde zeig'…
HELENA: Nicht bezeichnet' es der König. +
PHORKYAS: Sprach's nicht aus? O Jammerwort!
HELENA: Welch ein Jammer überfällt dich? +
PHORKYAS: Königin, du bist gemeint!
HELENA: Ich? +
PHORKYAS: Und diese. +
CHOR: Weh und Jammer! +
PHORKYAS: Fallen wirst du durch das Beil.
HELENA: Gräßlich doch geahnt; ich Arme! +
PHORKYAS: Unvermeidlich scheint es mir.
CHOR: Ach! Und uns? + was wird begegnen?
PHORKYAS: Sie stirbt einen edlen Tod; Doch am hohen Balken drinnen, der des Daches Giebel trägt, Wie im…
PHORKYAS: Gespenster!--Gleich erstarrten Bildern steht ihr da, Geschreckt, vom Tag zu scheiden, der euch nicht gehört. Die Menschen,…
CHORFÜHRERIN: Die Königin stehet sinnend an der Seite hier, Die Mädchen welken gleich gemähtem Wiesengras; Mir aber deucht,…
PHORKYAS: Ist leicht gesagt: von der Königin hängt allein es ab, Sich selbst zu erhalten, euch Zugaben auch…
CHOR: Ehrenwürdigste der Parzen, weiseste Sibylle du, Halte gesperrt die goldene Schere, dann verkünd' uns Tag und Heil;…
HELENA: Laß diese bangen! Schmerz empfind' ich, keine Furcht; Doch kennst du Rettung, dankbar sei sie anerkannt. Dem…
CHOR: Sprich und sage, sag uns eilig: wie entrinnen wir den grausen, Garstigen Schlingen, die bedrohlich, als die…
PHORKYAS: Habt ihr Geduld, des Vortrags langgedehnten Zug Still anzuhören? Mancherlei Geschichten sind's.
CHOR: Geduld genug! Zuhörend leben wir indes.
PHORKYAS: Dem, der zu Hause verharrend edlen Schatz bewahrt Und hoher Wohnung Mauern auszukitten weiß, Wie auch das…
HELENA: Wozu dergleichen wohlbekannte Sprüche hier? Du willst erzählen; rege nicht an Verdrießliches.
PHORKYAS: Geschichtlich ist es, ist ein Vorwurf keineswegs. Raubschiffend ruderte Menelas von Bucht zu Bucht, Gestad' und Inseln,…
HELENA: Ist dir denn so das Schelten gänzlich einverleibt, Daß ohne Tadeln du keine Lippe regen kannst?
PHORKYAS: So viele Jahre stand verlassen das Talgebrig, Das hinter Sparta nordwärts in die Höhe steigt, Taygetos im…
HELENA: Das konnten sie vollführen? Ganz unmöglich scheint's.
PHORKYAS: Sie hatten Zeit, vielleicht an zwanzig Jahre sind's.
HELENA: Ist einer Herr? sind's Räuber viel, verbündete?
PHORKYAS: Nicht Räuber sind es, einer aber ist der Herr. Ich schelt' ihn nicht, und wenn er schon…
HELENA: Wie sieht er aus? +
PHORKYAS: Nicht übel! mir gefällt er schon. Es ist ein munterer, kecker, wohlgebildeter, Wie unter Griechen wenig', ein…
CHOR: Was sind Wappen? +
PHORKYAS: Ajax führte ja Geschlungene Schlang' im Schilde, wie ihr selbst gesehn. Die Sieben dort vor Theben trugen…
CHOR: Sage, gibt's auch Tänzer da?
PHORKYAS: Die besten! goldgelockte, frische Bubenschar. Die duften Jugend! Paris duftete einzig so, Als er der Königin zu…
HELENA: Du fällst Ganz aus der Rolle; sage mir das letzte Wort!
PHORKYAS: Du sprichst das letzte, sagst mit Ernst vernehmlich Ja! Sogleich umgeb' ich dich mit jener Burg. +
CHOR: O sprich Das kurze Wort und rette dich und uns zugleich!
HELENA: Wie? sollt' ich fürchten, daß der König Menelas So grausam sich verginge, mich zu schädigen?
PHORKYAS: Hast du vergessen, wie er deinen Deiphobus, Des totgekämpften = paris Bruder, unerhört Verstümmelte, der starrsinnig Witwe…
HELENA: Das tat er jenem, meinetwegen tat er das.
PHORKYAS: Um jenes willen wird er dir das gleiche tun. Unteilbar ist die Schönheit; der sie ganz besaß,…
CHOR: Hörst du nicht die Hörner schallen? siehst der Waffen Blitze nicht?
PHORKYAS: Sei willkommen, Herr und König, gerne geb' ich Rechenschaft.
CHOR: Aber wir? +
PHORKYAS: Ihr wißt es deutlich, seht vor Augen ihren Tod, Merkt den eurigen da drinne: nein, zu helfen…
HELENA: Ich sann mir aus das Nächste, was ich wagen darf. Ein Widerdämon bist du, das empfind' ich…
CHOR: O wie gern gehen wir hin, Eilenden Fußes; Hinter uns Tod, Vor uns abermals Ragender Feste Unzugängliche…
Innerer Burghof
CHORFÜHRERIN: Vorschnell und töricht, echt wahrhaftes Weibsgebild! Vom Augenblick abhängig, Spiel der Witterung, Des Glücks und Unglücks! Keins…
HELENA: Wo bist du, Pythonissa? heiße, wie du magst; Aus diesen Gewölben tritt hervor der düstern Burg. Gingst…
CHORFÜHRERIN: Vergebens blickst du, Königin, allseits um dich her; Verschwunden ist das leidige Bild, verblieb vielleicht Im Nebel…
CHOR: Aufgeht mir das Herz! o, seht nur dahin, Wie so sittig herab mit verweilendem Tritt Jungholdeste Schar…
CHORFÜHRERIN: Wenn diesem nicht die Götter, wie sie öfter tun, Für wenige Zeit nur wundernswürdige Gestalt, Erhabnen Anstand,…
FAUST: Statt feierlichsten Grußes, wie sich ziemte, Statt ehrfurchtsvollem Willkomm bring' ich dir In Ketten hart geschlossen solchen…
HELENA: So hohe Würde, wie du sie vergönnst, Als Richterin, als Herrscherin, und wär's Versuchend nur, wie ich…
TURMWÄRTER LYNKEUS: Laß mich knieen, laß mich schauen, Laß mich sterben, laß mich leben, Denn schon bin ich…
HELENA: Das übel, das ich brachte, darf ich nicht Bestrafen. Wehe mir! Welch streng Geschick Verfolgt mich, überall…
FAUST: Erstaunt, o Königin, seh' ich zugleich Die sicher Treffende, hier den Getroffnen; Ich seh' den Bogen, der…
LYNKEUS: Du siehst mich, Königin, zurück! Der Reiche bettelt einen Blick, Er sieht dich an und fühlt sogleich…
FAUST: Entferne schnell die kühn erworbne Last, Zwar nicht getadelt, aber unbelohnt. Schon ist Ihr alles eigen, was…
LYNKEUS: Schwach ist, was der Herr befiehlt, Tut's der Diener, es ist gespielt: Herrscht doch über Gut und…
HELENA: Ich wünsche dich zu sprechen, doch herauf An meine Seite komm! Der leere Platz Beruft den Herrn…
FAUST: Erst knieend laß die treue Widmung dir Gefallen, hohe Frau; die Hand, die mich An deine Seite…
HELENA: Vielfache Wunder seh' ich, hör' ich an, Erstaunen trifft mich, fragen möcht' ich viel. Doch wünscht' ich…
FAUST: Gefällt dir schon die Sprechart unsrer Völker, O so gewiß entzückt auch der Gesang, Befriedigt Ohr und…
HELENA: So sage denn, wie sprech' ich auch so schön?
