Jenseits von Gut und Böse
Friedrich Wilhelm Nietzsche
English title: Beyond Good and Evil
English author: Friedrich Nietzsche
Original text: Project Gutenberg · Project Gutenberg ebook #7204: Jenseits von Gut und Böse (German) (Lectio bundled import)
Reference: German — Wikibooks — Community-maintained, CC BY-SA.
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Jenseits von Gut und Böse
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.
Vorrede.
Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist -, wie? ist der Verdacht nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern…
Sils-Maria,
Oberengadin im Juni 1885.
Erstes Hauptstück:
Von den Vorurtheilen der Philosophen.
1.
Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, von der alle…
2.
"Wie könnte Etwas aus seinem Gegensatz entstehn? Zum Beispiel die Wahrheit aus dem Irrthume? Oder der Wille zur…
3.
Nachdem ich lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen und auf die Finger gesehn habe, sage ich mir:…
4.
Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urtheil; darin klingt unsre neue Sprache vielleicht…
5.
Was dazu reizt, auf alle Philosophen halb misstrauisch, halb spöttisch zu blicken, ist nicht, dass man wieder und…
6.
Allmählich hat sich mir herausgestellt, was jede grosse Philosophie bisher war: nämlich das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine…
7.
Wie boshaft Philosophen sein können! Ich kenne nichts Giftigeres als den Scherz, den sich Epicur gegen Plato und…
8.
In jeder Philosophie giebt es einen Punkt, wo die "Überzeugung" des Philosophen auf die Bühne tritt: oder, um…
adventavit asinus pulcher et fortissimus.
9.
"Gemäss der Natur" wollt ihr leben? Oh ihr edlen Stoiker, welche Betrügerei der Worte! Denkt euch ein Wesen,…
10.
Der Eifer und die Feinheit, ich möchte sogar sagen: Schlauheit, mit denen man heute überall in Europa dem…
11.
Es scheint mir, dass man jetzt überall bemüht ist, von dem eigentlichen Einflusse, den Kant auf die deutsche…
quia est in eo virtus dormitiva, cujus est natura sensus assoupire.
Aber dergleichen Antworten gehören in die Komödie, und es ist endlich an der Zeit, die Kantische Frage "Wie…
12.
Was die materialistische Atomistik betrifft: so gehört dieselbe zu den bestwiderlegten Dingen, die es giebt; und vielleicht ist…
13.
Die Physiologen sollten sich besinnen, den Selbsterhaltungstrieb als kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen. Vor Allem will etwas…
14.
Es dämmert jetzt vielleicht in fünf, sechs Köpfen, dass Physik auch nur eine Welt-Auslegung und -Zurechtlegung (nach uns!…
15.
Um Physiologie mit gutem Gewissen zu treiben, muss man darauf halten, dass die Sinnesorgane nicht Erscheinungen sind im…
16.
Es giebt immer noch harmlose Selbst-Beobachter, welche glauben, dass es "unmittelbare Gewissheiten" gebe, zum Beispiel "ich denke", oder,…
17.
Was den Aberglauben der Logiker betrifft: so will ich nicht müde werden, eine kleine kurze Thatsache immer wieder…
18.
An einer Theorie ist wahrhaftig nicht ihr geringster Reiz, dass sie widerlegbar ist: gerade damit zieht sie feinere…
19.
Die Philosophen pflegen vom Willen zu reden, wie als ob er die bekannteste Sache von der Welt sei;…
20.
Dass die einzelnen philosophischen Begriffe nichts Beliebiges, nichts Für-sich-Wachsendes sind, sondern in Beziehung und Verwandtschaft zu einander emporwachsen,…
21.
Die causa sui ist der beste Selbst-Widerspruch, der bisher ausgedacht worden ist, eine Art logischer Nothzucht und Unnatur:…
22.
Man vergebe es mir als einem alten Philologen, der von der Bosheit nicht lassen kann, auf schlechte Interpretations-Künste…
23.
Die gesammte Psychologie ist bisher an moralischen Vorurtheilen und Befürchtungen hängen geblieben: sie hat sich nicht in die…
Zweites Hauptstück:
Der freie Geist.
24.
O sancta simplicitas! In welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch! Man kann sich nicht zu Ende…
25.
Nach einem so fröhlichen Eingang möchte ein ernstes Wort nicht überhört werden: es wendet sich an die Ernstesten.…
26.
Jeder auserlesene Mensch trachtet instinktiv nach seiner Burg und Heimlichkeit, wo er von der Menge, den Vielen, den…
27.
Es ist schwer, verstanden zu werden: besonders wenn man gangasrotogati denkt und lebt, unter lauter Menschen, welche anders…
28.
Was sich am schlechtesten aus einer Sprache in die andere übersetzen lässt, ist das tempo ihres Stils: als…
29.
Es ist die Sache der Wenigsten, unabhängig zu sein: - es ist ein Vorrecht der Starken. Und wer…
30.
Unsre höchsten Einsichten müssen - und sollen! - wie Thorheiten, unter Umständen wie Verbrechen klingen, wenn sie unerlaubter…
31.
Man verehrt und verachtet in jungen Jahren noch ohne jene Kunst der Nuance, welche den besten Gewinn des…
32.
Die längste Zeit der menschlichen Geschichte hindurch - man nennt sie die prähistorische Zeit - wurde der Werth…
33.
Es hilft nichts: man muss die Gefühle der Hingebung, der Aufopferung für den Nächsten, die ganze Selbstentäusserungs-Moral erbarmungslos…
34.
