Hymnen an die Nacht. Erste Hymne

Novalis (Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg)

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O Nacht! du heil’ge Nacht! die mich umfing, Als ich vom lieben Leben scheiden mußte; O Nacht! von deiner Brust empfing ich, Was kein Tag mir mehr zurückgeben konnte.—

Nicht, daß ich anders fühlte, nein, ich fühlte das Gleiche, aber unendlicher. In den Tag war ich noch gebunden durch meine Individualität; die Nacht löste mich davon und gab mir die Unendlichkeit. Ich war dahin, und doch blieb ich; ich lebte, und doch war ich todt; ich litt, und doch war ich erlöst.

Der Tod, der uns scheidet, ist das Band, das uns vereint. Sie starb, und ich war ihr lebendiges Grab; in ihrer Stille sprach sie zu mir, und in ihrem Schweigen offenbarte sie mir das Wort. O süße Trennung! die mich heimführt, indem sie mich entfremdet.

Ich kannte sie, ich liebte sie—mehr als Liebe ist—ich fühlte sie, als sei ich selber ihr Glied, und ward doch mir selbst enthoben. Die Nacht nahm sie von mir, und indem sie sie mir entzog, gab sie mich ihr wieder. So ward ich in das Leben zurückgenommen durch den Tod der Geliebten.

O Nacht! du gabst mir die Stimmen der Heimath; du brachtest mir die alten Ideen wieder, die der Tag verschleiert hatte. In dir erschollen die Gesänge vergangner Zeiten, und die Seelen, die dahin geschieden, kamen mir entgegen wie treue Freunde.

Ich sah Gestalten im Dunkel, die mir bekannt schienen; sie grüßten, und ich erkannte die innere Ordnung der Dinge. Alles, was ich verloren glaubte, ward mir wiedergegeben; nur die äußere Erscheinung war mir entrissen, um mir dafür die innre Wahrheit zu schenken.

So lernte ich, den Tod nicht als Ende zu betrachten, sondern als Weg. Die Nacht offenbarte mir, daß das Getrennte nur in der Erscheinung getheilt sei; im Innern aber sey Alles eins. Die Geliebte lebte in mir, und ich lebte in ihr; wir waren zweifach und zugleich eins.

O selige Nacht, die uns führt zu den Quellen! Wer dich liebt, der fürchtet nicht das Ende; wer dich betritt, der findet die Mitte. In dir ist die Verzückung der Wiedervereinigung, in dir der Trost des Verlusts und die Unsterblichkeit des Gefühls.