FAUST: Das ist gar leicht, es muß von Herzen gehn. Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt, Man…
HELENA: Wer mitgenießt.
FAUST: Nun schaut der Geist nicht vorwärts, nicht zurück, Die Gegenwart allein--+
HELENA: ist unser Glück.
FAUST: Schatz ist sie, Hochgewinn, Besitz und Pfand; Bestätigung, wer gibt sie? +
HELENA: Meine Hand.
CHOR: Wer verdächt' es unsrer Fürstin, Gönnet sie dem Herrn der Burg Freundliches Erzeigen? Denn gesteht, sämtliche sind…
HELENA: Ich fühle mich so fern und doch so nah, Und sage nur zu gern: Da bin ich!…
FAUST: Ich atme kaum, mir zittert, stockt das Wort; Es ist ein Traum, verschwunden Tag und Ort.
HELENA: Ich scheine mir verlebt und doch so neu, In dich verwebt, dem Unbekannten treu.
FAUST: Durchgrüble nicht das einzigste Geschick! Dasein ist Pflicht, und wär's ein Augenblick.
PHORKYAS: Buchstabiert in Liebesfibeln, Tändelnd grübelt nur am Liebeln, Müßig liebelt fort im Grübeln, Doch dazu ist keine…
FAUST: Verwegne Störung! widerwärtig dringt sie ein; Auch nicht in Gefahren mag ich sinnlos Ungestüm. Den schönsten Boten,…
FAUST: Nein, gleich sollst du versammelt schauen Der Helden ungetrennten Kreis: Nur der verdient die Gunst der Frauen,…
CHOR: Wer die Schönste für sich begehrt, Tüchtig vor allen Dingen Seh' er nach Waffen weise sich um;…
FAUST: Die Gaben, diesen hier verliehen-- An jeglichen ein reiches Land--, Sind groß und herrlich; laß sie ziehen!…
Szene 42
PHORKYAS: Wie lange Zeit die Mädchen schlafen, weiß ich nicht; Ob sie sich träumen ließen, was ich hell…
CHOR: Rede nur, erzähl', erzähle, was sich Wunderlichs begeben! Hören möchten wir am liebsten, was wir gar nicht…
PHORKYAS: Kaum die Augen ausgerieben, Kinder, langeweilt ihr schon? So vernehmt: in diesen Höhlen, diesen Grotten, diesen Lauben…
CHOR: Wie, da drinnen? +
PHORKYAS: Abgesondert Von der Welt, nur mich, die eine, riefen sie zu stillem Dienste. Hochgeehrt stand ich zur…
CHOR: Tust du doch, als ob da drinnen ganze Weltenräume wären, Wald und Wiese, Bäche, Seen; welche Märchen…
PHORKYAS: Allerdings, ihr Unerfahrnen! das sind unerforschte Tiefen: Saal an Sälen, Hof an Höfen, diese spürt' ich sinnend…
CHOR: Nennst du ein Wunder dies, Kretas Erzeugte? Dichtend belehrendem Wort Hast du gelauscht wohl nimmer? Niemals noch…
PHORKYAS: Höret allerliebste Klänge, Macht euch schnell von Fabeln frei! Eurer Götter alt Gemenge, Laßt es hin, es…
CHOR: Bist du, fürchterliches Wesen, Diesem Schmeichelton geneigt, Fühlen wir, als frisch genesen, Uns zur Tränenlust erweicht. Laß…
EUPHORION: Hört ihr Kindeslieder singen, Gleich ist's euer eigner Scherz; Seht ihr mich im Takte springen, Hüpft euch…
HELENA: Liebe, menschlich zu beglücken, Nähert sie ein edles Zwei, Doch zu göttlichem Entzücken Bildet sie ein köstlich…
FAUST: Alles ist sodann gefunden: Ich bin dein, und du bist mein; Und so stehen wir verbunden, Dürft'…
CHOR: Wohlgefallen vieler Jahre In des Knaben mildem Schein Sammelt sich auf diesem Paare. O, wie rührt mich…
EUPHORION: Nun laßt mich hüpfen, Nun laßt mich springen! Zu allen Lüften Hinaufzudringen, Ist mir Begierde, Sie faßt…
FAUST: Nur mäßig! mäßig! Nicht ins Verwegne, Daß Sturz und Unfall Dir nicht begegne, Zugrund uns richte Der…
EUPHORION: Ich will nicht länger Am Boden stocken; Laßt meine Hände, Laßt meine Locken, Laßt meine Kleider! Sie…
HELENA: O denk! o denke, Wem du gehörest! Wie es uns kränke, Wie du zerstörest Das schön errungene…
CHOR: Bald löst, ich fürchte, Sich der Verein!
HELENA UND FAUST: Bändige! bändige Eltern zuliebe überlebendige, Heftige Triebe! Ländlich im stillen Ziere den Plan.
EUPHORION: Nur euch zu Willen Halt' ich mich an. Leichter umschweb' ich hie Muntres Geschlecht. Ist nun die…
HELENA: Ja, das ist wohlgetan; Führe die Schönen an Künstlichem Reihn.
FAUST: Wäre das doch vorbei! Mich kann die Gaukelei Gar nicht erfreun.
CHOR: Wenn du der Arme Paar Lieblich bewegest, Im Glanz dein lockig Haar Schüttelnd erregest, Wenn dir der…
EUPHORION: Ihr seid so viele Leichtfüßige Rehe; Zu neuem Spiele Frisch aus der Nähe! Ich bin der Jäger,…
CHOR: Willst du uns fangen, Sei nicht behende, Denn wir verlangen Doch nur am Ende, Dich zu umarmen,…
EUPHORION: Nur durch die Haine! Zu Stock und Steine! Das leicht Errungene, Das widert mir, Nur das Erzwungene…
HELENA UND FAUST: Welch ein Mutwill'! welch ein Rasen! Keine Mäßigung ist zu hoffen. Klingt es doch wie…
CHOR: Uns ist er vorbeigelaufen; Mit Verachtung uns verhöhnend, schleppt er von dem ganzen Haufen Nun die Wildeste…
EUPHORION: Schlepp' ich her die derbe Kleine Zu erzwungenem Genusse; Mir zur Wonne, mir zur Lust Drück' ich…
MÄDCHEN: Laß mich los! In dieser Hülle Ist auch Geistes Mut und Kraft; Deinem gleich ist unser Wille…
EUPHORION: Felsengedränge hier Zwischen dem Waldgebüsch, Was soll die Enge mir, Bin ich doch jung und frisch. Winde,…
HELENA, FAUST UND CHOR: Wolltest du den Gemsen gleichen? Vor dem Falle muß uns graun.
EUPHORION: Immer höher muß ich steigen, Immer weiter muß ich schaun. Weiß ich nun, wo ich bin! Mitten…
CHOR: Magst nicht in Berg und Wald Friedlich verweilen? Suchen wir alsobald Reben in Zeilen, Reben am Hügelrand,…
EUPHORION: Träumt ihr den Friedenstag? Träume, wer träumen mag. Krieg! ist das Losungswort. Sieg! und so klingt es…
CHOR: Wer im Frieden Wünschet sich Krieg zurück, Der ist geschieden Vom Hoffnungsglück.