Auf welchen Standpunkt der Philosophie man sich heute auch stellen mag: von jeder Stelle aus gesehn ist die…
35.
Oh Voltaire! Oh Humanität! Oh Blödsinn! Mit der "Wahrheit", mit dem Suchen der Wahrheit hat es etwas auf…
36.
Gesetzt, dass nichts Anderes als real "gegeben" ist als unsre Welt der Begierden und Leidenschaften, dass wir zu…
37.
"Wie? Heisst das nicht, populär geredet: Gott ist widerlegt, der Teufel aber nicht -?" Im Gegentheil! Im Gegentheil,…
38.
Wie es zuletzt noch, in aller Helligkeit der neueren Zeiten, mit der französischen Revolution gegangen ist, jener schauerlichen…
39.
Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie glücklich macht, oder tugendhaft macht, deshalb für wahr halten:…
40.
Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben sogar einen Hass auf Bild und Gleichniss.…
41.
Man muss sich selbst seine Proben geben, dafür dass man zur Unabhängigkeit und zum Befehlen bestimmt ist; und…
42.
Eine neue Gattung von Philosophen kommt herauf: ich wage es, sie auf einen nicht ungefährlichen Namen zu taufen.…
43.
Sind es neue Freunde der "Wahrheit", diese kommenden Philosophen? Wahrscheinlich genug: denn alle Philosophen liebten bisher ihre Wahrheiten.…
44.
Brauche ich nach alledem noch eigens zu sagen, dass auch sie freie, sehr freie Geister sein werden, diese…
Drittes Hauptstück:
Das religiöse Wesen.
45.
Die menschliche Seele und ihre Grenzen, der bisher überhaupt erreichte Umfang menschlicher innerer Erfahrungen, die Höhen, Tiefen und…
46.
Der Glaube, wie ihn das erste Christenthum verlangt und nicht selten erreicht hat, inmitten einer skeptischen und südlich-freigeisterischen…
47.
Wo nur auf Erden bisher die religiöse Neurose aufgetreten ist, finden wir sie verknüpft mit drei gefährlichen Diät-Verordnungen:…
48.
Es scheint, dass den lateinischen Rassen ihr Katholicismus viel innerlicher zugehört, als uns Nordländern das ganze Christentum überhaupt:…
49.
Das, was an der Religiosität der alten Griechen staunen macht, ist die unbändige Fülle von Dankbarkeit, welche sie…
50.
Die Leidenschaft für Gott: es giebt bäurische, treuherzige und zudringliche Arten, wie die Luther's, - der ganze Protestantismus…
51.
Bisher haben sich die mächtigsten Menschen immer noch verehrend vor dem Heiligen gebeugt, als dem Räthsel der Selbstbezwingung…
52.
Im jüdischen "alten Testament", dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, giebt es Menschen, Dinge und Reden in einem…
53.
Warum heute Atheismus? - "Der Vater" in Gott ist gründlich widerlegt; ebenso "der Richter", "der Belohner". Insgleichen sein…
54.
Was thut denn im Grunde die ganze neuere Philosophie? Seit Descartes - und zwar mehr aus Trotz gegen…
55.
Es giebt eine grosse Leiter der religiösen Grausamkeit, mit vielen Sprossen; aber drei davon sind die wichtigsten. Einst…
56.
Wer, gleich mir, mit irgend einer räthselhaften Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus in die Tiefe…
57.
Mit der Kraft seines geistigen Blicks und Einblicks wächst die Ferne und gleichsam der Raum um den Menschen:…
58.
Hat man wohl beachtet, in wiefern zu einem eigentlich religiösen Leben (und sowohl zu seiner mikroskopischen Lieblings-Arbeit der…
59.
Wer tief in die Welt gesehen hat, erräth wohl, welche Weisheit darin liegt, dass die Menschen oberflächlich sind.…
60.
Den Menschen zu lieben um Gottes Willen - das war bis jetzt das vornehmste und entlegenste Gefühl, das…
61.
Der Philosoph, wie wir ihn verstehen, wir freien Geister als der Mensch der umfänglichsten Verantwortlichkeit, der das Gewissen…
62.
Zuletzt freilich, um solchen Religionen auch die schlimme Gegenrechnung zu machen und ihre unheimliche Gefährlichkeit an's Licht zu…
Viertes Hauptstück:
Sprüche und Zwischenspiele.
63.
Wer von Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine Schüler ernst, - sogar…
64.
"Die Erkenntniss um ihrer selbst willen" - das ist der letzte Fallstrick, den die Moral legt: damit verwickelt…
65.
Der Reiz der Erkenntniss wäre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr so viel Scham zu überwinden…
65 a.
Man ist am unehrlichsten gegen seinen Gott: er darf nicht sündigen!
66.
Die Neigung, sich herabzusetzen, sich bestehlen, belügen und ausbeuten zu lassen, könnte die Scham eines Gottes unter Menschen…
67.
Die Liebe zu Einem ist eine Barbarei: denn sie wird auf Unkosten aller Übrigen ausgeübt. Auch die Liebe…
68.
"Das habe ich gethan" sagt mein Gedächtniss. Das kann ich nicht gethan haben - sagt mein Stolz und…
69.
Man hat schlecht dem Leben zugeschaut, wenn man nicht auch die Hand gesehn hat, die auf eine schonende…
70.
Hat man Charakter, so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt.
71.
Der Weise als Astronom. - So lange du noch die Sterne fühlst als ein "Über-dir", fehlt dir noch…
72.
Nicht die Stärke, sondern die Dauer der hohen Empfindung macht die hohen Menschen.
