Als er gemerkt hatte, daß er nicht allein war, blieb er ruhig liegen und ließ die Augen an der Tür haften, so daß er alles, was dort geschah, gut beobachten konnte. Er erkannte erst, als er sie offen stehen sah, seine Mutter, die mit einem Taschentuch im Gesicht in der Tür stand, und hinter ihr seinen Vater, der in den Vordergrund trat und neben der Mutter blieb, ohne sie berühren zu wollen. Als sie ihn gewahr wurden, brachen beide, wie von einem unsichtbaren Schreckstab getroffen, in ein einsilbiges Heulen aus, das bald in ein Wimmern überging. Gregor wollte aufstehen und zu ihnen kriechen, aber seine Beine gaben ihm keine Gehorsamkeit; nur mit großer Anstrengung konnte er sich aufrichten und an die Tür kriechen. Die Mutter fing an zu rufen: "Ach Gott, was ist denn dir geschehen?" und konnte kein Wort mehr herausbringen. Der Vater stand regungslos da, das Gesicht wie versteinert. Gregor verspürte eine tiefe Verlegenheit und den Wunsch, sich zu erklären; er wollte ihnen sagen, daß er es sei, Gregor, ihr Sohn, aber seine Stimme stimmte nicht mit dem, was er zu sein wußte, und die Laute, die er hervorbrachte, klangen wie ein unverständliches Geknurr.
Seine Schwester, die in der Nähe der Tür stand, hatte sich fast auf den Schwellenpfosten gestützt und sah ihn mit großen Augen an, die außerordentlich traurig und furchtsam waren. Als sie ihn erkannte, sank sie fast zusammengesackt nieder und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Gregor fühlte, wie sein Herz bei diesem Anblick zersprang; er wollte ihr zurufen, sie möge ruhig bleiben, aber die Laute, die ihm entquollen, hatten nur den Zweck, sie noch mehr zu ängstigen. Die Mutter fing an zu weinen und streckte zitternd die Hand nach der Tochter aus, ohne sie zu berühren, und der Vater, der wieder zu Atem gekommen war, machte eine Bewegung, als wollte er die Tür schließen. Gregor spürte, wie ein feines, schneidendes Schmerzgefühl seine Flanke durchzog; er suchte Halt, legte sich flach auf den Rücken und öffnete seine vielen Beine, als wolle er sich zeigen, ohne Furcht, aber sogleich kam ihm die Ahnung, daß er durch diesen Anblick alles nur noch schlimmer mache.
Man hatte in der ganzen Wohnung keine Ruhe; ein Summen und Murmeln erfüllte die Zimmer; man hörte das Schluchzen der Mutter, das tiefe Keuchen des Vaters und das unregelmäßige Atmen der Schwester. Gregor blieb so regungslos liegen, und je mehr er darauf bedacht war, sich ruhig zu verhalten, um die Szene nicht noch schrecklicher zu machen, desto hilfloser fühlte er sich. Er begann, seine Lage genau zu prüfen; die dünne Tür, die das Zimmer abtrennte, war nicht verschlossen, aber so, daß niemand ohne Erlaubnis eintreten konnte; seine geldlichen Verhältnisse, die Schulden seines Vaters, die pekuniären Sorgen seiner Familie, die er bis dahin allein getragen hatte — alles stieg wieder in seinem Gedächtnis auf, und es quälte ihn der Gedanke, daß sein Zustand nichts weniger als eine Heiligung seiner Opfer gewesen sei.