EUPHORION: Welche dies Land gebar Aus Gefahr in Gefahr, Frei, unbegrenzten Muts, Verschwendrisch eignen Bluts, Den nicht zu…
CHOR: Seht hinauf, wie hoch gestiegen! Und er scheint uns doch nicht klein: Wie im Harnisch, wie zum…
EUPHORION: Keine Wälle, keine Mauern, Jeder nur sich selbst bewußt; Feste Burg, um auszudauern, Ist des Mannes ehrne…
CHOR: Heilige Poesie, Himmelan steige sie! Glänze, der schönste Stern, Fern und so weiter fern! Und sie erreicht…
EUPHORION: Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen, In Waffen kommt der Jüngling an; Gesellt zu Starken, Freien,…
HELENA UND FAUST: Kaum ins Leben eingerufen, Heitrem Tag gegeben kaum, Sehnest du von Schwindelstufen Dich zu schmerzenvollem…
EUPHORION: Und hört ihr donnern auf dem Meere? Dort widerdonnern Tal um Tal, In Staub und Wellen, Heer…
HELENA, FAUST UND CHOR: Welch Entsetzen! welches Grauen! Ist der Tod denn dir Gebot?
EUPHORION: Sollt' ich aus der Ferne schauen? Nein! ich teile Sorg' und Not.
DIE VORIGEN: Übermut und Gefahr, Tödliches Los!
EUPHORION: Doch!--und ein Flügelpaar Faltet sich los! Dorthin! Ich muß! ich muß! Gönnt mir den Flug!
CHOR: Ikarus! Ikarus! Jammer genug.
HELENA UND FAUST: Der Freude folgt sogleich Grimmige Pein.
EUPHORIONS STIMME: Laß mich im düstern Reich, Mutter, mich nicht allein!
CHOR: Nicht allein!--wo du auch weilest, Denn wir glauben dich zu kennen; Ach! wenn du dem Tag enteilest,…
HELENA: Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir: Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint.…
PHORKYAS: Halte fest, was dir von allem übrigblieb. Das Kleid, laß es nicht los. Da zupfen schon Dämonen…
PHORKYAS: Noch immer glücklich aufgefunden! Die Flamme freilich ist verschwunden, Doch ist mir um die Welt nicht leid.…
PANTHALIS: Nun eilig, Mädchen! Sind wir doch den Zauber los, Der alt-thessalischen Vettel wüsten Geisteszwang, So des Geklimpers…
CHOR: Königinnen freilich, überall sind sie gern; Auch im Hades stehen sie obenan, Stolz zu ihresgleichen gesellt, Mit…
PANTHALIS: Wer keinen Namen sich erwarb noch Edles will, Gehört den Elementen an; so fahret hin! Mit meiner…
ALLE: Zurückgegeben sind wir dem Tageslicht, Zwar Personen nicht mehr, Das fühlen, das wissen wir, Aber zum Hades…
EIN TEIL DES CHORES: Wir in dieser tausend äste Flüsterzittern, Säuselschweben Reizen tändelnd, locken leise wurzelauf des Lebens…
EIN ANDRER TEIL: Wir, an dieser Felsenwände weithinleuchtend glatten Spiegel Schmiegen wir, in sanften Wellen uns bewegend, schmeichelnd…
EIN DRITTER TEIL: Schwestern! Wir, bewegtern Sinnes, eilen mit den Bächen weiter; Denn es reizen jener Ferne reichgeschmückte…
EIN VIERTER TEIL: Wallt ihr andern, wo's beliebet; wir umzingeln, wir umrauschen Den durchaus bepflanzten Hügel, wo am…
4. Akt--Hochgebirg
FAUST: Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß, Betret' ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum, Entlassend meiner Wolke Tragewerk,…
MEPHISTOPHELES: Das heiß' ich endlich vorgeschritten! Nun aber sag, was fällt dir ein? Steigst ab in solcher Greuel…
FAUST: Es fehlt dir nie an närrischen Legenden; Fängst wieder an, dergleichen auszuspenden.
MEPHISTOPHELES: Als Gott der Herr--ich weiß auch wohl, warum-- Uns aus der Luft in tiefste Tiefen bannte, Da,…
FAUST: Gebirgesmasse bleibt mir edel-stumm, Ich frage nicht woher und nicht warum. Als die Natur sich in sich…
MEPHISTOPHELES: Das sprecht Ihr so! Das scheint Euch sonnenklar; Doch weiß es anders, der zugegen war. Ich war…
FAUST: Es ist doch auch bemerkenswert zu achten, Zu sehn, wie Teufel die Natur betrachten.
MEPHISTOPHELES: Was geht mich's an! Natur sei, wie sie sei! 's ist Ehrenpunkt: der Teufel war dabei! Wir…
FAUST: Und doch! ein Großes zog mich an. Errate! +
MEPHISTOPHELES: Das ist bald getan. Ich suchte mir so eine Hauptstadt aus, Im Kerne Bürger-Nahrungs-Graus, Krummenge Gäßchen, spitze…
FAUST: Das kann mich nicht zufriedenstellen. Man freut sich, daß das Volk sich mehrt, Nach seiner Art behaglich…
MEPHISTOPHELES: Dann baut' ich, grandios, mir selbst bewußt, Am lustigen Ort ein Schloß zur Lust. Wald, Hügel, Flächen,…
FAUST: Schlecht und modern! Sardanapal!
MEPHISTOPHELES: Errät man wohl, wornach du strebtest? Es war gewiß erhaben kühn. Der du dem Mond um so…
FAUST: Mit nichten! dieser Erdenkreis Gewährt noch Raum zu großen Taten. Erstaunenswürdiges soll geraten, Ich fühle Kraft zu…
MEPHISTOPHELES: Und also willst du Ruhm verdienen? Man merkt's, du kommst von Heroinen.
FAUST: Herrschaft gewinn' ich, Eigentum! Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.
MEPHISTOPHELES: Doch werden sich Poeten finden, Der Nachwelt deinen Glanz zu künden, Durch Torheit Torheit zu entzünden.
FAUST: Von allem ist dir nichts gewährt. Was weißt du, was der Mensch begehrt? Dein widrig Wesen, bitter,…
MEPHISTOPHELES: Geschehe denn nach deinem Willen! Vertraue mir den Umfang deiner Grillen.
FAUST: Mein Auge war aufs hohe Meer gezogen; Es schwoll empor, sich in sich selbst zu türmen, Dann…
MEPHISTOPHELES: Da ist für mich nichts Neues zu erfahren, Das kenn' ich schon seit hunderttausend Jahren.
FAUST: Sie schleicht heran, an abertausend Enden, Unfruchtbar selbst, Unfruchtbarkeit zu spenden; Nun schwillt's und wächst und rollt…
MEPHISTOPHELES: Wie leicht ist das! Hörst du die Trommeln fern?
FAUST: Schon wieder Krieg! der Kluge hört's nicht gern.
MEPHISTOPHELES: Krieg oder Frieden. Klug ist das Bemühen, Zu seinem Vorteil etwas auszuziehen. Man paßt, man merkt auf…
FAUST: Mit solchem Rätselkram verschone mich! Und kurz und gut, was soll's? Erkläre dich.
MEPHISTOPHELES: Auf meinem Zuge blieb mir nicht verborgen: Der gute Kaiser schwebt in großen Sorgen. Du kennst ihn…
FAUST: Ein großer Irrtum. Wer befehlen soll, Muß im Befehlen Seligkeit empfinden. Ihm ist die Brust von hohem…
MEPHISTOPHELES: So ist er nicht. Er selbst genoß, und wie! Indes zerfiel das Reich in Anarchie, Wo groß…
FAUST: Es ging--es hinkte, fiel, stand wieder auf, Dann überschlug sich's, rollte plump zuhauf.
