Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Prolog

Friedrich Nietzsche

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Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See der Heimat, und ging in die Berge. Hier genoss er sein Herz und seine Seele und seinen Sinn und wurde sieben Jahre lang nicht satt von seiner Einsamkeit.

Endlich aber verwandelte sich sein Herz — und eines Morgens stand er mit der Morgendämmerung auf, trat vor die Sonne hin, und sprach zu ihr also: Du großes Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht jene hättest, die du erleuchtest?

Du kleines Glück! sagte die Sonne, soll ich dir denn mein Glück nehmen, damit du glücklich werdest?

Als Zarathustra dies hörte, lächelte er und seine Seele sprach zu ihm also: Du einsamer Wanderer! du großer Liebender der Menschen, warum willst du nicht wieder in das Tal hinabgehen?

Du hast Mitleid mit den Menschen und glaublich willst du ihnen etwas geben; und doch hast du keinen Besitz und kein Amt und keine Pflicht. Du willst ihnen etwas geben, und du bist arm.

Aber das Bedingungslose und das unentgeltlich Gebende ist dein Gesetz; darum blicke du in dich und frage: was willst du geben?

Und Zarathustra dachte an sein Herz und sprach: Ich will meinen Menschen das geben: Uebermenschlichkeit; und er tat anfangs, wie die Sonnenuhr den Schatten, der von ihr geworfen wird: er streute seine Worte hinab an die Menschen, wie frisches Mahl auf die Felder.

Und er kam in das Städtchen — es war am Markttag — und er sah die Menschen, wie sie auf dem Markt standen, waren gierig, viel zu eng in ihren Kleidern und zu voll an Meinen und Dingen; und sie redeten miteinander von Politik und von dem Gebrauch der Stunden.

Zarathustra aber trat mitten unter sie hin, und es begab sich, daß er seine Hände auf ihre Schultern legte und sprach zu ihnen: Ich lehre euch den Uebermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll.

Was habt ihr getan, um ihn zu überwinden? fragten die Menschen und lachten. Und sie nannten Zarathustra einen Narren und gingen ihrer Wege.

Da aber ging Zarathustra hinaus in sein Viertel und dachte bei sich: Ich will ein Feuer anzünden, das die Menschen wärmen soll; und weder Heil noch Heilsmittel sei das Feuer für jene, die sich nicht wärmen lassen wollen.

Und die Nachbarn sagten: Wir wollen euch hören und schauen, was euer Feuer sei; und so begann Zarathustra zu lehren in Gleichnissen und in Sprüchen, und man nannte ihn einen Lehrer.