Hyperions Schicksalslied / Hälfte des Lebens

Friedrich Hölderlin

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Ihr aber stürzt nieder, Millionen? Ahnest du, o Mensch, was dir geschieht? Die Mächtigen vermögen viel, Doch nicht die Götter; ihnen gleicht Der Mensch, dem sie in ihren Werken Ein Bild gesetzt: zu herrschen nicht; Er hat nur ihren Abglanz, und in Händen Hält er, wenn sie ihn geben, nur das Leben, Nicht den Sinn; nur dem, der ohne Leiden Sich Gott vertraut und ohne Wissen, Der heilsam fromm dem Schoß der Dinge Entrückt, dem winkt das Heil; die andern Irre wandeln durch die Welt und pflanzen Nacht In Nacht den Schmerz, den sie ererben.

Es ruhen all die Dinge, die Berge und die Fluten, Die Erde ist gestillt, die Sonne läuft ihr heilig Werk; Doch uns, den Sterblichen, ward nicht gegeben Die Ruhe, die die Götter haben, wir sind Bestimmt zum Wandern, unbehaust, und immerzu Getrennt von ihrem Licht, das uns nicht ganz erreicht.

Doch da ist Segen über uns, den wir empfangen: Ein Lächeln, eine Ahnung, wie von einst, Wenn wir der Jungfrau Auge schauen, Oder eines Jünglings Händedruck, da flieht die Furcht, Und unser Herz erinnert sich an Heimat, und es scheint, Als ob die Götter uns berührt, uns ein Stück von ihrer Klarheit Gaben, damit wir leben.

O schönster Morgen, wenn der Gedanke kommt, Daß einst die Menschen ohne Leid und Schranken Lebten in milder Ordnung und in reiner Freude! Dies Bild ist Ursprung unsres Schmerzes; denn wir Messen uns daran und finden uns gering; Doch führt es uns zugleich zu dem Bewußtsein, Was möglich ist, und treibt uns fort zu streben.

Hälfte des Lebens:

Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Stehn alle Haine. Wo sich die Schwalbe flight, Da ist die Heimat. Aber in den Nächten Wandert die Ahnung, Atemlos und bang, Und die Augen suchen fern und leer, Und alles ist ein Traum von Frühling, Der nicht verweilt.

Mit jungen Menschen, die da lachen, Schwillt mir das Herz; Ich schaue in die klaren Augen Und glaub es sei vergangen Das Bittere; doch kehrt es wieder, Wenn Herbst und Frost die Felder fällen, Und in den Häusern klirrt das Leid. So wechselt uns das Leben, Hälfte Hält die Freude, Hälfte das Erbarmen der Not.

Es ist ein Wechsel, schlicht und treu; Das Lächeln folgt auf Kummer, Die Sonne auf den Regen; Doch bleibt im Innern ein Gedanke: Daß alles Schöne endigt, Und was begann als reines Licht, Verblasst, wie Blumen in des Herbstes Hand.