MEPHISTOPHELES: Und solchen Zustand durfte niemand schelten, Ein jeder konnte, jeder wollte gelten. Der Kleinste selbst, er galt…
FAUST: Das klingt sehr pfäffisch. +
MEPHISTOPHELES: Pfaffen waren's auch, Sie sicherten den wohlgenährten Bauch. Sie waren mehr als andere beteiligt. Der Aufruhr schwoll,…
FAUST: Er jammert mich; er war so gut und offen.
MEPHISTOPHELES: Komm, sehn wir zu! der Lebende soll hoffen. Befrein wir ihn aus diesem engen Tale! Einmal gerettet,…
MEPHISTOPHELES: Die Stellung, seh' ich, gut ist sie genommen; Wir treten zu, dann ist der Sieg vollkommen.
FAUST: Was kann da zu erwarten sein? Trug! Zauberblendwerk! Hohler Schein.
MEPHISTOPHELES: Kriegslist, um Schlachten zu gewinnen! Befestige dich bei großen Sinnen, Indem du deinen Zweck bedenkst. Erhalten wir…
FAUST: Schon manches hast du durchgemacht, Nun, so gewinn auch eine Schlacht!
MEPHISTOPHELES: Nein, du gewinnst sie! Diesesmal Bist du der Obergeneral.
FAUST: Das wäre mir die rechte Höhe, Da zu befehlen, wo ich nichts verstehe!
MEPHISTOPHELES: Laß du den Generalstab sorgen, Und der Feldmarschall ist geborgen. Kriegsunrat hab' ich längst verspürt, Den Kriegsrat…
FAUST: Was seh' ich dort, was Waffen trägt? Hast du das Bergvolk aufgeregt?
MEPHISTOPHELES: Nein! aber, gleich Herrn Peter Squenz, Vom ganzen Praß die Quintessenz.
MEPHISTOPHELES: Da kommen meine Bursche ja! Du siehst, von sehr verschiednen Jahren, Verschiednem Kleid und Rüstung sind sie…
RAUFEBOLD: Wenn einer mir ins Auge sieht, Werd' ich ihm mit der Faust gleich in die Fresse fahren,…
HABEBALD: So leere Händel, das sind Possen, Damit verdirbt man seinen Tag; Im Nehmen sei nur unverdrossen, Nach…
HALTEFEST: Damit ist auch nicht viel gewonnen! Bald ist ein großes Gut zerronnen, Es rauscht im Lebensstrom hinab.…
Auf dem Vorgebirg
obergeneral Noch immer scheint der Vorsatz wohlerwogen, Daß wir in dies gelegene Tal Das ganze Heer gedrängt zurückgezogen;…
KAISER: Wie es nun geht, es muß sich zeigen; Doch mich verdrießt die halbe Flucht, das Weichen.
OBERGENERAL: Schau hier, mein Fürst, auf unsre rechte Flanke! Solch ein Terrain wünscht sich der Kriegsgedanke: Nicht steil…
KAISER: Mir bleibt nichts übrig, als zu loben; Hier kann sich Arm und Brust erproben.
OBERGENERAL: Hier, auf der Mittelwiese flachen Räumlichkeiten, Siehst du den Phalanx, wohlgemut zu streiten. Die Piken blinken flimmernd…
KAISER: Den schönen Blick hab' ich zum erstenmal. Ein solches Heer gilt für die Doppelzahl.
OBERGENERAL: Von unsrer Linken hab' ich nichts zu melden, Den starren Fels besetzen wackere Helden, Das Steingeklipp, das…
KAISER: Dort ziehn sie her, die falschen Anverwandten, Wie sie mich Oheim, Vetter, Bruder nannten, Sich immer mehr…
OBERGENERAL: Ein treuer Mann, auf Kundschaft ausgeschickt, Kommt eilig felsenab; sei's ihm geglückt!
ERSTER KUNDSCHAFTER: Glücklich ist sie uns gelungen, Listig, mutig, unsre Kunst, Daß wir hin und her gedrungen; Doch…
KAISER: Sich selbst erhalten bleibt der Selbstsucht Lehre, Nicht Dankbarkeit und Neigung, Pflicht und Ehre. Bedenkt ihr nicht,…
OBERGENERAL: Der zweite kommt, nur langsam steigt er nieder, Dem müden Manne zittern alle Glieder.
ZWEITER KUNDSCHAFTER: Erst gewahrten wir vergnüglich Wilden Wesens irren Lauf; Unerwartet, unverzüglich Trat ein neuer Kaiser auf. Und…
KAISER: Ein Gegenkaiser kommt mir zum Gewinn: Nun fühl' ich erst, daß ich der Kaiser bin. Nur als…
FAUST: Wir treten auf und hoffen, ungescholten; Auch ohne Not hat Vorsicht wohl gegolten. Du weißt, das Bergvolk…
KAISER: Vernommen hab' ich's, und ich glaube dir; Doch, wackrer Mann, sag an: was soll das hier?
FAUST: Der Nekromant von Norcia, der Sabiner, Ist dein getreuer, ehrenhafter Diener. Welch greulich Schicksal droht' ihm ungeheuer!…
KAISER: Am Freudentag, wenn wir die Gäste grüßen, Die heiter kommen, heiter zu genießen, Da freut uns jeder,…
FAUST: Wie es auch sei, das Große zu vollenden, Du tust nicht wohl, dein Haupt so zu verpfänden.…
KAISER: Das ist mein Zorn, so möcht' ich ihn behandeln, Das stolze Haupt in Schemeltritt verwandeln!
HEROLDE: Wenig Ehre, wenig Geltung Haben wir daselbst genossen, Unsrer kräftig edlen Meldung Lachten sie als schaler Possen:…
FAUST: Dem Wunsch gemäß der Besten ist's geschehn, Die fest und treu an deiner Seite stehn. Dort naht…
KAISER: Auf das Kommando leist' ich hier Verzicht. In deinen Händen, Fürst, sei deine Pflicht.
OBERGENERAL: So trete denn der rechte Flügel an! Des Feindes Linke, eben jetzt im Steigen, Soll, eh' sie…
FAUST: Erlaube denn, daß dieser muntre Held Sich ungesäumt in deine Reihen stellt, Sich deinen Reihen innigst einverleibt…
RAUFEBOLD: Wer das Gesicht mir zeigt, der kehrt's nicht ab Als mit zerschlagnen Unter- und Oberbacken; Wer mir…
OBERGENERAL: Der Phalanx unsrer Mitte folge sacht, Dem Feind begegn' er, klug mit aller Macht; Ein wenig rechts,…
FAUST: So folge denn auch dieser deinem Wort! Er ist behend, reißt alles mit sich fort.
HABEBALD: Dem Heldenmut der Kaiserscharen Soll sich der Durst nach Beute paaren; Und allen sei das Ziel gestellt:…
EILEBEUTE: Bin ich auch ihm nicht angeweibt, Er mir der liebste Buhle bleibt. Für uns ist solch ein…
OBERGENERAL: Auf unsre Linke, wie vorauszusehn, Stürzt ihre Rechte, kräftig. Widerstehn Wird Mann für Mann dem wütenden Beginnen,…
FAUST: So bitte, Herr, auch diesen zu bemerken; Es schadet nichts, wenn Starke sich verstärken.
