Faust. Der Tragödie erster Teil: Auerbachs Keller in Leipzig

Johann Wolfgang von Goethe

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Chor der Wirtsbursche. Komm heraus und trink mit uns, Schenk dich voll, Faust, bei unsre Hant! Hier ist kein Prediger, der dich mahnt, Hier gilt kein Sinn von Büchern und Tantz, Hier ist ein Keller, wo man nichts verschmäht, Hier nimmt man Freud' und Ärger halb wie gleich; Drum trinket mit uns, wir haben's leid. — O schrecklich viel! so rühmet mir die Zeit, Die einem leben und nicht mehr leben läßt: Der Knecht kommt selten heut' zu seinem Recht, Er trägt die Kanne und er darf nicht zanken. — Wir steh'n recht gut in Leipzig dran: Man schwatzt und lacht und schleppt die Kranze, Und wer nicht weis, was er versäumt, Der sitzt zu Hause und sorgt sich krank.

Mephistopheles. Schon genug, genug! wagt's nur, die Feder zu ergreifen, und ihr werdet sehn, wie klug man sich im Leben hält. — Herr Doktor, wasischen Sie nicht, sind Sie heut' so blank? Gebührt es Ihnen nicht, ein Schlückchen zu kosten? — Faust. Ich habe nicht so sehr Lust — ich bin in Trauer. — Mephistopheles. So kommen Sie mit uns; dort wirds lustig sein, und es giebt Wein so gut wie je.

Wirt. Ei, da haben wir den Doktor! Herr Doktor, Sie sind willkommen! Was darf's sein? Heut haben wir Hausmusik und Studentenlieder; setzt Euch nieder, und laßt die Sorgen draußen! — Faust. Ich danke Ihnen, Herr; es fällt mir schwer, mich zu unterhalten. — Mephistopheles. Ach was! gar zu ernst ist mancher Mann; er möchte lieber seine Bücher wälzen, wenn er doch dazu geboren ist, die Welt zu genießen.

Chor der Studenten. Wir sind so froh, wir haben Geld, Wir singen laut und sind nicht alt; Die Becher klingen, die Herzen springen, Das Leben ist ein Abenteuer. Auf, Freund! die Zeit ist jung, und wer sie faßt, Der hält das Leben in der Faust. — Wirt. He! singt das Lied noch einmal! Es bringt uns Glück und Fülle, und der Doktor soll es hören.

Faust (allein). Was sucht ihr hier? Zu was für einem Spiele ladet ihr mich ein? Nicht mir zu sehn, nicht mir zu lachen; liegt mir nicht schwer genug die Brust? O Seele, seufz nicht länger! Wenn du mich ruft nach Sinn und Ziel, So kenn' ich keinen Trost in dem Getümmel. — (Er faßt einen Becher und trinkt halb.)

Mephistopheles (leise). Siehst du, wie leicht der Mensch sich bildet? Ein Schelmenstück und tausend Hänseleien, Und er ist fröhlich. Du willst, daß ich dir zeige, wie man die Kur macht? Gib jetzt acht! — (Er läßt die Gläser voll mit Wein, der, gleichsam wie belebt, durch die Luft tanzt und die Gäste wunderlich neckt; sie fallen in Verwirrung und in Gelächter.)

Wirt. Was für Teufelei ist das? Die Krüge fliegen uns von den Tischen und kommen frisch gespült zurück! — Student. Ha! das ist ein Wunder! Wir mögen trinken, was wir wollen, und die Krüge füllen sich von selbst. Auf! das ist ein herrlich Abend! — Chor. Wir preisen die Kunst, die uns so reich bedacht, Wir preisen die Zauberkraft und tanzen um das Spiel.

Faust. O unsres Lebens Glanz! wie kurz, wie leer! Ihr Scheine, die ihr uns umspielt mit Lust, Ihr täuscht uns, ihr verführt uns, und am Ende bleibt nur bittrer Trank. — Mephistopheles. Ach, Doktor, du bist ein Nörgler; erfreu dich doch an dem, was da ist! Man soll den Augenblick genießen; das ist des Menschen Los: ein wenig Fröhlichkeit, und gleich macht er sich ein Paradies.

Wirt. Ei, Herr Doktor, haben Sie so gar keinen Sinn für unser frohes Treiben? Kommen Sie, lassen Sie uns ein Lied anstimmen: 'Trinkt, Brüder, trinkt!' — Chor. Trinkt, Brüder, trinkt! Die Nacht ist jung, und unser Hoffen ist nicht klein; Wer heute fröhlich ist, darf morgen sorgen. — (Man singt und trinkt, die Gäste lachen und umarmen einander.)

Faust (still zu Mephistopheles). Diese Freuden sind wie Wasser in der Hand; sie fließen, und sie entgleiten uns. — Mephistopheles. So sei's; doch laß uns gehn, eh' die Miene ernst wird. Es ist genug gesehen hier; komm, wir verlassen die Gesellschaft, und du wirst noch manch' herrlich Schauspiel sehn, das deinen Geist erheitert.

Chor der Wirtsbursche und Studenten. Lebe hoch! Der Wein, der gilt als guter Freund, Er bringt uns Lieder, Glück und frohen Mut; Vergessen ist die Klage, und der Kummer schwindet. Auf, Brüder! laßt uns trinken bis zum Morgenrot! — (Man erhebt die Becher; es klingt Lärm und Jubel, das Licht wird heller, der Vorhang fällt.)