Den folgenden Morgen nahm Gregor, ohne Fragen erwarten zu dürfen, eher gleichgültig auf. Er hatte die übrigen Mitglieder der Familie in den vergangenen Tagen oft miteinander sprechen hören; er wußte, daß sich seine Schwester inzwischen während des Vormittags Arbeiten abholte, die ihr später nie wieder eingefallen wären, wenn sie nun nicht daran gebunden gewesen wären, und er wußte auch, daß sein Vater schon seit Tagen, fast nur in seinen Gedanken, mit einem Tuch um die rechte Hand, Übungen gemacht hatte, als ob er jeden Augenblick mit ihr etwas anfangen könnte. Ebenso war ihm bekannt, daß die Mutter immer mehr zu leiden begann, daß sie in den Nächten leise, kaum hörbar, seufzte und manchmal den Kopf an die Wand lehnte; alles dies hörte er durch die Tür und durch die Wand, und es machte ihm einen dumpfen Eindruck, wie ferner Dinge, von denen man hört, wenn man ohnmächtig ist.
Er wünschte, die Tür würde geöffnet und einer jener Rufe, die in den letzten Tagen immer häufiger geworden waren, tödte ihn nicht nur von weitem, sondern läge leibhaftig vor ihm. Aber die Tür blieb geschlossen, die Stimmen verstummten, und es war, als ob alle in der Wohnung auf ein Zeichen warteten, das nicht kam. Einmal schien ihm, seine Schwester würde ihr Zimmer betreten; er spürte ein leichtes Starren in der Luft, dann fiel alles wieder zusammen wie ein zusammengesunkenes Lager. Er hörte Schritte, aber sie gingen nicht an seiner Tür vorüber; er hörte das Ticken einer Uhr in der Diele; er hörte, wie jemand einen Brief aufhob, raschelnd, wie eine laute Mücke, und wieder niederlegte; jedes einzelne dieser Geräusche, so unbedeutend es an und für sich war, drang an sein Ohr mit der Deutlichkeit, die Dinge haben, die man aus großer Nähe hört.
Er legte sich auf den Rücken und fühlte, wie ihm schwindlig wurde, wie ihm die Glieder schwer wurden; das Spinnengerüst seines Körpers spannte sich und zitterte, wenn er sich bewegte. Es gefiel ihm nicht, daß seine Beine, die er nicht mehr richtig gebrauchen konnte, so zittern mußten; er wünschte, sie möchten steif sein und starr liegen bleiben. Er dachte an seine Arbeit, an das Dasein, das er bisher geführt hatte, und es erschien ihm wie ein fremdes, schmutziges Gewand, das er abgestreift hatte und nun nicht wieder anziehen konnte. Er erinnerte sich seines gerechten und gerechten Zornes, wenn ihm Ungerechtigkeit hatte zustoßen wollen, und es war ihm, als ob dieser Zorn sich in Fügsamkeit verwandelt hätte, die ihm jetzt zur zweiten Natur geworden war.
Die Stunde des Eintretens in die Stube, die er für sich allein hatte, kam nicht. Gegen Mittag vernahm er das Klopfen der Putzfrau, und es war erstaunlich, wie aufmerksam er jedes Geräusch verfolgte, das zur Wohnung gehörte. Er konnte nicht verstehen, warum man die Stube, die sein Vater, seine Mutter und seine Schwester benutzten, so anders behandelte als seine eigene; wenn ihm jemand früher gesagt hätte, diese Stube werde jetzt von jedem ohne Scheu betreten, hätte er es nicht geglaubt. Aber es schien, als sei ein neues Gesetz über das Haus gekommen, und dieses Gesetz untersagte ihm, sich in die Mitte zu begeben; nur in den Randräumen des Lebens durfte er noch bestehen.
Die Putzfrau machte ihr Morgenwerk, sie war schneller und höflicher als früher; Gregor hörte, wie sie die Gardinen aufschob, wie sie den Tisch abwischte, wie sie mit polierenden Bewegungen den Boden besah; die Mutter stand dabei und überwachte, was sie tat, doch nicht mit dem früheren strengen, schulmeisterlichen Blick, eher mit einer ängstlichen, abgekühlten Gefühlsart, wie eine Frau, die sich daran erst gewöhnen muß. Gregor hörte die Schritte der Schwester; sie war heute feiner gekleidet, mit weißer Schürze, und es schien, als wäre sie in einem neuen, entschlosseneren Ton, wenn sie etwas aussprach. Man vernahm ab und zu ein kurzes Gespräch, das ohne weitere Bedeutung blieb, denn es war nicht zum Zweck einer Aussprache bestimmt, sondern nur, um dem Leben einen Klang zu geben.