HALTEFEST: Dem linken Flügel keine Sorgen! Da, wo ich bin, ist der Besitz geborgen; In ihm bewähret sich…
MEPHISTOPHELES: Nun schauet, wie im Hintergrunde Aus jedem zackigen Felsenschlunde Bewaffnete hervor sich drängen, Die schmalen Pfade zu…
FAUST: Der Horizont hat sich verdunkelt, Nur hie und da bedeutend funkelt Ein roter ahnungsvoller Schein; Schon blutig…
MEPHISTOPHELES: Die rechte Flanke hält sich kräftig; Doch seh' ich ragend unter diesen Hans Raufbold, den behenden Riesen,…
KAISER: Erst sah ich einen Arm erhoben, Jetzt seh' ich schon ein Dutzend toben; Naturgemäß geschieht es nicht.
FAUST: Vernahmst du nichts von Nebelstreifen, Die auf Siziliens Küsten schweifen? Dort, schwankend klar, im Tageslicht, Erhoben zu…
KAISER: Doch wie bedenklich! Alle Spitzen Der hohen Speere seh' ich blitzen; Auf unsres Phalanx blanken Lanzen Seh'…
FAUST: Verzeih, o Herr, das sind die Spuren Verschollner geistiger Naturen, Ein Widerschein der Dioskuren, Bei denen alle…
KAISER: Doch sage: wem sind wir verpflichtet, Daß die Natur, auf uns gerichtet, Das Seltenste zusammenrafft?
MEPHISTOPHELES: Wem als dem Meister, jenem hohen, Der dein Geschick im Busen trägt? Durch deiner Feinde starkes Drohen…
KAISER: Sie jubelten, mich pomphaft umzuführen; Ich war nun was, das wollt' ich auch probieren Und fand's gelegen,…
FAUST: Freiherzige Wohltat wuchert reich; Laß deinen Blick sich aufwärts wenden! Mich deucht, er will ein Zeichen senden,…
KAISER: Ein Adler schwebt im Himmelhohen, Ein Greif ihm nach mit wildem Drohen.
FAUST: Gib acht: gar günstig scheint es mir. Greif ist ein fabelhaftes Tier; Wie kann es sich so…
KAISER: Nunmehr, in weitgedehnten Kreisen, Umziehn sie sich;--in gleichem Nu Sie fahren aufeinander zu, Sich Brust und Hälse…
FAUST: Nun merke, wie der leidige Greif, Zerzerrt, zerzaust, nur Schaden findet Und mit gesenktem Löwenschweif, Zum Gipfelwald…
KAISER: Sei's, wie gedeutet, so getan! Ich nehm' es mit Verwundrung an.
MEPHISTOPHELES: Dringend wiederholten Streichen Müssen unsre Feinde weichen, Und mit ungewissem Fechten Drängen sie nach ihrer Rechten Und…
KAISER: Schau! Mir scheint es dort bedenklich, Unser Posten steht verfänglich. Keine Steine seh' ich fliegen, Niedre Felsen…
MEPHISTOPHELES: Da kommen meine beiden Raben, Was mögen die für Botschaft haben? Ich fürchte gar, es geht uns…
KAISER: Was sollen diese leidigen Vögel? Sie richten ihre schwarzen Segel Hierher vom heißen Felsgefecht.
MEPHISTOPHELES: Setzt euch ganz nah zu meinen Ohren. Wen ihr beschützt, ist nicht verloren, Denn euer Rat ist…
FAUST: Von Tauben hast du ja vernommen, Die aus den fernsten Landen kommen Zu ihres Nestes Brut und…
MEPHISTOPHELES: Es meldet sich ein schwer Verhängnis: Seht hin! gewahret die Bedrängnis Um unsrer Helden Felsenrand! Die nächsten…
KAISER: So bin ich endlich doch betrogen! Ihr habt mich in das Netz gezogen; Mir graut, seitdem es…
MEPHISTOPHELES: Nur Mut! Noch ist es nicht mißglückt. Geduld und Pfiff zum letzten Knoten! Gewöhnlich geht's am Ende…
OBERGENERAL: Mit diesen hast du dich vereinigt, Mich hat's die ganze Zeit gepeinigt, Das Gaukeln schafft kein festes…
KAISER: Behalt ihn bis zu bessern Stunden, Die uns vielleicht das Glück verleiht. Mir schaudert vor dem garstigen…
MEPHISTOPHELES: Mag ihn der stumpfe Stab beschützen! Uns andern könnt' er wenig nützen, Es war so was vom…
FAUST: Was ist zu tun? +
MEPHISTOPHELES: Es ist getan!-- Nun, schwarze Vettern, rasch im Dienen, Zum großen Bergsee! grüßt mir die Undinen Und…
FAUST: Den Wasserfräulein müssen unsre Raben Recht aus dem Grund geschmeichelt haben; Dort fängt es schon zu rieseln…
MEPHISTOPHELES: Das ist ein wunderbarer Gruß, Die kühnsten Klettrer sind konfus.
FAUST: Schon rauscht ein Bach zu Bächen mächtig nieder, Aus Schluchten kehren sie gedoppelt wieder, Ein Strom nun…
MEPHISTOPHELES: Ich sehe nichts von diesen Wasserlügen, Nur Menschenaugen lassen sich betrügen, Und mich ergetzt der wunderliche Fall.…
MEPHISTOPHELES: Den Feinden dichte Finsternisse! Und Tritt und Schritt ins Ungewisse! Irrfunkenblick an allen Enden, Ein Leuchten, plötzlich…
FAUST: Die hohlen Waffen aus der Säle Grüften Empfinden sich erstarkt in freien Lüften; Da droben klappert's, rasselt's…
MEPHISTOPHELES: Ganz recht! Sie sind nicht mehr zu zügeln; Schon schallt's von ritterlichen Prügeln, Wie in der holden…
Des Gegenkaisers Zelt
EILEBEUTE: So sind wir doch die ersten hier!
HABEBALD: Kein Rabe fliegt so schnell als wir.
EILEBEUTE: O! welch ein Schatz liegt hier zuhauf! Wo fang' ich an? Wo hör' ich auf?
HABEBALD: Steht doch der ganze Raum so voll! Weiß nicht, wozu ich greifen soll.
EILEBEUTE: Der Teppich wär' mir eben recht, Mein Lager ist oft gar zu schlecht.
HABEBALD: Hier hängt von Stahl ein Morgenstern, Dergleichen hätt' ich lange gern.
EILEBEUTE: Den roten Mantel goldgesäumt, So etwas hatt' ich mir geträumt.
HABEBALD: Damit ist es gar bald getan, Man schlägt ihn tot und geht voran. Du hast so viel…
EILEBEUTE: Das hat ein mörderisch Gewicht! Ich heb' es nicht, ich trag' es nicht.
HABEBALD: Geschwinde duck' dich! Mußt dich bücken! Ich hucke dir's auf den starken Rücken.
EILEBEUTE: O weh! O weh, nun ist's vorbei! Die Last bricht mir das Kreuz entzwei.
HABEBALD: Da liegt das rote Gold zuhauf-- Geschwinde zu und raff es auf!
EILEBEUTE: Geschwinde nur zum Schoß hinein! Noch immer wird's zur Gnüge sein.
HABEBALD: Und so genug! und eile doch! O weh, die Schürze hat ein Loch! Wohin du gehst und…
TRABANTEN USERS KAISERS: Was schafft ihr hier am heiligen Platz? Was kramt ihr in dem Kaiserschatz?
