Nathan der Weise. Ein Dramatisches Gedicht

Gotthold Ephraim Lessing

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Ein Vorzimmer in dem Hause Nathans. Ein Tisch, auf demselben ein Tintenfaß, einige Bücher und Papiere; an der Wand ein Bild, eine Vase mit Blumen. Die Thür rechts führt in den Garten; eine andere in das Innere des Hauses. Nathan, in seinen Gewändern, tritt hervor und spricht, während er bald den Tisch, bald das Bild betrachtet.

Wenn ich dein Bild ansehe, Vaterland, so gedenke ich, wie fromme Hände dich gezeichnet, wie frommer Sinn dich angeschaut;—und dann: wie oft mein Auge, das wenigstens gläubig sehen wollte, von deinen Bildern irregeführt ward!—Dein Bild! ach, wer bildet dich? nicht die Natur, die keine Verführung kennt; nein, die Kunst, die in Dir, dem Vaterlande, ihre eigenen Absichten bagatellisiert.

Ja, du bist, Vaterland, ein Bild, das Abglanz deiner Erfolge, deiner Schicksale, deiner Sitten, nicht der Lauterkeit deines Urbildes; denn so fern die Menschen getrennt sind von dem Urquell der Wahrheit, so verschieden sind ihre Abbilder. Und doch—doch ist ein Recht in dir, eine Stimme, die zu Herzen spricht; nur hört sie der, der schweigt.

Man ist versucht zu meinen, daß der Geist des Judentums, wie er mir vorkommt, etwas Vornehmes, doch in der Vergänglichkeit seiner Blüte, etwas in sich selbst Ruhiges und Ichhaftes habe;—aber gewißlich nicht so, daß er sich jederzeit scheue, dem Fremden, dem Andern seine Hand zu reichen. Außergewohnliche Zeiten haben das Volk gezwungen, sich zu verschließen; doch ist es nicht verlernt, den Fremdling zu achten, ja, manchen gleichzusetzen.

Ich habe in meinen Reisen vieles gesehen, vieles gehört; ich habe Fürsten getroffen, die mehr Menschlichkeit hatten als mancher Vater; und Bürger, die in ihrem Geschäft moralischer waren als mancher Richter. O, Wissen ist gut, wenn es zu dem Herzen kommt; aber mehr noch gilt die Tat.

Eine Stimme kündigt, daß der Sultan wird kommen;—mit solcher Ehre wird er wohl nicht kommen; sein Herz kann nicht voll des Friedens sein, der uns so freundlich gemacht werden soll. Doch wem soll man misstrauen? Dem, der zeigt, oder dem, der schweigt?—Ich will ihm entgegengehen und sehen, wie die Welt sich macht.