73.
Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe hinaus.
73 a.
Mancher Pfau verdeckt vor Aller Augen seinen Pfauenschweif - und heisst es seinen Stolz.
74.
Ein Mensch mit Genie ist unausstehlich, wenn er nicht mindestens noch zweierlei dazu besitzt: Dankbarkeit und Reinlichkeit.
75.
Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den letzten Gipfel seines Geistes hinauf.
76.
Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich selber her.
77.
Mit seinen Grundsätzen will man seine Gewohnheiten tyrannisiren oder rechtfertigen oder ehren oder beschimpfen oder verbergen: - zwei…
78.
Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter.
79.
Eine Seele, die sich geliebt weiss, aber selbst nicht liebt, verräth ihren Bodensatz: - ihr Unterstes kommt herauf.
80.
Eine Sache, die sich aufklärt, hört auf, uns etwas anzugehn. - Was meinte jener Gott, welcher anrieth: "erkenne…
81.
Es ist furchtbar, im Meere vor Durst zu sterben. Müsst ihr denn gleich eure Wahrheit so salzen, dass…
82.
"Mitleiden mit Allen" - wäre Härte und Tyrannei mit dir, mein Herr Nachbar! -
83.
Der Instinkt. - Wenn das Haus brennt, vergisst man sogar das Mittagsessen. - Ja: aber man holt es…
84.
Das Weib lernt hassen, in dem Maasse, in dem es zu bezaubern - verlernt.
85.
Die gleichen Affekte sind bei Mann und Weib doch im Tempo verschieden: deshalb hören Mann und Weib nicht…
86.
Die Weiber selber haben im Hintergrunde aller persönlichen Eitelkeit immer noch ihre unpersönliche Verachtung - für das "Weib".
87.
Gebunden Herz, freier Geist. - Wenn man sein Herz hart bindet und gefangen legt, kann man seinem Geist…
88.
Sehr klugen Personen fängt man an zu misstrauen, wenn sie verlegen werden.
89.
Fürchterliche Erlebnisse geben zu rathen, ob Der, welcher sie erlebt, nicht etwas Fürchterliches ist.
90.
Schwere, Schwermüthige Menschen werden gerade durch das, was Andre schwer macht, durch Hass und Liebe, leichter und kommen…
91.
So kalt, so eisig, dass man sich an ihm die Finger verbrennt! Jede Hand erschrickt, die ihn anfasst!…
92.
Wer hat nicht für seinen guten Ruf schon einmal - sich selbst geopfert? -
93.
In der Leutseligkeit ist Nichts von Menschenhass, aber eben darum allzuviel von Menschenverachtung.
94.
Reife des Mannes: das heisst den Ernst wiedergefunden haben, den man als Kind hatte, beim Spiel.
95.
Sich seiner Unmoralität schämen: das ist eine Stufe auf der Treppe, an deren Ende man sich auch seiner…
96.
Man soll vom Leben scheiden wie Odysseus von Nausikaa schied, - mehr segnend als verliebt.
97.
Wie? Ein grosser Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals.
98.
Wenn man sein Gewissen dressirt, so küsst es uns zugleich, indem es beisst.
99.
Der Enttäuschte spricht. - "Ich horchte auf Widerhall, und ich hörte nur Lob -"
100.
Vor uns selbst stellen wir uns Alle einfältiger als wir sind: wir ruhen uns so von unsern Mitmenschen…
101. Heute möchte sich ein Erkennender leicht als Thierwerdung Gottes fühlen.
102.
Gegenliebe entdecken sollte eigentlich den Liebenden über das geliebte Wesen ernüchtern. "Wie? es ist bescheiden genug, sogar dich…
103.
Die Gefahr im Glücke. - "Nun gereicht mir Alles zum Besten, nunmehr liebe ich jedes Schicksal: - wer…
104.
Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenliebe hindert die Christen von heute, uns - zu verbrennen.
105.
Dem freien Geiste, dem "Frommen der Erkenntniss" - geht die pia fraus noch mehr wider den Geschmack (wider…
106.
Vermöge der Musik geniessen sich die Leidenschaften selbst.
107.
Wenn der Entschluss einmal gefasst ist, das Ohr auch für den besten Gegengrund zu schliessen: Zeichen des starken…
108.
Es giebt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Ausdeutung von Phänomenen.....
109.
Der Verbrecher ist häufig genug seiner That nicht gewachsen: er verkleinert und verleumdet sie.
110.
Die Advokaten eines Verbrechers sind selten Artisten genug, um das schöne Schreckliche der That zu Gunsten ihres Thäters…
111.
Unsre Eitelkeit ist gerade dann am schwersten zu verletzen, wenn eben unser Stolz verletzt wurde.
112.
Wer sich zum Schauen und nicht zum Glauben vorherbestimmt fühlt, dem sind alle Gläubigen zu lärmend und zudringlich:…
113.
"Du willst ihn für dich einnehmen? So stelle dich vor ihm verlegen -"
114.
Die ungeheure Erwartung in Betreff der Geschlechtsliebe, und die Scham in dieser Erwartung, verdirbt den Frauen von vornherein…
115.
Wo nicht Liebe oder Hass mitspielt, spielt das Weib mittelmässig.
116.
Die grossen Epochen unsres Lebens liegen dort, wo wir den Muth gewinnen, unser Böses als unser Bestes umzutaufen.
117.
Der Wille, einen Affekt zu überwinden, ist zuletzt doch nur der Wille eines anderen oder mehrer anderer Affekte.
118.