HABEBALD: Wir trugen unsre Glieder feil Und holen unser Beuteteil. In Feindeszelten ist's der Brauch, Und wir, Soldaten…
TRABANTEN: Das passet nicht in unsern Kreis: Zugleich Soldat und Diebsgeschmeiß; Und wer sich unserm Kaiser naht, Der…
HABEBALD: Die Redlichkeit, die kennt man schon, Sie heißet: Kontribution. Ihr alle seid auf gleichem Fuß: Gib her!…
ERSTER TRABANT: Sag, warum gabst du nicht sogleich Dem frechen Kerl einen Backenstreich?
ZWEITER: Ich weiß nicht, mir verging die Kraft, Sie waren so gespensterhaft.
DRITTER: Mir ward es vor den Augen schlecht, Da flimmert' es, ich sah nicht recht.
VIERTER: Wie ich es nicht zu sagen weiß: Es war den ganzen Tag so heiß, So bänglich, so…
KAISER: Es sei nun, wie ihm sei! uns ist die Schlacht gewonnen, Des Feinds zerstreute Flucht im flachen…
ERZMARSCHALL: Dein treues Heer, bis jetzt im Inneren beschäftigt, Wenn's an der Grenze dich und deinen Thron bekräftigt,…
KAISER: Der sich als tapfrer Mann auch zart gefällig zeigt, Du! sei Erzkämmerer; der Auftrag ist nicht leicht.…
ERZKÄMMERER: Des Herren großen Sinn zu fördern, bringt zu Gnaden: Den Besten hülfreich sein, den Schlechten selbst nicht…
KAISER: Zwar fühl' ich mich zu ernst, auf Festlichkeit zu sinnen, Doch sei's! Es fördert auch frohmütiges Beginnen.…
ERZTRUCHSESS: Streng Fasten sei für mich die angenehmste Pflicht, Bis, vor dich hingestellt, dich freut ein Wohlgericht. Der…
KAISER: Weil unausweichlich hier sich's nur von Festen handelt, So sei mir, junger Held, zum Schenken umgewandelt. Erzschenke,…
ERZSCHENK: Mein Fürst, die Jugend selbst, wenn man ihr nur vertraut, Steht, eh' man sich's versieht, zu Männern…
KAISER: Was ich euch zugedacht in dieser ernsten Stunde, Vernahmt ihr mit Vertraun aus zuverlässigem Munde. Des Kaisers…
KAISER: Wenn ein Gewölbe sich dem Schlußstein anvertraut, Dann ist's mit Sicherheit für ewige Zeit erbaut. Du siehst…
ERZBISCHOF: Im Namen aller sei dir tiefster Dank gebracht! Du machst uns stark und fest und stärkest deine…
KAISER: Euch fünfen will ich noch erhöhtere Würde geben. Noch leb' ich meinem Reich und habe Lust, zu…
ERZKANZLER: Mit Stolz in tiefster Brust, mit Demut an Gebärde, Stehn Fürsten dir gebeugt, die ersten auf der…
KAISER: Und also sei, zum Schluß, was wir bisher betätigt, Für alle Folgezeit durch Schrift und Zug bestätigt.…
ERZKANZLER: Dem Pergament alsbald vertrau' ich wohlgemut, Zum Glück dem Reich und uns, das wichtigste Statut; Reinschrift und…
KAISER: Und so entlass' ich euch, damit den großen Tag Gesammelt jedermann sich überlegen mag.
DER GEISTLICHE: Der Kanzler ging hinweg, der Bischof ist geblieben, Vom ernsten Warnegeist zu deinem Ohr getrieben! Sein…
KAISER: Was hast du Bängliches zur frohen Stunde? sprich!
ERZBISCHOF: Mit welchem bittern Schmerz find' ich, in dieser Stunde, Dein hochgeheiligt Haupt mit Satanas im Bunde! Zwar,…
KAISER: Durch meinen schweren Fehl bin ich so tief erschreckt; Die Grenze sei von dir nach eignem Maß…
ERZBISCHOF: Erst! der entweihte Raum, wo man sich so versündigt, Sei alsobald zum Dienst des Höchsten angekündigt. Behende…
KAISER: Mag ein so großes Werk den frommen Sinn verkündigen, Zu preisen Gott den Herrn, so wie mich…
ERZBISCHOF: Als Kanzler fördr' ich nun Schluß und Formalität.
KAISER: Ein förmlich Dokument, der Kirche das zu eignen, Du legst es vor, ich will's mit Freuden unterzeichnen.
ERZBISCHOF: Dann widmest du zugleich dem Werke, wie's entsteht, Gesamte Landsgefälle: Zehnten, Zinsen, Beth', Für ewig. Viel bedarf's…
KAISER: Die Sünd' ist groß und schwer, womit ich mich beladen; Das leidige Zaubervolk bringt mich in harten…
ERZBISCHOF: Verzeih, o Herr! Es ward dem sehr verrufnen Mann Des Reiches Strand verliehn; doch diesen trifft der…
KAISER: Das Land ist noch nicht da, im Meer liegt es breit.
ERZBISCHOF: Wer 's Recht hat und Geduld, für den kommt auch die Zeit. Für uns mög' Euer Wort…
KAISER: So könnt' ich wohl zunächst das ganze Reich verschreiben.
5. Akt--Offene Gegend
WANDRER: Ja! sie sind's, die dunkeln Linden, Dort, in ihres Alters Kraft. Und ich soll sie wiederfinden, Nach…
BAUCIS: Lieber Kömmling! Leise! Leise! Ruhe! laß den Gatten ruhn! Langer Schlaf verleiht dem Greise Kurzen Wachens rasches…
WANDRER: Sage, Mutter: bist du's eben, Meinen Dank noch zu empfahn, Was du für des Jünglings Leben Mit…
PHILEMON: Eile nur, den Tisch zu decken, Wo's im Gärtchen munter blüht. Laß ihn rennen, ihn erschrecken, Denn…
BAUCIS: Bleibst du stumm? und keinen Bissen Bringst du zum verlechzten Mund?
PHILEMON: Möcht' er doch vom Wunder wissen; Sprichst so gerne, tu's ihm kund.
BAUCIS: Wohl! ein Wunder ist's gewesen! Läßt mich heut noch nicht in Ruh; Denn es ging das ganze…
PHILEMON: Kann der Kaiser sich versünd'gen, Der das Ufer ihm verliehn? Tät's ein Herold nicht verkünd'gen Schmetternd im…
BAUCIS: Tags umsonst die Knechte lärmten, Hack' und Schaufel, Schlag um Schlag; Wo die Flämmchen nächtig schwärmten, Stand…
PHILEMON: Hat er uns doch angeboten Schönes Gut im neuen Land!
BAUCIS: Traue nicht dem Wasserboden, Halt auf deiner Höhe stand!
PHILEMON: Laßt uns zur Kapelle treten, Letzten Sonnenblick zu schaun! Laßt uns läuten, knieen, beten Und dem alten…
Palast
LYNKEUS DER TÜRMER: Die Sonne sinkt, die letzten Schiffe, Sie ziehen munter hafenein. Ein großer Kahn ist im…
FAUST: Verdammtes Läuten! Allzuschändlich Verwundet's, wie ein tückischer Schuß; Vor Augen ist mein Reich unendlich, Im Rücken neckt…
TÜRMER: Wie segelt froh der bunte Kahn Mit frischem Abendwind heran! Wie türmt sich sein behender Lauf In…
CHORUS: Da landen wir, Da sind wir schon. Glückan dem Herren, Dem Patron!
