Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band. (Vorrede)

Arthur Schopenhauer

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„Die Welt als Wille und Vorstellung“ – das ist der Titel des gegenwärtigen Werkes; welches zweifach zu lesen ist: als Philosophie und als Kunstwerk. Es ist die Darstellung eines metaphysischen Systems, welches in sich abgeschlossen und zu Ende gedacht ist, und dabei zugleich eine ästhetische Form besitzt, die nichts dem Zufall oder der Nachlässigkeit überläßt. Indem ich das Ganze den Lesern hinlege, so wie es mir bei seiner Entstehung vor dem Geiste klar geworden ist, vertraue ich weniger darauf, daß es manchem im Voraus gefällt, als darauf, daß es den Beweis seiner innern Richtigkeit geben werde. Denn eine wahre Philosophie läßt sich nicht durch Reden, sondern nur durch Einsicht siegen.

Dieß Werk behandelt das tiefste Grundproblem aller Philosophie: den Zusammenhang der Erscheinung mit dem Seienden an und für sich. Die ältere Erkenntnißlehre, insbesondere die Deutsche Philosophie seit Kant, hat dasjenige entschieden, daß die Welt uns nur als Vorstellung erscheine; allein sie hat den Gegenstand so sehr zum Subjekt zurückgebracht, daß jenes, das Ding an sich, leer blieb und nur als negative Größe gedacht wurde. Mein Verdienst ist es, dieses Ding an sich positiv wieder auszufüllen und zwar durch die Einsicht, daß es nicht ein bloß für unser Denken leeres Etwas, sondern Wille ist, d. h. die blinde, unmittelbare Kraft und Trieb in allem Leben und Nichtleben.

Ich beginne mit dem Schema, wie die Welt als Vorstellung ist; dies ist die bloße Erkenntnißtheorie, ergänzt durch die Psychologie und die Erkenntniß ihrer Grenzen. Dann leite ich aus demselben Princip das metaphysische Zentrum her, welches dem ganzen Systeme Grund und Einheit gibt: den Willen als Ding an sich. Hierauf folgt die Entwickelung dieses Willens in der ganzen Natur, in der lebendigen Kraft der Organismen und in der Gestalt des Menschen. Endlich brauche ich noch die übrigen Teile: die praktische Philosophie, Ethik und Ästhetik, die sich aus dem metaphysischen Grundsatz logisch ergeben.

Es ist wohl nicht ohne Interesse, der Art nach zu betrachten, wie ich zu diesem System gekommen bin. Ich hatte lange den Eindruck, daß die bisherigen Systeme entweder in einer abstrakten Leere oder in einer bloßen Ansammlung von Sätzen verharrten, ohne aus einem lebendigen Urgrunde entwickelt zu sein. Durch umfangreiche Studien besonders der östlichen Weisheit, der indischen Vedânta und des Buddhismus, sowie durch die genauere Rückkehr auf Kant, wurde ich dahin geleitet, das Ding an sich nicht als bloße Grenze der Erkenntniß, sondern als die unmittelbare Grundlage der Erscheinung zu denken; und dieses war es, was mir die Idee des Willens als des metaphysischen Urgrundes gab.

Es wird gleichwohl letzeres Dogma nicht als ein in den Schoß gefälltes Diktum hingestellt: ich führe es durch Analogie und genaue Belege aus der innern Erfahrung und der äußern Erscheinung. Besonders die Betrachtung des menschlichen Willens in seinem unmittelbaren Bewußtsein, die Erscheinung des Wollens überhaupt, sowie die Organisation und der Strebenlauf der Natur geben die Verknüpfung zur Metaphysik. Denn wo immer wir Zustandekommen, Bedürfen, Streben, Kampf, Leiden und Sterben beobachten, da zeigt sich die Wirksamkeit eines blinden Willens, der ohne Erkenntniß, ohne Maß und ohne zweckbewußtes Plane handelt.

Als Schriftsteller habe ich in diesem Werke nicht den Anspruch auf eine neue Sprache, aber auf eine bestimmte Klarheit und Schärfe des Ausdrucks. Ich meide den jenen deutschen Philosophenschulden so bequemen Aberglauben, daß man durch kunstvolle, verzihrte Worte etwas mehr denkt oder erkannt habe. Die Form muß der Gedanken Leben dienen, nicht selber zur Hauptsache werden. Darum ist hier die Sprache streng, oft nüchtern, manchmal hart; aber sie ist wahr und ernst.

Man kann wohl sagen, daß meine Absicht weniger ist, einen populären Lehrbegriff zu geben, als eine gründlich erwogene und zugleich literarisch gestaltete Darstellung. Deshalb richtet sich das Buch durchaus an den ernsthaften Leser, der sich Zeit nimmt, zu durchdenken, was vor ihm steht; es will nicht das Seelenfutter für den flüchtigen Zeitgenossen sein. Ich empfehle das Werk besonders denen, die nicht zufrieden sind mit oberflächlichen Tröstungen und die den Grund der Dinge zu erkennen wünschen — sei es, daß sie dadurch Trost, sei es, daß sie dadurch Muth zur Handlung finden.

Es ist bekannt, daß das Buch schon in seiner ersten Ausgabe wenig Beachtung fand; dies hat die Ursache teils in dem damals herrschenden Geschmack, teils in der Art, wie die Ideen gegenwärtig wurden. Ich habe diese Vorrede nicht in dem Sinne einer Entschuldigung geschrieben, sondern nur, um dem geneigten Leser die Veranlassung und die Absicht des Werkes zu erklären. Die Zeit kann ferner, wie so oft, die Richterin über das Schicksal einer philosophischen Darstellung sein; vieles, was heute spöttisch verworfen wird, gewinnt später an Einsicht und Anerkennung.

So lege ich denn das vorliegende Werk dem öffentlichen Urtheil vor; ob es angegriffen oder aufgenommen wird, läßt meine Absicht unerschüttert. Ich habe nicht gefehlt, das Ganze mit Sorgfalt ausgearbeitet zu besitzen; und glaube zuversichtlich, daß das geschrieben, was der Wahrheit dient, sich trotz mancher Widerstände seinen Weg machen wird. Indem ich den ernsthaften Suchern dieses Buch anempfehle, hoffe ich, daß die Gedanken des Willens als Ding an sich zur Prüfung und, wenn sie bestehen, zur Bereicherung der philosophischen Weltanschauungen beitragen mögen.