Es giebt eine Unschuld der Bewunderung: Der hat sie, dem es noch nicht in den Sinn gekommen ist,…
119.
Der Ekel vor dem Schmutze kann so gross sein, dass er uns hindert, uns zu reinigen, - uns…
120.
Die Sinnlichkeit übereilt oft das Wachsthum der Liebe, so dass die Wurzel schwach bleibt und leicht auszureissen ist.
121.
Es ist eine Feinheit, dass Gott griechisch lernte, als er Schriftsteller werden wollte - und dass er es…
122.
Sich über ein Lob freuen ist bei Manchem nur eine Höflichkeit des Herzens - und gerade das Gegenstück…
123.
Auch das Concubinat ist corrumpirt worden: - durch die Ehe.
124.
Wer auf dem Scheiterhaufen noch frohlockt, triumphirt nicht über den Schmerz, sondern darüber, keinen Schmerz zu fühlen, wo…
125.
Wenn wir über Jemanden umlernen müssen, so rechnen wir ihm die Unbequemlichkeit hart an, die er uns damit…
126.
Ein Volk ist der Umschweif der Natur, um zu sechs, sieben grossen Männern zu kommen. - Ja: und…
127.
Allen rechten Frauen geht Wissenschaft wider die Scham. Es ist ihnen dabei zu Muthe, als ob man damit…
128.
Je abstrakter die Wahrheit ist, die du lehren willst, um so mehr musst du noch die Sinne zu…
129.
Der Teufel hat die weitesten Perspektiven für Gott, deshalb hält er sich von ihm so fern: - der…
130.
Was jemand ist, fängt an, sich zu verrathen, wenn sein Talent nachlässt, - wenn er aufhört, zu zeigen,…
131.
Die Geschlechter täuschen sich über einander: das macht, sie ehren und lieben im Grunde nur sich selbst (oder…
132.
Man wird am besten für seine Tugenden bestraft.
133.
Wer den Weg zu seinem Ideale nicht zu finden weiss, lebt leichtsinniger und frecher, als der Mensch ohne…
134.
Von den Sinnen her kommt erst alle Glaubwürdigkeit, alles gute Gewissen, aller Augenschein der Wahrheit.
135.
Der Pharisäismus ist nicht eine Entartung am guten Menschen: ein gutes Stück davon ist vielmehr die Bedingung von…
136.
Der Eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, der Andre Einen, dem er helfen kann: so entsteht ein…
137.
Im Verkehre mit Gelehrten und Künstlern verrechnet man sich leicht in umgekehrter Richtung: man findet hinter einem merkwürdigen…
138.
Wir machen es auch im Wachen wie im Traume: wir erfinden und erdichten erst den Menschen, mit dem…
139.
In der Rache und in der Liebe ist das Weib barbarischer, als der Mann.
140.
Rath als Räthsel. - "Soll das Band nicht reissen, - musst du erst drauf beissen."
141.
Der Unterleib ist der Grund dafür, dass der Mensch sich nicht so leicht für einen Gott hält.
142.
Das züchtigste Wort, das ich gehört habe: "Dans le véritable amour c'est l'âme, qui enveloppe le corps."
143.
Was wir am besten thun, von dem möchte unsre Eitelkeit, dass es grade als Das gelte, was uns…
144.
Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich Etwas an ihrer Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung. Schon Unfruchtbarkeit…
145.
Mann und Weib im Ganzen verglichen, darf man sagen: das Weib hätte nicht das Genie des Putzes, wenn…
146.
Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in…
147.
Aus alten florentinischen Novellen, überdies - aus dem Leben: buona femmina e mala femmina vuol bastone. Sacchetti Nov.…
148.
Den Nächsten zu einer guten Meinung verführen und hinterdrein an diese Meinung des Nächsten gläubig glauben: wer thut…
149.
Was eine Zeit als böse empfindet, ist gewöhnlich ein unzeitgemässer Nachschlag dessen, was ehemals als gut empfunden wurde,…
150.
Um den Helden herum wird Alles zur Tragödie, um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel; und um Gott…
151.
Ein Talent haben ist nicht genug: man muss auch eure Erlaubniss dazu haben, - wie? meine Freunde?
152.
"Wo der Baum der Erkenntniss steht, ist immer das Paradies": so reden die ältesten und die jüngsten Schlangen.
153.
Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.
154.
Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehört in die…
155.
Der Sinn für das Tragische nimmt mit der Sinnlichkeit ab und zu.
156.
Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, - aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.
157.
Der Gedanke an den Selbstmord ist ein starkes Trostmittel: mit ihm kommt man gut über manche böse Nacht…
158.
Unserm stärksten Triebe, dem Tyrannen in uns, unterwirft sich nicht nur unsre Vernunft, sondern auch unser Gewissen.
159.
Man muss vergelten, Gutes und Schlimmes: aber warum gerade an der Person, die uns Gutes oder Schlimmes that?
160.
Man liebt seine Erkenntniss nicht genug mehr, sobald man sie mittheilt.
161.
Die Dichter sind gegen ihre Erlebnisse schamlos: sie beuten sie aus.
162.
"Unser Nächster ist nicht unser Nachbar, sondern dessen Nachbar" - so denkt jedes Volk.
163.
Die Liebe bringt die hohen und verborgenen Eigenschaften eines Liebenden an's Licht, - sein Seltenes, Ausnahmsweises: insofern täuscht…
164.
Jesus sagte zu seinen Juden: "das Gesetz war für Knechte, - liebt Gott, wie ich ihn liebe, als…
165.
Angesichts jeder Partei. - Ein Hirt hat immer auch noch einen Leithammel nöthig, - oder er muss selbst…
166.
