Faust. Der Tragödie erster Teil — Gretchen am Spinnrade

Johann Wolfgang von Goethe

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Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer; Ich finde sie nimmer und nimmermehr. Wo ich ihn nicht hab' ist mir das Grab, Die ganze Welt ist mir vergällt; Mein armer Kopf ist mir verrückt, Mein armer Sinn ist mir zerstückt. Die Nähe sitzt mir wie ein Gift, Die ferne tut mir erst recht gift. Nur wehe, wehe, wenn ich an ihn denk', Dann bricht's aus mir wie Feuer und Flammen.

Ich glaube, sie hat mein Herz verbrannt, Zwei Höllen brennen mir in der Brust; Ich weiß nicht, was ich leugnen soll, Ich will's nicht wissen, und doch muss ich's wissen. O wenn ich dich nicht hätt'! — Ach, wär' ich dir nicht kund! Wie sollt' ich mich dann nicht schämen? Ich kann nicht ruhn bei Tag, nicht ruhn bei Nacht; Ich kann's nicht lassen, hab' kein Erbarmen.

Die Sonne liebt die warme Luft, Der Himmel sendet seines Lichts Strahl; Der Morgen bringt frohe Stimme und Duft, Und in der Luft erklingt der Wiedergang. O! wie mein Herz sich dann erhebt! Wie mir die Wange glüht und bebt! Ich sitze da am düstern Ort, Meinen Blick nach außen nicht zu wenden,

Und denk' an ihn in manchem Traum, Und sauf' sein Bild mit stillem Klag; Es blutet mir das ewig Herz, Es wogt und ruft nach ihm in jedem Takt. Ich fühle ihn in meinem Arm, Ich fühle ihn in meinem Sinn; Doch wenn ich ihn in Wahrheit fass', Dann ist er flüchtig wie der Wind.

Ach, habt ihr schon die Tränen gesehn, Die man nicht weinen kann ins Licht? Sie sitzen mir im Kopf und sinnen, Sie drücken mich, und geben keine Ruh'. Ich telle die Stiche neuer Pein, Die mich mit süßem Schmerz durchziehn; Die Seele spricht: Du bist verloren, Das Herz sagt: Ich will ihn noch sehen.

Mein Kleid, das hängt so still und schwer, Die Spindel dreht, die hand fällt müd'; Doch wie die Faser durch die Hand, So wandern meine Gedanken fort. Es webt ein Traume, leise, bang, Um den ich drehe mein Gemüt; Und immer rinnt in süßer Pein Die Liebe leise wie ein Kind.

O weh! die Welt ist groß, so groß, Und meine Liebe eng und klein; Ich fühl' mich innen wie geraubt, Und doch — ich geb' mich wieder frei. Soll ich ihn meiden, soll ich fliehn? Ich kann's nicht, meine Brust zerreißt. Es ist ein Drang, ein wildes Weh, Das nicht verstummt in mir noch schweigt.