Wilhelm Meisters Lehrjahre. Erster Teil

Johann Wolfgang von Goethe

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Es war einmal ein Mann von Land, der hatte ein großes Vermögen und war angesehen in seiner Gegend. Er hatte einen einzigen Sohn, namens Wilhelm, dem er alles, was zu seiner Stellung gehörte, angedeihen ließ; indessen war dieser von früh auf ein wenig eigensinnig und hang zur Poesie, so daß er sich bald mit den gewöhnlichen Beschäftigungen der jungen Edelleute wenig abgab.

Der Vater, der seinen Sohn gern sehen wollte in einer Stellung, welche ihm Ehre und Nutzen versprach, suchte ihn bald in gelehrtere Studien zu leiten, bald zu einer militärischen Laufbahn zu bestimmen, und thut endlich solche Vorsätze, ohne dem jungen Manne allerlei Vortheile und Vergnügungen zu entziehen. Wilhelm aber war von der Neigung seines Herzens nicht gar leicht abzubringen; er liebte die schönen Künste, und besonders das Theater übte auf ihn eine unwiderstehliche Anziehung.

Bei seinem Aufenthalte in der Stadt, wohin ihn sein Vater zur Erziehung geschickt hatte, kam Wilhelm viel mit Künstlern in Verkehr, die ihm führten und erklärten, und er wurde so weit, daß er selber sich auf die Bühne drängte, wenn sich Gelegenheit zu einer Privat-Vorstellung darbot. Seine Eltern waren hierüber nicht ganz wohl; der Vater sagte manchmal scherzend, der Sohn solle ein guter Bürger, doch nicht ein Schauspieler werden.

Es begab sich aber, daß in der Gegend ein kleines Theater aufkam, und verschiedene Schauspieler, die umherwanderten, hielten in dem Städtchen Station. Unter ihnen war ein Mann von einem gewissen Ernst und einer ernsten Sinnesart, der auf Wilhelm einen besonderen Einfluß ausübte; dieser Mann dachte über das Leben, und seine Ansichten stellten sich Wilhelm als Vorbilder dar.

Wilhelm machte bald Bekanntschaft mit Menschen aller Stände: mit Künstlern, mit Handwerkern, mit Personen aus der vornehmen Gesellschaft, und er begann zu fühlen, wie ungleich die Welt eingerichtet sei. Die Erlebnisse, die er bei dem Theater hatte, die Sorgen der Schauspieler, ihre Freuden und Leidenschaften, öffneten ihm neue Gesichtskreise, und er suchte immer mehr, sich in jene Kreise einzufinden.

In der Folgezeit wurde Wilhelm in einen Kreis eingeführt, der sich durch tiefe Gefühle und dramatische Neigungen auszeichnete; hier fand er eine jugendliche Freundin, deren Anmut und Einfalt sein Herz bewegte. Diese Verbindung war aber nicht von der Art, daß sie ihn dauerhaft befriedigen konnte; sie reizte vielmehr sein Gemüt und steigerte seine Sehnsucht nach einem höheren, wirklicheren Leben.

Seine innerliche Unruhe wuchs; er war oft in Schwermut versetzt, und fand keinen rechten Ausweg. Der Vater merkte dies mit Sorge; er vertraute sich einem Freunde an und berief dringende Rathschläge, wie man dem Sohne eine gehörige Richtung geben könne. Es wurde bald beschlossen, Wilhelm auf eine Bildungsreise zu schicken, damit er draußen im Leben Erfahrungen sammle und sich reife.

Auf der Reise begegnete Wilhelm mancherlei Ereignissen und Personen, die seinen Charakter weiter formten. Er gewann Kenntnisse, die ihm vorher fehlten, und er ward in seinem innern Sinne beständig geprüft. Das Theater blieb ihm immer ein Bezugspunkt; er suchte in den Accomodationen des Lebens Bilder und Typen, die seinen dramatischen Einfällen Nahrung gaben.

So vergingen die ersten Jahre seiner Entwickelung: ein Wechsel von Erregung und Besinnung, von Hoffnungen und Enttäuschungen. Wilhelm lernte, daß wahre Bildung nicht nur aus Büchern besteht, sondern aus der Erfahrung und dem Herzen geboren werde; und er strebte dahin, sein Leben so zu ordnen, daß es seinem innern Streben Rechnung trage.