Man lügt wohl mit dem Munde; aber mit dem Maule, das man dabei macht, sagt man doch noch…
167.
Bei harten Menschen ist die Innigkeit eine Sache der Scham - und etwas Kostbares.
168.
Das Christenthum gab dem Eros Gift zu trinken: - er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster.
169.
Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen.
170.
Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit, als im Tadel.
171.
Mitleiden wirkt an einem Menschen der Erkenntniss beinahe zum Lachen, wie zarte Hände an einem Cyklopen.
172.
Man umarmt aus Menschenliebe bisweilen einen Beliebigen (weil man nicht Alle umarmen kann): aber gerade Das darf man…
173.
Man hasst nicht, so lange man noch gering schätzt, sondern erst, wenn man gleich oder höher schätzt.
174.
Ihr Utilitarier, auch ihr liebt alles utile nur als ein Fuhrwerk eurer Neigungen, - auch ihr findet eigentlich…
175.
Man liebt zuletzt seine Begierde, und nicht das Begehrte.
176.
Die Eitelkeit Andrer geht uns nur dann wider den Geschmack, wenn sie wider unsre Eitelkeit geht.
177.
Ober Das, was "Wahrhaftigkeit" ist, war vielleicht noch Niemand wahrhaftig genug.
178.
Klugen Menschen glaubt man ihre Thorheiten nicht: welche Einbusse an Menschenrechten!
179.
Die Folgen unsrer Handlungen fassen uns am Schopfe, sehr gleichgültig dagegen, dass wir uns inzwischen "gebessert" haben.
180.
Es giebt eine Unschuld in der Lüge, welche das Zeichen des guten Glaubens an eine Sache ist.
181.
Es ist unmenschlich, da zu segnen, wo Einem geflucht wird.
182.
Die Vertraulichkeit des überlegenen erbittert, weil sie nicht zurückgegeben werden darf. -
183.
"Nicht dass du mich belogst, sondern dass ich dir nicht mehr glaube, hat mich erschüttert." -
184.
Es giebt einen Übermuth der Güte, welcher sich wie Bosheit ausnimmt.
185.
"Er missfällt mir." - Warum? - "Ich bin ihm nicht gewachsen." - Hat je ein Mensch so geantwortet?
Fünftes Hauptstück:
Zur Naturgeschichte der Moral.
186.
Die moralische Empfindung ist jetzt in Europa ebenso fein, spät, vielfach, reizbar, raffinirt, als die dazu gehörige "Wissenschaft…
187.
Abgesehn noch vom Werthe solcher Behauptungen wie "es giebt in uns einen kategorischen Imperativ", kann man immer noch…
188.
Jede Moral ist, im Gegensatz zum laisser aller, ein Stück Tyrannei gegen die "Natur", auch gegen die "Vernunft":…
189.
Die arbeitsamen Rassen finden eine grosse Beschwerde darin, den Müssiggang zu ertragen: es war ein Meisterstück des englischen…
190.
Es giebt Etwas in der Moral Plato's, das nicht eigentlich zu Plato gehört, sondern sich nur an seiner…
191.
Das alte theologische Problem von "Glauben" und "Wissen" - oder, deutlicher, von Instinkt und Vernunft - also die…
192.
Wer der Geschichte einer einzelnen Wissenschaft nachgegangen ist, der findet in ihrer Entwicklung einen Leitfaden zum Verständniss der…
193.
Quidquid luce fuit, tenebris agit: aber auch umgekehrt. Was wir im Traume erleben, vorausgesetzt, dass wir es oftmals…
194.
Die Verschiedenheit der Menschen zeigt sich nicht nur in der Verschiedenheit ihrer Gütertafeln, also darin, dass sie verschiedene…
195.
Die Juden - ein Volk "geboren zur Sklaverei", wie Tacitus und die ganze antike Welt sagt, "das auserwählte…
196.
Es giebt unzählige dunkle Körper neben der Sonne zu erschliessen, - solche die wir nie sehen werden. Das…
197.
Man missversteht das Raubthier und den Raubmenschen (zum Beispiele Cesare Borgia) gründlich, man missversteht die "Natur", so lange…
198.
Alle diese Moralen, die sich an die einzelne Person wenden, zum Zwecke ihres "Glückes", wie es heisst, -…
199.
Insofern es zu allen Zeiten, so lange es Menschen giebt, auch Menschenheerden gegeben hat (Geschlechts-Verbände, Gemeinden, Stämme, Völker,…
200.
Der Mensch aus einem Auflösungs-Zeitalter, welches die Rassen durch einander wirft, der als Solcher die Erbschaft einer vielfältigen…
201.
So lange die Nützlichkeit, die in den moralischen Werthurtheilen herrscht, allein die Heerden-Nützlichkeit ist, so lange der Blick…
202.
Sagen wir es sofort noch einmal, was wir schon hundert Mal gesagt haben: denn die Ohren sind für…
203.
Wir, die wir eines andren Glaubens sind -, wir, denen die demokratische Bewegung nicht bloss als eine Verfalls-Form…
Sechstes Hauptstück:
Wir Gelehrten.
204.
Auf die Gefahr hin, dass Moralisiren sich auch hier als Das herausstellt, was es immer war - nämlich…
205.
Die Gefahren für die Entwicklung des Philosophen sind heute in Wahrheit so vielfach, dass man zweifeln möchte, ob…
206.
Im Verhältnisse zu einem Genie, das heisst zu einem Wesen, welches entweder zeugt oder gebiert, beide Worte in…
207.
