Als ich ein Kind war, sah ich manchmal bei uns in der Stube einen Mann, ich glaube, er hieß Coppelius; meine Mutter aber nannte ihn nie anders als der Sandmann. Wenn er abends kam, so zog er mir die Decke über die Augen, und wenn ich am andern Morgen aufwachte, so lagen die Augen wie trocken und stachrig in meinem Kopfe, und ich war wie schrecklich müd'. Ich wußte nicht, ob das Sand war, das er mir in die Augen gestreut, oder nur die Arbeit und der grobe Umgang; denn der Ausdruck, den mein Vater und die großen Leute dabei machten, war mir unheimlich, und die Worte, die sie wechselten: "Das ist der Sandmann!", "Der Sandmann ist da gewesen!" — klangen mir immer wie Drohungen in die ohren.
Jenes Wesen, von dem ich rede, war groß, mit langen, faltigen Händen, wie ich sie nur bei Leuten aus dem ländlichen Lager gesehen habe; der Kopf war groß und übertrieben hart; Mienen, Augen, Lippen gaben ihm ein so stier und unbeseeltes Aussehen, daß es mir einen kalten Schauer an den Rücken jagte. Er trug immer ein grünes Gewand und einen großen schwarzen Hut; und seine Stimme war tief und dumpf wie das Röhren des Windes in hohlen Dächern. Wenn er kam, so fuhren bei uns die Kinder in einen Winkel, und die Mütter zogen die Kleinen an die Brust: es war, als wolle man ein Ungeheuer vertilgen.
Eines Abends, als ich ungefähr sieben Jahre alt war, und mein Vater spät von seiner Arbeit nicht heimkam, saß ich am Fenster und sah in den Hof hinaus; es war düster und still, und nur das Flackern einer Laterne warf einen schwachen Schein auf die Pflastersteine. Plötzlich hörte ich Schritte; die Haustür flog auf, und der Sandmann trat herein. Er ging nicht, er schlich; und sein Blick ruhte auf mir mit einem so starren, glanzlosen Auge, daß mir das Herz stillstand. "Was willst du hier?", fragte meine Mutter; er antwortete nichts, sondern streckte die Hand nach mir aus.
Da faßte mich ein entsetzlicher Schreck; ich rief nach meinem Vater, aber die Stimme versagte mir, und meine Glieder wurden schwer wie Blei. Der Mann nahm meine Hand und führte mich in das Arbeitszimmer meines Vaters; dort stand auf dem Tisch ein merkwürdiges Instrument, halb Maschine, halb Uhrwerk, mit zahllosen Rädern und Hebeln; der Sandmann setzte mich auf den Schoss eines Stuhls und begann mit einer Geschicklichkeit, die mich in Staunen setzte, an dem Instrument zu arbeiten.
Mein Vater erschien bald darauf; sein Gesicht war stählern und hart, seine Augen funkelten vor unheimlichem Eifer; er begrüßte den Fremden mit kalter Vertraulichkeit und trug ihm auf, die Arbeit fortzusetzen. Ich beobachtete in gespannter Neugier; rasch und ohne Fehler bewegten sich die Räder, es klirrte und sang wie bei einem unsichtbaren Chor; endlich aber, der Sandmann stieg auf und sprach kein Wort mehr, sondern schüttelte mir die Hand, als glaube er damit, etwas mir zu übergeben. Von jener Stunde an jedoch war mir der Schlaf verhaßt, und alle Nächte träumte ich von großen schwarzen Augen, die mich aus finsteren Nischen anglotzten.
Als ich größer wurde, erklärte man mir mehr von der Welt: man erzählte mir von Menschen, die mit Feuer und Eisen Wirklichkeiten zu schaffen vermochten; man nannte sie Mechaniker und Optiker. Besonders in den Jahren meines späteren Heranwachsens hörte ich von einem Herrn Coppola, der wundersame Gläser und Instrumente besaß, wodurch man Dinge sah, die sonst unsichtbar blieben. Sein Name klang mir so ähnlich dem des Sandmanns, daß ich oft in schauerlicher Erregung dachte, es sei derselbe: allein die Zeit, die das Kindheitsgespenst mit unheimlicher Gewalt an mein Herz geknüpft hatte, verlor sich mit dem Wissense; dennoch blieb ein eigentümlicher Frost in meiner Brust, wenn ich an Augen dachte.