Aus dem Leben eines Taugenichts. Erzählung

Joseph von Eichendorff

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Als ich noch ein Taugenichts war, wohnte ich bei meinem Vater, einem Müller, auf dem Lande. Es war ein schönes Plätzchen; der Mühlbach ging neben dem Hofe vorbei, und die Bäume standen voll Vögel, und die Leute meinten, es würde gut gehen mit uns. Ich war der einzige Sohn, und ich hatte viel von dem, was die Kinder lieben: Zeit und Freiheit, und die Welt schien mir so groß und schön wie sie sein sollte.

Mein Vater aber, der auf seinen Mühlen sehr thätig war, hatte keine Lust, daß ich die Mühlenlaufbretter fortschleppe und Stampfen mache. Er sagte zu mir: "Du mußt dich nützlich machen; wenn du nicht arbeitest, so musst du wenigstens lernen. Ich will dir einen Lehrmeister geben."

Da kam ein freundlicher Mann von der Stadt, und mein Vater brachte mich zu ihm. Ich sollte so viel lernen, wie man in der Stadt braucht. Der Meister war gutmütig genug; er kaufte mir ein paar neue Hosen und ein Hemd, und ich mußte fleißig sein, um alles zu behalten. Zuerst gefiel mir die Stadt, denn ich sah dort viele neue Dinge, Händler und Gaukler, und die Lichter, die abends brannten, waren mir wie Wunder.

Aber bald wurde das Lernen mir zu schwer. Ich saß oft an dem Fenster und dachte an den Mühlenhof, an den Mühlbach und an die Bäume; die Arbeit machte mir keine Freude. Da kam es, daß ich an einem schönen Frühlingstage hinauszog, ohne Bescheid zu sagen, nur mit einem Bündel und einer Flöte. Meinen lieben Eltern schrieb ich nur einen Brief: daß ich nun gehen müsse und daß sie nicht traurig sein sollten.

Ich wanderte also davon, und es war so seicht in meinem Herzen wie in einem Bächlein, wenn die Sonne darauf scheint. Ich spielte auf meiner Flöte und sang Lieder, die ich vom Mühlbach gehört hatte; ich aß, wo ich satt werden konnte, und schlief unter den Linden. Oft begegnete ich guten Menschen, die mir etwas gaben, und oft mußte ich's mir selbst verschaffen.

Eines Tages kam ich zu einem großen Schlosse, und die Herren und Damen, die dort wohnten, hatten ein Fest; es wurde getanzt und gesungen, und eine schöne Zahl junger Leute ging herum. Unter ihnen sah ich die holde Tochter des Hauses; sie war so schön, daß ich mein Herz beinahe verloren hätte. Sie lachte und sprach so freundlich, und ich wußte nicht, wie mir geschah.

Ich blieb am Orte und spielte bei dem Feste meine Flöte. Sie hörte mich und nahm mir die Hand und tanzte mit mir. Ach, wie mein Herz dabei klopfte! Ich dachte, wenn ich nur immer so glücklich sein könnte! Aber die Welt ist ein schweres Spiel; bald kam der Vater der schönen Dame und sagte zu mir: "Junger Mann, wer bist du?"

Ich antwortete offen: "Ich bin ein Taugenichts, der seinen Weg sucht." Da lachte der Herr und sprach: "Ein Taugenichts! Nun so gehe hin und sei froh; aber gib Acht auf deine Gänge, denn die Welt nimmt den Lauf der Zeit nicht zurück."

Ich blieb eine Zeit bei dem Schlosse; wohl war ich arm, aber meine Tage waren voll Sonnenschein. Ich lernte dort Dinge, die man in Mühlen nicht lernt; ich lernte Lieder und Tanz, und ich lernte das Herz der Menschen kennen. Doch ich fühlte auch Heimweh nach dem Mühlbach und nach den einfachen Menschen, die mich lieb gehabt hatten.

Eines Morgens, als die Nebel vom Tale stiegen, entschied ich, weiterzuziehen, nicht aus Unzufriedenheit, sondern weil das Wandern mir in die Seele geschrieben stand. Ich verabschiedete mich leise und zog in die Welt hinaus, mit meiner Flöte auf dem Rücken und dem alten Bündel, das seine Geheimnisse hatte. So endete das erste Stück meiner Reise, und vieles kam noch, was ich nicht erwartet hatte.