Der blonde Eckbert

Ludwig Tieck

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Es war einst, in einem Dorfe, in dem die Zeit noch nicht so weit vorgedrungen war, daß die alten Lieder und Märchen ganz ausgestorben wären, ein merkwürdig holdseliges, aber seltsam sorgenvoll und stolz aussehendes Ehepaar. Der Mann hieß Eckbert; es war ein wohlgegründetes und angesehenes Heimwesen, aber sein Mund war hart und seine Augen schauten oft so stier und abweisend umher, als möchte er, wo er nur immer hinkäme, doch nichts mit dem Vernehmen haben. Die Frau hieß Bertha; sie war von einer seltenen Anlage der Seele, warm, zärtlich, in sich geniethet, so daß man immer glaubte, es liege ein Geheimnis in ihrem Herzen, das kein Mensch je ergründen könnte.

Bertha war von einer großen, beinahe kindlichen Unschuld; aber indessen trug sie in sich einen Ursprung von tiefen, dunkeln Erinnerungen, welche oft wie trübe Schatten über ihre Freude hinzogen. Sie erzählte ihrem Mann vieles von ihrer Jugend, von dem fernen Vaterhause in einem abgeschiedenen Flößerdörfchen, von dem seltsamen Leben, welches sie geführt hatte, ehe sie ihn gekannt; ehe sie in ihres Gemahls Heim eingetreten war. Eckbert hörte mehr mit einer finstern Aufmerksamkeit als mit echter Teilnahme; oft unterbrach er sie, oft gab er ihr schrofe Antworten, und ihre liebevolle, vertrauensvolle Wesensart wich ihm darum weit, ohne daß er es merkte.

Bertha aber kühlte nicht in ihrem Gefühl: sie blieb treu, gut, voll von allem, was die Einfalt des Herzens ausmacht. So lebten sie lange Zeit ruhig zusammen, aber es war, als ob ein unsichtbarer Keim von trauriger Ahnung zwischen ihnen wachse. Einst, als sie noch gar jung waren, war ein Mann von der Gegend, ein Waldläufer, zu ihnen gekommen, führte Gesänge und Sagen mit sich, und erzählte von seltsamen Begebenheiten in den tiefen Wäldern bei Nacht. Sein Name war Walther; er war gar wunderlich von Gestalt und hatte rund um seine Augen ein so eigen kümmerliches Lächeln, daß man schaudern mußte, wenn man ihn ansah. Er erzählte eine Geschichte von einer wunderbaren Hütte auf der Höhe eines Berges, wo ein Jungfrauenzimmer lebte, das so blond wie der Flachs im Sommer, so hold war, daß keine Menschenseele je dergleichen gesehen.

Eines Abends, als der Mond voll war und die Luft von einem leichten Duft durchweht, ging Bertha allein aus dem Haus in den Garten, um die Blumen zu betrachten. Sie trug in diesem Augenblicke ein kleines, altes Säckchen bei sich, und in dem Säckchen waren die sonderbarsten Dinge, welche sie heimlich aus ihrer väterlichen Hütte mitgebracht hatte: ein kleines Stückchen Holz, das wie aus einer Kiste geschnitzt, ein paar bunte Bändchen, ein silberner Ring, und eine kleine Portraitfigur aus Wachs. Sie setzte sich auf die Bank und begann, all diese Dinge mit so zärtlicher Wehmut zu betrachten, als wären es lebendige Erinnerungen. Da kam plötzlich ein alter Mann mit grauem Bart daher, setzte sich neben sie und fragte sie sanft: ‚Was hast du da?‘

‚Dies sind alte Dinge aus meinem Elternhause,‘ antwortete sie. ‚Sie gehören mir, und doch sind sie mir wie etwas Fremdes.‘ Der alte Mann lächelte und sagte: ‚Man wird oft von dem Heimathaus herumgetrieben, und doch zieht einen manches wieder heim, wie die Flamme den Falter.‘ Er sprach weiter von fernen Zeiten, von den Sagen des Landes, und plötzlich fragte er nach dem Namen ihres Vaters. Bertha erröthete und sagte ihn, aber der Alte schien darüber bewegt; seine Hand zitterte, und er sagte: ‚Es gibt auf der Welt Menschen, die tragen große Geheimnisse in sich; man weiß nicht, ob sie Fluch oder Segen sind. Geh und hüte dich vor deinem Herzen.‘

Bertha ging heim mit bangem Herzen. Die Worte des Fremden glühten in ihrer Brust wie eine Warnung, und sie erzählte ihrem Mann davon mit jener kindlichen Ehrlichkeit, die sie nie verleugnet hatte. Eckbert aber lachte, er winkte die Sache fort und sagte, es sei bloß ein törichter Einfall eines alten Schwätzers. Doch die Saat war gelegt. Von jener Stunde an begann etwas Kaltes und Unheimliches in ihnen zu wachsen; und wenn sie abends allein zusammen saßen, so schien es, als höre man draußen in den Wäldern ein fernes, lieberloses Geräusch, das wie ein Hauch von längst vergessener Schuld klang.

