Mephistopheles. Von den Alpen steigen Nebelwände; es wird empfindlich kühl. Komm, wir gehen in den Keller hinab und trinken, bis wir wieder warm sind. Geh voran! — Du weißt ja, wie ich mich zu benehmen weiß; ich bin für alles vorbereitet. — Ach! hier bist du wohl oft gewesen? Faust. Oft. Mephistopheles. Nun, dann willst du wohl auch heute mit mir trinken? Faust. Du weißt, ich bin nicht unwillig. Mephistopheles. Gut! Faust. Doch will ich nichts Ungeordnetes anfangen. Mephistopheles. Das steht dir gut; nur Mut. — Ich kann nicht saufen, und bin doch ein guter Trinker; wenn du mich zu sehen wüsstest,—ich habe in meinem Leben sehr manches Bier vertragen.
Zollner. He, Leut'! was steht ihr so dumm herum? Her mit dem Becher! Wer nicht trinkt, ist ein Narr. Man soll nicht so trübsinnig sein; das Leben ist kurz; nun trinkt! Hier ist frisches Fassbier,—nu, trinkt! Wir wollen uns nicht so habhaft machen! Mephistopheles. Brav! das klingt nach sittlichem Sinn. Faust. (leise) Wie komisch geht's da unten her! Mephistopheles. (laut) Ihr sollt trinken, so viel euch beliebt; wir sind die, die Herkommen lehr'n. Zollner. Was? wer das sagt? Fremde? Mephistopheles. Ja, Fremde sind wir, doch haben wir's gelernt. Seht euch um, gebt acht, wie wir's machen.
Student. Ist's wahr, daß ihr gute Trinker seid? Mephistopheles. Auf mein Wort, ich trinke, bis ich's nicht mehr weiß. Student. Das ist gut; wir haben Lust, euch zu sehen. Mephistopheles. Ihr werdet nicht unzufrieden sein. (Er löst einen Trank hervor und gießt ihn den Leuten ein.) Seht, das ist ein Trank, der macht den Kopf geschwind und leicht; ihr werdet lauter Lust bekommen, und die Welt wird euch so lustig erscheinen, als sie ist, oder noch lustiger.
Wirt. Ei, Kerl! was gibst du da? Mephistopheles. Etwas, das ist von der Art, daß jeder, der's trinkt, fröhlich wird. Wirt. Ja, fröhlich wollen wir sein, und trinken, bis wir's nicht wissen. (Er lacht.) Mephistopheles. Das ist fein; singt! Studenten. (singend) 'Ein lüderliches Leben, ein liederliches Leben!', und Gold und Gut ist uns keines wert; wir saufen und spielen und lieben und haschen, das ist unser Beruf.
Mephistopheles. Hört, wie sie singen: 'Denn wir sind ja gescheit'; sie meinen, sie seien’s. Ich kenne die Art wohl; laßt sie nur singen. (Er nimmt Faust bei der Hand.) Komm mit, wir wollen uns etwas davon ansehen. Faust. Ich möchte wissen, was sie für Possen machen. Mephistopheles. Du wirst's bald fühlend erfahren. (Sie mischen sich unters Volk.)
Bursche. Trinkt! trinkt! hier ist ein Becher, der füllt sich nie; es ist ein Zaubertrank. Student. Ei, das muß ein teuflischer Trunk sein. Mephistopheles. Nein, kein Teufel ist's, der macht's; es ist nur ein guter Scherz. Wirt. Wie? ein Becher, der sich immer füllt? das wär' was! Zollner. Laßt ihn kommen! Mephistopheles. Nun seht. (Er führt einen Becher hervor; er strömt beständig wieder voll.)
Alle. Wunderbar! Herr Zauberer, woher habt ihr das? Mephistopheles. Ach, wir haben unsere Mittel. Student. Das ist ein schöner Trunk, wir wollen ihn probieren. (Sie greifen alle nach dem Becher und trinken.) Mephistopheles. (zu Faust, leise) Nun acht' auf! Faust. Ich sehe nur, daß sie taumeln; wie sie einander umstoßen und sich gegenseitig zum Lachen bringen. Mephistopheles. Sie sind berauscht vom Glauben an den Trank; das genügt ihnen.
Ein Alter. Ich bin ein alter Mann, hab' viel erlebt; doch solch ein Wunderding hab' ich nicht gesehen. Weib. O schau, da steht ein junger schöner Mann; ihm gebührt ein Prosit. Alle. He! Prosit! hoch! hoch! Mephistopheles. (spöttisch) Nun wird getanzt und gepriesen. (Er pfeift.) Musik! (Musik ertönt; man tanzt und zuruft.)
Mephistopheles. Seht ihr, wie wenig es braucht, das Volk zu erheitern? Gebt ihnen ein Glas, und sie sind zufrieden; gebt ihnen nur ein Trugbild, und sie halten's für ein Wunder. Faust. Es schmerzt mich, das zu sehen; so leicht ist der Mensch zu fangen. Mephistopheles. So ist's nun einmal; und du hattest doch auch so deine Lust daran. Faust. Vielleicht. Mephistopheles. Nun komm, wir wollen weitergehen; noch mancherlei ist zu sehn im Wirtshaus.
Wirt. Ei, ihr Leut', noch ein Lied! Student. Wir singen: 'Wir sitzen alle beisammen, und trinken und wollen uns vergnügn'.' Alle. (singend) 'Und g'sellig sollt ihr sein, und trinket die Becher leer!' Mephistopheles. (leise zu Faust) Da hast du das rechte Bild von Menschen, wenn sie nur etwas Stoff haben zu ihrem Spiel. Faust. (nachdenklich) Wie leer sind ihre Seelen, und doch so laut! Mephistopheles. Leergeist, wie du sagst; nun, so geh' zu Bett; es ist Zeit, daß wir hinaus in die Nacht.
Faust. Ja, ich bin ermüdet; doch bleibt noch dies Gefühl in mir: so wenig ist oft genug, um die Sinnlichkeit zu befriedigen. Mephistopheles. Genug? ich bin nicht zufrieden; ich will mehr von der Welt sehen. (Sie begleiteten sich hinaus.)