Er hörte, wie sie über ihn sprachen, aber er verstand sie nicht sofort; nur einzelne Worte flogen zu ihm hinüber, wie Stücke von Papier, die der Wind heranträgt. Es hieß: "Dieses Tier", "es muß weg", "es ist eine Schande", "was werden die Leute sagen"; dann wurde die Stimme leiser, und es war, als ob man in einem anderen Zimmer eine Rede höre, die nichts mit einem zu tun hat. Gregor spürte, daß alles, was von ihm gesprochen wurde, wie ein Urteil fiel, und er hätte gerne etwas gesagt, um sein Recht zu verteidigen, doch seine Stimme versagte; das, was er zu äußern versucht hatte, klang nur wie ein schwaches Summen, und niemand antwortete.
Der Nachmittag verging; die Leere im Zimmer und die durch die Wand kommenden Stimmen hielten an. Gregor legte sich immer wieder auf die Seite, oft ohne eigentlichen Schlaf, sondern nur mit einem halbwachen Dösen, in dem sich Bilder seiner früheren Welt mischten mit dem, was die Gegenwart an Bedrohung barg. Manchmal vernahm er Schritte bis an seine Tür, dann wurden sie wieder leiser; einmal hörte er, wie ein Fremder, wahrscheinlich ein Interessent fürs Wohnhaus, gefragt wurde, ob er die Wohnung näher ansehen wolle. Es war ihm, als ob mit dem Betreten dieses Mannes etwas geschehen würde, was über sein Schicksal zu entscheiden hätte; aber auch dies blieb ohne Konsequenz für ihn.
Gegen Abend trat der Vater wieder in Tätigkeit; er setzte sich an seinen Schreibtisch und legte Papiere vor sich hin, so, als ob er zur Arbeit zurückkehren wollte. Doch seine Hände zitterten; er brauchte Zeit, sich zu sammeln, und während dieser Zeit hörte Gregor jede Bewegung, jeden Seufzer. Die Mutter saß still und starrte in die Ferne, wie eine auf den Anfang eines Unheils Wartende. Die Schwester, die zuletzt immer fröhlicher geworden war, schien heute ernst und nachdenklich; sie verging nicht in Tränen, sondern sammelte Kräfte, die ihr zu neuen Pflichten halfen.
Endlich, gegen Abend, hörte Gregor, wie das Gespräch eine andere Wendung nahm. Man sprach, nicht ohne Hemmung, vom Vermieteten, vom Lebensunterhalt, von dem, was man noch schaffen könnte; Wörter, die er vorher nie mit der Familie hörte, fielen nun öfter. Es war, als ob die Sprachlosigkeit langsam zerbräche und an ihre Stelle ein nüchternes Rechnen träte, das die Notwendigkeiten des Lebens feststellte. Gregor fühlte sich dabei wie ein Störfaktor, der beseitigt werden mußte, nicht mehr aus Haß, sondern aus nüchterner Rücksicht auf das Wohl aller.
Am Abend herrschte Stille im Hause; die Lichter wurden gedämpft, und der Geruch von Suppe, der aus der Küche zog, stieg in sein Zimmer wie eine Erinnerung an frühere, unbeschwerte Tage. Er wollte sich bewegen, etwas tun, um nicht länger ein unbenutzter Gegenstand zu sein, und streckte die Fühler aus. Doch je mehr er sich anstrengte, desto deutlicher merkte er seine Unzulänglichkeit; die Häuserwände schienen enger, der Gang durch die Tür unmöglich. Es mußte wohl so sein, dachte er, daß er nur noch im Verborgenen bleiben dürfe, bis man über ihn entschieden hätte.
Die Nacht kam, und mit ihr eine tiefe Ruhe, in der alle Bewegungen verstummten. Gregor lag wach, und seine Gedanken wanderten unaufhörlich umher, doch ohne den Mut, einen Beschluß zu fassen. Draußen in der Stadt glommen Lichter, und er hörte noch die letzten Schritte eines Boten, der die Spätschicht machte. Er träumte von Rückkehr und von Schuldigwerden, von Arbeit und von verlorener Zeit; alles schien ihm wie aus einem fremden Leben, das keiner Rückkehr mehr wert war. Schließlich schlief er ein, nicht mit Trost, sondern mit der resignierten Erkenntnis, daß seine Lage unverändert bleiben würde.