Bergkristall. Eine Erzählung aus dem Schneegebirge

Adalbert Stifter

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Es wurde nicht ganz dunkel an dem Heiligabend, die Luft lag klar und kalt, aber es schneite schon wieder. Zuerst fielen nur so dünne Flocken, wie wenn der Schnee selbst sich scheue, auftreten zu wollen; doch nach einer Weile traten sie desto zahlreicher herab, bald so dicht, daß man kaum mehr die nächsten Häuser sehen konnte, bald wieder so zart, daß sie in der Luft zu schweben schienen wie kleine, durchsichtige Blüten. Die Tannen am Waldrand bekamen bald auf ihren Spitzen und Zweigen weiße Mützen, und die Felder lagen unter einer glitzernden Haut von ganz frischem Schnee; es war, als ob die ganze Welt sich mit einem neuen, reinlichen Schleier bedeckte.

Die Mutter hatte am Nachmittag die Kinder gebeten, nicht zu weit vom Hause zu gehen, weil es zu schneien anfange und die Wege unsicher würden. Die Kinder aber — das sind Bruno und Leni, Brüder und Schwester, er sieben Jahre, sie fünf — sind so gerne draußen, und wenn ihnen die Mutter verboten hatte, in den tiefen Wald zu gehen, so kannten sie doch neben dem Haupte auch kleine Pfade und Felsen, wo man in der Dämmerung viel spielen konnte. Sie spielten, daß sie Siedler auf einem schneeigen Strand wären, bauten Hügel und Gräben, suchten Tierspuren und sammelten kleine Kristalle, die wie gläserne Sterne funkelten.

Die Abendglocke läutete, und man rief im Hause zusammen. Die Kinder hörten die Glocke, aber sie dachten erst, wenn das Schneien aufhöre, zurückzugehen. Es kam noch eine Weile herein und die Schneeflocken fielen immer dichter; die Kinder jagten einander fröhlich den Pfad entlang, bis sie zuletzt an einen kleinen, abfallenden Graben kamen, wo ein Fichtenhain stand. Hier spielten sie so eifrig, daß sie die Zeit vergaßen. Als sie aber wieder aufbrechen wollten, bemerkten sie, daß die Spur, auf der sie gekommen waren, schon fast zugedeckt war und nichts mehr von dem Wege zu erkennen war.

Die Nacht fiel ziemlich rasch. Es wurde dunkel und die Schneeflocken wirbelten im Wind. Die Kinder gingen nach dem Hause zurück, aber der Pfad war nicht mehr zu finden; sie meinten, man müsse nur ein wenig rechterhand halten, dann wäre man bald drüben. Sie sahen die Lichter weder des Hauses noch einer Fackel, und die Gestalten der Bäume und Felsen wuchsen bei jedem Schritte in eine fremde Weise. Der Boden wurde steiler, und bald gerieten sie in eine von Tannen umgebene Mulde, in der sich der Schnee höher auftürmte; da verloren sie den Mut und blieben stehen.

Sie berieten sich, ob sie rufen sollten, aber die Nacht war so still, daß ihr Ruf verschluckt zu werden schien; dann beschlossen sie, Hand in Hand zu gehen und so tiefer und höher zu steigen, immer auf das nächste Licht zuzugehen; denn unter den Wolken war weit draußen ein schwaches Zwischenleuchten, das sie für das Stubenfenster hielten. Sie irrten so, und je länger sie gingen, desto mehr schien die Erde schier in die Ferne zu gehen. Ihre Hände wurden kalt, ihre Füße sanken in den Schnee, und die Kleider, die einfache Kleider üblich auf dem Lande, schützten nur wenig gegen die beißende Kälte.

Die Kinder sprachen wenig; Bruno, der ältere, versuchte Leni zu trösten, er erzählte ihr Geschichten vom Sommer und von den Blumen, aber seine Stimme zitterte und er selbst fühlte, wie ihm die Kräfte schwanden. Leni klammerte sich an ihn und weinte leise; ab und zu blieb sie stehen, setzte die Hand an die Brust, als ob ihr Atem stocke. Die Dunkelheit wurde undurchdringlicher, und das leise Schneegestöber verwandelte jedes aufgeregte Geräusch in eine gleichmäßige, ferne Melodie. So gingen sie eine lange Zeit, bis beide müde waren und sich auf einen umgelegten Baumstamm niederließen, um sich auszuruhen.