Er erinnerte sich, wie er in den letzten Tagen häufiger nach dem Ausgang gesucht hatte und immer überlegte, ob er der Familie noch nützen könne, und jetzt sah er sich in einem Körper, der nicht mehr geeignet war, menschliche Arbeit zu verrichten. Dies erzeugte in ihm keine Wut, aber eine tiefe Scham. Er dachte aber auch an die Hoffnung, die man doch noch vielleicht auf ein Wunder setzen könne; vielleicht würde der Arzt kommen, vielleicht würde ein Rat gefunden werden, der allen Mut machte. Während dieser Gedanken kam die Vermutung in ihm auf, daß seine Schwester die einzige sei, die ihn wirklich liebe und die es verdienen könnte, daß er ihr sein Erbe werde; er schoß bei dieser Vorstellung in ein warmes Gefühl, das ihm fast die Sinne vernebelte.
Als die Nacht hereingebrochen war, wurde die Aufregung in der Wohnung etwas gedämpft, und man sprach in Flüstertönen; die Tür wurde zur Seite geschoben, und die Mutter trat herein, mit einem leichten Mantel bekleidet, als wäre sie bereit, auszugehen. Sie hielt nahe an Gregors Tür und sah lange hinein, ohne etwas zu tun; dann ging sie zum Fenster und stand dort, die Hände aufeinandergelegt. Gregor fühlte ein unendliches Bedürfnis, zu ihr zu kriechen, ihr die Hand zu küssen und sie zu beruhigen, aber seine natürliche Form hinderte ihn daran; er konnte nur die langen Fühler ausstrecken und zaghaft an der Tür reiben, wobei er sich beinahe überschlug. Die Mutter bemerkte es und fuhr zusammen; sie rief laut den Namen der Tochter, und diese stürzte mit einem Licht herein, das sie in der Hand hielt. Beide standen da, und Gregor sah, wie die Mutter die Hand vor das Gesicht legte, um die Tränen zurückzuhalten.
Die Schwester aber, nach einem Augenblick, als sie sah, daß Gregor nicht vorwärtskam, kniete nieder und legte die Stirn an die Schwelle; sie wollte ihn rufen, aber ihre Stimme versagte, und nur ein leises Schluchzen kam über ihre Lippen. Gregor legte langsam die vorderen Beine auf die Türschwelle, aber das Holz war kalt und glich ihm einem Hindernis. Er bemühte sich, die Tür aufzudrücken, und endlich gelang es ihm, so viel zu bewegen, daß er einen Spalt breit hinausschlüpfen konnte. Sobald er draußen war, wollte er die Familie umfassen; aber die Mutter stieß einen schrillen Laut aus und fiel ohnmächtig zurück; der Vater sank mit einem Fluch über die Stirn zusammen; die Schwester stieß einen Schrei aus und rannte zur Mutter.
Nun war es, als ob Gregor, statt zu beruhigen, eine neue Bestürzung hervorgebracht hätte. Er aber fühlte, wie in ihm eine entsetzliche Erschöpfung aufstieg; seine Kräfte waren schwach, und seine Sinne trübe. Er kroch langsam in die Ecke des Zimmers und legte sich dort auf seine Seite; von diesem Ort aus sah er, wie die Familie sich sammelte und wie draußen in der Straße Schritte verhallten. Er dachte daran, daß er einst die Verpflichtung gehabt hatte, für seine Eltern zu sorgen, und empfand jetzt nur noch die Last seines Körpers als unerträglich.
Am andern Morgen kam der Möbelträger wieder; die Familie hatte beschlossen, die Reparatur anzugehen, und es wurden mehrere Sachen aus Gregors Zimmer getragen. Er schämte sich zu Tode, als der Möbelträger seinen hervorstehenden Rücken sah; doch dieser arbeitete gleichgültig und ohne Ekel und bemerkte kaum etwas. Die Schwester war es, die alles ordnete, mit einer Miene, wie wenn sie eine Aufgabe erfülle. Gregor beobachtete sie und empfand Freude, die ihm zugleich furchtbar schmeichelte; er wollte ihr danken, wollte ihr zeigen, daß er zufrieden sei mit dem, was sie tat. Aber die Welt war anders geworden; die Dinge bewegten sich mechanisch, und Gregor blieb nur als ein stummer Zeuge zurück.