Eines Tags, da sie zusammen auf dem Feld spazierten, begegneten sie einem jungen Mann, der müde aussah und in abgerissenen Kleidern ging. Er bat um eine Handvoll Brot, und Bertha, aus ihrem warmen Herzen, gab ihm gern, was sie hatte. Der Fremde aber sagte zu ihr mit seltsamem Ton: ‚Du bist die Tochter einer weißen Burgfrau, und in deinem Herzen liegt eine Sage, die du nicht kennst. Du hast einmal ein Vöglein gehabt, das du liebstest; du hast es mit einem Kusse getötet, und nun muß dein Leben durch Tränen rein werden.‘ Bertha erschauderte, und Eckbert schüttelte den Kopf über die falschen Worte des Bettlers. Doch der Mann eilte fort und ließ in ihrem Herzen eine tiefe, unendliche Furcht zurück.

Die Jahre vergingen; Eckbert war jetzt ein Mann von Ruf und Besitz; aber sein Gemüt war ruhig nur äußerlich, innerlich war es voll von banger Unruhe. Bertha wurde immer stiller; sie sammelte die alten Gegenstände, die sie von der Heimat mitgebracht, und sprach öfter mit sich selbst als mit anderen. Man erzählte sich im Dorf allerlei seltsame Geschichten über sie; man sagte, sie habe eine sonderbare Art von Traum, und daß sie oft im Schlaf lachte und weinte miteinander. Eckbert hörte diese Reden mit jener kalten Unbeweglichkeit, welche den Schmerz nicht gesteht, und er wandte sich nicht ab von seiner Frau.

Eines Abends aber, als ein Sturm aufzog und der Wald wild um das Haus sauste, erschien ein Fremdling an ihrer Thür. Er bat um Obdach und wurde aufgenommen. Er war scharf im Ansehen, hatte dunkle Augen, und in seinem Gesicht lag etwas von jener bitteren Ironie, die dem Schicksal oft eigen ist. Am Abend saßen sie alle zusammen; der Fremde sprach viel von den alten Zeiten, von den Gesängen und von den Erzählungen, und plötzlich fragte er Eckbert nach den Details von Berthas Jugend. Eckbert erzählte, so gut er konnte, und der Fremde nickte oft mit dem Kopf, als sie die Worte hörten, die ihm irgend ein verborgenes Zeichen gaben.

Dann aber geschah etwas, das alles veränderte: der Fremde zog plötzlich aus seiner Tasche ein altes, vergilbtes Bild hervor, und sagte mit gedämpfter Stimme: ‚Kennst du dieses Bild?‘ Eckbert sah und erkannte es mit einem Schreck; es war das Bild eines Kindes, das in seiner Heimat einst verschwunden war, und man wußte nicht, wohin es gekommen. Bertha's Hände bebten, ihr Gesicht wurde bleich; Tränen schossen aus ihren Augen, und sie rief leise den Namen, den niemand mehr auszusprechen wagte. Der Fremde aber lächelte kalt und sagte: ‚Manche Geheimnisse sind schwerer zu enthüllen als man denkt; sie hängen an einer Kette von Taten, und ziehet man am einen Glied, so bebt die ganze Kette.‘

Von dieser Stunde an war das Haus von Eckbert nicht mehr frei. Die Erinnerung an das Bild verfolgte sie, und alte Schatten krochen hervor; Bertha gestand endlich in Furcht und Erregung: sie hatte als Kind etwas getan, das sie nicht zu erinnern wagte; sie hatte ein heimliches Verbrechen begangen, von dem nur ein einziger Zeuge wußte. Eckbert, anfangs voll Zorn und Entsetzen, wurde immer mehr von Mitleid und innerer Erschütterung ergriffen. Er umarmte seine Frau und schwur, nie von ihr zu weichen; doch ihr gemeinsames Glück war zerrissen wie ein dünnes Tuch; sie lebten fortan wie zwei, denen das Schicksal die Feder zerbrach.

Schließlich wurde die Aufklärung des Geheimnisses ein furchtbarer Prozeß. Die Wahrheit kam ans Licht: die arme Bertha hatte einst in ihrer Jugend in einer wilden Stunde, verführt von kindlicher Torheit, eine Tat begangen, die einem Menschen das Leben kostete; der Zeuge aber, der davon wußte, hatte später sein Leben in dunklen Umständen geführt. Als alle Stücke zusammengesetzt waren, erkannte man, daß der Fremde selbst in Wahrheit kein Fremder war, sondern eine Gestalt, die lange im Verborgenen gewandert war, um die Fäden des Schicksals zu knüpfen und zu lösen. Das Ende aber war, daß das einst so holdselige Paar in höchster Verzweiflung auseinandergerissen wurde; Eckbert floh in die Wälder, Bertha verschwand, und nur die alten Lieder des Landes erinnerten noch an sie.