Wie dankbar man auch immer dem objektiven Geiste entgegenkommen mag - und wer wäre nicht schon einmal alles…
208.
Wenn heute ein Philosoph zu verstehen giebt, er sei kein Skeptiker, - ich hoffe, man hat Das aus…
209.
Inwiefern das neue kriegerische Zeitalter, in welches wir Europäer ersichtlich eingetreten sind, vielleicht auch der Entwicklung einer anderen…
210.
Gesetzt also, dass im Bilde der Philosophen der Zukunft irgend ein Zug zu rathen giebt, ob sie nicht…
211.
Ich bestehe darauf, dass man endlich aufhöre, die philosophischen Arbeiter und überhaupt die wissenschaftlichen Menschen mit den Philosophen…
212.
Es will mir immer mehr so scheinen, dass der Philosoph als ein nothwendiger Mensch des Morgens und Übermorgens…
213.
Was ein Philosoph ist, das ist deshalb schlecht zu lernen, weil es nicht zu lehren ist: man muss…
Siebentes Hauptstück:
Unsere Tugenden.
214.
Unsere Tugenden? - Es ist wahrscheinlich, dass auch wir noch unsere Tugenden haben, ob es schon billigerweise nicht…
215.
Wie es im Reich der Sterne mitunter zwei Sonnen sind, welche die Bahn Eines Planeten bestimmen, wie in…
216.
Seine Feinde lieben? Ich glaube, das ist gut gelernt worden: es geschieht heute tausendfältig, im Kleinen und im…
217.
Sich vor Denen in Acht nehmen, welche einen hohen Werth darauf legen, dass man ihnen moralischen Takt und…
218.
Die Psychologen Frankreichs - und wo giebt es heute sonst noch Psychologen? - haben immer noch ihr bitteres…
219.
Das moralische Urtheilen und Verurtheilen ist die Lieblings-Rache der Geistig-Beschränkten an Denen, die es weniger sind, auch eine…
220.
Bei dem jetzt so volksthümlichen Lobe des "Uninteressirten" muss man sich, vielleicht nicht ohne einige Gefahr, zum Bewusstsein…
221.
Es kommt vor, sagte ein moralistischer Pedant und Kleinigkeitskrämer, dass ich einen uneigennützigen Menschen ehre und auszeichne: nicht…
222.
Wo heute Mitleiden gepredigt wird - und, recht gehört, wird jetzt keine andre Religion mehr gepredigt - möge…
223.
Der europäische Mischmensch - ein leidlich hässlicher Plebejer, Alles in Allem - braucht schlechterdings ein Kostüm: er hat…
224.
Der historische Sinn (oder die Fähigkeit, die Rangordnung von Werthschätzungen schnell zu errathen, nach welchen ein Volk, eine…
225.
Ob Hedonismus, ob Pessimismus, ob Utilitarismus, ob Eudämonismus: alle diese Denkweisen, welche nach Lust und Leid, das heisst…
226.
Wir Immoralisten! - Diese Welt, die uns angeht, in der wir zu fürchten und zu lieben haben, diese…
227.
Redlichkeit, gesetzt, dass dies unsre Tugend ist, von der wir nicht loskönnen, wir freien Geister - nun, wir…
228.
Man vergebe mir die Entdeckung, dass alle Moral-Philosophie bisher langweilig war und zu den Schlafmitteln gehörte - und…
Heil euch, brave Karrenschieber, Stets "je länger, desto lieber", Steifer stets an Kopf und Knie, Unbegeistert, ungespässig, Unverwüstlich-mittelmässig,…
229.
Es bleibt in jenen späten Zeitaltern, die auf Menschlichkeit stolz sein dürfen, so viel Furcht, so viel Aberglaube…
230.
Vielleicht versteht man nicht ohne Weiteres, was ich hier von einem "Grundwillen des Geistes" gesagt habe: man gestatte…
231.
Das Lernen verwandelt uns, es thut Das, was alle Ernährung thut, die auch nicht bloss "erhält" -: wie…
232.
Das Weib will selbständig werden: und dazu fängt es an, die Männer über das "Weib an sich" aufzuklären…
233.
Es verräth Corruption der Instinkte - noch abgesehn davon, dass es schlechten Geschmack verräth -. wenn ein Weib…
234.
Die Dummheit in der Küche; das Weib als Köchin; die schauerliche Gedankenlosigkeit, mit der die Ernährung der Familie…
235.
Es giebt Wendungen und Würfe des Geistes, es giebt Sentenzen, eine kleine Handvoll Worte, in denen eine ganze…
236.
Das, was Dante und Goethe vom Weibe geglaubt haben - jener, indem er sang "ella guardava suso, ed…
237.
Sieben Weibs-Sprüchlein.
Wie die längste Weile fleucht, kommt ein Mann zu uns gekreucht!
Alter, ach! und Wissenschaft giebt auch schwacher Tugend Kraft.
Schwarz Gewand und Schweigsamkeit kleidet jeglich Weib - gescheidt.
Wem im Glück ich dankbar bin? Gott! - und meiner Schneiderin.
Jung: beblümtes Höhlenhaus. Alt: ein Drache fährt heraus.
Edler Name, hübsches Bein, Mann dazu: oh wär' _er_ mein!
Kurze Rede, langer Sinn - Glatteis für die Eselin!
237.
Die Frauen sind von den Männern bisher wie Vögel behandelt worden, die von irgend welcher Höhe sich hinab…
238.
