Erster Auftritt. Ein finsterer Gang in einem Schlosse. Nacht. Es scheint, als ob man in der Ferne Trommelschläge und die Stimme des Schicksals höre. Franz. Der Sonnenlauf ist noch nicht um!—Du Nacht, die du die Sünden aller Welt verschlingest, wie hab' ich dich ersehnt!—Nun ist's halb um, die Uhr schlägt dreiviertel, tief ist's in der Nacht;—O wär' es Tag!—ich muß den Plan vollenden.—Erst war mir's leicht, denn ich war ein Kind, die Zeit vergehend mich mit sich; ich liebte die Welt, weil sie mir schön schien; die Lust stieg in der Brust, der Frevel war ein Spiel, das Herz ein offnes Feld;—nun hat die Welt mich nur belogen; und Kunst und Tun sind nur ein unsrer und ein fremder Traum. Ich hasse Alles, was so schönen Schein herstellt und darnach verräth;—ich hasse meinen Bruder;—er war ein böses Herz, er war mir stets zu mild; ich habe ihn gemißtrauet, und ihn gemißtraut zu haben, ist mein Verderben.—Ich will ihn also strafen, ja—ich will ihn strafen.
Zweiter Auftritt. Franz (allein).—Er ist der Erste, der mir widerhandelt, der mich kleingedrückt und meiner Ehre gespottet hat;—warum lebe ich?—weil ich geboren!—Wer mich geboren?—Ein Schuft! Wer hat mich erzogen?—Die Welt.—Ich will ein Leben anfagen, das der Welt Gewalt thut;—ich will sein, was sie nicht hat; ich will verderben, was sie lieb hat;—ich will Rache haben! O Rache!—du bist süß!—und bitter!—doch süß, wenn sie zum Ziele führt.—Ich will ihm die Ehre rauben;—ich will ihn der Gesellschaft preisgeben;—ich will ihn entehrn, und ihn in das Elend stürzen, aus dessen Schooß ich selbst hervorging.—So, so!—der Plan ist gut; er wird gelingen.—Ich muß indessen die Mittel haben.—Ich habe sie;—die Feder, das Papier, ein leichtes Spiel—und die Welt wird mich verstehen.
Dritter Auftritt. Der Graf von Moor tritt ein. Graf. Was das, Franz?—Du bist so bleich!—Was dir begegnet?—Bist du krank?—Sieh mich an, mein Sohn;—du zitterst.—Franz. Vater!—ich bin kränklich.—Graf. Mein Sohn!—so sprich;—dein Auge ist mir wie früher. Was ist dir?—Franz. Ich träumte gestern—ich weiß nicht—es war ein wunderbarer Traum.—Graf. Was sahst du, Sohn?—Franz. Es war ein Traum, der mir die Stirn belegt;—ich sah Karl—er war groß;—er schritt vorüber, ihn folgte ein fahnenschmucktes Fußvolk;—er war schön;—sein Blick war feurig;—alle Augen folgten ihm, alle Herzen fanden in ihm ihr Gesetz.—Graf. Mein Sohn!—du erzählst mir ein Märchen. Karl ist mein Hoffnungsstern, er soll mich ehren. Du weißt, mein Sohn, Karl war fromm und mild; er kann nicht anders als Gutes wirken.
Vierter Auftritt. Franz (allein).—So tief lügt er, so fest glaubt er;—er war ein Narr, mein Vater!—denn Karl war gut, weil er gut sein konnte;—und wozu?—Er war glücklich darum;—er war ein Engel;—ich war der hineingeborne Knecht.—Ich will ihn stürzen. (Er zieht einen Brief hervor.)—Dies ist der Brief, der ihm den Tod bringen mag;—er ist verführerisch geschrieben;—er läßt das Herz überzureden;—er macht das Licht der Tugend schmächtig;—ich will den Schein so drehen, daß er dem Werke dienstbar wird.—Sei ruhig, Franz;—du hast die Feder und die Lust;—du hast die Nacht und die List;—das Herz des Vaters ist weich;—du kennst seine Schwäche.—Nun soll ein Strich entscheiden, was Mut und Edelmut nicht vermocht.'
Fünfter Auftritt. Karl (tritt in das Zimmer).—Was ist das?—wer schreibt?—Franz!—Franz (versteckt den Brief).—Was giebt's?—Karl. Vater!—wohin führt ihr die Gedanken?—Graf. Mein Sohn!—komm her;—setz dich nieder. (Karl setzt sich.)—Karl. Ich komme, Vater.—Graf. Ich will dir mein Herz offenbaren.—Karl. Ich höre. (Er nimmt des Vaters Hand.)—Graf. Mein Sohn!—ich habe von deinem Wesen oft gesprochen;—ich habe dich geliebt;—du sollst mir's vergelten;—aber höre—die Welt hat uns Gesetze auferlegt;—sie fordert Pflichten;—wir müssen unser Amt erfüllen.—Karl. Ich will mein Amt erfüllen;—mein Herz ist deiner vollkommen. (Er blickt auf Franz.)—Graf. Du bist gut;—so bleib es.—Franz (lächelt spöttisch).—Ja!—das wäre gut. (Er geht langsam hinaus.)
Sechster Auftritt. Franz (allein).—Die Saat ist gelegt;—ich habe den Keim ausgesäet;—es wird leben.—(Er hält inne.)—Doch—was ist's, das mich treibt?—Neid?—ja—ich habe ihn;—aber ich habe auch Willen.—Ich will fort!—ich werde den Plan vollführen;—die Feder ist mein Schwert;—ich werde das Blatt füllen;—ich werde die Welt täuschen;—ich will's versuchen.—(Er geht ab.)
Siebenter Auftritt. Ein Bote tritt eilends ein. Bote. Ehrwürdiger Graf!—ein Unglück ist geschehen;—ein Schreiben brachte Kunde—die Welt spricht davon!—Graf. Wie?—Rede klar!—Bote. Es heißt, Karl sei geflohen.—Graf. Geflohen!—Karl?—Bote. Ja, Herr!—er ist über Nacht verschwunden;—der Hof wundert sich;—er hat sein Schloß verlassen;—niemand weiß, wo er ist.—Graf (bleich).—Mein Gott!—was hat mein Kind getan?—Bote. Die ganze Stadt ist im Aufruhr;—sein Name ist in aller Munde;—man fragt, was er gesucht, was er verließ.—Graf. Karl—mein Kind—o Unglück!—Karl! (Er stürzt hinaus.)
Achter Auftritt. Franz (allein, triumphirend).—Es ist vollbracht!—die Saat ist gereift;—ich habe's erreicht;—er ist gefallen!—Nun ist der Weg offen;—nun kann ich den Thron besteigen;—Vater, du wirst mich ehren;—die Welt wird mich nennen;—ich werde Alles haben, was ich nimmer mit freundlicher Hand erlangt hätt'—ich habe die Macht und die List;—ich bin glücklich.—(Er lacht.)
Neunter Auftritt. Eine Scene von Aufruhr im Schlosse; Leute laufen ein und aus, reden durcheinander; man hört Klagen, Verwünschungen und den Namen Karls. (Das Ende des Ersten Aufzugs bereitet die Spannung für das weitere Geschehen.)