Faust. Ein Fragment. Erster Teil — 'Gretchens Stube' (Gretchen am Spinnrade)

Johann Wolfgang von Goethe

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Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer; Ich finde sie nimmer und nimmermehr. Wo ich ihn nicht hab', ist mir nicht mehr zu Mute, Und haben ihn kann ich, und fühl' es nicht Daß ich ihm gehöre, o wunderliche Glut! Mein Busen drängt von süßer Pein Und kann doch nicht ihm dienen, ach! zu sein. Mein Herz ist krank, und doch gesund, Und fühlt sich arm, und weiß sich reich. Es träumt mir Glück, es weiß nicht, was ihm mangelt; Es blickt in's Weite, und das Sehnen drängt zurück; Es ruft nach ihm, und weiß nicht, wen es ruft; Es wird nicht satt, und doch hungert's nach dem Einen. O Qual der Liebe! Qual der Lieb' allein!

Seht, wie der Mond! Er läßt die Nacht erwachen Und zieht in Silberfäden durch das Haus; Das Spinnrad singt; es klappert in dem Zimmer, Und all' die Dinge ringsum sind so stille. Ach! wünschte mir der Flügel schnell und leicht, Ich flog' zu ihm, und sänge ihm so leis'. Wie schön ist's doch, wenn er bei mir gälte, Wenn seine Hand mir sanft die Stirn berührt! Dann schlüg' mein Herz, von selter Ruh' durchdrungen, Und alle Schmerzen meines Busens schwiegen.

Ich seh' dich schon, du holdes Angesichte, Du leuchtest mir, ein Licht in meiner Nacht; Und du erblickst mich, und begreifst mich ganz, Und nennst mich dein, und sagst es ohne Schein. Wie will ich dir die Sehnsucht stillen helfen, Die rothglühend in mir brennt und nicht vergeht? Soll ich's dir zeigen, oder soll ich schweigen? O Gott! was ist's, daß ich nicht sagen kann? Mein Atem stockt, mein Auge wird so trüb, Als stünd' die Welt und alle Zeit gebannt.

Er spricht zu mir so mild, als sei's von Gott; Und seine Stimme ist wie süßer Wein, Der meine Sinne benebelt und berauscht. Er lächelt, und als ob ein neues Leben Durchzieht mich, und mein ganzes Herz erbebt. Ich sinke ihm in seine Nähe tief, Und alle Welt verschwimmt in einem Kuss. Doch plötzlich — nein! — die Furcht reißt mich zurück, Als säh' ich schon der Mutter strenge Stirn, Als flößten ihre Blicke mir Gewissensschmerz.

O daß die Zeit, die mir so langsam schleicht, Sich sonst verhetzte, daß sie flöge fort! Ich gönnte dem frohen, schnellen Lauf der Tage Nur einen Augenblick der vollen Lust. Und ach! wenn er mir sagen tät: Ich lieb' dich! Was dann! — mein armes Herz, es weiß nicht, was es will; Es fliegt, es schwebt, es fällt in Sehnsuchtsschwarm, Und stürzt sich wieder in das tiefe Nichts. Da ist der Zweifel, und da ist die Pein, Da ist der Wunsch, und doch die Furcht und Scham.

Mein Kleidlein ist so trüb, mein Herz so schwer, Und doch, wenn ich ihn seh', vergiß ich alles. Die Schwester soll mir taugen, will mir helf'n Die Zeit zu vergessen, und sie mahnt so mild. Sie naht mich an: »Mein Kind! die Welt ist hart," Sie spricht, und ihre Miene ist so streng; Doch fühlt sie nicht, wie glühend meine Brust, Wie wild die Flammen in mir auf und nieder. O Schwester, sieh! ein einzig Blick von ihm Zerschmilzt die ganze streng' und harte Welt.

Ich küsse oft die Hände mir und sag': »O wär' er doch mein eigen, mein, mein eigen!" Und fühl' es in der Brust, als ob die Glut Mich brennend läßt und doch mich labt mit Lust. Da ist kein Trost, und doch des Trostes Fülle; Es schmerzt so süß, daß ich nicht klagen kann. Die Nächte sind mir lang, die Tage kurz; Der Schlaf entweicht, die Thräne steht mir nah. Und wär' er nah, so wär' ich selig dann, Und würd' vergessen, was das Herz so quält.

O nimm mich hin, verschlinge mich in deinem Arm, Und laß mich leben nur in deinem Blick! Ich will dir treu, will dir ergeben sein, Und jedes Leid mit dir gemeinsam tragen. Doch weil ich's nicht vor ihm zu sagen wage, So bleibt mir nur der heimlich heiße Schmerz. Die Welt mag klingen, und die Leute reden; Mein Ohr vernimmt nur seinen süßen Ton. Mein Augen sehn nur seinen Schritt, sein Bild, Und meine Seele lebt in seinem Duft.

Ach, hätt' ich Mut, ich tät' es ihm gestehen, Ich tät' ihm freudig mein ganzes Herz ergeben. Er wär' mein Trost, und ich sein süßes Heil; Und alles Leid, das mir die Welt beschert, Würd' wie ein Traum vor seinem Glanz verfließen. Doch ich verharre, ungekannt, verschwiegen, Und seh' ihn nur in süßer Sehnsucht an. So lebe denn, o Herz, in stillem Schmerz, Und web' aus Träumen deine sanfte Qual.