Die Traumdeutung. Einführung in die Traumanalyse (Einleitung)

Sigmund Freud

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Wer nun die Untersuchungen über die Traumdeutung lesen wird, findet als erstes den Versuch, die Frage zu beantworten, ob die Traumdeutung überhaupt möglich sei. Ich habe diese Frage nicht gleich im Anfang selbst aufgestellt, weil das Verfahren der Traumdeutung nur durch den wiederholten Vorgang ihres Gebrauchs klären läßt, wie weit die ergriffenen Deutungen gültig sind; man muß die Methode erst anzuwenden versuchen, ehe man über ihre Berechtigung entscheiden kann. Ich habe daher zunächst zahlreiche Träume gebracht und sie so genau als möglich gedeutet, damit die Leser, die die Sache nur abwägend beurteilen wollen, Gelegenheit haben, die Übereinstimmung zwischen den Deutungen und den Gegebenheiten, welche die Voraussetzungen jener Deutungen liefern, zu prüfen.

Die Technik der Deutung hat sich hierbei selbst ausgearbeitet und ist unter Umständen von der Erwartung abgewichen; sie bietet jedoch Merkmale, an denen der erfahrene Beobachter sogleich erkennt, ob eine Deutung streng nach den vorgeschriebenen Regeln ausgeführt ist oder ob sie aus einer bloßen Anekdotensammlung schöpft. Der Laie nähme sich gern die Freyheit, die ganze Methode als bloß zufällig herbeigeführte Verknüpfung von Einfällen hinzustellen; und wenn es mir nicht gelungen wäre, der Kritik durch die Häufung von Beispielen den Boden wegzuziehen, so würde die ausführlichste Darstellung der Regeln wenig getaugt haben.

Die Entstehung dieser Arbeit, wie sie mir selbst vor Augen tritt, war eine lange und mühselige. Ich habe seit Jahren die Frage verfolgt: welches ist das besondere psychische Produkt, das wir Traum nennen? und welche sind die Vorgänge, durch welche dieses Gebilde zustande kommt? Anfangs ist mir die Beobachtung der Träume nur als ein psychologisches Problem erschienen; ich habe mir von ihrer Erklärung, wie jeder deutsche Gelehrte es noch fünfzig Jahre früher getan hätte, eine Erweiterung unseres Wissens über die gewöhnliche Seelenerscheinung erhofft.

Bald aber begreifcte ich, daß die Traumforschung wichtigere Aufgaben erfüllen könne: sie enthält, wie mir schien, Werkzeuge, die uns die Vorgänge des Unbewussten erschließen, und die Beobachtungen, welche man an Träumen machen kann, liefern unmittelbares Material über jene seelischen Vorgänge, zu denen wir in unserem gewöhnlichen Bewußtsein keinen Zugang haben. Hierdurch bekam die Traumdeutung eine Bedeutung für die gesamte Psychologie, ja noch weiter: sie zeigte sich als ein Mittel, das zur Klärung mancher Rätsel der menschlichen Kultur beitragen könnte.

Daß der Traum ein psychisches Produkt ist, das sich nach bestimmten, wenn auch verborgenen Gesetzen bildet, war für mich der Ausgangspunkt. Es galt nun, diese Gesetze aufzuspüren und eine Methode zu finden, mit deren Hilfe die latenten Gedanken des Traumes in die manifesten Darstellungen zurückgeführt werden können. Ich habe dies versucht durch die systematische Anwendung der freien Assoziation, wie sie sich in der Anamnese der Hysterie bewährt hat.

Die Anknüpfung der Traumdeutung an die Techniken der psychoanalytischen Behandlung war nicht zufällig. Die Träume schienen mir, ebenso wie die pathologischen Erscheinungen der Hysterie, durch verdrängte Vorstellungen hervorgebracht zu werden; die Art und Weise, wie die Verdrängung die Vorstellung umwandelt und verhüllt, erinnerte an die Bildung von Symptomen. So kam ich zu der Auffassung, daß die Analyse des Traumes mit der Analyse hysterischer Symptome auf demselben Wege der Aufdeckung des Verdrängten vorgehen müsse.

Bei der Darstellung der Verfahren und Ergebnisse habe ich größten Wert auf Genauigkeit gelegt. Ich habe die Deutungen nicht abstrakt formuliert, sondern sie an die einzelnen Träume gebunden, weil nur der genaue Zusammenhang die Richtigkeit der Interpretation beweist. Die Beispiele sind teils meinen eigenen Träumen entnommen, teils habe ich material aus der Behandlung meiner Patienten benutzt, teils dienen Träume, die mir Freunde mitgeteilt haben.

Es wird manchem Leser die Anwendung der freien Assoziation als willkürlich erscheinen. Ich habe dem durch wiederholte Demonstration zu begegnen gesucht: die Verbindungen, die sich bei der freien Assoziation einstellen, sind keineswegs beliebig; sie führen zu bestimmten Vorstellungskreisen, die auf Erinnerungen und Erlebnisse hinweisen, welche mit dem Trauminhalt in einem unbewußten Zusammenhang stehen. Die Häufigkeit solcher Übereinstimmungen ist der beste Beweis für die Richtigkeit des Verfahrens.

Ferner habe ich mich bemüht, die verschiedenen Formen der Traumarbeit zu charakterisieren. Man findet, daß in allen Träumen bestimmte Umwandlungsprozesse stattfinden: Verdichtung, Verschiebung, symbolische Darstellung und sekundäre Bearbeitung. Diese Operationen verbergen die latenten Gedanken und geben dem manifesten Inhalte seine oft bizarr scheinende Gestalt.

Abschließend will ich vorläufig für die Einführung in die Traumdeutung festhalten: der Traum ist die Verwirklichung eines Wunsches, wenn auch häufig in einer verzerrten Gestalt; die Methode der Deutung besteht in der Auffindung der latenten Gedanken durch freie Assoziation und in der Erklärung der Verwandlungen, die jene Gedanken erleiden, bis sie als Trauminhalt erscheinen. Diese Sätze bedeuten nur eine vorläufige Zusammenfassung; die folgenden Untersuchungen haben die Aufgabe, die einzelnen Behauptungen zu begründen und zu erweitern.