Sich im Grundprobleme "Mann und Weib" zu vergreifen, hier den abgründlichsten Antagonismus und die Nothwendigkeit einer ewig-feindseligen Spannung…
239.
Das schwache Geschlecht ist in keinem Zeitalter mit solcher Achtung von Seiten der Männer behandelt worden als in…
Achtes Hauptstück:
Völker und Vaterländer.
240.
Ich hörte, wieder einmal zum ersten Male - Richard Wagner's Ouverture zu den Meistersingern: das ist eine prachtvolle,…
241.
Wir "guten Europäer": auch wir haben Stunden, wo wir uns eine herzhafte Vaterländerei, einen Plumps und Rückfall in…
242.
Nenne man es nun "Civilisation" oder "Vermenschlichung" oder "Fortschritt", worin jetzt die Auszeichnung der Europäer gesucht wird; nenne…
243.
Ich höre mit Vergnügen, dass unsre Sonne in rascher Bewegung gegen das Sternbild des Herkules hin begriffen ist:…
244.
Es gab eine Zeit, wo man gewohnt war, die Deutschen mit Auszeichnung "tief" zu nennen: jetzt, wo der…
245.
Die "gute alte" Zeit ist dahin, in Mozart hat sie sich ausgesungen: - wie glücklich wir, dass zu…
246.
- Welche Marter sind deutsch geschriebene Bücher für Den, der das dritte Ohr hat! Wie unwillig steht er…
247.
Wie wenig der deutsche Stil mit dem Klange und mit den Ohren zu thun hat, zeigt die Thatsache,…
248.
Es giebt zwei Arten des Genie's: eins, welches vor allem zeugt und zeugen will, und ein andres, welches…
249.
Jedes Volk hat seine eigne Tartüfferie, und heisst sie seine Tugenden. - Das Beste, was man ist, kennt…
250.
Was Europa den Juden verdankt? - Vielerlei, Gutes und Schlimmes, und vor allem Eins, das vom Besten und…
251.
Man muss es in den Kauf nehmen, wenn einem Volke, das am nationalen Nervenfieber und politischen Ehrgeize leidet,…
252.
Das ist keine philosophische Rasse - diese Engländer: Bacon bedeutet einen Angriff auf den philosophischen Geist überhaupt, Hobbes,…
253.
Es giebt Wahrheiten, die am besten von mittelmässigen Köpfen erkannt werden, weil sie ihnen am gemässesten sind, es…
254.
Auch jetzt noch ist Frankreich der Sitz der geistigsten und raffinirtesten Cultur Europa's und die hohe Schule des…
255.
Gegen die deutsche Musik halte ich mancherlei Vorsicht für geboten. Gesetzt, dass Einer den Süden liebt, wie ich…
256.
Dank der krankhaften Entfremdung, welche der Nationalitäts-Wahnsinn zwischen die Völker Europa's gelegt hat und noch legt, Dank ebenfalls…
- Ist das noch deutsch? -
Aus deutschem Herzen kam dies schwüle Kreischen? Und deutschen Leibs ist dies Sich-selbst-Entfleischen? Deutsch ist dies Priester-Händespreitzen, Dies…
- Ist Das noch deutsch? -
Erwägt! Noch steht ihr an der Pforte: - Denn, was ihr hört, ist Rom, - Rom's Glaube ohne…
Neuntes Hauptstück:
Was ist vornehm?
257.
Jede Erhöhung des Typus "Mensch" war bisher das Werk einer aristokratischen Gesellschaft - und so wird es immer…
258.
Corruption, als der Ausdruck davon, dass innerhalb der Instinkte Anarchie droht, und dass der Grundbau der Affekte, der…
259.
Sich gegenseitig der Verletzung, der Gewalt, der Ausbeutung enthalten, seinen Willen dem des Andern gleich setzen: dies kann…
260.
Bei einer Wanderung durch die vielen feineren und gröberen Moralen, welche bisher auf Erden geherrscht haben oder noch…
261.
Zu den Dingen, welche einem vornehmen Menschen vielleicht am schwersten zu begreifen sind, gehört die Eitelkeit: er wird…
262.
Eine Art entsteht, ein Typus wird fest und stark unter dem langen Kampfe mit wesentlich gleichen ungünstigen Bedingungen.…
263.
Es giebt einen Instinkt für den Rang, welcher, mehr als Alles, schon das Anzeichen eines hohen Ranges ist;…
264.
Es ist aus der Seele eines Menschen nicht wegzuwischen, was seine Vorfahren am liebsten und beständigsten gethan haben:…
265.
Auf die Gefahr hin, unschuldige Ohren missvergnügt zu machen, stelle ich hin: der Egoismus gehört zum Wesen der…
266.
"Wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst _sucht_". - Goethe an Rath Schlosser.
267.
Es giebt ein Sprüchwort bei den Chinesen, das die Mütter schon ihre Kinder lehren: siao-sin "mache dein Herz…
268.
Was ist zuletzt die Gemeinheit? - Worte sind Tonzeichen für Begriffe; Begriffe aber sind mehr oder weniger bestimmte…
269.
Je mehr ein Psycholog - ein geborner, ein unvermeidlicher Psycholog und Seelen-Errather - sich den ausgesuchteren Fällen und…
270.
Der geistige Hochmuth und Ekel jedes Menschen, der tief gelitten hat - es bestimmt beinahe die Rangordnung, wie…
271.
Was am tiefsten zwei Menschen trennt, das ist ein verschiedener Sinn und Grad der Reinlichkeit. Was hilft alle…
272.