MEPHISTOPHELES: So haben wir uns wohl erprobt, Vergnügt, wenn der Patron es lobt. Nur mit zwei Schiffen ging…
DIE DREI GEWALTIGEN GESELLEN: Nicht Dank und Gruß! Nicht Gruß und Dank! Als brächten wir Dem Herrn Gestank.…
MEPHISTOPHELES: Erwartet weiter Keinen Lohn! Nahmt ihr doch Euren Teil davon.
DIE GESELLEN: Das ist nur für Die Langeweil'; Wir alle fordern Gleichen Teil.
MEPHISTOPHELES: Erst ordnet oben Saal an Saal Die Kostbarkeiten Allzumal! Und tritt er zu Der reichen Schau, Berechnet…
MEPHISTOPHELES: Mit ernster Stirn, mit düstrem Blick Vernimmst du dein erhaben Glück. Die hohe Weisheit wird gekrönt, Das…
FAUST: Das verfluchte Hier! Das eben, leidig lastet's mir. Dir Vielgewandtem muß ich's sagen, Mir gibt's im Herzen…
MEPHISTOPHELES: Natürlich! daß ein Hauptverdruß Das Leben dir vergällen muß. Wer leugnet's! Jedem edlen Ohr Kommt das Geklingel…
FAUST: Das Widerstehn, der Eigensinn Verkümmern herrlichsten Gewinn, Daß man, zu tiefer, grimmiger Pein, Ermüden muß, gerecht zu…
MEPHISTOPHELES: Was willst du dich denn hier genieren? Mußt du nicht längst kolonisieren?
FAUST: So geht und schafft sie mir zur Seite!-- Das schöne Gütchen kennst du ja, Das ich den…
MEPHISTOPHELES: Man trägt sie fort und setzt sie nieder, Eh' man sich umsieht, stehn sie wieder; Nach überstandener…
MEPHISTOPHELES: Kommt, wie der Herr gebieten läßt! Und morgen gibt's ein Flottenfest.
DIE DREI: Der alte Herr empfing uns schlecht, Ein flottes Fest ist uns zu Recht.
MEPHISTOPHELES: Auch hier geschieht, was längst geschah, Denn Naboths Weinberg war schon da. ((regum i,21))
Tiefe Nacht
LYNKEUS DER TÜRMER: Zum Sehen geboren, Zum Schauen bestellt, Dem Turme geschworen, Gefällt mir die Welt. Ich blick'…
FAUST: Von oben welch ein singend Wimmern? Das Wort ist hier, der Ton zu spat. Mein Türmer jammert;…
MEPHISTOPHELES UND DIE DREIE: Da kommen wir mit vollem Trab; Verzeiht! es ging nicht gütlich ab. Wir klopften…
FAUST: Ward ihr für meine Worte taub? Tausch wollt' ich, wollte keinen Raub. Dem unbesonnenen wilden Streich, Ihm…
CHORUS: Das alte Wort, das Wort erschallt: Gehorche willig der Gewalt! Und bist du kühn und hälst du…
FAUST: Die Sterne bergen Blick und Schein, Das Feuer sinkt und lodert klein; Ein Schauerwindchen fächelt's an, Bringt…
Mitternacht
ERSTE: Ich heiße der Mangel. +
ZWEITE: Ich heiße die Schuld.
DRITTE: Ich heiße die Sorge. +
VIERTE: Ich heiße die Not.
ZU DREI: Die Tür ist verschlossen, wir können nicht ein; Drin wohnet ein Reicher, wir mögen nicht 'nein.
MANGEL: Da werd' ich zum Schatten. +
SCHULD: Da werd' ich zunicht.
NOT: Man wendet von mir das verwöhnte Gesicht.
SORGE: Ihr Schwestern, ihr könnt nicht und dürft nicht hinein. Die Sorge, sie schleicht sich durchs Schlüsselloch ein.
MANGEL: Ihr, graue Geschwister, entfernt euch von hier.
SCHULD: Ganz nah an der Seite verbind' ich mich dir.
NOT: Ganz nah an der Ferse begleitet die Not.
ZU DREI: Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne! Dahinten, dahinten! von ferne, von ferne, Da kommt…
FAUST: Vier sah ich kommen, drei nur gehn; Den Sinn der Rede konnt' ich nicht verstehn. Es klang…
SORGE: Die Frage fordert Ja!
FAUST: Und du, wer bist denn du? +
SORGE: Bin einmal da.
FAUST: Entferne dich! +
SORGE: Ich bin am rechten Ort.
FAUST: Nimm dich in acht und sprich kein Zauberwort.
SORGE: Würde mich kein Ohr vernehmen, Müßt' es doch im Herzen dröhnen; In verwandelter Gestalt üb' ich grimmige…
FAUST: Ich bin nur durch die Welt gerannt; Ein jed' Gelüst ergriff ich bei den Haaren, Was nicht…
SORGE: Wen ich einmal besitze, Dem ist alle Welt nichts nütze; Ewiges Düstre steigt herunter, Sonne geht nicht…
FAUST: Hör auf! so kommst du mir nicht bei! Ich mag nicht solchen Unsinn hören. Fahr hin! die…
SORGE: Soll er gehen, soll er kommen? Der Entschluß ist ihm genommen; Auf gebahnten Weges Mitte Wankt er…
FAUST: Unselige Gespenster! so behandelt ihr Das menschliche Geschlecht zu tausend Malen; Gleichgültige Tage selbst verwandelt ihr In…
SORGE: Erfahre sie, wie ich geschwind Mich mit Verwünschung von dir wende! Die Menschen sind im ganzen Leben…
FAUST: Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen, Allein im Innern leuchtet helles Licht; Was ich gedacht, ich eil'…
Grosser Vorhof des Palasts
MEPHISTOPHELES: Herbei, herbei! Herein, herein! Ihr schlotternden Lemuren, Aus Bändern, Sehnen und Gebein Geflickte Halbnaturen.
LEMUREN: Wir treten dir sogleich zur Hand, Und wie wir halb vernommen, Es gilt wohl gar ein weites…
MEPHISTOPHELES: Hier gilt kein künstlerisch Bemühn; Verfahret nur nach eignen Maßen! Der Längste lege längelang sich hin, Ihr…
LEMUREN: Wie jung ich war und lebt' und liebt', Mich deucht, das war wohl süße; Wo's fröhlich klang…
FAUST: Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt! Es ist die Menge, die mir frönet, Die Erde mit…
MEPHISTOPHELES: Du bist doch nur für uns bemüht Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen; Denn du bereitest schon Neptunen,…
FAUST: Aufseher! +
MEPHISTOPHELES: Hier! +
FAUST: Wie es auch möglich sei, Arbeiter schaffe Meng' auf Menge, Ermuntere durch Genuß und Strenge, Bezahle, locke,…
MEPHISTOPHELES: Man spricht, wie man mir Nachricht gab, Von keinem Graben, doch vom Grab.
FAUST: Ein Sumpf zieht am Gebirge hin, Verpestet alles schon Errungene; Den faulen Pfuhl auch abzuziehn, Das Letzte…
MEPHISTOPHELES: Ihn sättigt keine Lust, ihm gnügt kein Glück, So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten; Den letzten,…
CHOR: Steht still! Sie schweigt wie Mitternacht. Der Zeiger fällt. +
MEPHISTOPHELES: Er fällt, es ist vollbracht.
