Es war in der That ein schöner Tag. Der Mai stand in voller Blüte; die Felder ringsumher glänzten frisch und grün; die Wiesen rochen wolkig süss, und aus den Tannen schlugen in steten Lachwinden die Jungen grünlich herab. Das Dorfbächlein, aus den Bergen herunter gekommen, hüpfte und sprang über die Steine und flatterte mit den langen Locken im Winde wie ein junges Mädchen; die Hühner pickten und scharrten; im Hause, wo die Sennkind sitzen, brannte schon der Kaffee; und aus den offenen Türen klang frisch und munter der Heimweg der Handwerker, die den Tag über beschäftigt waren gewesen.
Die beiden Kinder, die man in der Hauptsache dieses Stückes nennen muss, waren aber noch nicht zu Hause. Sali und Vrenchen — denn so hiessen sie — hatten den ganzen Morgen miteinander gespielt und waren nun, wie Kinder pflegen, so müde geworden, dass sie sich auf eine grüne Bank in der Sonne legten und einschliefen. Sali war ein kräftiger Bursche von zehn oder zwölf Jahren, droben in den Bergen aufgewachsen, braungebrannt, mit schwarzem Haar und lebhaften Augen; Vrenchen war einige Jahre jünger, weiss- und rothgesichtig, mit blonden Locken, und die ganze Art des Kindes war so lieblich, dass man damals schon gesagt hätte: das wird ein schönes Mädchen werden.
Die Dörfler liessen die Kinder in Frieden schlafen; sie hatten ja beide Eltern, und die Eltern waren gut. Der Vater von Sali hiess Leuenberger, ein ehrlicher, wackerer Mann, der das Beste hielt, was mit Händen und Verstand geschaffen war; Vrenchens Eltern waren ärmer, aber fleissig und fromm. Man kannte einander seit Jahren, und die Freundschaft zwischen den beiden Familien war so alt wie die Wege durch die Felder. Was die Kinder anbetraf, so liebten sie sich wie Geschwister; und wenn ein Bube und ein Mädchen in einem Dörfchen so aufwachsen, ist oft wenig hinter oft ein grosses Gefühl.
Sie schliefen denn auch tief, und die Sonne sank zur Ruhe. Die Glocken in der kleinen Kapelle riefen zum Angelus; ein alter Mann ging ruhig vorbei und schürzte den Rock; eine junge Magd zog ihren Kranz aus dem Haar und ging langsam nach Hause. Alles war still und sanft, als ob die Welt ein wenig innegehalten hätte, um den Frieden zu bewahren. Nur ein Tröpfchen vom Bächlein, das an der Bank vorüberlief, klapperte leise, und ein paar Fliegen summten gleichgültig um die Nasen der Kinder.
Die Leute begannen heimzuziehen, die Hausthüren schlossen sich; es wurde dämmrig. Da erstaunten die Einwohner, als sie plötzlich an der Bank, wo die Kinder gelegen hatten, nur noch das Tuch und keine Spur von ihnen fanden. Man rief; man suchte; man durchlief die Wege und die Gärten. Es war, als ob ein Wunder geschehen wäre. Die Eltern der Kinder wurden herbeigerufen; man weckte den schlafenden Senn; man hörte das ferne Gebell der Hunde; und als bald keine Spur entdeckt wurde, breitete sich ein bitteres Entsetzen aus.
Die Mutter von Vrenchen riess sich die Hände; der Vater von Sali ward weiss im Gesicht. Man ging auf den Berg hinauf, man blickte in jede Höhle, man fragte die Besen an der Tenne, ob man etwas gesehen habe; aber niemand hatte etwas gesehen. Nur einmal hörte man, weit entfernt in der Richtung der Waldung, das leise Klingeln eines Glöckleins; es war das, was man schwieriglich auslegen konnte. Da sagten einige: Sie sind fortgelaufen in die Stadt; andere meinten: sie sind betrogen und entführt; wieder andere flüsterten etwas von einem fremden Mann, der gestern abend im Dorfe aufgetaucht sei.
So ging, was man Tag und Nacht thun konnte. Die Polizei wurde verständigt; man sandte nach den Nachbarorten. Viele Männer suchten die ganze Nacht; die Frauen blieben weinend zusammen. Endlich aber fand man, am anderen Morgen, in einem Walde, nicht weit von dem Dorfe, an einem kleinen Pfad, der gerade so schmal war, dass man kaum zwei neben einander schreiten konnte, zwei Hütten, die zusammengebrochen waren, und darin die beiden Kinder, leichenblass, aber noch am Leben. Sie hatten sich nur eine kleine Weile versteckt und waren vor Hunger und Erschöpfung zusammengebrochen.
Man brachte sie heim, und das ganze Dorf atmete auf. Doch die Freude war bitter mit dem Vorwurf gemischt, und die Frage: wer war es, der die Kinder verführt oder in Gefahr gebracht hatte? Die Eltern umarmten die Kinder, und sie weinten aus Dankbarkeit; aber die Augen der Alten sahen finsterer aus, und man konnte in ihrer Miene den schweren Verdacht nicht verbergen, den man bald gegen einen Mann richtete, der neu ins Dorf gezogen war und dessen Art sonderbar gewesen war.
So beginnt die traurige Geschichte; aber wie sie weitergeht, ist eine andere Erzählung.