Sie konnten nicht schlafen; die Kälte kriechte ihnen in die Knochen. Bruno streichelte Leni und versuchte, sie wieder zu wärmen, indem er ihr die Jacke enger umlegte. Einmal stand er auf, um nach dem Wege zu sehen, aber er fand nichts als weiße Decken und die dunklen Umrisse der Tannen. Das Herz des Knaben pochte schwer; er schämte sich beinahe, so wenig zu wissen und so wehleidig zu sein. In seiner Unruhe sah er nach dem Himmel und wünschte sich, es wäre Tag, und die Sonne würde sie finden.

Unterdessen hatte im Hause die Mutter bemerkt, daß die Kinder nicht heimgekehrt seien. Sie war sehr ängstlich, rief den Mann und die Nachbarn zusammen, und man machte sich auf die Suche mit Laternen und Fackeln. Der Wind spielte mit dem Schnee, und man sah die Funken der Fackeln bald hier, bald dort, und rief laut die Namen der Kinder. Die Freunde suchten ringsum, aber der Wald war groß und die Nacht dicht; man ahnte kaum, aus welcher Richtung die Spur der Kinder gekommen sein konnte.

Die Stunden vergingen, und die Suche schien vergebens. Die Mutter sank in einen Zustand bitterer Angst; sie kniete nieder, faßte das Kind des Hauses bei der Hand und betete laut. Andere Nachbarn thaten dasselbe, einige weinten, andere gingen noch einmal in den Wald. Es war ein schweres Gefühl der Hilflosigkeit über das ganze Dorf gebreitet, und man wagte kaum zu sprechen.

Die Kinder in der Mulde merkten von alledem nichts; sie waren in eine Art dumpfen Schlaf gefallen, halb vor Müdigkeit, halb vor Erschöpfung; der Schnee hatte ihnen keine Gnade gezeigt, aber doch war seine weiße Fläche leise und gleich, als wolle sie alle Sorgen stillen. Als sie wieder erwachten, war der Himmel bleich, und eine Glorie von Licht und Eis überzog die Welt; der Schnee funkelte überall, und man hörte in der Nähe von fern ein Rauschen, das wie Wasser oder das Scharren vieler Hufe klang. Bruno sprang auf, er war voller Hoffnung, fest überzeugt, daß es Menschen seien, die da kämen.

Sie folgten dem Geräusch und fanden nach kurzer Zeit einen Wagenpfad, der kaum noch sichtbar war; bald erkannten sie auch die Spuren von Rädern und Pferden. Die Fussspuren der Suchenden kreuzten sich mit den ihren, und endlich sahen sie am Rande des Waldes das in der Ferne flackernde Licht einer Fackel. Bruno rannte, so gut es ging, Leni hielt an seiner Hand fest. Bald hörten sie Rufe, als man sie erkannte; man stürzte auf sie los, und die Mutter war die erste, die sie umschlang und ihre Tränen vergoss.

Die Kinder waren halb bewußtlos vor Erschöpfung und Kälte; man legte ihnen Decken um, und die Dorfbewohner gaben ihnen heißen Tee. Die Mutter dankte Gott laut und drückte ihre Kinder an die Brust, aber sie zitterte noch und war so blaß, als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen. Die Nachbarn, die die Kinder gefunden hatten, erzählten von ihrem Auffinden in der Mulde, und alle hörten dies mit einem Gefühl tiefster Erleichterung. Die Kinder wurden nach Hause gebracht; die alte Stube war warm, und das Herdfeuer schien ihnen wie ein Wunder.

Am Morgen des nächsten Tages, als die Sonne aufging, war alles gebessert. Das Dorf atmete wieder auf, die Kinder spielten wieder vorsichtig draußen, und die Mutter, die das ganze Erlebte noch in sich trug, erinnerte jeden daran, wie leicht das Unheil hätte eintreten können. Man sprach von Glück und Vorsehung, und man setzte einander auseinander, wie achtsam man sein müsse. Die Kristalle, die die Kinder im Schnee gesammelt hatten, wurden wie kleine Zeichen des Erlebten aufbewahrt; sie funkelten hell im Fensterlicht und erinnerten an die Gefahr, die der Schnee bergen kann.