CHOR: Es ist vorbei. +
MEPHISTOPHELES: Vorbei! ein dummes Wort. Warum vorbei? Vorbei und reines Nicht, vollkommnes Einerlei! Was soll uns denn das…
Grablegung
LEMUR--SOLO: Wer hat das Haus so schlecht gebaut, Mit Schaufeln und mit Spaten?
LEMUREN--CHOR: Dir, dumpfer Gast im hänfnen Gewand, Ist's viel zu gut geraten.
LEMUR--SOLO: Wer hat den Saal so schlecht versorgt? Wo blieben Tisch und Stühle?
LEMUREN--CHOR: Es war auf kurze Zeit geborgt; Der Gläubiger sind so viele.
MEPHISTOPHELES: Der Körper liegt, und will der Geist entfliehn, Ich zeig' ihm rasch den blutgeschriebnen Titel;-- Doch leider…
HIMMLISCHE HEERSCHAR: Folget, Gesandte, Himmelsverwandte, Gemächlichen Flugs: Sündern vergeben, Staub zu beleben; Allen Naturen Freundliche Spuren Wirket im…
MEPHISTOPHELES: Mißtöne hör' ich, garstiges Geklimper, Von oben kommt's mit unwillkommnem Tag; Es ist das bübisch-mädchenhafte Gestümper, Wie…
CHOR DER ENGEL: Rosen, ihr blendenden, Balsam versendenden! Flatternde, schwebende, Heimlich belebende, Zweigleinbeflügelte, Knospenentsiegelte, Eilet zu blühn. Frühling…
MEPHISTOPHELES: Was duckt und zuckt ihr? ist das Höllenbrauch? So haltet stand und laßt sie streuen. An seinen…
CHOR DER ENGEL: Blüten, die seligen, Flammen, die fröhlichen, Liebe verbreiten sie, Wonne bereiten sie, Herz wie es…
MEPHISTOPHELES: O Fluch! o Schande solchen Tröpfen! Satane stehen auf den Köpfen, Die Plumpen schlagen Rad auf Rad…
CHOR DER ENGEL: Was euch nicht angehört, Müsset ihr meiden, Was euch das Innre stört, Dürft ihr nicht…
MEPHISTOPHELES: Mir brennt der Kopf, das Herz, die Leber brennt, Ein überteuflisch Element! Weit spitziger als Höllenfeuer!-- Drum…
ENGEL: Wir kommen schon, warum weichst du zurück? Wir nähern uns, und wenn du kannst, so bleib!
MEPHISTOPHELES: Ihr scheltet uns verdammte Geister Und seid die wahren Hexenmeister; Denn ihr verführet Mann und Weib.-- Welch…
CHOR DER ENGEL: Wendet zur Klarheit Euch, liebende Flammen! Die sich verdammen, Heile die Wahrheit; Daß sie vom…
MEPHISTOPHELES: Wie wird mir!--Hiobsartig, Beul' an Beule Der ganze Kerl, dem's vor sich selber graut, Und triumphiert zugleich,…
CHOR DER ENGEL: Heilige Gluten! Wen sie umschweben, Fühlt sich im Leben Selig mit Guten. Alle vereinigt Hebt…
MEPHISTOPHELES: Doch wie?--wo sind sie hingezogen? Unmündiges Volk, du hast mich überrascht, Sind mit der Beute himmelwärts entflogen;…
Bergschluchten
CHOR UN ECHO: Waldung, sie schwankt heran, Felsen, sie lasten dran, Wurzeln, sie klammern an, Stamm dicht an…
PATER ECSTATICUS: Ewiger Wonnebrand, Glühendes Liebeband, Siedender Schmerz der Brust, Schäumende Gotteslust. Pfeile, durchdringet mich, Lanzen, bezwinget mich,…
PATER PROFUNDUS: Wie Felsenabgrund mir zu Füßen Auf tiefem Abgrund lastend ruht, Wie tausend Bäche strahlend fließen Zum…
PATER SERAPHICUS: Welch ein Morgenwölkchen schwebet Durch der Tannen schwankend Haar! Ahn' ich, was im Innern lebet? Es…
CHOR SELIGER KNABEN: Sag uns, Vater, wo wir wallen, Sag uns, Guter, wer wir sind? Glücklich sind wir:…
PATER SERAPHICUS: Knaben! Mitternachts-Geborne, Halb erschlossen Geist und Sinn, Für die Eltern gleich Verlorne, Für die Engel zum…
SELIGE KNABEN: Das ist mächtig anzuschauen, Doch zu düster ist der Ort, Schüttelt uns mit Schreck und Grauen.…
PATER SERAPHICUS: Steigt hinan zu höherm Kreise, Wachset immer unvermerkt, Wie, nach ewig reiner Weise, Gottes Gegenwart verstärkt.…
CHOR SELIGER KNABEN: Hände verschlinget Freudig zum Ringverein, Regt euch und singet Heil'ge Gefühle drein! Göttlich belehret, Dürft…
ENGEL: Gerettet ist das edle Glied Der Geisterwelt vom Bösen, Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir…
DIE JÜNGEREN ENGEL: Jene Rosen aus den Händen Liebend-heiliger Büßerinnen Halfen uns den Sieg gewinnen, Uns das hohe…
DIE VOLLENDETEREN ENGEL: Uns bleibt ein Erdenrest Zu tragen peinlich, Und wär' er von Asbest, Er ist nicht…
DIE JÜNGEREN ENGEL: Nebelnd um Felsenhöh' Spür' ich soeben, Regend sich in der Näh', Ein Geisterleben. Die Wölkchen…
DIE SELIGEN KNABEN: Freudig empfangen wir Diesen im Puppenstand; Also erlangen wir Englisches Unterpfand. Löset die Flocken los,…
DOCTOR MARIANUS: Hier ist die Aussicht frei, Der Geist erhoben. Dort ziehen Fraun vorbei, Schwebend nach oben. Die…
CHOR DER BÜSSERINNEN: Du schwebst zu Höhen Der ewigen Reiche, Vernimm das Flehen, Du Ohnegleiche, Du Gnadenreiche!
MAGNA PECCATRIX: Bei der Liebe, die den Füßen Deines gottverklärten Sohnes Tränen ließ zum Balsam fließen, Trotz des…
MULIER SAMARITANA: Bei dem Bronn, zu dem schon weiland Abram ließ die Herde führen, Bei dem Eimer, der…
MARIA AEGYPTIACA: Bei dem hochgeweihten Orte, Wo den Herrn man niederließ, Bei dem Arm, der von der Pforte…
ZU DREI: Die du großen Sünderinnen Deine Nähe nicht verweigerst Und ein büßendes Gewinnen In die Ewigkeiten steigerst,…
UNA POENITENTIUM, SONST GRETCHEN GENANNT: Neige, neige, Du Ohnegleiche, Du Strahlenreiche, Dein Antlitz gnädig meinem Glück! Der früh…
SELIGE KNABEN: Er überwächst uns schon An mächtigen Gliedern, Wird treuer Pflege Lohn Reichlich erwidern. Wir wurden früh…
DIE EINE BÜSSERIN, SONST GRETCHEN GENANNT: Vom edlen Geisterchor umgeben, Wird sich der Neue kaum gewahr, Er ahnet…
MATER GLORIOSA: Komm! hebe dich zu höhern Sphären! Wenn er dich ahnet, folgt er nach.
DOCTOR MARIANUS: Blicket auf zum Retterblick, Alle reuig Zarten, Euch zu seligem Geschick Dankend umzuarten. Werde jeder beßre…
CHORUS MYSTICUS: Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis; Das Unzulängliche, Hier wird's Ereignis; Das Unbeschreibliche, Hier ist's getan;…