Wilhelm Tell. Erster Aufzug. Erste Szene

Friedrich Schiller

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Auf einem Bergpfade zwischen zwei Felsen. Der See unten. Morgendämmerung. Walter Fürst tritt auf, mit dem Stabe seines Dorfes. Er bleibt stehen, schaut hinab, und singt leise vor sich hin.

In der Tiefe des Tales liegt ein Dorf; Rauch steigt aus den Hütten; hier und da zeigt sich ein Mensch auf den Wegen. Ein See glitzert. Der Morgenwind fährt durch die Lärchen.

Walter (leise, nachdenkend). O schweig! du hast den Hut noch nicht erhoben! Der Tag kommt, der uns den Ruf bringt. - Noch ist's still umher; nur die Krähen krächzen im Tale. Wie langsam doch die Welt sich hebt! Und dennoch: es ist Zeit. - (Er schüttelt den Stab.)

Werner Stauffacher tritt herauf, eilig, mit sorgenvoller Miene. Er hat Briefe in der Hand.

Werner. Bist du's, Fürst? Walter. Werner! Setz dich neben mich, wir wollen hinunterblicken, ehe wir den Tag begrüßen. Werner (setzt sich). Es ist ein schwerer Morgen. Walter. Schwer für uns und schon länger? Werner. Wir haben lang genug gelitten, Walter; die Männer werden unruhig. Walter. Sei still! Es sind Kinderohren unten; dein Wort könnte mehr hören, als du willst.

Arnold von Melchthal kommt keuchend auf; er ist jung, leidenschaftlich, das Auge bewegt. Er wirft sich neben die andern.

Arnold. Freunde! ein Brief! Walter (nimmt ihn). Was schreibst du? Arnold. Vom Landtisch: neue Zwangsarbeit für alle Gemeinden. Walter. (mit Zorn) Die Tyrannei wächst. Werner. Es reicht nicht, die Steuern zu ziehen, man will uns demütigen. Arnold. Die Banner unserer Freiheit sind zertreten. Walter. (nachsinnend) Wir müssen wohl handeln, aber mit Weisheit.

Werner. Weisheit? Wo ist sie, wenn das Recht verschlungen ist? Arnold. Auf, wir wollen uns sammeln; die Leute verlangen ein Wort. Walter. Ihr wisst, mit einem hastigen Ruf tut man dem Feinde mehr, als man dem Recht tut. Werner. Doch das Volk darf nicht länger stumm bleiben. Walter. Wir müssen die Männer rufen; aber erst noch die Alten befragen, die Weisen der Gemeinde.

Arnold. (ungehalten) Die Alten reden, die Jugend harrt. Werner. Es ist Zeit, daß Hand und Herz zusammengehen. Walter. So sei es: du, Werner, gehe in's Dorf, vernehme die Stimmung; Arnold, du bringst die jungen Männer an den See; ich will die Ältesten aufsuchen. Treffen wir uns nach Sonnenaufgang an der alten Tanne. Arnold. Es geschehe bald! (Sie erheben sich.) Walter (blickt noch einmal in die Tiefe). O Heimat! so still und dennoch voll Sorge! (Sie scheiden; Morgenröte bricht hervor.)