Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik

Friedrich Nietzsche

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Vorwort — Ich habe dieses Buch dem Freunde, der mir seit Jahren am treuesten und herzlichsten in Dichtungs- wie in Lebensdingen zur Seite steht, dem Dichter Ernst Schmeitzner in Leipzig, gewidmet; denn er war es, der mich zu dem Entschlusse trug, eine Schrift über den Ursprung der griechischen Tragödie zu versuchen. Ich habe damals, wo mir noch jede feste Hand fehlte, das Verdienst dieses Entschlusses ganz und gar ihm zu verdanken. Möge dem Buche, das durch ihn zuerst den Gedanken empfing, die Gunst nicht versagt bleiben, in dem Punkte, wo es durch seine lebhafteste Anregung seine Bestimmung angenommen, auch jetzt von dem Leser in gleichem Sinne verstanden und gerecht beurteilt zu werden.

Es ist keinheitlicher Kunsttriebe in uns, es sind zwei: der apollinische und der dionysische. Der erste verleiht der Kunst die Gestalt, das Maß, die Ruhe der Illusion, und ist Ausdruck des Traumes vom Ruhm und von Schönheit; der zweite ist Ursprungsquelle von Musik und ekstatischer Vereinigung, erzeugt Rausch, Aufhebung des Ich, Gemeinschaftsgefühl, und bringt die tiefe Erkenntnis der Wahrheit als Willensverneinung in der ästhetischen Anschauung. Beide Kräfte erscheinen, wie ich zeigen werde, in der griechischen Kunst aufs höchste und erzeugen dort die tragische Kunstform.

Die griechische Tragödie ist das Ergebnis eines geheimnisvollen Zusammenspiels dieser beiden Prinzipien. Im Chor, der rein dionysisch ist, begegnen wir dem Erkennen des Leides und des Willens zur Verneinung; in den dialogischen, apollinischen Teilen zeigt sich die Welt der Scheinformen, das Reich der Illusion und Gestalt. Die höchste Kunst vereint beides: sie läßt die metaphysische Tiefe des Dionysischen durch die künstlerische Maßgebung des Apollinischen erscheinen.

Man wird sich nicht wundern, wenn ich in dieser Schrift mit feindseliger Skepsis gegen das idealistische Kunstverständnis der Zeit auftrete. Das moderne Idealismus verwischt die Katastrophe, die Tragödie als Kunstform ursprünglich enthält; er glaubt, die Kunst sei eine bloße Erhebung über das Leben, statt dessen tiefstes Leiden und dessen Verneinung im ästhetischen Erkennen. Ich will zeigen, daß die tragische Weltanschauung nicht mit dem Hellenen in Widerspruch steht, sondern ihr Geheimnis gerade durch das dionysische Element erfaßt wird.

Die Musik ist für mich das Urphänomen der Kunst; sie enthält jene dionysische Kraft, die in der griechischen Tragödie ihre höchste Ausprägung fand. Während die bildende Kunst dem Schein, der Gestalt dient, ist die Musik unmittelbar Ausdruck des Lebenswillens und der metaphysischen Tiefen. Aus dem Zusammenprall und Verschmelzen von Musik und bildender Gestalt entstehe die Tragödie als höchster Kunstgenuß.

Wir müssen daher die Entstehungsgeschichte der Tragödie in dem Verhältnis zur älteren, rein dionysischen Kunst des Chors suchen. Der Chor war ursprünglich das gemeindeartige, ekstatische Kultusbild, in welchem das Volk sich sammelte, um durch Rausch und Tanz dem Dionysos zu huldigen. Aus diesem Kultus entwickelten sich allmählich mythische Gesänge, die sich schließlich zu dramatischen Darstellungen gestalteten, indem apollinische Formkräfte in denselben tätig wurden.

Die griechische Kulturleistung besteht demnach im höchsten Grad in jener seltenen Synthese, welche das Apollinische und das Dionysische zusammenfaßt. Wo dies Gleichgewicht gestört wurde, verfiel die Tragödie. In Sparta, wo der dionysische Rausch zu stark unterdrückt war, blieb keine tragische Kunst; in Athen aber, unter den Bedingungen des Dionysos-Kultes und der apollinischen Bildersprache, konnte die Tragödie erblühen.

Die spätere Entwicklung, die metaphysische Begründung durch Sokrates und das rationalistische Denken, brachte schließlich den Verfall der Tragödie. Sokrates mißverstand das Verhältnis der Kunst zur Wahrheit; er setzte die Erkenntnis des Begriffs an die Stelle der dunkelsten, aber unbedingt wahrhaftigen dionysischen Einsicht. So wurde die Kunstverschränkung gelöst, die Tragödie ihrem innersten Prinzip beraubt.

Ich habe hier nur die großen Linien und die Grundgedanken angegeben, die mich zu dieser Untersuchung führten. In den folgenden Abschnitten will ich die einzelnen Momente historiographisch und philosophisch ausführen: die Natur des Dionysischen, die Gestaltkraft des Apollinischen, die Rolle der Musik, die kulturelle Lage der Griechen und das langsame Verschwinden der tragischen Kunst unter dem Einfluß des sokratischen Geistes.