Zeichen der Vornehmheit: nie daran denken, unsre Pflichten zu Pflichten für Jedermann herabzusetzen; die eigne Verantwortlichkeit nicht abgeben…
273.
Ein Mensch, der nach Grossem strebt, betrachtet Jedermann, dem er auf seiner Bahn begegnet, entweder als Mittel oder…
274.
Das Problem der Wartenden. - Es sind Glücksfälle dazu nöthig und vielerlei Unberechenbares, dass ein höherer Mensch, in…
275.
Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen will, blickt um so schärfer nach dem, was niedrig und Vordergrund…
276.
Bei aller Art von Verletzung und Verlust ist die niedere und gröbere Seele besser daran, als die vornehmere:…
277.
- Schlimm genug! Wieder die alte Geschichte! Wenn man sich sein Haus fertig gebaut hat, merkt man, unversehens…
278.
- Wanderer, wer bist du? Ich sehe dich deines Weges gehn, ohne Hohn, ohne Liebe, mit unerrathbaren Augen;…
279.
Die Menschen der tiefen Traurigkeit verrathen sich, wenn sie glücklich sind: sie haben eine Art, das Glück zu…
280.
"Schlimm! Schlimm! Wie? geht er nicht - zurück?" - Ja! Aber ihr versteht ihn schlecht, wenn ihr darüber…
281.
- "Wird man es mir glauben? aber ich verlange, dass man mir es glaubt: ich habe immer nur…
282.
"Aber was ist dir begegnet?" - "Ich weiss es nicht, sagte er zögernd; vielleicht sind mir die Harpyien…
283.
Es ist eine feine und zugleich vornehme Selbstbeherrschung, gesetzt, dass man überhaupt loben will, immer nur da zu…
284.
Mit einer ungeheuren und stolzen Gelassenheit leben; immer jenseits -. Seine Affekte, sein Für und Wider willkürlich haben…
285.
Die grössten Ereignisse und Gedanken - aber die grössten Gedanken sind die grössten Ereignisse - werden am spätesten…
286.
"Hier ist die Aussicht frei, der Geist erhoben". - Es giebt aber eine umgekehrte Art von Menschen, welche…
287.
- Was ist vornehm? Was bedeutet uns heute noch das Wort "vornehm"? Woran verräth sich, woran erkennt man,…
288.
Es giebt Menschen, welche auf eine unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden, wie sie…
289.
Man hört den Schriften eines Einsiedlers immer auch Etwas von dem Wiederhall der Öde, Etwas von dem Flüstertone…
290.
Jeder tiefe Denker fürchtet mehr das Verstanden-werden, als das Missverstanden-werden. Am Letzteren leidet vielleicht seine Eitelkeit; am Ersteren…
291.
Der Mensch, ein vielfaches, verlogenes, künstliches und undurchsichtiges Thier, den andern Thieren weniger durch Kraft als durch List…
292.
Ein Philosoph: das ist ein Mensch, der beständig ausserordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt; der von…
293.
Ein Mann, der sagt: "das gefällt mir, das nehme ich zu eigen und will es schützen und gegen…
294.
Das olympische Laster. - Jenem Philosophen zum Trotz, der als ächter Engländer dem Lachen bei allen denkenden Köpfen…
295.
Das Genie des Herzens, wie es jener grosse Verborgene hat, der Versucher-Gott und geborene Rattenfänger der Gewissen, dessen…
296.
Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken! Es ist nicht lange her, da wart…
Aus hohen Bergen.
Nachgesang.
Oh Lebens Mittag! Feierliche Zeit! Oh Sommergarten! Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten: - Der Freunde…
War's nicht für euch, dass sich des Gletschers Grau Heut schmückt mit Rosen? Euch sucht der Bach, sehnsüchtig…
Im Höchsten ward für euch mein Tisch gedeckt - Wer wohnt den Sternen So nahe, wer des Abgrunds…
- Da _seid_ ihr, Freunde! - Weh, doch _ich_ bin's nicht, Zu dem ihr wolltet? Ihr zögert, staunt…
Ein Andrer ward ich? Und mir selber fremd? Mir selbst entsprungen? Ein Ringer, der zu oft sich selbst…
Ich suchte, wo der Wind am schärfsten weht? Ich lernte wohnen, Wo Niemand wohnt, in öden Eisbär-Zonen, Verlernte…
- Ihr alten Freunde! Seht! Nun blickt ihr bleich, Voll Lieb' und Grausen! Nein, geht! Zürnt nicht! Hier…
Ein _schlimmer_ Jäger ward ich! - Seht, wie steil Gespannt mein Bogen! Der Stärkste war's, der solchen Zug…
Ihr wendet euch? - Oh Herz, du trugst genung, Stark blieb dein Hoffen: Halt _neuen_ Freunden deine Thüren…
Was je uns knüpfte, Einer Hoffnung Band, - Wer liest die Zeichen, Die Liebe einst hineinschrieb, noch, die…
Nicht Freunde mehr, das sind - wie nenn' ich's doch? - Nur Freunds-Gespenster! Das klopft mir wohl noch…
Oh Jugend-Sehnen, das sich missverstand! Die _ich_ ersehnte, Die ich mir selbst verwandt-verwandelt wähnte, Dass _alt_ sie wurden,…
Oh Lebens Mittag! Zweite Jugendzeit! Oh Sommergarten! Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten! Der Freunde harr'…
_Dies_ Lied ist aus, - der Sehnsucht süsser Schrei Erstarb im Munde: Ein Zaubrer that's, der Freund zur…
Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss, Das Fest der Feste: Freund _Zarathustra_ kam, der Gast der Gäste! Nun…