Die Vernunft ist das einzige oberste Prinzip aller Erkenntniß, sowohl der Natur als des menschlichen Gemüths; und weil sie auch nach Erkenntnißprincipien strebt, so ist es zu vergleichen, als wenn sie ein System von sich selber verlange. Die Metaphysik, als die Wissenschaft der reinen Vernunft, muß also zuerst entweder ein System oder eine Kürze derjenigen Prinzipien geben, die zur Erkenntniß überhaupt führen können. Wenn nun aber von dem Princip etwas gefordert wird über die Möglichkeit solcher Erkenntniß, so ist dies ein Problem der Vernunft, welches vor allen Dingen zu entscheiden ist. Denn ohne eine solche Bestimmung, die die Grenzen der reinen Vernunft angibt, würde jede Metaphysik in unaufhörliche Streitigkeiten verfallen, und also weder ein sicherer Beruf für die Vernunft noch eine Wissenschaft werden können.
Die Absicht, die ich mir vornahm, war nicht, an die Stelle der bisherigen Metaphysik eine neue dogmatische Lehre zu setzen; denn man könnte Urteile über Gegenstände nicht von andern Principien gründen, als die, welche durch Erfahrung und Begriffe der Erkenntniß selbst gegeben sind. Vielmehr sollte die Kritik der reinen Vernunft die Möglichkeit, die Grenzen und den Umfang dieser Erkenntniß untersuchen und feststellen; dadurch aber würde man zugleich den Spekulationen der Vernunft die Schranken ziehen, die man nicht ohne sie überschreiten darf.
Die bisherigen Versuche einer reinen Metaphysik gingen entweder in den Dogmatismus über, der von apriorischen Prinzipien ausgeht und diese ohne Untersuchung für notwendig erklärt, oder in den Skeptizismus, welcher die Fähigkeiten der Vernunft ganz in Zweifel zieht. Die eine Partei fordert mehr, als sie aus der Vernunft beweisen kann; die andere zieht sich zurück, weil sie die Legitimität jener Forderungen nicht einsehen kann. Beide sind fehlgeleitet, weil sie die wahre Bestimmung der Vernunft nicht erkannt haben: die Vernunft hat zwar Prinzipien, aber sie hat auch Schranken, die untersucht werden müssen.
Wenn die Vernunft also über die Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntniß überhaupt reflektirt, so gelangt sie auf Fragen, die weder durch empirische Erfahrung beantwortet werden können, noch durch bloße logische Analyse der Begriffe; es sind dies Fragen nach der Möglichkeit der Metaphysik als Wissenschaft. Die Kritik der reinen Vernunft betrachtet daher nicht die Gegenstände, sondern die Art und Weise, wie wir solchen Gegenständen Erkenntniß geben, und zwar nach dem, was uns durch reine Verstandesbegriffe und reine Vernunftprinzipien möglich ist.
Ich habe daher nicht die Aufgabe übernommen, metaphysische Dogmen zu zerstören, sondern die Vernunft selbst zu prüfen, um zu sehen, ob und wie weit sie zu solchen Dogmen berechtigt ist. Hierbei dürfen wir nicht die Vernunft verachten, weil sie sich über ihre Grenzen verirrt hat, noch sollen wir blindes Vertrauen schenken; vielmehr ist eine wohluntersuchte Selbstbesinnung der Vernunft vonnöten, damit sie ihre wahren Gebiete behalte und in ihnen gewiß und fruchtbar sei.
Die größte Schwierigkeit dabei ist, daß die Vernunft, sobald sie nach ihren Prinzipien fragt, deren Ursprung und Zweck verlangt; sie will wissen, ob diese Prinzipien objektiv gültig sind, d. h. ob sie die Gegenstände überhaupt bestimmen können, und nicht bloß den subjektiven Gebrauch des Verstandes. Diese Frage kann die Kritik lösen, indem sie die Grundlagen erforscht, auf welche die Gültigkeit der reinen Erkenntniß zurückgeführt werden kann.
Eine solche Untersuchung hat zugleich praktische Folgen: wird die Wissenschaft der reinen Vernunft möglich und bestimmt, so wird zugleich der Standort der Religion und der Moral klarer begründet; denn erst durch die Bestimmung der Grenzen der theoretischen Vernunft wird der Bereich der praktischen Vernunft frei und bestimmt, wodurch dogmatische Einbildungen, die die sittliche Wichtigkeit untergraben könnten, beseitigt werden.
Wenn man nun fragt, was meine Absicht in dieser Schrift sei, so antworte ich: nicht eine neue Metaphysik zu stiften, sondern die Möglichkeit doppelt zu prüfen — erstens der reinen theoretischen Erkenntniß, zweitens der praktischen Vernunft in ihren höchsten Prinzipien; nur die erste kann hier dargelegt werden, die zweite wird in der Kritik der praktischen Vernunft behandelt werden.
Daß dieses Unternehmen schwierig sei, gestehe ich bereitwillig; aber die Zeit war reif, die bisherigen Streitigkeiten zu klären. Ich habe daher nichts anderes gewollt, als der Vernunft ihren rechten Gebrauch wiederzugeben und sie von einem übermüthigen Dogmatismus wie von einem verzweifelnden Skeptizismus zu erretten.